Djerassi Chemie im Theater. Killerblumen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-7099-7531-2
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Lesedrama
E-Book, Deutsch, 112 Seiten
ISBN: 978-3-7099-7531-2
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Carl Djerassi, geboren 1923 in Wien, lebte bis zu seinem Tod im Januar 2015 in San Francisco, London und Wien. Aufgewachsen z.T. in Bulgarien, der Heimat seines Vaters, 1938 nach Amerika geflohen, wo er studiert hat und sich als Naturwissenschaftler, später auch als Mäzen und Kunstsammler, einen Namen machte. Für sein berufliches Wirken wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und mit 32 Ehrendoktoraten gewürdigt. Carl Djerassi war u.a. Träger des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland sowie des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst. 2005 erschien eine österreichische Briefmarke mit seinem Porträt. Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen, mehrere populäre Bücher zum Thema, autobiographische Veröffentlichungen, Romane und Theaterstücke. Bei Haymon: 'This Man's Pill'. 'Sex, die Kunst und Unsterblichkeit' (2001), 'Stammesgeheimnisse' (mit den beiden Romanen 'Cantors Dilemma' und 'Das Bourbaki Gambit', 2002), 'Kalkül / Unbefleckt'. Zwei Theaterstücke aus der Welt der Wissenschaft (2003), 'EGO'. Roman und Theaterstück (2004), 'Aufgedeckte Geheimnisse'. Zwei Romane aus der Welt der Wissenschaft: 'Menachems Same' und 'NO' (2005), 'Phallstricke. Tabus'. Zwei Theaterstücke aus den Welten der Naturwissenschaft und der Kunst (2006), 'Vier Juden auf dem Parnass'. Ein Gespräch (mit Fotokunst von Gabriele Seethaler, 2008), 'Vorspiel'. Theaterstück (2011), 'Tagebuch des Grolls. A Diary of Pique 1983-1984' (übersetzt von Sabine Hübner, 2012), 'Chemie im Theater. Killerblumen'. Ein Lesedrama (2012), 'Der Schattensammler'. Die allerletzte Autobiografie. Carl Djerassis Bücher wurden aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner übersetzt.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Killerblumen
Gewidmet
Richard Zare (Stanford University) und
Gérard Liger-Belair (Universität Reims)
Unübertroffene Meister der Bier- und Champagner-Blaseologie
Personen
In der Reihenfolge ihres Erscheinens
Staatsanwalt, möglicherweise nur als Stimme aus dem Off
Jerzy Krzyz, polnischer Chemiker, Ende Dreißig/Anfang Vierzig, der als außerordentlicher Professor im Fachbereich Chemie einer zweitklassigen Universität in die Vereinigten Staaten eingewandert ist und seinen Namen inzwischen rechtskräftig in Jean de la Croix geändert hat
Leo Bramble, mittleren Alters, Leiter des Fachbereichs Chemie
Stefania Nowak, Mitte Dreißig, Polnisch-Amerikanerin der ersten Generation, Chefsekretärin des Fachbereichs Chemie, allgemein Steffy genannt
Erste Szene
Ein Gerichtssaal, absolut dunkel bis auf einen Punktscheinwerfer, der auf den stehenden Angeklagten gerichtet ist. Die Stimme des Staatsanwalts kann ausschließlich aus dem Off kommen.
Staatsanwalt: Meine Damen und Herren Geschworenen. Trotz der offenkundigen Komplexität des vorliegenden Falles ... wie zumindest die Verteidigung behauptet ... lässt sich die Anklage lapidar zusammenfassen.
Croix (vormals Jerzy Krzyz): (laut) Ha!
Staatsanwalt: Euer Ehren, ich bitte darum, den Angeklagten darauf hinzuweisen, dass Kommentare jedweder Art zu unterlassen sind, bis die Staatsanwaltschaft ihr Plädoyer abgeschlossen hat.
Croix (vormals Jerzy Krzyz): Mein Ha war kein Kommentar.
Staatsanwalt: Sondern, wenn ich fragen darf?
Croix (vormals Jerzy Krzyz): Eine Meinungsäußerung.
