Cutter | Das Camp | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 464 Seiten

Cutter Das Camp

Thriller
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-13918-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Thriller

E-Book, Deutsch, 464 Seiten

ISBN: 978-3-641-13918-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Mann strandet auf einer einsamen Insel vor der kanadischen Küste. Er ist ausgemergelt, dünn, wirkt mehr tot als lebendig. Und er hat Hunger – einen unstillbaren, schmerzhaften Hunger. Auf der Insel findet er eine Scouttruppe vor. Die Scouts merken schnell: Der Fremde ist krank, todkrank. Egal, wie viel er isst: sein Körper fällt mehr und mehr in sich zusammen. Und dann sehen sie, dass sich etwas unter seiner Bauchdecke bewegt. Während die Scouts überlegen, was zu tun ist, bemerkt ihr Leiter, dass ihn plötzlich ein nie gekannter Hunger quält …

Nick Cutter ist das Pseudonym eines preisgekrönten Autors, der bereits mehrere Kurzgeschichten und Romane schrieb. Cutter lebt nicht auf einer Insel, sondern in Toronto, Kanada. Er hat einen gesunden Appetit.
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5

Tim hörte den Mann bereits, bevor er ihn sah. Hörte seine angestrengten, schlurfenden Schritte, wie von einem orientierungslosen Bären, der aus dem Winterschlaf aufgeschreckt war.

Tim war von Natur aus die Ruhe selbst und durch nichts zu erschüttern – eine nützliche Charaktereigenschaft für einen Arzt, der an ein und demselben Tag erst einen Jungen mit gewöhnlichen Masern behandeln musste, um dann plötzlich bei einem Mädchen, das nach einem Bienenstich einen anaphylaktischen Schock erlitten hatte, einen Luftröhrenschnitt vorzunehmen. Er war für Ärzte ohne Grenzen fast ein ganzes Jahr in Afghanistan gewesen – wäre er ein ängstlicher Mensch, hätte er es dort unter keinen Umständen so lange ausgehalten. Normalerweise ging er immer vom wahrscheinlichsten Szenario aus und listete dann nüchtern die möglichen Auswirkungen auf.

Fakt Nummer eins: Ein Boot hatte angelegt. Vielleicht waren es die Eltern eines der Jungen. Hatte Newton seinen Asthmaspray vergessen? Wahrscheinlich nicht, denn Newt vergaß nur selten etwas. Vielleicht war ein Schiff gesunken – war ein Fischkutter beim Fang von Dorschen in den westlichen Gewässern gekentert? –, und auf dem Boot befanden sich die durchnässten Überlebenden.

Tims Gehirn sprang in den Notfallmodus. Falls seine Vermutung zutraf, bräuchten sie ärztliche Hilfe; er würde die Leute hier auf dem Landekopf stabilisieren und per Funk einen Rettungshubschrauber anfordern.

Es könnte sich aber auch um einen Betrunkenen vom Festland handeln, der auf einem nächtlichen Angelausflug vom Kurs abgekommen war. Im Gegensatz zu den Betrunkenen in Tims Heimatstadt, die nach der Sperrstunde die Strippschuppen aufsuchten, gingen die Typen hier aufs Wasser. Zogen mit Motorbooten auf dem Meer ihre Runden und blökten wie die Stiere, während sie über die Wellen jagten. Oder sie warfen eine Angelschnur aus, drosselten den Motor und schipperten gemächlich übers Wasser. Vor ein paar Jahren war ein Suffkopf namens Lester Hamms in seinem Boot erfroren; Jeff Jenks, der Polizeichef von North Point, entdeckte ihn elf Kilometer vom Cape entfernt, wie ein Steak im Gefrierfach mit Frostkristallen überzogen, der Hintern am Sitz festgefroren, während aus seinen Nasenlöchern zwei Eiszapfen aus Rotze ragten. Lesters Boot tuckerte immer noch vor sich hin; es hatte nicht viel gefehlt, dann wäre er aufs offene Meer hinausgetrieben. Tim hatte sich vorgestellt, wie Lesters gefrorene Leiche als grausiges Stück Treibgut an der Küste Grönlands vorbeidümpelte, wo ein Eisbär ihn neugierig beschnupperte.

