E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Dettling Zukunftsintelligenz
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7844-8384-9
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Corona-Effekt auf unser Leben
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-7844-8384-9
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Corona-Pandemie verändert unser Bild von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, sie ist Teil eines Wandels, der bereits begonnen hat. Der renommierte Trendforscher Daniel Dettling argumentiert dafür, der Zukunftsangst mit Intelligenz zu begegnen. Denn vor welcher Zukunft wir morgen stehen, hängt von unseren heutigen Entscheidungen ab. Das gilt für die digitale Revolution, den demografischen Wandel und die Zukunft der Demokratie gleichermaßen. Es geht um einen neuen Pakt für Resilienz in der Arbeits- und Wirtschaftswelt, dem Gesundheitswesen, in der Umweltpolitik und der Demokratie. Die entscheidende Frage ist: Was brauchen wir, um für kommende Krisen gewappnet zu sein? Daniel Dettling gibt kluge Antworten und macht konkrete Vorschläge wie das gelingen kann.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Einleitung
Zukunftsintelligenz
Was kann ich wissen?
Was darf ich hoffen?
Was soll ich tun?
Was ist der Mensch?
Immanuel Kant
Was wird jetzt aus unserer Zukunft? Das Virus Covid-19 hat unsere Vorstellung von der Welt von morgen radikal verändert. Gesundheit, Arbeit, Zusammenhalt und Freiheit galten bis zum Ausbruch der Pandemie in Europa im März 2020 für die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger als selbstverständlich. Der plötzliche »Shutdown« hat unseren Alltag von heute auf morgen neu definiert. Der Weg zur Arbeit, der Besuch eines Restaurants oder Kinos, der Sport im Verein oder Fitnessstudio, die Beschulung und Betreuung unserer Kinder in Schulen und Kitas, das Reisen in fremde Länder, das Überwinden von Grenzen – all das fiel von heute auf morgen weg. Corona hat unsere Lebensverhältnisse so vollständig umgekrempelt, wie wir uns das in unseren kühnsten Träumen nicht hätten vorstellen können. Dabei ist nicht das Virus die eigentliche Bedrohung für uns. Die Angst vor einer kollektiven Krise und ihrer Zeit danach ist schlimmer als die Krankheit selbst. Unser mentales Immunsystem verfügt über eine unterentwickelte Zukunftsintelligenz.
Ist unsere Zukunft jetzt tot? Ohne den Glauben an eine bessere Welt können wir Menschen nicht überleben. Zu den zentralen Auslösern für den aktuell herrschenden Mangel an Zukunftsbildern (Visionen) gehören die beiden Megatrends Globalisierung und Digitalisierung. Beiden wird ein zerstörerischer Charakter attestiert. Zukunftsforscher verbinden beide Megatrends zum Begriff »Konnektivität«. Corona hat unsere vernetzte Welt empfindlich gestört – durch Grenzschließungen, soziale Distanz und Quarantäne. Damit ist die Pandemie die bis dato größte Menschheitskrise im 21. Jahrhundert. Unser Bild von Fortschritt und Zukunft muss neu geformt und beschrieben werden. Ein Verbleib oder ein Zurück in die analoge Zeit vor Corona wird keine Option sein.
Doch was wird aus uns Menschen und der Welt nach Corona? Welche Folgen hat die Pandemie für unsere Arbeitswelt und Wirtschaft, unsere Gesundheit und unser Zusammenleben, weltweit und lokal?
Die Aussichten für die Zeit nach Corona sind überraschend positiv: Wir können künftigen Pandemien besser vorbeugen. Bei steigendem Wohlstand werden wir weniger arbeiten. Wir haben mehr Zeit für uns, unsere Familien und Freunde. Mehr Menschen können teilhaben an Fortschritt, Wohlstand und Freiheit. Das Coronavirus wird zum Katalysator einer längst begonnenen Entwicklung. Ähnlich wie die Erfindung des Buchdrucks vor knapp 550 Jahren das Leben vieler Menschen revolutionierte, die dadurch Zugang zu Wissen und Bildung erhielten, bietet der digitale Wandel heute die historische Möglichkeit einer vernetzten Welt. Einer Welt, die Zuversicht, Verantwortung und Selbstwirksamkeit in den Fokus nimmt. Wir haben allen Grund zu Hoffnung und Zuversicht. Die weltweite Armut nimmt ab, mehr Menschen als je zuvor haben Zugang zu Bildung, Medizin und sauberem Wasser, die Demokratie ist auf dem Vormarsch, und es gibt weniger Gewalt, Terror und Kriege als früher. Wir stehen nicht am Ende der Geschichte, sondern am Beginn einer neuen Aufklärung. Wir befinden uns mitten in einer Phase des Wandels. Nach den Übertreibungen und Enttäuschungen der letzten Jahre geht es jetzt um die Verbindung von digitaler Technik und menschlicher Kultur zu einer neuen Kulturtechnik. Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir wollen gesehen und anerkannt werden und mit anderen in Beziehung stehen. In Zukunft geht es um ein neues Verhältnis von analog und digital. Gemeint ist eine Ko-Evolution von materieller und ideeller Welt. Gestalten wir die Zukunft nach Corona, statt uns als ihr Opfer zu betrachten, und nehmen wir das Erbe der Aufklärung an, das uns ein großer Vordenker bereits im 18. Jahrhundert mit auf den Weg gab.
Eine neue Aufklärung
Einer der bedeutendsten Philosophen der Aufklärung, Immanuel Kant, setzte seine Hoffnung auf die furchtlose Vernunft. Seine vier Leitfragen »Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun? Was ist der Mensch?« sind auch über 200 Jahre nach seinem Tod noch relevant. Corona läutet ein neues Zeitalter ein, und mit der Krise kann weltweit eine neue Epoche der Aufklärung beginnen.
