E-Book, Deutsch, Band 2, 540 Seiten
Reihe: Izara
Dippel Izara 2: Stille Wasser
18001. Auflage 2018
ISBN: 978-3-522-65397-8
Verlag: Planet! in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Prickelnde Mischung aus Action, Fantasy & Liebe
E-Book, Deutsch, Band 2, 540 Seiten
Reihe: Izara
ISBN: 978-3-522-65397-8
Verlag: Planet! in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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Kapitel 2
Ex-Freunde und Ex-Feinde
„Achte auf deine Deckung!“, schrie Coach Morton. Ich duckte mich. Der Handball verfehlte mich nur knapp und sauste an meinem Kopf vorbei. Wer sich diesen dämlichen Parcours ausgedacht hatte, war eindeutig sadistisch veranlagt. Ich stieß mich ab, erwischte das Seil und schwang mich auf den mannshohen Zylinder. Ein weiterer Ball verfehlte mich. Vier Sprünge, vier weitere Zylinder, dann lag der Balken vor mir. Eine eigentlich einfache Übung, wäre da nicht der Dauerbeschuss meiner Mitschüler gewesen. Ich hetzte los. Ein Ball erwischte mich am Schienbein. Die Menge johlte. .
„Punkt für deine Gegner!“, rief der Coach. Ich rang um mein Gleichgewicht. Wer im Sand landete, bekam seine Strafe verdreifacht und ich hatte ganz sicher nicht vor, den Rest meines Tages mit Extra-Runden um den Sportplatz zu verbringen. Noch drei Schritte, dann war ich auf der Netzbrücke. Jetzt hieß es, nicht in den Maschen hängen zu bleiben. Ich konzentrierte mich so sehr, dass ich den nächsten Ball nicht kommen sah. Er erwischte mich an der Schulter.
„Und noch ein Punkt. Was ist los mit dir, Ari?“
Am Liebsten hätte ich dem Coach ins Gesicht geschrien, was tatsächlich mit mir los war. Dass mein Freund, der wenig für Diplomatie und noch weniger für Autoritäten übrig hatte, gerade vor der übernatürlichen Version eines Disziplinarausschusses stand, der jederzeit und quasi mit einem Fingerschnippen sein Leben beenden konnten.
Dem nächsten Ball wich ich aus und schon trennten mich nur noch siebzehn Sprossen von der grünen Matte, die das Ziel markierte. Die Sprossen des Todes, wie Lizzy sie liebevoll getauft hatte. Orang-Utan-Feeling inklusive. Ich hangelte los. Doch je mehr ich mich wie ein Affe fühlte, desto mehr hinterfragte ich den Sinn dieser Aktion. Wenn nicht ein verkappter Indiana Jones oder Ninja Warrior unter uns war, würde niemand von uns in die Bedrängnis kommen, sich eine Leiter entlanghangeln zu müssen. Und dabei war das hier noch nicht einmal eine der exklusiven Phalanx-Klassen unter Ausschluss der NEMos, wie die Phalanx-Schüler die N-icht Eingeweihten M-enschen nannten. Das hießt, hier lernten auch zukünftige Anwälte, Zahnärzte und Banken-Manager alles über das ‚Hangeln unter Feindbeschuss‘. Ich sollte nicht hier sein. Ich sollte mit Lucian in Patria sein und dafür sorgen, dass der Hohe Rat verstand, was wirklich passiert war.
Schmerz explodierte in meinem Magen, als ein Ball mich mit der Wucht einer Kanonenkugel traf. Ich krümmte mich. Meine Finger fanden keinen Halt mehr und ich landete sehr unsanft mit dem Hintern voran in der Sandgrube.
„Guter Wurf, Brendon!“, rief Coach Morton über das Grölen meiner Mitschüler. Ich stöhnte und ließ mich zurück in den Sand fallen. Es war fast ein Wunder, dass ich noch bei Bewusstsein war, so heftig hatte mich der Ball erwischt. Dass der Wurf von Brendon stammte, erklärte einiges, denn er war ganz sich nicht mit normalsterblicher Kraft ausgeführt worden.
„Sorry, Ari.“ Das Gesicht meines Ex tauchte über mir auf. „Aber du hast eine so attraktive Zielscheibe abgegeben, dass ich einfach nicht widerstehen konnte.“
„Das war gegen die Regeln“, keuchte ich immer noch benommen vor Schmerzen. Brendon war ein Adelphos, ein Phalanx-Jäger in Ausbildung und stand kurz vor seinem Abschluss. Das bedeutete, dass er bereits zahlreiche Siegel besaß, die seine Kraft und seine Sinne auf ein übermenschliches Level hoben. Allerdings durfte er eigentlich keinen Nutzen daraus ziehen, solange NEMos anwesend waren. Schon gar nicht zu seinem eigenen Vorteil.
Brendon lächelte. „Ach, komm schon, Ari. Streng genommen schummelst du doch auch, immerhin bist du ein halber Brachion. Keiner dieser Weichei-Würfe wäre dir gefährlich geworden. Ich hab also nur für ein bisschen Gerechtigkeit gesorgt.“
Mit Freude hätte ich ihm die Füße weggetreten und seiner selbstgerechten Visage ein kostenloses Sand-Peeling verpasst, aber Coach Mortons Pfeife rettete meinen Ex.
„Meine Damen und Herren, so gern ich auch zusehe, wie ihr euch an meinem Lieblingsparcours abmüht, die Stunde ist vorbei. Alle auf der Liste dürfen jetzt zu ihren Ehrenrunden antreten. Alle anderen ab unter die Dusche.“
Drei Treffer und ein Absturz bedeuteten neun Runden um den Sportplatz. Damit lag ich zwar im guten Mittelfeld, was die NEMos betraf. Für eine Phalanx-Schülerin und einen Halb-Brachion kam das allerdings einem Totalausfall gleich.