Wer auch immer das hier war, Tim war sich sicher, dass er oder sie keine ernsthafte Gefahr darstellte … zu neunundneunzig Prozent.

Fakt Nummer zwei: Er und die Jungen befanden sich auf einer abgelegenen Insel über eine Stunde von zu Hause entfernt. Mit nichts bewaffnet außer ihren Messern – deren Klingen nicht länger als neun Zentimeter waren, wie es laut Handbuch für Pfadfinder vorgeschrieben war – und mit einer Leuchtpistole. Es war Nacht. Und sie waren allein.

Tim schob mit einem seiner Stiefel die Verandatür auf. Sie gab ein leises Quietschen von sich, wie ein rostiger Nagel, der aus einem feuchten Brett gezogen wurde.

Langsam ging er um die Hütte. Die Venen an seinem Hals pochten im Rhythmus seines Herzschlags. Die Mücken wurden von seinen Schweißperlen durchnässt. Er hätte die Lampe mitnehmen sollen, aber ein Signal, tief aus der Reptiliensphäre seines Hirns, sagte: Kein Licht. Man darf dich nicht sehen.

Er zückte sein Buck-Messer und drückte es flach gegen seinen Oberschenkel, und sein vernünftiges Ich dachte: Das hier ist lächerlich, du benimmst dich idiotisch, völlig paranoid. Aber der urzeitliche, instinktive Teil von ihm, der Teil, der von dem Echsenhirn kontrolliert wurde, gab lediglich ein dumpfes Brummen wie ein Bienenstock voller Killerbienen von sich.

Der Wind fegte heulend über die Landschaft und schlug eine ganz eigene Melodie an, während er durch die Felsen und die dürren Bäume wehte, ein tiefes murmelndes Geräusch wie von Kindern, die am Grund eines Brunnens flüsterten. Er peitschte die Rückseite von Tims Beinen hinauf und ließ ihn mit seinen eisigen Zungen bis ins Mark erschauern. Tim spähte Richtung Baumgrenze, wo er etwas bemerkt hatte. Die Schatten dort verschmolzen miteinander, dicht und undurchlässig.

Vor dem wirren Blätterwerk zeichnete sich eine Gestalt ab. Tim holte tief Luft. Im Schein des ungewöhnlich hellen Mondlichts erblickte er eine Kreatur, die bis aufs Haar aus den finstersten Albträumen seiner Kindheit stammte: ein verwestes Monster, das dem Meer entstiegen war.

Es war kaum mehr als ein Skelett, zusammengezurrt von Strängen durchnässter Muskeln, und sein Fleisch hing ihm in grauen fransigen Fetzen von den Knochen. Es stapfte vorwärts und murmelte stumpfsinnig vor sich hin. Tim blieb vor Schreck wie angewurzelt stehen.

Das Ding schlurfte durch einen Streifen Mondlicht, der über das hohe Gras tänzelte. Das Licht verwandelte den Albtraum in das, was er wirklich war: einen Mann, der so entsetzlich dünn war, dass es ein Wunder war, dass er noch lebte.

Ohne nachzudenken, trat Tim aus seiner Deckung, getrieben von dem instinktiven Bedürfnis, ihm zu helfen. »Hallo? Alles in Ordnung?«

Der Mann schaute ihn mit grell flackerndem Blick an, einem Blick dumpfen Schreckens und unbändigen Verlangens. Was Tim jedoch wirklich Angst einjagte, war die gebündelte Entschlossenheit darin. Keine Frage, dieser Mann wollte etwas. Brauchte es.

Der Fremde schlurfte näher, nestelte von oben nach unten an den Knöpfen seines Hemds herum und fuhr sich mit der Hand durch seinen fettigen Haarschopf. Plötzlich verstand Tim. Der Mann unternahm einen symbolischen Versuch, sich in einen vorzeigbaren Zustand zu bringen.