Statt Wissen und Zuversicht nimmt jedoch die Angst zu – eine neue »Angst 4.0«, die Furcht vor Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz (KI). Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger warnt in einem Aufsatz für das Magazin The Atlantic mit der Überschrift »Das Ende der Aufklärung« vor den Folgen der KI. Kissinger hält eine Welt für denkbar, die auf Maschinen basiert, von Daten und Algorithmen angetrieben wird und sich am Ende von ethischen Normen unabhängig macht: »Individuen werden zu Daten, und Daten werden beherrschend.«1 In Deutschland glaubt nicht einmal jeder Dritte an den Fortschritt, und zwei Drittel der Älteren empfinden Unbehagen angesichts der neuen technologischen Möglichkeiten.2 Doch die Zahlen stammen aus der Zeit vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Statt neuer Angst sollte neue Hoffnung an ihre Stelle treten. Aus Risiken können Chancen werden: Automatisierung und Künstliche Intelligenz können auch zu neuen Jobs führen, der Mensch wird nicht von der Maschine verdrängt. Digitale Medizin kann Leben retten, Computer und Handys können unsere Kinder schlau, anstatt dumm und krank machen.
Die Zeit mit Corona lehrt uns: Wer die Zukunft lediglich als Verlängerung der Gegenwart denkt, wird der neuen Zeit nicht gerecht. Wer dagegen Megatrends und Veränderungen wie Digitalisierung und Globalisierung produktiv nutzen will, muss den Wandel umfassend und systemisch verstehen. Denn eine Gesellschaft, die sich aktiv und neugierig am technologischen Fortschritt beteiligt und in erster Linie eine Chance in ihm sieht, ist weitaus zukunftsfähiger.
Unsere Bilder von der Zukunft haben einen entscheidenden Einfluss auf das, was tatsächlich geschieht. Deshalb sollten wir einen neuen Blick auf die Herausforderungen werfen, die sich nach der Krise stellen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach dem wechselseitigen Schutz. Der Philosoph Peter Sloterdijk bezeichnet in seinem Buch »Du musst dein Leben ändern«3 das neue Zeitalter, das vor uns liegt, als »Ko-Immunismus«: Eine Gesellschaftsform der immunologischen Risikogemeinschaft, die weltweite Solidarität verlangt. Mit der Entdeckung Amerikas im Jahr 1492 begann die moderne Menschheitsgeschichte. Im Jahr 2020 sind wir als Bewohner eines planetaren Weltraums alle voneinander abhängig. Bislang bezogen sich effektive Solidaritätssysteme entweder auf die Familie, den Stamm, die Nation oder das jeweilige Herrschaftsgebiet. Das Ziel muss also lauten, die Demokratisierung von Gesundheit und Wohlstand voranzutreiben und einen verantwortlichen Umgang mit ihnen durchzusetzen. Wir werden lernen müssen, wo wir die Grenzen zur selbstgewählten oder erzwungenen Entmündigung ziehen wollen. Die Verantwortung dafür tragen wir als Menschen selbst.
Corona bewirkt eine politische und soziale Revolution
Corona verändert unser Bild von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, sie ist Teil eines Wandels, der bereits begonnen hat. Die Welt wird eine andere sein als vor der Krise. Wir befinden uns im Übergang. Die globale und lokale Welt wird neu gestaltet mit Folgen für jeden von uns. Der entscheidende Treiber dafür wird die Digitalisierung sein. Die körperliche Distanz, die uns das Virus abverlangt, führt zu ihrer Beschleunigung. Der französische Staatspräsident hat die digitale Frage als erster Regierungschef in Europa verstanden. Im Frühjahr 2018 gab er dem Technologiemagazin Wired ein viel beachtetes Interview. Emmanuel Macron erklärt darin seine KI-Strategie als »interdisziplinäre Kreuzung aus Mathematik, Sozialwissenschaften, Technologie und Philosophie. Das ist absolut kritisch«. Wann hat ein deutscher Spitzenpolitiker oder Unternehmenschef je Sozialwissenschaften und Philosophie im Zusammenhang mit Digitalisierung erwähnt? Vielmehr fehlen in Deutschland zukunftsorientierte Politiker vom Schlage Macrons, die wie er sagen: »Ich möchte Teil der Disruption sein. Künstliche Intelligenz ist eine politische Revolution. Treiber sollte der Fortschritt für die Menschen sein.«4
Das heißt nichts anderes als: Nicht der Mensch muss sich der Maschine anpassen, sondern umgekehrt werden uns Computer dabei helfen, zu arbeiten, zu lernen und Probleme zu lösen wie den Klimawandel, den Terrorismus oder bislang schwer heilbare Krankheiten. Sie werden staufreie, sichere Mobilität ermöglichen, Verwaltungen effizienter und bürgernäher machen sowie die Bildungsarmut reduzieren. Handys und Tablets werden nicht nur Unterhaltungsmedien sein, sondern medizinische und persönliche Assistenten. Darüber hinaus können sie helfen, die fortschreitende Vereinsamung zu bekämpfen und, in Gestalt von digitaler Partizipation, das klassische ehrenamtliche Engagement ergänzen. Bei der Digitalisierung geht es also nicht nur um die Vernetzung der Wirtschaft, sondern vor allem um die Vernetzung der Gesellschaft. Mithilfe von Daten konnten wir die Ausbreitung des Covid-19-Virus schneller und zielgerichteter bekämpfen als frühere Pandemien. Digitale Technologien und Werkzeuge werden uns helfen, künftigen Pandemien besser vorzubeugen. Corona war auch die Stunde der...




