Dindas | Gelingen und Scheitern zwischenmenschlicher Kommunikation | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 260 Seiten

Dindas Gelingen und Scheitern zwischenmenschlicher Kommunikation

Semiotische Analyse von Kommunikationsmodellen am Beispiel des Werks von Samuel Beckett
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7445-1195-7
Verlag: Herbert von Halem Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Semiotische Analyse von Kommunikationsmodellen am Beispiel des Werks von Samuel Beckett

E-Book, Deutsch, 260 Seiten

ISBN: 978-3-7445-1195-7
Verlag: Herbert von Halem Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Zwischenmenschliche Kommunikation ist für das gesellschaftliche Miteinander unverzichtbar und ein allgegenwärtiges Thema wissenschaftlicher und nicht-wissenschaftlicher Überlegungen. Viele der in diversen Ratgebern und Studien vertretenen Theorien beginnen ihre Ausführungen mit der Übertragung des informationstheoretischen Sender-Empfänger-Modells auf den Prozess der zwischenmenschlichen Verständigung. Dieses sehr populäre Modell weist aber nach Ansicht von Henrik Dindas gravierende Mängel auf. Der Autor stellt daher dessen (unbedachte) Übertragung in der vorliegenden Studie umfassend in Frage. Er stützt sich dabei auf semiotische Ansätze von Charles Sanders Peirce sowie der Würzburger Schule der Denkpsychologie - mit besonderem Fokus auf das Werk Karl Bühlers. Sprache avanciert dabei zum Medium der Selbsterfahrung des Menschen und veranschaulicht die Absurdität der bekannten Aussage, man könne 'nicht nicht kommunizieren'. Dindas diskutiert prominente Kommunikationsmodelle und vergleicht diese mit dem Semiotik-Verständnis des irischen Schriftstellers Samuel Beckett, für den Kommunikation ein zentraler Aspekt in seinem Werk war.

Henrik Dindas studierte Germanistik, Anglophone Studies und Kommunikationswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen und wurde mit dieser Arbeit dort promoviert. Er arbeitet heute als Systemischer Coach.
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2Modelle von Information, Kommunikation und Zeichen


Das wohl älteste Zeichenmodell, welches im Kontext einer medizinischen Symptomatologie der Griechen des 3. Jahrhunderts v. Chr. nachweisbar ist, fokussiert bereits die temporale, lokale oder kausale Kontiguität zweier Dinge oder Ereignisse. Unabdingbare Voraussetzung dieser vergleichenden Zusammenführung ist dabei stets, so Eschbach, dass Ding 1 als Zeichen für Ding 2 angesehen werden muss. Ein Beispiel für solch eine Voraussetzung sind, wie sie etwa Sextus Empiricus anführt, dunkle Wolken für drohenden Regen (vgl. Eschbach, 1980: 44). So auch deutet der Jäger eine Verwundung des Herzens oder der Lunge als Zeichen des bevorstehenden Todes des Stückes Wild und eine Narbe ist ebenfalls Zeichen einer vorangegangenen Verletzung. Mit dieser Bestimmung wird deutlich, dass dieses alte, beziehungsweise erste „Zeichenmodell“, vielmehr den Charakter einer deskriptiven, statischen Substitutionsbeschreibung umfasst nach dem Schema:

Abb. 1: Ding-Relation. Nach Eschbach (1980).

Jenes Modell kann in vorliegender Arbeit allerdings nur hinreichend als ein erster Schritt zu einem tieferen Verständnis des Betrachtungsgegenstandes zu gelten haben, da die Zeichenfunktion dieses Modells nur auf die materielle Vertretung eines Dinges durch ein anderes reduziert dargelegt ist. Was fehlt, ist eine zwischen den beiden direkt aufeinander bezogenen Dingen vermittelnde Instanz, die auf eine Vorstellung, einen Begriff oder eine Idee rekurriert. Allerdings muss auch in diesem Zusammenhang betont werden, dass Zeichentheorien, die diese Vermittlungsfunktion untermauern, entweder die Unabhängigkeit von Ideen und Zeichen behaupten oder aber die Zeichen werden als Materialisationen von Vorstellungen angesehen. Bei ersterem wird die Vermittlung unter Bezug auf den Konventionalitätsbegriff eingeholt und bei der Materialisation fällt die Herstellung der Beziehung von Vorstellung und vorgestelltem Ding dem zeichenbenutzenden Subjekt zu (vgl. Eschbach, 1980: 44). Folglich besteht erstgenannte Position auf der Unabhängigkeit der Vorstellungen von Dingen und die besondere Aufmerksamkeit auf die Abhängigkeit der Zeichen wird in der zweiten Hinsicht auf die von den Zeichenbenutzern wie den bezeichneten Dingen gelenkt. In beiden Fällen handelt es sich, wie es Jürgen Trabant ausführt, um „realistische“ und „nominalistische“ Theorien, die jeweils ein Repräsentationsmodell darlegen, welches auf der Addition dyadischer Beziehungen basiert:

