E-Book, Deutsch, Band 3, 250 Seiten
Reihe: Christian Kupery
Czyborra Sennewölfe
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-95441-710-0
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lipperland-Krimi
E-Book, Deutsch, Band 3, 250 Seiten
Reihe: Christian Kupery
ISBN: 978-3-95441-710-0
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jörg Czyborra wurde 1956 in Mülheim an der Ruhr geboren. Sein Vater brachte ihm die ersten Griffe auf der Gitarre bei. Seither begleitet die Musik sein Leben. Nach der Ausbildung zum Bankkaufmann und diversen Stationen in Handel und Industrie war er zuletzt in der Buchhandlung seiner Frau als »Assistent der Geschäftsleitung« tätig. Heute wohnt er in Oerlinghausen, dem westlichen Zipfel von Lippe. Wenn er nicht gerade schreibt, literarisch-musikalische Vorträge konzipiert oder mit seinem Freund Joachim H. Peters an neuen Kabarettprogrammen bastelt, genießt er mit seiner Frau den wohlverdienten (Un-)Ruhestand. In seiner Krimireihe um Christian Kupery verarbeitet er zahlreiche persönliche Erlebnisse aus seiner Wahlheimat Lippe.
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2. KAPITEL
Kupery schaltete die alte Stehlampe aus und schlurfte in die Küche. Auf dem Weg warf er einen kurzen Blick ins Schlafzimmer. Susanne schlief den Schlaf der Gerechten. Sie hatte früh am Abend den Schlaftrunk aus der Apotheke genommen, und Kupery war der festen Überzeugung, dass neben seiner Frau jetzt auch die Welt untergehen könnte, ohne dass sie aufwachte. Trotzdem schloss er leise die Türe zum Schlafzimmer, und auch die Küchentüre schloss er vorsichtshalber hinter sich. Dann erst schaltete er die kleine Kaffeemaschine an. Das Mahlwerk machte einen höllischen Lärm.
Bald darauf hatte er zwei Thermobecher gefüllt und einen kleinen Zettel für Susanne auf den Küchentisch gelegt. Bin gleich wieder da, stand darauf. Er hoffte doch sehr, dass er vor Susannes Erwachen wieder zu Hause sein würde, aber sicher war sicher.
Er schlich sich wie ein Dieb aus dem Haus und bestieg seinen Bulli. Durch das nächtliche Oerlinghausen fuhr er am Segelflugplatz vorbei nach Stukenbrock und weiter Richtung Augustdorf. Obwohl er sich eigentlich sicher war, wie er zu fahren hatte, ließ er sich doch den Weg von seinem Navigationsgerät anzeigen. Fast hätte er dann auch die Abbiegung verpasst, als die freundliche Stimme aus dem Gerät ihn aufforderte: »Jetzt links abbiegen.« Kurze Zeit später verkündete die Stimme: »Sie haben Ihren Zielort erreicht. Das Ziel liegt auf der rechten Straßenseite.«
Kupery fuhr rechts auf den Seitenstreifen, stellte den Motor ab und die Scheinwerfer aus. Angestrengt starrte er in die Dunkelheit. Die Aussichtsplattform war nur schemenhaft zu erkennen. Er grübelte darüber, wie er hier überhaupt jemanden ausfindig machen sollte. In diesem Moment wurde die Beifahrertüre aufgerissen, und der Trapper schwang sich auf den Sitz. Rasch schloss der die Türe wieder, und die Innenbeleuchtung erlosch.
Als Kupery die Hand nach dem Schalter für die Beleuchtung ausstreckte, zischte der Trapper knapp: »Nicht einschalten!«
Kupery tat wie ihm geheißen. Er griff nach einem Thermobecher und reichte ihn weiter. »Ja, dir auch einen wunderschönen guten Morgen, lieber Jens«, ließ er sich sarkastisch vernehmen.
Jens, der Trapper, fluchte leise. Er hatte den Kaffee zu gierig geschlürft und sich dabei die Zunge verbrannt. »Teufel, ist der heiß!« entfuhr es ihm. Erst dann wandte er sich Kupery zu. »Guten Morgen und vielen Dank, dass du gekommen bist.«
Obwohl Kupery viele Fragen durch den Kopf schossen, ließ er seinem Freund Zeit, sich zu sammeln.
