E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Dallmann Notschek
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-902844-01-9
Verlag: Luftschacht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-902844-01-9
Verlag: Luftschacht
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Jonas-Philipp Dallmann, geb. 1969, studierte Architektur an der Berliner Hochschule der Künste und war freier Mitarbeiter von Architektur- und Ingenieurbüros. 2001 begann er mit der Veröffentlichung von Erzählungen und Kurzprosa in Literaturzeitschriften und Anthologien. 2004 erhielt er den MDR-Literaturpreis und nahm am 8. Klagenfurter Literaturkurs teil. 2005 wurde ihm das Alfred-Döblin-Stipendium der Berliner Akademie der Künste zugesprochen. Jonas-Philipp Dallmann arbeitet als freier Lektor, Autor und Übersetzer in Bad Salzdetfurth bei Hildesheim. Neben seinen literarischen Arbeiten veröffentlicht er satirische Ratgeber und Lebenshilfebücher in den Bereichen Coaching und Business. Als bildender Künstler pflegt er außerdem das unterschätzte Genre der Collage und der freien Architekturzeichnung.
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Interimistisch, nur vorübergehend ist Notschek bei uns untergekommen, ganz wie man eine Leihgabe in einem Magazin unterstellt, haben wir ihn in der Mansarde installiert, in dem ehemaligen Schlupfwinkel des Wittler, der nun seit viereinhalb Jahren fort ist. Ich finde mich also mit allen Begleitumständen dieser Beherbergung ab, mit den neuen Geräuschen, die nun von oben herunterdringen, mit der Unmenge an Gepäck, das Notschek mitgebracht hat, mit dem Geschwätz, das wir nun von frühster Stunde an von ihm hören, wenn er schon zum allerersten Tee gleich zu uns herunterkommt, oft noch in seinem Kittel, einem weißen, unförmigen Ding, die Holzpantoffeln an den Füßen. Nein, ich bin müde, ich bin dieser Beherbergung schon müde, kaum dass sie wirklich begonnen hat. Notschek ist ein anstrengender Mensch, ein Schwätzer und Bummler; er hat Unmengen Papier und sogar Bücher in seinem Gepäck, dabei liest er ständig in irgendwelchen Zeitungen und ist überall mit seinem schwarzen Notizbuch anzutreffen, obwohl er gar kein Amt ausübt. Notschek schreibt in dieses Notizbuch mit wichtiger Miene, als nähme er Personalien auf, aber das ist reine Aufschneiderei, denn Notschek übt gar kein Amt aus und kann auch von niemandem Personalien aufnehmen, dazu ist er nicht berechtigt. Dazu diese halb amtliche, halb zivile Kleidung, dieser Paletot aus Kammgarn, den er trägt, und diese großen Brillengläser, durch die er einen immer anschaut, als habe man sich mit einem Gedanken zu weit vorgewagt und er müsse nun diese unsichere Brücke stützen. Das ist, wie gesagt, reine Aufschneiderei, so wie ist es mit seiner Bildung ja gar nicht so weit her ist: Notscheks Studien sind unabgeschlossen, seine Manuskripte sind unvollendet.
Ich lasse mich mit Notschek auf nichts ein, auf gar nichts, ich will nicht in seiner Trübe fischen, seine Mansarde betrete ich nicht, schon die Treppe dort hinauf sehe ich gar nicht an. Notschek ist eine unsichere Existenz, eine schwankende, er hat keinen Beruf, das ist das Übel, früher ist er Hilfslehrer gewesen in einem kleinen Dorf dreißig Kilometer vor der Stadt, wo er in der Dorfschule Kinder unterrichtet und wahrscheinlich durchgeprügelt hat. Von dieser Zeit sucht Notschek heute zu zehren, wenn er sich in den Wirtshäusern als Lehrer ausgibt. Notschek heischt nach Anerkennung und erhält sie nirgends, das sagt Maria, die ihn ohnehin für einen Säufer hält – aber das ist nicht ganz wahr, Notschek trinkt zwar den Rotwein, aber er ist kein Säufer, so weit kann man nicht gehen. Maria meint aber, Notschek sei ein Säufer und Hasardeur, der Glücksspiele wegen, die sie jetzt im „Raben“ und in den anderen Wirtshäusern treiben, Kartenspiele und sogar Roulette, aber ob Notschek daran teilnimmt, kann ich nicht sagen. Es fehlte noch, dass ich mich mit ihm dort sehen lasse! Notschek hat natürlich keinen Halt, außer der Mansarde und dem ehemaligen Lehrerberuf, von dem er zu zehren versucht, hat er keinen Halt, und wer haltlos ist wie Notschek, der ist natürlich durch das Glücksspiel und die Säuferei gefährdet, aber noch hält Notschek sich davon fern, das weiß ich von Tomek, mit dem er täglich im „Raben“ zusammentrifft.
Notschek hält dort politische Reden, das hat Tomek mir unlängst verraten, Notschek politisiert. Das ist heute fast normal, wo jeder dahergelaufene Student im Wirtshaus über Regierungsfragen mitentscheiden will. Notschek ist für Freie Räte, für Paneuropa und für die Einführung eines Plebiszites – das sind Stichworte, die ich von Tomek erhalten habe, wie viel davon wahr ist, kann ich nicht sagen. Maria hält Notscheks Politisieren für eine Ausflucht, für eine dumme Bummelei, die zu nichts führen kann; Notschek, meint Maria, hält sich nun an die Politik und an das Politisieren im Wirtshaus, weil er seine Schullehrerstellung aufgeben musste. Daran ist bestimmt einiges wahr, anderes nicht, Notschek ist immer politisch eingestellt gewesen, in seiner Studentenzeit war er Mitglied einer sogenannten Reformpartei, und er hat Pamphlete und Kolumnen für politische Zeitschriften verfasst, für die „Ampel“ und angeblich sogar für die „Freie Zeitung“.
