E-Book, Deutsch, 264 Seiten
Dömkes Pub der toten Dichter
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95441-335-5
Verlag: KBV Verlags- & Medien GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 264 Seiten
ISBN: 978-3-95441-335-5
Verlag: KBV Verlags- & Medien GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dömkes Ulrike, geb. in St. Tönis, wohnt in Wachtendonk. Sie absolvierte das Studium Textil-Design mit Diplomabschluss an der FH Niederrhein und eröffnete 1994 eine Buch- und Weinhandlung in Wachtendonk. 1998 besuchte sie die Wein- und Sommelierschule Koblenz und machte dort den Abschluss als Weinfachberaterin. Im Jahr 2000 verbrachte sie einen längeren Arbeitsaufenthalt im Weingut Aldo Vajra im Piemont und ist seit 2008 schriftstellerisch tätig. Ihre profunden Weinkenntnisse und ihr erzählerisches Talent fließen in ihre unterhaltsamen Weinkrimis ein. Bisher erschien im KBV-Verlag 2014 ihr Kriminalroman 'Chablis', dann 2015 'Roter Riesling'. Im Herbst 2016 wird 'Der Pub der toten Dichter' folgen.
Autoren/Hrsg.
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4. Kapitel
Jetzt wartet sie schon eine halbe Stunde!« Gianna sah zu der zierlichen Frau mit dem elegant verstrubbelten Haarschnitt hinüber, die zusehends ungeduldig wurde.
»Die würde ich nicht versetzen«, meinte Boris. »Außer mit einem triftigen Grund.«
»Sie scheint der gleichen Meinung zu sein.« Die Frau sah auf die Uhr, trank ihren Aperitif aus und winkte dem Kellner. Der schüttelte den Kopf, dann nickte er und verschwand. Die Frau begann, mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln.
Boris widmete sich wieder seinem Teller. »Steak and Kidney Pie kann so köstlich sein.« Er kaute genussvoll und trank einen Schluck des hauseigenen Chardonnays. »Und der hier«, er hielt das Glas hoch. »Kann sich durchaus mit seinen Burgunder-Brüdern messen.«
»Ja, finde ich auch.« Gianna wirkte etwas unkonzentriert. Durch die Tür des Restaurants beobachtete sie Jasmin, die aufgeregt mit dem Kellner in der Halle flüsterte. Gianna wollte gerade etwas sagen, da stieß der Kellner einen kleinen Laut aus und lief zum Telefon an der Rezeption. Sie sah ihn gestikulieren. »Die benehmen sich komisch, Boris.«
Boris beugte sich zur Seite, um den gleichen Blickwinkel wie Gianna zu haben. Lord Astilon betrat das Foyer durch seine Bürotür, sprach mit Jasmin und ging mit ihr fort. Der Kellner wischte mit der Hand über seine Stirn und rang sichtlich um Fassung. Er kam zurück ins Restaurant und beugte sich zu der trommelnden Dame. Sie sah ihn an, griff zu ihrer Tasche und folgte ihm.
»Da ist etwas im Gange.« Boris fischte nach einem Stück zarter Niere. »Wahrscheinlich eine Nachricht von der verschollenen Verabredung.«
Der Kellner kam alleine zurück und flüsterte mit seinem Kollegen, dann drehte er sich um und schloss die Restauranttür. Der Blick in die Halle war jetzt versperrt.
»Wie heißt unser Kellner wieder?«, fragte Gianna.
»Jeff.«
Gianna gab Jeff ein Zeichen. Er eilte zu ihrem Tisch. »Madam?«
»Es ist ein wenig stickig, Jeff. Sind Sie so nett und öffnen die Tür wieder?«
»I’m so sorry, madam. Es ist ein frischer Wind aufgekommen, den Herrschaften an Tisch sieben zieht es sehr. Die alten Gemäuer«, schloss er mit bedauerndem Kopfschütteln.
»Natürlich, Jeff, wir wollen ja nicht, dass sie eine Lungenentzündung bekommen.« Gianna lächelte mit einem Blick auf die zwei drahtigen, alten Herren, die sich eine Roastbeef-Platte schmecken ließen – mit einem Bordeaux, wenn sie nicht alles täuschte.
Jeff trat einen Schritt beiseite, verbeugte sich leicht und zog sich an die Anrichte zurück. Er wirkte gefasst, wenn auch etwas verstört.
»The show must go on«, murmelte Gianna.
»Seh ich genauso, auch wenn ich nicht weiß, warum«, erwiderte Boris.
Als Gianna und Boris später die Halle durchquerten, hörten sie aus den hinteren Räumen Stimmen und Geschäftigkeit. Lord Astilon trat aus dem Gang, der zum Spa-Bereich führte. Er war bleich, seine Haltung wirkte gezwungen. Er trug eine alte Jeans und einen Pullover, das Gleiche wie immer, nur was sonst lässig an ihm wirkte, hing jetzt wie zufällig an seiner Gestalt. Er bemerkte Boris, schien kurz zu überlegen kam auf ihn zu.
»Mr. de Beers. Es gab einen Unglücksfall. Also im Spa, verzeihen Sie, ich bin etwas durcheinander. Also ein Herzinfarkt, ein Freund von mir, ja. In solchen Fällen rufen wir die Polizei, man kann nicht vorsichtig genug sein. Tragisch, aber so was kommt vor, ja, leider. Ich muss die Gäste informieren, sonst kommen sie auf falsche Gedanken, wenn sie die Polizei sehen. Das wäre fatal, ja. Ich möchte Sie bitten, nicht sofort Ihre Redaktion in Kenntnis zu setzen.« Die Aufregung hatte seine Ausdrucksweise verschraubt. Eine lange Rede für eine einfache Bitte, fand er. Boris’ Neugierde war jetzt erst recht geweckt.