Jens schnaufte mehrfach tief durch und nippte nun vorsichtiger am Kaffee. »Ahhh, das tut gut. Danke. Nicht nur für den Kaffee.«
Kupery hielt den Thermobecher in beiden Händen. Auch er nippte vorsichtig an dem heißen Getränk. Dann wandte er sich an Jens. »Okay, das ist jetzt bestimmt eine ganz spannende Geschichte, mit der du mich mitten in der Nacht aus dem Bett lockst.«
Trotz der Dunkelheit konnte er erkennen, wie Jens bestätigend nickte.
»Ich wusste einfach nicht mehr, an wen ich mich sonst noch wenden sollte. Ich habe zunächst versucht, Schlotti zu erreichen. Aber der geht nicht ans Telefon.«
Das klang ein wenig traurig, sodass Kupery sich veranlasst sah, Jens aufzuklären. »Das glaube ich gerne. Der ist doch mit Nehir in Urlaub gefahren. Ich kann mir vorstellen, dass die beiden Turteltäubchen ihre Handys ausgeschaltet haben.«
»Na, wenn das so ist. Dann kann er mir sowieso nicht helfen.« Jens’ Stimme war sehr leise geworden.
Kupery konnte ihn kaum verstehen. Um ihn aufzurütteln, fragte Kupery direkt nach. »Jetzt mal Butter bei die Fische, Jens! Warum bin ich hier? Wieso hält dich die Kripo für einen Mörder?«
Jens setzte sich aufrecht in seinen Sitz. Sein Gesicht wandte sich nun Kupery zu. »Wo soll ich denn anfangen?«
Auch wenn das nur eine rhetorische Frage war, konterte Kupery mit unverhohlenem Ärger. »Ganz am Anfang wäre schon eine gute Idee!«
Durch Jens ging ein Ruck. Mit fester Stimme berichtete er nun. »Gestern Morgen war ich unterwegs. In der Nähe des Truppenübungsplatzes, so in Höhe des Dreiflusssteins, bin ich bei meinen Streifzügen über die Leiche eines jungen Mannes gestolpert. Ich habe natürlich sofort die 110 angerufen. Dann musste ich auf deren Eintreffen warten, und ich habe denen genau erklärt, wie ich den gefunden habe, dass ich nichts angefasst habe, und so weiter. Die Beamten haben dann meine Personalien aufgenommen. In der Zwischenzeit kamen auch ein Krankenwagen und ein Notarzt. Die haben den Mann auf die Trage gelegt und sind mit ihm davongefahren.« Jens gönnte sich noch einen Schluck Kaffee.
In die Pause fragte Kupery nach: »War der Mann denn wirklich tot? Oder nur verletzt? Wieso sprichst du von einer Leiche?«
Jens hob abwehrend eine Hand.
»Ob er schon tot war oder nicht, konnte ich gar nicht erkennen. Der lag doch auf dem Bauch. Aber er rührte sich nicht mehr. Eine Verletzung konnte ich auch nicht erkennen. Wie gesagt, ich habe ihn nicht angefasst. Ich dachte also, ich hätte meine staatsbürgerliche Pflicht erfüllt und man würde mich gehen lassen.«
Verwundert fragte Kupery nach: »Hast du denn nicht nach dem Puls gefühlt oder geprüft, ob der Mann noch atmet? Schon mal was von stabiler Seitenlage gehört?«
»Mensch, Christian«, jammerte Jens, »davon habe ich doch keine Ahnung. Ich war so aufgeregt. So gegen Mittag jedoch besuchte mich ein Kommissar von der Kripo auf meinem Hof und löcherte mich mit idiotischen Fragen.«
»Die stellen in der Regel aber keine idiotischen Fragen«, murmelte Kupery dazwischen.
»Doch!«, insistierte Jens aufgeregt. »Der wollte alles haargenau wissen. Wo ich war, warum ich dort war, ob mir etwas im Wald aufgefallen war, ob ich andere Menschen gesehen hätte, ob mich andere gesehen hätten, und so weiter und so weiter.«
»Der war halt genau. Das ist sein Job, mein Lieber. Konntest du denn seine Fragen alle beantworten?«
»Nun ja«, gab Jens kleinlaut zu, »wohl nicht alle. Als er mich fragte, ob ich das Opfer gekannt hätte, habe ich Nein gesagt.«
Jens machte eine Pause, die Kupery stutzig machte.
