Djerassi Vorspiel
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7099-7503-9
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Theaterstück
E-Book, Deutsch, 104 Seiten
ISBN: 978-3-7099-7503-9
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Carl Djerassi, geboren 1923 in Wien, lebte bis zu seinem Tod im Januar 2015 in San Francisco, London und Wien. Aufgewachsen z.T. in Bulgarien, der Heimat seines Vaters, 1938 nach Amerika geflohen, wo er studiert hat und sich als Naturwissenschaftler, später auch als Mäzen und Kunstsammler, einen Namen machte. Für sein berufliches Wirken wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und mit 32 Ehrendoktoraten gewürdigt. Carl Djerassi war u.a. Träger des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland sowie des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst. 2005 erschien eine österreichische Briefmarke mit seinem Porträt. Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen, mehrere populäre Bücher zum Thema, autobiographische Veröffentlichungen, Romane und Theaterstücke. Bei Haymon: 'This Man's Pill'. 'Sex, die Kunst und Unsterblichkeit' (2001), 'Stammesgeheimnisse' (mit den beiden Romanen 'Cantors Dilemma' und 'Das Bourbaki Gambit', 2002), 'Kalkül / Unbefleckt'. Zwei Theaterstücke aus der Welt der Wissenschaft (2003), 'EGO'. Roman und Theaterstück (2004), 'Aufgedeckte Geheimnisse'. Zwei Romane aus der Welt der Wissenschaft: 'Menachems Same' und 'NO' (2005), 'Phallstricke. Tabus'. Zwei Theaterstücke aus den Welten der Naturwissenschaft und der Kunst (2006), 'Vier Juden auf dem Parnass'. Ein Gespräch (mit Fotokunst von Gabriele Seethaler, 2008), 'Vorspiel'. Theaterstück (2011), 'Tagebuch des Grolls. A Diary of Pique 1983-1984' (übersetzt von Sabine Hübner, 2012), 'Chemie im Theater. Killerblumen'. Ein Lesedrama (2012), 'Der Schattensammler'. Die allerletzte Autobiografie. Carl Djerassis Bücher wurden aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner übersetzt.
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Zweite Szene
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ARENDT: Kommen Sie rein. Offen gesagt war ich nicht sicher, ob Sie kommen würden, bis ich die Klingel hörte.
ADORNO: Gretel hat mir jedenfalls davon abgeraten.
ARENDT: Das überrascht mich nicht. Und wie geht es Ihrer Frau?
ADORNO: Sie wird nur sehr langsam älter und das mit großer Würde.
ARENDT: Beneidenswert. Und Sie selbst?
ADORNO: Ich werde weniger langsam älter und das ohne jede Würde. Warum sehen Sie mich so an?
ARENDT: Wie denn?
ADORNO: Das eine Auge zugekniffen. Wie ein Jäger, der sein Ziel anvisiert.
ARENDT: Hat Sie noch nie jemand angeblinzelt?
ADORNO: Das war kein normales Blinzeln.
ARENDT: Schieben Sie es auf den Zigarettenrauch. Aber vielleicht haben Sie Recht. Zwischen uns war ja nie etwas normal. Warum sollte es da ein Blinzeln sein.
ADORNO: Hätten Sie abgedrückt?
ARENDT: Wenn ich eine Waffe auf Sie gerichtet hätte? Ja ... ich hätte Sie mehr als einmal umbringen können. Aber nicht heute.
ADORNO: Könnten Sie das näher erläutern?
ARENDT: Aber gern. Weil ich Sie im Moment brauche.
ADORNO: Meine Frage bezog sich auf die Vergangenheit. Warum hätten Sie damals abgedrückt?
ARENDT: Weil Sie Günthers Chancen ruiniert haben.
ADORNO: Das ist über 30 Jahre her.
ARENDT: An manche Ereignisse erinnert man sich genauer, je näher es dem Ende zu geht.
ADORNO: Im Übrigen habe ich die Chancen Ihres Mannes nicht ruiniert ... ich wollte sie verbessern.
ARENDT: Ha! Indem Sie seine Habilitationsschrift sabotierten?
ADORNO: Indem ich sie verzögerte.
ARENDT: Nur weil seine musikwissenschaftliche Dissertation nicht marxistisch genug war? Und weil er Brecht bewunderte?
ADORNO: Weil er da oben nicht marxistisch genug war! Brechts Marxismus begann und endete hier ... oder vielleicht noch weiter unten. Und natürlich wegen der Begeisterung Ihres Mannes für Heideggers Philosophie. Ziemlich erstaunlich in Anbetracht Ihrer außeruniversitären Intimität mit Ihrem Professor ... oder wusste Ihr Mann etwa nichts von dieser Liaison? Aber das ist alles Jahrzehnte her, Hannah.
ARENDT: Behandeln Sie mich nicht so herablassend! Wir haben uns nie mit Vornamen angeredet ... und jetzt ist es dafür zu spät.
ADORNO: In diesem Fall, Frau Dr. Arendt, gestatten Sie mir, Sie darüber aufzuklären, dass zwischen Ihrem Mann und mir dreißig Jahre später – genau gesagt 1963 in Wien – eine sehr offene Aussprache über die damaligen Ereignisse stattfand. Und als ich meine frühere Kritik an seinen musikwissenschaftlichen Kontemplationen erneuerte –
ARENDT: Sie nennen seine philosophische Forschung „Kontemplationen“?