Abb. 2: Vorstellungs-Relation. Nach Eschbach (1980).

Abb. 3: Triadische Relation. Nach Eschbach (1980).

In einer sehr eindringlichen und damit wirkungsvollen Weise ist die zuvor dargestellte Repräsentationsbeziehung durch den scholastischen Merksatz aliquid stat pro aliquo – etwas steht (oder verweist) für (auf) etwas anderes – verdeutlicht, der bereits im frühen 13. Jahrhundert bei Albertus Magnus zu finden ist. Dieser Satz kann bis heute als nahezu koexistent mit Zeichentheorie überhaupt verstanden werden.

Abgesehen von einigen darauf folgenden Variationen des Repräsentationsmodells, die sich allerdings nicht in ihren Grundsätzen von dem Zentralbegriff „Repräsentation“ unterscheiden, wird in der Weiterführung der Entwicklung dieses Modells erst mit der Entfaltung des Zeichensystem-Begriffs, des Konzeptes der kontinuierlichen Interpretation, der relationslogischen Begründung des nicht auf Dyaden reduzierbaren triadischen Zeichenbegriffs und der Reflexion auf die erkenntniskritischen Implikationen und Konsequenzen der Semiotik, ein bedeutender Erkenntnisfortschritt erzielt (vgl. Eschbach, 1980: 44). Dieses, im Wesentlichen auf Charles Sanders Peirce‘ und Ferdinand de Saussures Überlegungen und Ausführungen zurückgehende Zeichenmodell kann als Interpretationsmodell verstanden werden und soll in Kapitel 6 ausführlicher betrachtet werden. Auch wenn an dieser Stelle auf das auf zeichentheoretischen Erkenntnissen basierende Modell im Sinne einer Theorie der Zeichen in Aktion nicht näher eingegangen werden soll, müssen mitunter die bedeutenden Resultate einer solchen semiotischen und damit antidogmatischen Vorgehensweise festgehalten werden: 1) Die Hinweisung auf die Frage nach den kennzeichnenden Merkmalen des Zeichens in Aktion oder der Semiosis; 2) die Klärung des Bedarfs der Beantwortung der Frage nach dem Status von Semiotik in Hinblick auf Logik, Erkenntnistheorie und Hermeneutik und 3) die Beantwortung der Frage nach der Konstitution des Zeichen-Objekts als Frage nach der Konstitution von Zeichen und Bedeutung (vgl. Eschbach, 1980: 50).

