Dark | John Sinclair - Folge 1748 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1748, 64 Seiten

Reihe: John Sinclair

Dark John Sinclair - Folge 1748

Pakt mit dem Jenseits
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-1494-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Pakt mit dem Jenseits

E-Book, Deutsch, Band 1748, 64 Seiten

Reihe: John Sinclair

ISBN: 978-3-8387-1494-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nur wenn sie es schaffte, das andere Ufer zu erreichen, blieb sie am Leben. So einfach war das. Aber auch so schwer. Indira wollte nicht sterben und ruderte um ihr Leben. Sie wusste genau, dass die Verfolger ihr auf der Spur waren, auch wenn sie diese in den vergangenen Minuten nicht gesehen hatte. Das hatte nichts zu sagen. Es waren Menschen, die niemals aufgaben ...

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Das Gewässer, über das sie ruderte, war tief und zudem geheimnisvoll. Es gab nicht wenige Menschen, die es als Falle bezeichneten. Als einen Hort für Unholde, die in der Tiefe lauerten, um an Beute zu gelangen. Die Menschen erzählten sich, dass der kleine See schon einige Opfer geholt und auch nicht wieder freigegeben hatte. Was daran stimmte, wusste Indira nicht. Sie hatte im Moment andere Sorgen.

Und so pullte sie weiter. Die beiden Ruderblätter schlugen auf die Wasserfläche, tauchten ein, wurden durchgezogen, und das Klatschen, das entstand, kam ihr wie ein Beifall vor, der allein ihr galt, weil sie wieder den einen oder anderen Meter geschafft hatte. Wie tief der See hier in der Mitte war, wusste sie nicht.

Es herrschte eine ungewöhnliche Atmosphäre vor. Eine mit Dunst gefüllte Dämmerung. So hatte es am Ufer nicht ausgesehen. Erst in der Mitte des Gewässers war es zu diesem Umschwung gekommen.

Indira kämpfte sich voran. Sie atmete nicht mehr, sie keuchte bei jeder Ruderbewegung. Ihr Gesicht war verzerrt. Der Mund stand immer offen, und manchmal verwandelte sich das Keuchen in ein regelrechtes Pfeifen.

Indira spürte, dass ihre Kräfte allmählich nachließen. Der Schwung des Anfangs war längst dahin. Immer mehr Kraft musste sie aufwenden, um die Ruderblätter durch das Wasser zu ziehen.

Während sie ruderte, suchten ihre Blicke die Wasseroberfläche ab, denn sie musste davon ausgehen, dass die Gefahr aus der Tiefe kam und nicht aus der Luft. Es war auch müßig, sich Vorwürfe zu machen. Das Schicksal hatte es nun mal so gewollt, und dagegen konnte sie sich nicht wehren.

Und so ruderte sie weiter. Trotz allem von der Hoffnung beseelt, das rettende Ufer zu erreichen, obwohl sie nicht sicher war, dass sie sich dort außer Lebensgefahr befand.

Sie wollte nicht sterben. Nein, sie war noch zu jung, obwohl sie das Sterben schon als einen faszinierenden Gedanken bezeichnete, denn vor dem Tod hatte sie keine Angst. Er würde etwas Neues bringen, worauf sie schon gespannt war.

Die dünnen Nebelschleier wichen nicht. Sie wurden sogar dichter, und für Indira hatten sie sich in Gespenster verwandelt, die sie belauerten. Sie wollten nicht weichen, und sie war plötzlich der Meinung, dass es keine normalen Nebelfetzen waren, denn diese hier waren mit seltsamen Lauten erfüllt. Sie hörte das geheimnisvolle Wispern und Flüstern, weil es lauter klang als das Klatschen des Wassers, wenn sie die Ruderblätter eintauchte.

Was war das?

Hatte sie es mit den Boten aus einer anderen Welt zu tun, die bereits auf sie warteten?

Eine Antwort konnte Indira nicht geben. Sie dachte daran, das Flüstern zu ignorieren, doch das war nicht möglich. Es blieb, es war nahe bei ihr. Es störte sie und versuchte, sie von ihren eigentlichen Fluchtgedanken abzubringen.