ADORNO: Ich wollte nur höflich sein. Wissen Sie, was Ihr Mann darauf antwortete? „Mit dem Paragraph über meine Habilitationsschrift bin ich 100% d’accord.“ In meinem Vokabular heißt „100 % d’accord“ genau das! Er gibt inzwischen also zu, dass ich hundertprozentig Recht hatte, während Sie noch immer vor Wut schäumen.
ARENDT: Ha!
ADORNO: Was heißt hier „ha“? Wissen Sie, was er mir außerdem schrieb? „Dass ich heute Ihre absolute Überlegenheit in Sachen Musikphilosophie gerne zugestehe, brauche ich kaum ausdrücklich zu machen.“ In anderen Worten: Er und ich legten unseren Streit bei und pflegten danach wieder einen zivilisierten Umgang miteinander, während Sie weiter darauf herumhacken –
ARENDT: Warten Sie! Günther mag zwar mein Exmann sein, aber wir stehen bis zum heutigen Tag auf freundschaftlichem Fuß. Ich weiß Bescheid über diesen Briefwechsel zwischen Ihnen beiden ... er nannte es „einmal die hot potatoes ausgraben“ ... und ich kenne seine köstliche Beschreibung Ihres professoralen Stils. Hier ein paar Kostproben, geschrieben am 27. August 1963 und nicht 30 Jahre früher: „Was mir die Beziehung zu Ihnen unmöglich machte, war der Eindruck von Terrorismus. Trotz Ihrer betonten Höflichkeit und trotz Ihres betont bürgerlichen Auftretens, im Gespräch konnte man sich physisch cornered fühlen, und in der Tat kam es vor, dass sich der Gesprächspartner, langsam zurücktretend, verblüfft in einer Zimmerecke, wie in einer Mausefalle, vorfand.“
ADORNO: Das ist lange her. Vielleicht hatte er eine Magenverstimmung.
ARENDT: Ich habe nicht den Eindruck, dass sich Ihr Verhalten auch nur Jota geändert hätte, und ich versichere Ihnen, dass mit Magen alles in Ordnung ist. Oder hören Sie sich das an: „Es ist mir unbegreiflich, wie es möglich ist, auf der einen Seite als philosophischer Autor im prägnantesten Sinne ein Avantgardist zu sein; auf der anderen Seite aber eine offizielle Stellung als Professor zu bekleiden, und sich von denjenigen, denen man durch das, was man schreibt, die Achtung versagt, ehren zu lassen. Mir scheint, man kann nicht als ein Professor Nietzsche leben oder als ein surrealistischer Geheimrat. Etwas von dieser Kreuzung haben Sie.“
ADORNO: Ich habe auf seine Kritik an dem, was der Titel und die Stellung eines Professors für mich bedeuteten, geantwortet und dachte, er hätte es akzeptiert.
ARENDT: Diese Illusion muss ich Ihnen leider rauben. Das hier stammt aus Notizen, die er mir über ein Treffen mit Ihnen in Wien schickte, das erst vor zwei Jahren stattfand, und in denen es um Ihre Reaktion auf seine köstliche Beschreibung Ihrer Person als eine Kombination aus Professor Nietzsche und surrealistischem Geheimrat geht. Hören Sie gut zu: „Die Antwort, which he volunteered, unbeschränkte Freiheit zu garantieren, nehme er die offizielle akademische Position ein – was eine direkte Umdrehung meiner Frage darstellte, die ich unterstellt hatte, dass man als Ordinarius und Institutdirektor, der er ist, diejenigen Dinge, die heute gesagt werden müssen, nicht in voller Freiheit aussagen könnte. Plötzlich war Adorno völlig unsoziologisch, er, der sein Lebtag die soziologischen Ingredienzien jeder Theorie, selbst jedes Kunstwerks, herausgekratzt hatte.“
ADORNO: Genug davon! Falls Sie wegen Ihres früheren Ehemannes abdrücken wollten, dann sagen Sie es frei heraus, ohne hier zweifellos aus dem Zusammenhang gerissene Zitate aus seinen Briefen anzuführen.
ARENDT: Moment, ich bin noch nicht fertig. Hier ist sein Resümee, das den Nagel auf den Kopf trifft. „Adornos Benehmen: schwer erträgliche Kombination von äußerlicher Höflichkeit und absoluter unverschämter Verachtung des Gesprächspartners: denn wenn man an ihm spricht, schaut er einen nicht nur nicht an, vielmehr wandert sein Kopf pausenlos von rechts zu links und von links zu rechts, in Angst und Gier, um zu sehen, ob er gesehen wäre und ob ein schönes Mädchen zu sehen sei. Die Eitelkeit glaubhaft, die Geilheit nicht.“
ADORNO: Noch weitere Gründe, warum Sie mich töten wollten?
ARENDT: Ich wollte Sie nicht bloß töten ... ich wollte Sie kaltblütig ermorden.
ADORNO: Ein subtiler Unterschied, wenn man bedenkt, dass das Opfer in beiden Fällen nicht überlebt.
ARENDT: Ah ... aber was ist mit dem Motiv? Töten kann unbeabsichtigt sein ... sogar gnädig. Mord ist immer vorsätzlich.
ADORNO: Da ich mich immer für das Motiv interessiere, würde ich gerne mehr über diese anderen Mordabsichten erfahren.
ARENDT: Wie wäre es mit 1941? Mein Mann Heinrich...