»Haben Sie etwas … zu essen?«

»Ah … Ich denke schon«, sagte Tim. »Sind Sie alleine?«

Der Mann nickte. Ein vibrierender Faden Sabber senkte sich auf seine Lippe herab, blieb dort hängen und riss dann auseinander. Die Haut über seinem Schädel war straff und dünn wie Krepppapier. Über seine Nase, die Wangen und den Hals hinunter schlängelten sich kleine Äderchen wie Flüsse auf einer Landkarte. Seine Arme ragten aus seinem Hemd wie Zahnstocher. Seine zusammengeschrumpfte Haut hatte sich um Speiche und Elle gewickelt, sodass seine Ellbogen wie Knoten in einem Seil wirkten.

Der Mann sagte: »Sind Sie alleine?«

Es war sicherer, den Fremden in dem Glauben zu lassen. »Ja, ich führe ein paar geologische Vermessungen durch.«

Der Mann nahm eine Handvoll grober Erde und stopfte sie sich in den Mund. Auf Tim wirkte es wie ein unwillkürlicher Reflex, ähnlich dem Lidschlag.

»Langsam! Hey, Sie müssen das nicht … essen«, sagte Tim, und es fiel ihm schwer, ruhig zu bleiben. »Ich habe was zu essen.«

Der Mann lächelte. Eine Totenschädelgrimasse. Seine Lippen waren schmale, blutleere Streifen. Sein Zahnfleisch war stark verkümmert, sodass seine Zähne wie gelbliche Hauer wirkten, die in seinem Mund aneinanderstießen und in deren Zwischenräumen schwarzer Dreck klebte.

»Essen … ja. Das ist nett. Danke.«

Als Arzt hatte Tim mit dem menschlichen Körper in all seinen abstoßenden Varianten zu tun gehabt. Er hatte Kolostomiebeutel geleert und gesehen, wie pulsierende Tumore aus Mägen entfernt wurden. Aber dieser Mann … er war auf eine unnatürliche Weise krank, wie sie Tim bisher nicht untergekommen war. Ein Schauer nackten Grauens jagte ihm über den Rücken.

Unrein, schrie sein Verstand. Dieser Mann ist unrein …

Der Gestank des Mannes stieg Tim direkt in die Nase. Ein intensiver, fruchtiger Gestank mit einer leichten Ammoniaknote. Ketose. Der Körper des Mannes spaltete die Fettsäuren auf, in einem letzten Versuch, die lebenswichtigen Organe am Laufen zu halten. Beim Verbrennen gaben die Ketone einen widerlich-süßlichen Geruch ab – die heftigen Ausdünstungen eines Körpers, der sich selbst aufzehrt. Der Gestank, der aus dem Mund des Mannes drang, roch nach einem in der Sonne verfaulenden Haufen Pfirsiche.

Tim versuchte, nicht einzuatmen, denn er war sich sicher, dass das bei ihm einen Würgereiz auslösen würde; der Mann schwankte, verlor das Gleichgewicht, und um ihm Halt zu geben, legte Tim ihm instinktiv eine Hand um die Taille.

Der Mann richtete sich wieder auf. Als Tims Hand unter sein Hemd und über seinen Bauch glitt, spürte er, wie sich dort etwas bewegte. Unter der Haut rührte sich etwas.

Das ist absurd, sagte er sich. Er hat Blähungen. Oder vielleicht hat er einen Bruch. Weiß der Geier, was mit ihm los ist …

Trotz dieser vernünftigen Einwände konnte er das Gefühl nicht abschütteln. Er spürte es unter seinen Fingerkuppen – eine verborgene Spannung unter der Haut, als hätte etwas auf seine Berührung reagiert und sich dann wieder beruhigt.

Mit der Entschlossenheit einer...


Cutter, Nick
Nick Cutter ist das Pseudonym eines preisgekrönten Autors, der bereits mehrere Kurzgeschichten und Romane schrieb. Cutter lebt nicht auf einer Insel, sondern in Toronto, Kanada. Er hat einen gesunden Appetit.



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