»Ein tödlicher Infarkt, wenn ich Sie recht verstehe?«
Der Lord nickte unglücklich.
»Das tut mir sehr leid. Keine Sorge, Lord Astilon, ich arbeite nur für Gourmetmagazine. Können wir irgendwie helfen?«
»Nein, danke. Genießen Sie den Abend.« Er hob die Hand und eilte ins Restaurant.
Vor den Fenstern hielt ein Polizeiwagen, die Gäste reckten die Köpfe. Der Lord kam gerade rechtzeitig.
»Er wirkt nervös.« Boris sah ihm nach.
»Wenn du in deinem Hotel einen Toten hättest, wärst du das auch.«
»Sicher, aber gleich die Polizei?«
»Du kennst doch diese ganzen überzogenen Schadensersatzklagen. Er will sich absichern, kann ich verstehen. Und unsere versetzte Dame hat bestimmt damit zu tun.«
»Hm, sieht so aus.« Boris zog Gianna zur Tür. »Lass uns noch ein Stück spazieren.«
Der Juliabend war warm und hell, ein Polizeiwagen hatte vor dem Haus geparkt, drei weitere Wagen fuhren gerade die schmale Zufahrt entlang.
»Ziemlich viel Aufwand für einen Herzinfarkt«, bemerkte Gianna.
»Das war bestimmt kein Herzinfarkt.« Boris dachte an frühere Tatorte. Das Gewusel, die zielgerichtete Geschäftigkeit – das waren Erinnerungen an Erlebnisse, auf die er auch hätte verzichten können.
Aus den Autos ergoss sich die Spurensicherung mit Koffern und Kameras. Die Männer eilten mit ernsten Gesichtern in die Halle, zwei uniformierte Beamte folgten. Einer fragte, wohin sie gingen und bat sie, später in der Halle zu warten.
Boris und Gianna gingen an ihnen vorbei den Weinbergspfad entlang. Gianna war still geworden, sie hatte sich an Boris’ Arm gehängt und lief gedankenverloren neben ihm her. Er hatte diese Stimmung schon mehrfach bei ihr erlebt. Immer wenn sie nachdachte, schien sie in ihrer eigenen Welt zu versinken. In Chablis, wo sie wohnte und wo er einige Zeit verbracht hatte, war ihm das nie aufgefallen. Darauf angesprochen antwortete sie, dass sie gewöhnt sei, allein zu leben und ihre Gedanken mit ihren Schweinen zu teilen. Sie züchtete eine Handvoll Duroc-Schweine und produzierte luftgetrocknete Schinken.
Boris blieb stehen und fuchtelte vor ihren Augen herum: »Hallo, sprich mit mir, lass mich dein Schwein sein.« Er grunzte und vergrub seine Nase an ihrem Hals, bis sie kicherte.
»Du willst bestimmt wieder herumstochern!?«
Boris antwortete nicht sofort. Sie kannten sich noch nicht gut genug, dass er einschätzen konnte, wie sie diese Frage meinte. Er wollte um nichts die Stimmung dieser Tage verderben – andererseits, wenn er nicht ehrlich sein konnte, war es gut, dies jetzt schon zu merken. »Ja, ich bin neugierig. Journalistenkrankheit.«
»Eher Voraussetzung, würde ich sagen. Wie gehen wir vor?« Gianna sah ihn an und grinste. Ihre lange Nase bewegte sich dabei ein wenig nach unten. Sie fand das furchtbar, Boris liebte es.
Er küsste sie mitten drauf. »Bis jetzt ist noch gar nichts passiert. Und was heißt hier ›wir‹?«
»Na, ich bin doch wohl auch hier. Also komm, wir gehen zurück, vielleicht erfahren wir etwas Neues.« Sie zog ihn am Ärmel in Richtung Hotel. Die Eingangstür stand auf, ein paar Gestalten liefen hin und her. An den Fenstern standen Gäste.
Boris hielt Gianna zurück. »Hat dir das Abenteuer in Lille nicht gereicht?«
»Soll ich dir etwas sagen? Ich hatte manchmal Angst, aber es war so spannend, es kribbelte. Ich konnte auf einmal Pero verstehen, auch wenn der natürlich auf der falschen Seite steht«, fügte sie hinzu.
Boris überkam ein flaues Gefühl, wie immer, wenn er an Paolo Pero dachte, den charmanten Betrüger, für den Gianna gearbeitet hatte – undercover, im Auftrag der Polizei. »Wo steckt der eigentlich?«, fragte er sie.
»Wieder in Parma, zu Hause.« Sie schien ganz selbstverständlich über seinen Aufenthalt informiert zu sein.
»Gut so!«
Gianna brach in Gelächter aus. »Sei froh, dass ich dich nicht ernst nehme.«
Boris wusste nicht, was er davon halten sollte. Im Allgemeinen neigte er nicht zur Eifersucht, bei Pero jedoch machte er eine Ausnahme.
Der Leichenwagen, den sie heranfahren sahen, bot die Gelegenheit, das Thema zu wechseln. »Er biegt ab, zum Hintereingang. Da sehen ihn die Gäste nicht.«
Sie schlenderten zum Haus zurück, Lord Astilon stand auf dem Vorplatz und winkte sie heran. »Der Inspector möchte Sie sprechen.«
Im Frühstücksraum saß ein uniformierter Beamter und nahm die Aussagen der Gäste auf. An der hinteren Wand lehnte ein missgelaunter Mann, der ein Buch hielt, dessen Seiten er immer wieder durch die Finger der linken Hand ratschen ließ. Ein ungeduldiges Geräusch, das zur Miene des Mannes passte. Er stieß sich von der Wand ab, kam ein paar Schritte näher und hielt Boris das Buch vor die...