Weiter! Sie musste weiter. Das andere Ufer wartete und dort möglicherweise die Freiheit.

Niemand lauerte in ihrer Nähe. Das Wasser war dunkel, man hätte es auch als Eingang in die Hölle bezeichnen können, wo der Teufel und all seine Schergen lauerten, um sich die Seelen der Menschen zu holen.

Ja, Indira glaubte an die Hölle. Aber sie glaubte auch an den Himmel. Und das noch viel, viel stärker. Der Himmel war für sie die Offenbarung. Sie wusste zwar nicht, wie sie sich ihn vorzustellen hatte, aber als Kind hatte sie immer gedacht, dass er eine unendliche Fläche war. Gefüllt mit einem herrlichen Licht, in dem es nur das Glück gab und das von den wunderbaren Engeln getragen wurde.

Die Engel, das war es. Daran glaubte sie fest. Und besonders an einen bestimmten Engel, an den Schutzengel. Sie ging davon aus, dass es ihn gab und dass er sogar auf sie wartete. So kam ihr das Sterben nicht ganz so schlimm vor.

Im Moment wollte sie nur leben, und sie kämpfte sich voran. Ihre Kleidung war durchschwitzt, das braune Haar klebte an ihrem Kopf und weiterhin zischte der Atem aus ihrem Mund, wenn sie sich vorankämpfte.

Wo war das Ufer?

Sie sah es nicht. Der Nebel war zu dicht, und sie konnte es auch nicht fühlen. So etwas gab es ja, das traf schon zu. Manche Menschen besaßen diese Sensibilität, die ihr leider nicht gegeben war.

Weiter – oder?

Nein – auch wenn es ihr nicht gefiel. Irgendwann war Schluss. Sie konnte einfach nicht mehr. Sie war zu schlapp. Keine Kraft mehr in den Armen. Die Schultern schmerzten, und ihr ganzer Körper war von einem heftigen Zittern erfasst worden.

Ein Schluchzlaut verließ ihren Mund. Sie zog die beiden Ruderstangen ein und lehnte sich zurück. Ihr Rücken schmerzte aufgrund dieser ungewohnten Tätigkeit. Es war alles so anders geworden, kein Vergleich mehr zu dem optimistischen Start zu Beginn der Flucht. Jetzt spürte sie ihre Endlichkeit.

Eine Pause wollte sie einlegen. Nicht unbedingt lang, aber so lang, bis sie sich besser fühlte und wieder normal atmen konnte, ohne dass es in den Lungen stach.

Allmählich verstummte das Keuchen. So kehrte für sie wieder die Normalität zurück. Doch die Anspannung in ihr war geblieben, ebenso der Nebel, der sie mit seinen unzähligen Armen umkreiste und ihr das Gefühl gab, als würde sie laufend von feuchten Tüchern gestreichelt.

Es war alles okay. Niemand tat ihr etwas. Die Natur um sie herum hatte sich wieder beruhigt. Sie atmete tief durch und hörte, dass es nicht still war. Um sie herum waren Laute. Es war das Wasser, das die Laute abgab. Es klatschte gegen die Außenwand des Kahns, und es kam eigentlich nie zur Ruhe.

Sie schloss die Augen. Nur einen kurzen Moment wollte sie sich ganz der Umgebung hingeben. Sie hatte vor, eins mit ihr zu werden, und möglicherweise vergaß sie die Gefahr dabei. Aber darauf konnte sie nicht setzen, obwohl sie es versuchte und sich dabei Auswege ausmalte.

Wie lange sie mit geschlossenen Augen im Kahn gesessen hatte, wusste sie selbst nicht. Aber Indira fühlte sich jetzt kräftig genug, den Rest der Strecke an das andere Ufer zu rudern.

Sie griff nach den Ruderstangen. Sie wollte weiter – und erstarrte plötzlich mitten in der Bewegung.

Etwas hatte sie gestört.

