Djerassi Phallstricke. Tabus
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7099-7687-6
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zwei Theaterstücke aus den Welten der Naturwissenschaft
E-Book, Deutsch, 197 Seiten
ISBN: 978-3-7099-7687-6
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Carl Djerassi, geboren 1923 in Wien, lebte bis zu seinem Tod im Januar 2015 in San Francisco, London und Wien. Aufgewachsen z.T. in Bulgarien, der Heimat seines Vaters, 1938 nach Amerika geflohen, wo er studiert hat und sich als Naturwissenschaftler, später auch als Mäzen und Kunstsammler, einen Namen machte. Für sein berufliches Wirken wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und mit 32 Ehrendoktoraten gewürdigt. Carl Djerassi war u.a. Träger des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland sowie des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst. 2005 erschien eine österreichische Briefmarke mit seinem Porträt. Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen, mehrere populäre Bücher zum Thema, autobiographische Veröffentlichungen, Romane und Theaterstücke. Bei Haymon: 'This Man's Pill'. 'Sex, die Kunst und Unsterblichkeit' (2001), 'Stammesgeheimnisse' (mit den beiden Romanen 'Cantors Dilemma' und 'Das Bourbaki Gambit', 2002), 'Kalkül / Unbefleckt'. Zwei Theaterstücke aus der Welt der Wissenschaft (2003), 'EGO'. Roman und Theaterstück (2004), 'Aufgedeckte Geheimnisse'. Zwei Romane aus der Welt der Wissenschaft: 'Menachems Same' und 'NO' (2005), 'Phallstricke. Tabus'. Zwei Theaterstücke aus den Welten der Naturwissenschaft und der Kunst (2006), 'Vier Juden auf dem Parnass'. Ein Gespräch (mit Fotokunst von Gabriele Seethaler, 2008), 'Vorspiel'. Theaterstück (2011), 'Tagebuch des Grolls. A Diary of Pique 1983-1984' (übersetzt von Sabine Hübner, 2012), 'Chemie im Theater. Killerblumen'. Ein Lesedrama (2012), 'Der Schattensammler'. Die allerletzte Autobiografie. Carl Djerassis Bücher wurden aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner übersetzt.
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REGINA: Seine Eminenz ist also der Meinung, dass meine Abteilung Ihrer Hilfe bedarf?
EMMA: Der Direktor meinte, mein Renaissance-Hintergrund könnte nützlich sein. Er will nur die Situation retten.
REGINA: Wollen wir das nicht alle?
EMMA: Ich möchte Ihnen wirklich helfen. Aber wenn ich nur im Weg bin …
REGINA: Vergessen Sie es. Auch wenn Sie nur höflich sein wollen, sollte ich meine Verärgerung nicht an Ihnen auslassen. Sondern mir selbst Vorwürfe machen.
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REGINA: Waren Sie jemals verliebt? Ich meine, verliebt. Überzeugt, dass es keinen anderen als ihn gibt... und nie geben wird?
EMMA: Vielleicht nicht ganz so.
REGINA: Natürlich nicht. Dafür sind Sie zu jung. Dann hören Sie mal gut zu. ( Ich lebe seit Jahren mit diesem Jüngling. Aber statt ihn als selbstverständlich zu betrachten … oder schlimmer noch, mich nicht mehr für ihn zu interessieren … übt er auf mich eine ständig wachsende Faszination aus. Wenn ich glaubte, jeden einzelnen Millimeter seines Körpers erforscht zu haben … konnte es passieren … manchmal mitten in der Nacht … dass mir schlagartig ein fehlendes Detail einfiel. Und wissen Sie, welche Art von Details?
EMMA: Nein.
REGINA: Natürlich nicht. Zum Beispiel der Zwischenraum zwischen seiner großen Zehe und der daneben. Ob zwischen dem linken und dem rechten Fuß ein Unterschied besteht. Haben Sie Ihren Finger jemals zwischen die Zehen eines Mannes gleiten lassen?
EMMA: Ich kann mich nicht erinnern … vermutlich nicht.
REGINA: Bestimmt nicht, denn sonst würden Sie sich erinnern. Also. Sie haben ihn ja gesehen. Dann sagen Sie mir, wie groß er ist.
EMMA: Oh … Ich weiß nicht … ein Meter siebzig oder achtzig.
REGINA: Exakt 1,835 Meter! Die Breite seines Kopfes?
EMMA: Keine Ahnung.
REGINA: 20,5 Zentimeter! Die Länge seines Gesichts?
EMMA: Das weiß ich nicht.
REGINA: 18,2 Zentimeter! Der Abstand zwischen Haaransatz und Nase?
EMMA: Bitte nicht!
REGINA: 4,5 Zentimeter! Länge der Nase? 6,2 Zentimeter! Von der Nase bis zum Kinn? 6,5 Zentimeter. Lichte Weite der Augen? 3,5. Augenabstand? Egal. Aber glauben Sie ja nicht, dass ich nur die Maße seines Gesichtes kenne. Schulterbreite? 46 Zentimeter. Abstand zwischen Adamsapfel und Nabel? 41,4 Zentimeter. Abstand zwischen den Brustwarzen? 27,5 Zentimeter. Länge der Schenkel? 57 Zentimeter.
EMMA: Kann ich jetzt gehen?
REGINA: Was haben Sie gesagt?