Staatsanwalt: Verstehe. In diesem Fall darf ich meine Bitte anders formulieren und das hohe Gericht ersuchen, Unterbrechungen jedweder Art zu untersagen. (Abschätziges Schulterzucken des Angeklagten) Um fortzufahren. Zwei Männer sterben im Abstand von 21 Minuten. Beide sind Nichtraucher. Cholesterinspiegel unter 180 ... laut letzter ärztlicher Untersuchung. Keine besonderen gesundheitlichen Probleme. Der eine 47 Jahre alt, der andere 54. Wie hoch ist die statistische Wahrscheinlichkeit, dass zwei offenbar gesunde Männer mittleren Alters nur wenige Minuten nacheinander in ein und demselben Raum an einer Embolie sterben? In den Vereinigten Staaten insgesamt vielleicht eins zu zehn Millionen oder eins zu einer Million? Wer weiß? Oder in diesem Bundesstaat mit seinen nur sechs Millionen Einwohnern? Eins zu 100.000? Ich weiß es nicht und ich werde auch keinen Statistiker zu Rate ziehen, denn wir haben es weder mit dem ganzen Land noch lediglich mit diesem Bundesstaat zu tun. Hier geht es um zwei Männer, beide Professoren an der gleichen Hochschule ... die beide etwa zwei Stunden vor ihrem Tod Champagner getrunken haben. Aber nicht bloß irgendeinen Champagner. Weder Dom Perignon noch Veuve Cliquot ... schließlich handelt es sich um eine Universität und nicht um einen Bankiersclub. Es war auch kein billiger Sekt aus Kalifornien, denn bekanntlich fällt man nicht tot um, wenn man solchen Champagner oder Sekt trinkt, und zwar aus dem einfachen Grund, weil sie sonst längst nicht mehr im Handel wären. Nein ... diese beiden Männer tranken Champagner aus zwei unetikettierten Flaschen. Wie hoch ist wohl die statistische Wahrscheinlichkeit, dass es kein Unfall war? Ich würde sagen, eins zu eins ... allerhöchstens eins zu zwei. (Kurze Pause) Natürlich wurden die Reste in besagten Flaschen von einem Toxikologen analysiert und die beiden Leichen von einem Pathologen sorgfältig obduziert. Das Ergebnis? Nichts! Gar nichts ... außer dass die Todesursache in beiden Fällen eine Embolie war. Also zurück zum Toxikologen. Warum hat er nichts in den Flaschen gefunden? Ich meine, weder Gift noch etwas auch nur entfernt Ähnliches? Und warum hat Dr. Kroy –
Croix (vormals Jerzy Krzyz): (fällt ihm ins Wort) Croix, Euer Ehren! Ich lasse nicht zu, dass mein Name verhunzt wird.
Staatsanwalt: (abfällig) Kroy, Croix ... wie auch immer. Warum wird dieser Mann des zweifachen Mordes beschuldigt? Weil Dr. Kroy –
Croix (vormals Jerzy Krzyz): Croix! (Korrekte französische Aussprache)
Staatsanwalt: Weil Dr. Croix (schlechte französische Aussprache) ein Fachmann für Blasen ist ... zunächst für Bierbläschen, sich dann aber auf Champagner konzentrierte. Auf die Bildung, Form, Geschwindigkeit und Ausdehnung von Blasen ... Ich belasse es dabei, obwohl ich mit Begriffen wie Turbothermodynamik fortfahren könnte –
Croix (vormals Jerzy Krzyz): Oder Turbokinetik!
Staatsanwalt: Euer Ehren! Darf ich abermals darum bitten –
Croix (vormals Jerzy Krzyz): Das war keine Unterbrechung! (Grinst) Ich wollte nur behilflich sein.
Staatsanwalt: Falls ich Ihre Hilfe benötige, werde ich es Sie wissen lassen! (Kurze Pause) Wie ich bereits darlegte, waren die unetikettierten Flaschen mit dem Champagner, der die Professoren Aspinall und Sehlig tötete, nicht leer ... beide waren noch fast halb voll. Leider wurde die verbliebene Flüssigkeit jedoch erst drei Tage nach dem Tod der beiden Männer analysiert, und da die Flaschen unverkorkt herumstanden, war ihr Inhalt absolut schal ... so schal, dass man nicht mehr von Champagner sprechen konnte, sondern nur noch von einer harmlosen Flüssigkeit, die weniger als 12 Prozent Alkohol enthielt, C2H5OH, wie der Chemiker sagt.