Sie hatte etwas gehört.

Indira wusste nicht, was es gewesen war. Sie riss die Augen weit auf und drehte sich auf ihrer Sitzbank um. Dabei senkte sie den Blick, um über die wellige Wasseroberfläche zu schauen, wobei ihr Herz plötzlich mehrere Sprünge machte.

Etwas stimmte mit den Wellen in ihrer Nähe nicht. Sie hatten sich verändert, sie waren schaumiger geworden. Als wäre etwas dabei, aus der Tiefe an die Oberfläche zu stoßen.

Indira saß erstarrt in ihrem Boot und hatte das Gefühl, von einem Eispanzer umgeben zu sein.

Das Wasser schäumte weiter. Sogar noch heftiger, als wollte ihr der See zeigen, was er in der Tiefe für sie bisher verborgen gehalten hatte.

Sie wollte es nicht glauben, aber sie sah es trotz der Dunkelheit immer deutlicher. Etwas hatte sich an die Wasseroberfläche vorgearbeitet. Es war kein Fisch, das wusste sie, dieser Gegenstand war länger. Er bewegte sich zuckend, er schimmerte sogar, als er die Wasseroberfläche durchbrach und Indira auf eine Sauerstoffflasche schaute, die sich auf dem Rücken eines Tauchers befand.

Indira wollte schreien, denn in diesem Moment wusste sie, dass sie es nicht mehr schaffen würde, das andere Ufer zu erreichen. Der Schrei blieb ihr im Hals stecken, denn jetzt tauchte auch der zweite Mann auf, dessen Gesicht sie nicht sah, weil es hinter der Taucherbrille nicht zu erkennen war.

Der eine schwamm an der rechten, der andere an der linken Seite des Kahns.

Es gab keinen Zweifel mehr. Die Falle war endgültig zugeschnappt!

***

Nach wie vor lag der unsichtbare Eispanzer um ihren Körper. Indira konnte sich nicht bewegen. Sie hörte das Klatschen des Wassers, als es bewegt wurde. Im nächsten Augenblick begann der Kahn zu schaukeln, weil sich Hände um beide Seiten klammerten und sich die Taucher hochzogen, wobei sie das Boot im Gleichgewicht behielten.

Was würden sie tun?

Noch hatte sie die vage Hoffnung, dass sie es nicht schafften, zu ihr ins Boot zu kommen, aber die schwand, als sie sich stark festklammern musste, weil auf der linken Seite das Boot von einem der Taucher geentert wurde.

Er kletterte hinein. Sein Begleiter blieb draußen, er aber schaffte es. Seine Taucherbrille nahm er nicht ab, nur das Mundstück verließ seinen Mund, sodass er sprechen konnte.

Zuerst lachte er.

Dieses Lachen löste bei Indira die Starre, brachte sie aber zugleich zum Zittern. Einen Ausweg gab es nicht. Sie würde es nicht schaffen, vor diesen beiden gefährlichen Männern zu fliehen.

»Das hast du nicht gedacht, wie?«

Jetzt hätte sie eine Antwort geben müssen, aber sie brachte es nicht fertig. Ihre Kehle war zu. Dann produzierte sie ein Geräusch, das sich kratzig anhörte, und sie hörte erneut das Lachen.

Die Stimme des Tauchers drang an ihre Ohren. »Hast du schon mal was von einem nassen Grab gehört? Wenn nicht, wirst du es bald erleben, das kann ich dir versprechen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Bitte, das – das – können Sie doch nicht machen. Ich habe Ihnen nichts getan – und ich werde auch den Mund halten, das verspreche ich.«

»Zu spät.«

»Aber ich schwöre es.«

»Darauf geben wir nichts. Du hast etwas gesehen, was du nicht hast sehen sollen. Jetzt musst du dafür den Preis zahlen, und wir wollen dabei sicher sein.«

Sie senkte den Kopf. Plötzlich lösten sich Tränen aus ihren Augen. Den Blick hielt sie auf ihre Knie gerichtet und sie dachte daran, wer diese...



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