„Du musst … dir keine Sorgen um … unsere Patria-Delegation machen“, japste Lizzy neben mir. Sie hatte nur drei Straf-Runden aufgebrummt bekommen, röchelte aber jetzt schon wie bei einem Extrem-Marathon. „Mein Pa … hat das schon oft … gemacht.“
„Was?“ Eigentlich hatte ich keine große Lust zu reden. Ich hasste Joggen. Die Dämmerung und der nahende Winter trugen auch nicht gerade zu meiner Stimmung bei. Ganz zu schweigen von den zwei Schatten, die versuchten uns unauffällig zu folgen. Leibwächter. Zwar saß mein Vater hinter Schloss und Riegel, aber ich war trotzdem noch das Mädchen mit der sehr speziellen Seele. . Verkörperung einer Primus-Legende, möglicher Auslöser eines Armageddons und stolze Trägerin stetig wachsender Kopfgelder. Lizzy hatte neulich gemeint, ich sei unter den Unsterblichen in etwa so beliebt wie der Ring aus – mitsamt den gleichen Lösungsoptionen: Entweder zerstören oder als Mittel zur Weltherrschaft an sich reißen.
Aus diesem Grund hat die Phalanx mir Asyl gewährt. Gleichzeitig waren die Sicherheitsvorkehrungen auf Alarmstufe Violett hochgestuft worden. Keine Ahnung, was das bedeutete, aber Lizzys Vater hatte eine ganze Einheit zusätzlicher Jäger im Lyceum stationiert und den NEMos als privaten Security-Dienst verkauft. Vorkehrungen wegen einer akuten Bedrohung. An einem Elite-Internat voller entführungsgefährdeter Kinder der Oberschicht erregte das wenig Aufsehen.
„Sich … wegen ’nem … Menschen mit der … Liga angelegt.“
„Ich bin kein Mensch.“ Eine Tatsache, die sich im eingeweihten Lyceum genauso schnell verbreitet hatte, wie in der Welt der Unsterblichen.
„Du hast … eine Seele – damit fällst du … in die Zuständigkeit … der Phalanx … - so lauten die … Vereinbarungen.“ Abrupt blieb Lizzy stehen. „Okay. Schluss. Ich … kann nicht mehr.“ Sie stützte sich mit einer Hand auf ihrem Knie ab, während sie mit der anderen durch die Luft fuchtelte. Grinsend trottete ich zu ihr zurück. Auch meine Leibwächter stoppten und begannen zur Tarnung mit Dehnübungen.
„Zwei… einhalb Runden … gelten schon fast … als drei.“
„Ich bin mir sicher, dass Coach Morton das anders sieht.“
„Ist mir egal“, keuchte meine sporthassende Freundin. „Ich geh jetzt heim. Ich brauch … meinen Schönheitsschlaf, schließlich ist morgen … ein schwerer Tag für dich. Und es ist … meine Pflicht als deine beste … Freundin topfit zu sein, … um dir beistehen … zu können.“
Kein Grund, mich schon jetzt daran zu erinnern.
„Wegen mir können wir den Ausflug gerne ausfallen lassen“, murrte ich.
„Netter Versuch …“ Lizzy klopfte mir auf die Schulter und hinkte Richtung Parkplatz davon. „Denk an den extragroßen Milchkaffee … den ich dir als Belohnung versprochen hab!“, rief sie mir hinterher. Ich verdrehte die Augen. Wenn Lizzy sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnten sie keine zehn Pferde davon abhalten.
Frustriert setzte ich mich wieder in Bewegung. Meine Leibwächter hatten sich ihren Abend bestimmt anders vorgestellt, als von mir zu einem zusätzlichen Lauftraining verdonnert zu werden. Keine Ahnung, wer grade Dienst hatte, aber morgen wusste bestimmt die ganze Einheit von meiner Schlappe.
Die Sonne war inzwischen untergegangen und färbte den Himmel hinter den Bergen in feuriges Orange. Mit einem elektrischen Krachen schaltete sich die Flutlichtanlage ein. Bis ich mit meiner Strafe fertig war, würde es bestimmt stockdunkel sein. Das einzig Gute daran war, dass ich so die perfekte Ausrede hatte, um das Abendessen mit Victorius und meiner Mum zu verpassen.
Ein seltsames Gefühl beschlich mich. Ein Frösteln, als würde der erste Schnee fallen. Trotzdem war mir nicht kalt. Ganz im Gegenteil, denn eine angenehme Wärme prickelte mir auf der Haut. Fast wie … – schnell schob ich die schlechten Erinnerungen wieder in die finstere Ecke, aus der sie gekrochen waren. Seitdem ich erfahren hatte, dass ich acht lange Jahre heimlich überwacht und beschattet worden war, spielte mir mein Verstand manchmal Streiche. Feuer und Schnee. Es war immer Feuer und Schnee – die Energiesignatur eines ganz speziellen Unsterblichen. Aber dieser Unsterbliche war tot und das Schulgelände glich inzwischen eine Hochsicherheitsfestung … Ich beschleunigte meine Schritte, um wieder einen klaren Verstand zu bekommen. Lucians Abreise und das Chaos mit meiner Mum belasteten mich wohl mehr, als ich mir eingestehen wollte.
Abends mochte ich das Lyceum. Nur die Schüler, die in den Internatsgebäuden wohnten, waren noch auf dem Gelände. Und um diese Uhrzeit durften sich lediglich die Älteren noch außerhalb der Wohnheime aufhalten. Die seltene Ruhe und die in goldenes Licht getunkten Steinwände des alten Klosters mit all seinen Erkern, Türmen und Torbögen wirkten...