Notschek sieht die politische Lage als gefährlich an, als gefährlich und verfahren, eine schlechte Stimmung gibt es, sagt er, die sich weiter aufschaukeln kann. Das ist hundertmal wahr, hier hat Notschek recht, wer die Zeitungen liest und ihren hysterischen Tonfall bemerkt, der findet kaum noch die Ruhe für die alltäglichsten Verrichtungen. Aber Notschek übertreibt, er ist durch das eigene Politisieren befangen, das meint Tomek. Tomek sagt, Notschek hat sich in eine hysterische Verfassung hineingesteigert, in eine politische Hysterie, die heute charakteristisch ist; wir alle leben ja längst, so Tomek, in einer hysterischen Verfassung, und Notschek hat sich diese Haltung vollends zu eigen gemacht.
Wenn Notschek morgens zum allerersten Tee hinunterpoltert, hat er schon die Zeitungen gelesen und schwenkt sie hin und her, Zeitungen verschiedener politischer Ausrichtung, die er abonniert hat und die ihm ein Zeitungsjunge in aller Frühe in die Mansarde hinaufbringt. „Regierungskommission erlässt befristetes Embargo“, liest er uns dann vor, oder „Eklat im Innenministerium: Rücktritt gefordert“ – das sind Schlagzeilen der überregionalen Presse. Notschek verfolgt nämlich die überregionale Presse, er gibt sich nicht mit den lokalen Zeitungen zufrieden, die doch nur marginale Ereignisse verzeichnen, die nicht den Weitblick und die Kompetenz der überregionalen Presse haben, wie Notschek sagt. Notschek sitzt da, in seinem Kittel, die Teetasse in der Hand, und liest den „Kommentar des Tages“ und „Von unserem Korrespondenten“ und die „Schlaglichter“ und politisiert, während Maria das Geschirr abzuräumen versucht. Bald kommt dann Tomek, auch mit Zeitungen der überregionalen Presse, und dann gehen beide zusammen in den „Raben“, Notschek im Kammgarnmantel und die Zeitungen unterm Arm, Tomek in seiner weißen Felljacke. Ja, es ist anstrengend, diese Beherbergung ist nicht mehr lange auszuhalten, ich bin ihrer bereits überdrüssig, und täglich redet Maria auf mich ein, ich solle Notschek aus dem Hause weisen, ihm zeigen, wo die Tür ist. Aber das bringe ich nicht fertig, Notschek ist ein Gast, auch wenn er anstrengend ist. Außerdem hat Notschek in vielem Recht: Die politische Lage ist verfahren, ja, sie ist sogar unsicher. Notschek ist möglicherweise der einzige, der die Zusammenhänge ein wenig begreift, und was soll werden, wenn er fort ist?
Der Ton der Zeitungen, die wir durch Notschek erhalten, von denen auch wir profitieren, wie er immer sagt, ist in den letzten Wochen immer unruhiger geworden, hat sich von einer leichten Aufgeregtheit zu einer Unruhe und schließlich zu der von Tomek erwähnten Hysterie gesteigert; die verschiedenen politischen Richtungen scheinen sich heimtückisch zu umkreisen und zu belauern. In der einen Zeitung, dem „Boten“, die Notschek regierungstreu nennt, werden die Vorkommnisse der Politik mit großer Behutsamkeit erörtert, mit einer fast auffälligen Vorsicht; da ist immer die Rede von Gesprächen, die „in einvernehmlicher Atmosphäre“ verlaufen seien und von „guten Beziehungen“, die man vertieft habe, während in dem Konkurrenzblatt, dem „Beobachter“, die selben Vorfälle mit beißender Schärfe, mit einer ganz unnachsichtigen Kritik kommentiert werden; jeden Tag ist der „Beobachter“ angefüllt mit Forderungen nach Rücktritt von politischen Ämtern und mit Pamphleten, die dazu aufrufen, die bestehende Administration auszuhebeln, sie zu unterwühlen und umzustürzen, das ist der Wortlaut dort. Dazu ist diese Zeitung noch auf ein rotes Papier gedruckt. Zu diesen beiden Blättern kommen die Stimmen des „Freien Lichts“, Hausblatt einer obskuren heimattreuen Sekte, und der „Neuen Zeitung“, eines politisch überhaupt nicht einzuordnenden Blattes, das zwischen übertriebener Staatstreue und aufwühlerischem Umstürzlertum hin- und herschwankt, als werde die Redaktion jeden Tag neu besetzt. Neben diesen Zeitungen gibt es dann noch die unabhängigen Blätter, den „Überblick“, der auf ein kleines, querrechteckiges Format gedruckt ist, und die „Letzte Stimme“, die mehr einer Aneinanderheftung von schlecht gedruckten Flugblättern ähnelt als einer wirklichen Zeitung. In dem Durcheinander der Meinungen, das alle diese Blätter beschwören, ist aber schon lange keine Ordnung mehr zu finden: Hat man sich zu der weitblickend-behäbigen Meinung des „Boten“ durchgerungen, wird sie einem vom „Beobachter“ sogleich wieder untergraben und weggenommen, erwägt man die gefährlichen, freischärlerischen Überzeugungen des „Freien Lichtes“, stellt die „Neue Zeitung“ sie sogleich wieder in Frage.
Notschek verhält sich all dem gegenüber neutral, keiner der Zeitungen gibt er seine Stimme ganz, keine Meinung macht er sich vollständig zu eigen. Hat er einen Artikel gelesen, so ist er gleich danach...