Croix (vormals Jerzy Krzyz): Bravo! (Hebt begütigend beide Hände hoch) Verzeihung, ich wollte damit nur meine Bewunderung für Ihr großes chemisches Wissen zum Ausdruck bringen.
Staatsanwalt: In anderen Worten: Nichts von dem, was sich noch in den Flaschen befand, hätte zwei offenbar gesunde Männer töten können, nachdem sie zwei Stunden davor von diesem Schaumwein getrunken hatten. Aber irgendetwas hat diese Männer getötet ... etwas, das sich in den Flaschen befand, als sie entkorkt wurden, das aber zwei Tage später verschwunden war ... sich in Luft aufgelöst hatte. Meine Damen und Herren Geschworenen, ich muss nicht näher erläutern, was in dieser Zeitspanne verschwunden war, sondern möchte nur daran erinnern, dass Dr. Kroy Champagnerbläschen bekanntlich als „Killerblumen“ bezeichnet hat. Ich schlage vor, sie in „Mordblumen“ umzubenennen. Und nun zu Dr. Kroys Motiv ...
Croix (vormals Jerzy Krzyz): Jetzt reicht’s! Ich heiße Jean de la Croix ... Jean (französisch ausgesprochen), nicht Jean (amerikanisch ausgesprochen), denn ich bin keine Frau. Und de la Croix ... nicht Kroy. Croix ... das französische Wort für Kreuz. Im Sinne von ans Kreuz geschlagen werden oder ein Kreuz tragen ... beides Dinge, die ich in diesem jämmerlichen, unkollegialen drittklassigen Fachbereich erlebt und überlebt habe! Zumindest bis jetzt. Aber aufs Kreuz lasse ich mich nicht legen ... schon gar nicht von jemandem, der mich ständig Kroy nennt und meinen Namen malträtiert, als würde Croix auf „oj“ enden.
Staatsanwalt: Oj?
Croix (vormals Jerzy Krzyz): Ja, oj ... wie in oje!
Ende der ersten Szene
Zweite Szene
Büro des Leiters des Fachbereichs Chemie, Leo Bramble, der an seinem Schreibtisch sitzt. Das darauf herrschende Durcheinander aus Computer, Papieren, Büchern usw. lässt eine gewisse Desorganisiertheit erkennen. Außerdem steht dort ein Becher (offensichtlich aus dem Labor) mit verwelkten Blumen. Jerzy Krzyz alias Jean de la Croix stürmt, ohne anzuklopfen, in das Büro, in der einen Hand eine Gingerale-Flasche, in der anderen mehrere große Fotos.
Leo: Was soll das?
Jerzy: Ich muss Sie unbedingt sprechen.
Leo: Haben Sie noch nie etwas von Anklopfen gehört?
Jerzy: Hören Sie –
Leo: Erst hören Sie zu. Das ist doch kein Benehmen. Haben Sie keine Manieren? Ich bin überzeugt, dass man auch in Polen anklopft.
Jerzy: Tut mir leid, aber das ist einfach phantastisch.
Leo: Was ist phantastisch?
Jerzy: Das werden Sie gleich sehen, aber zuerst das Gingerale.
Stellt die Gingerale-Flasche auf den Schreibtisch.
Haben Sie ein Glas?
Leo: Nein. Ich habe so viel zu tun, dass ich gar nicht zum Trinken komme.
Jerzy blickt sich um, sieht den Becher mit den verwelkten Blumen. Er nimmt sie, wirft sie in den Papierkorb und stürmt hinaus mit den Worten:
Jerzy: Bin gleich wieder da.
Leo wirft die Hände in die Luft oder schüttelt den Kopf und macht sich wieder an die Arbeit. Kurz darauf stürmt Jerzy mit dem sauberen Becher herein und stellt ihn auf den Schreibtisch.
Jerzy: So ... der Behälter muss nämlich sauber sein. Das ist absolut entscheidend bei dem, was ich Ihnen zeigen möchte. (Öffnet die Flasche und gießt Gingerale in den Becher, woraufhin eine geringe Menge Bläschen zu sehen...