»Und? Hast du ihn nun gekannt oder nicht?«, wollte er wissen.
»Gekannt habe ich ihn nicht. Erkannt habe ich ihn aber. Ja, ich bin ihm schon einmal begegnet.« Und wieder schwieg Jens.
Kupery trommelte nervös auf dem Lenkrad herum. »Lass dir nicht alle Würmer aus der Nase ziehen. Was heißt denn hier: ›Erkannt habe ich ihn‹?«
»Ich bin mit dem Typen vor Kurzem aneinandergeraten.« Aufgeregt berichtete er: »Weißt du, das war einer der Typen, die mit ihren Fahrrädern durch den Wald heizen. Ohne Rücksicht auf die Tiere und die Vegetation. Nicht auf den Wegen, nein – mitten durch den Wald, über Stock und Stein. Es ist jetzt schon ein paar Tage her, da habe ich ihn mal darauf angesprochen und ihn ganz höflich gebeten, doch die ausgewiesenen Wege zu benutzen.«
Kupery konnte sich gut vorstellen, dass Jens eine spezielle Auffassung von Höflichkeit pflegte, wenn es um die Natur ging. Vielleicht war es nicht angemessen, aber er musste dennoch schmunzeln.
»Wie hat der das denn aufgenommen? Ich meine deine freundlich und höflich formulierte Aufforderung?«
Jens erregte sich weiter. »Ausgelacht hat er mich! Ob ich der Waldschrat sei oder so etwas. Lederstrumpf hat er mich genannt. Das alles auch noch vor seiner jungen Begleiterin, die auch auf so einem Mountainbike unterwegs war. Da bin ich schon wütend geworden und habe ihm gesagt, dass ich ihn beim nächsten Mal vom Rad holen werde. So etwas in der Art. Da waren die aber schon weitergefahren.«
Kupery dachte einen Moment über das Gehörte nach. Das waren doch alles noch keine Gründe für die Panik, die Jens erfasst hatte. »Okay« sagt er schließlich, »das hast du dem Kripomann vermutlich nicht erzählt, oder?
Jens schüttelte nur den Kopf. »Nein, habe ich nicht. Ist mir auch erst später wieder eingefallen.«
»Das kann schon mal passieren. Aber ich verstehe immer noch nicht, wieso die Kripo dich für den Mörder halten soll.«
»Mensch, Christian! Das hat mir doch der Kripomann erzählt. Der hat gesagt, der Mann sei auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben.«
»Ja und?«, bohrte Kupery weiter. »Die müssen halt ermitteln, ob ein Fremdverschulden vorliegt. Dabei haben sie nur dich als Zeugen.«
»Nein! Die suchen mich! Ich bin überzeugt davon. Am Abend fuhr dann ein Polizeiwagen mit zwei Beamten auf mein Grundstück. Ich kam gerade aus dem Wald und konnte sie von dort aus beobachten. Die klopften an meine Hütte und sahen durch das Fenster. Dann riefen Sie laut meinen Namen. Ich habe mich nicht gemeldet und gewartet, bis sie wieder wegfuhren.«
Kupery wiegte seinen Kopf hin und her. »Ob das wohl so klug war?«, sagte er zweifelnd. »Und dann hast du was gemacht?«
»Ich bin rasch in meine Hütte, habe mir ein, zwei Sachen gegriffen und bin wieder im Wald verschwunden. Dort habe ich mich verkrochen.«
Kupery sog übertrieben die Luft durch die Nase. »Das kann ich riechen, mein Freund. Was erwartest du nun von mir?«
Jens war wieder zusammengesunken und saß wie ein nasser Sack auf seinem Sitz. »Ich weiß es nicht, Christian. Ich habe solche Angst, eingebuchtet zu werden. In einer Zelle könnte ich es nicht lange aushalten. Die Enge würde mich verrückt machen.«
Kupery trank den letzten Schluck Kaffee aus...