EMMA: Ich sagte, ob ich gehen kann.
REGINA: Noch nicht. Schon als ich ihn das erste Mal erblickte, fühlte ich mich instinktiv zu ihm hingezogen … wusste intuitiv, dass er ist. Ich glaubte so fest, das richtige Gespür zu haben, dass ich meine eigenen Warnsignale missachtete, sogar den geradezu tadellosen Zustand der Patina. Sie haben vermutlich keine Ahnung, wovon ich spreche, stimmt’s?
EMMA: Nicht direkt.
REGINA: Kunsthistoriker erwerben eine ausgeprägte geistige Auffassungsgabe, die im Unterbewusstsein wirkt. Wir verfügen über die Fähigkeit, Unmengen von Informationen zu sichten, Daten abzugleichen, entscheidende Details zu erkennen und erstaunlich schnell zu Schlussfolgerungen zu gelangen, und das schon wenige Sekunden nach dem ersten Blick auf ein Werk. Ich weiß, das klingt dünkelhaft. Bernard Berenson zählte dazu. Natürlich entwickelt man diesen visuellen Scharfsinn nur durch jahrelange eingehende Beschäftigung mit Kunstwerken … Aber es gibt ein Problem, wenn man sich auf sein Gespür verlässt.
EMMA: Es kann in die Irre führen.
REGINA: Genau! Und nun werde ich einen Weg finden müssen, um meinen Fehler zu korrigieren, ohne diesen Chemikern die Genugtuung zu lassen, alles allein herausgefunden zu haben.
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REX: Wissen Sie, was diese Frau gesagt hat? Zu mir zu gewagt hat? „Eure wissenschaftlichen Vorstellungen legen uns Künstlern nur Fesseln an … Nein danke, ohne mich!“
OTTO: Das stammt von Paul Klee.
REX: Woher in aller Welt wissen Sie das?
OTTO: Ach … von einer Kunst … einer Freundin.
REX: Wir werden unseren Bericht umschreiben.
OTTO: Warum? Dazu besteht kein Grund. An unseren Ergebnissen ist nicht zu rütteln. Erstens die energiedispersive Röntgen-Mikroanalyse, die einen Nickelanteil nachweist, der für eine römische Bronze viel zu hoch ist. Zweitens die Thermolumineszenz-Werte. Drittens die Computertomographie …
REX: Vergessen Sie die wissenschaftlichen Feinheiten!
OTTO: Wie bitte?
REX: Das war einmal … als ich noch kollegial sein wollte. Als ich noch bereit war, etwas gemeinsam mit der Dame zu publizieren, um sie in der Öffentlichkeit nicht bloßzustellen. Aber nach diesem Schwall von Beleidigungen ist Kollegialität das Letzte, woran mir liegt. Jetzt herrscht Krieg! Wir werden die wissenschaftlichen Beweise nicht unter den Tisch fallen lassen … wir werden sie nur herunterspielen. Ich möchte, dass jeder, der den Artikel liest, auf Anhieb merkt, dass es keiner raffinierten wissenschaftlichen Methoden bedurfte, um zu beweisen, wie sehr sich die Herrschaften geirrt haben. Gesunder Menschenverstand – unbeleckt von diesem ganzen Kunsthistorikerscheiß …
OTTO: Das wollen Sie doch nicht etwa in den Bericht schreiben!
REX: Das würde ich nur zu gerne … Aber weil das niemand drucken würde, werden wir ihn so abfassen, dass jeder Leser trotzdem genau weiß, was gemeint ist.
OTTO: So wütend habe ich Sie ja noch nie erlebt.
REX: Es gibt für alles ein erstes Mal.
REGINA: Warum? Warum habe ich das übersehen? Sie müssen mein Gerede von einem Loch für verrückt halten.
EMMA: Welches Loch? Ach so … Sie meinen das Loch oben an seinem Kopf.
REGINA: Für mich war es nur hässlich … obwohl es ziemlich gut kaschiert und zugestopft ist.
EMMA: Ich nahm an, dass es aus technischen Gründen vorhanden ist, nicht aus ästhetischen.
REGINA: Für mich war er vollkommen. Ich wollte mich nicht mit seinem einzigen Makel befassen. Aber selbst in meinen schlimmsten Albträumen wäre mir nie der Gedanke gekommen, dass diese elende Öffnung der entscheidende Makel ist … und dass ich das selbst hätte erkennen müssen. Aber genug der Selbstgeißelung. Morgen muss ich einen Vortrag vor dem Förderkreis unseres Museums halten und darf nichts von Problemen anklingen lassen. Aber danach müssen wir sofort unser weiteres Vorgehen planen. Es muss einen Ausweg geben.
REX: Wir werden mit dem Loch anfangen.
OTTO: Warum gerade damit?
REX: Ich dachte, das würde Sie freuen. Sie waren doch der Erste, der seine Nase hineingesteckt hat. Ich war zu sehr damit beschäftigt, mich auf die Bronze zu konzentrieren. Darauf beruht schließlich die Reputation meines Labors. Bronze zu analysieren … zu konservieren …
OTTO: Und zu fälschen … und zwar perfekt.
REX: Vorsicht, junger Mann! Ich habe nur gesagt, dass wir, aufgrund unserer Erfahrung im Analysieren von Bronze, jede Bronze...