Den zuvor dargelegten zeichentheoretisch fundierten Überlegungen Achim Eschbachs steht die schon in der Frühgeschichte entwickelte Informationstheorie gegenüber, deren Entstehung auf ihren engen Zusammenhang mit der Entwicklung der kinetischen Gastheorie und der damit verbundenen Wärmelehre zurückzuführen ist. Als einen der ersten Wissenschaftler führt Jens Loenhoff beispielsweise James C. Maxwell (1831-1879) an, welcher statistische Begriffe in die Physik einführte und dabei bemerkte, dass sich die Eigenschaften von Gasen aufgrund der starken Bewegung ihrer Moleküle nur stochastisch und damit durch Angabe von Wahrscheinlichkeiten mathematisch darstellen lassen. Folglich kann die statistische Verteilung die vollständige Kenntnis des jeweiligen Ortes der Gasmoleküle substituieren. Im Kontext seiner mechanischen Wärmetheorie formuliert, etwa zeitgleich, Rudolf Clausius (1822-1888) den 2. Hauptsatz der Thermodynamik und prägt damit den Terminus „Entropie“ als Maß für die Unzugänglichkeit von Energie (vgl. Loenhoff, 2010: 1). Auf diesem aufbauend, gibt dann Ludwig Boltzmann (1844-1906) den zeitasymmetrischen kinetischen Gleichungen mit der „H-Funktion“ eine wahrscheinlichkeitstheoretische Grundlage, die ebenfalls einige der Vorhersagen Maxwells experimentell bestätigten. Alle folgenden Untersuchungen und Beiträge beziehen sich fortan auf die beiden Hauptsätze: 1) „In jedem geschlossenen System bleibt die Energiemenge bewahrt“; und 2) „in jedem geschlossenen System bleibt die Entropie konstant oder verändert sich“ (Loenhoff, 2010: 2). Minimale Entropie bedeutet schließlich einen minimalen Grad von Unordnung oder einen maximalen Grad von Ordnung. Dies hat schließlich eine maximale Information über die Gruppierung der einzelnen Moleküle im System zur Folge und für den Zustand eines Gases bedeutet dies, dass überall die gleiche Wahrscheinlichkeit des Vorkommens bestimmter Moleküle besteht. Damit ist keine Umkehr dieses Zustandes in ungleiche Wahrscheinlichkeiten möglich. Durch diese Erkenntnisse geleitet drängt sich eine fatale, in der Geschichte der Betrachtung von Kommunikation jedoch allzu oft umgesetzte, Analogie auf: Wenn in den statistischen Gleichungen der Thermodynamik Entropie eine Wahrscheinlichkeitsfunktion der Partikel eines Gases ist, so könnte diese Wendung in der Kommunikationstheorie als Terminus für eine Wahrscheinlichkeitsfunktion der Zustände einer Nachrichtenquelle eingeführt werden (vgl. Loenhoff, 2010: 2).

Den darauf folgenden ersten nachrichtentechnisch motivierten Ansatz zu einer mathematisch-statistischen Theorie wurde von Ralph V.L. Hartley (1888-1951) ausgeführt. In einer seiner Arbeiten aus dem Jahr 1928 erörterte er den Ansatz einer statistischen Interpretation einer Nachricht als eine aufeinanderfolgende Selektion aus einem festgelegten Signalvorrat. Obwohl Hartley in seinen Ausführungen bereits wesentliche Aspekte der späteren Theorie Claude E. Shannons (1916-2001) vorweg nimmt, stellt sich aufgrund einer geringen Rezeption über sein nachrichten-technisches Umfeld hinaus keine Resonanz ein. Nur zehn Jahre später veröffentlicht der bis dato noch unbekannte Wissenschaftler Shannon, ein Schüler Norbert Wieners (1849-1964) am Massachusetts Institute of Technology (MIT), in den Transactions of the American Institute of Electronic Engineers einen Beitrag über Möglichkeiten der Digitalisierbarkeit logischer Terme (vgl. Shannon in Loenhoff, 2010: 2).

Somit geht das uns heute als Modell der Sender-Empfänger-Kommunikation bekannte Konstrukt auf den US-amerikanischen Ingenieur der Telefongesellschaft Bell zurück, welcher (eigentlich) versuchte, einen Ansatz zu entwickeln, Ingenieure dabei zu unterstützen, einen möglichst effizienten und einen für Fehler wenig anfälligen Weg zu finden, elektrische Signale von einem Ort zu einem anderen übertragen zu können (vgl. Rau, 2013: 60). Shannons Modell sollte in besonderer Weise das Feld der rein technischen Kommunikation abdecken und mögliche Störungen des Kommunikationskanals aufdecken, um mit diesen Informationen eine sichere Verschlüsselung und die Entschlüsselung von Signalen zu gewährleisten. Zuvor erfasste Shannon in zwei Aufsätzen im Bell Technical Journal, mit dem Titel A Mathematical Theory of Communication (1948), neben zahlreichen anderen Ableitungen, eine mathematische Formel, mit der sich die „minimale Anzahl binärer Operationen zur Identifikation eines Elementes innerhalb eines stets von Elementen einer bekannten Verteilung genau berechnen lässt“ (Loenhoff, 2010: 2). Shannons primäres Interesse bestand zunächst darin, die Verhältnisse von statistischen Charakteristika eines...


Henrik Dindas studierte Germanistik, Anglophone Studies und Kommunikationswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen und wurde mit dieser Arbeit dort promoviert. Er arbeitet heute als Systemischer Coach.



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