E-Book, Deutsch, 132 Seiten
Dostojewski Novellen, Band 1
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1716-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 132 Seiten
ISBN: 978-3-8496-1716-5
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieser Band enthält die folgenden Novellen des bedeutenden russischen Schriftstellers: Weiße Nächte Ein schwaches Herz Christbaum und Hochzeit
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"Die eine Hälfte meiner Geschichte kennen Sie bereits: nämlich, daß ich eine alte Großmutter habe ..."
"Wenn auch die andere Hälfte ebenso kurz ist wie diese," unterbrach ich sie lachend.
"Schweigen Sie und hören Sie zu. Doch zuvor eine Bedingung: Sie dürfen mich nicht unterbrechen, sonst komme ich aus dem Konzept. Hören Sie also ruhig zu.
Ich habe eine alte Großmutter. Ich kam zu ihr schon als kleines Kind, denn ich habe beide Eltern früh verloren. Ich glaube, daß Großmutter früher einmal reicher war, denn sie gedenkt noch jetzt öfters besserer Tage. Die gleiche Großmutter hat mich Französisch gelehrt und mir später einen Lehrer genommen. Als ich fünfzehn Jahre alt war (und jetzt bin ich siebzehn), nahm der Unterricht ein Ende. Um jene Zeit stellte ich auch einen Streich an; was es für ein Streich war, will ich Ihnen nicht sagen; es soll Ihnen genügen, wenn ich sage, daß es nichts Schlimmes war. Nun rief mich Großmutter eines Morgens zu sich und sagte, daß sie, da sie blind sei, auf mich nicht aufpassen könne; und sie nahm eine Nadel, heftete mein Kleid an das ihrige an und sagte, daß wir nun unser Leben lang so nebeneinander sitzen würden, vorausgesetzt, daß ich mich nicht besserte. Mit einem Worte, ich konnte in der ersten Zeit wirklich nicht von Großmutters Seite weichen: arbeiten, lesen, lernen, alles mußte ich in diesem Zustande. Einmal versuchte ich, Großmutter anzuführen, und überredete Fjokla, sich auf meinen Platz zu setzen. Fjokla ist unsere Dienstmagd; sie ist fast taub. Fjokla setzte sich also an meine Stelle; Großmutter war gerade in ihrem Lehnsessel eingeschlummert, und ich ging eine Freundin besuchen. Die Sache endete aber schlecht. In meiner Abwesenheit wachte Großmutter auf und fragte mich irgend etwas, denn sie glaubte natürlich, daß ich noch neben ihr sitze. Fjokla sah, daß Großmutter etwas fragte, konnte aber nichts hören; sie überlegte sich eine Weile, was sie tun sollte, nahm schließlich die Stecknadel heraus und lief davon ..."
Nastenka machte hier eine Pause und begann zu lachen. Auch ich mußte lachen. Dann hörte sie aber gleich auf.
"Hören Sie, Sie sollen über meine Großmutter nicht lachen. Ich lache nur, weil es so komisch war ... Was soll ich machen, wenn Großmutter einmal so ist; ein wenig liebe ich sie aber trotzdem. Nun, ich wurde von ihr tüchtig ausgeschimpft, mußte mich wieder auf meinen Platz setzen und konnte mich seitdem wirklich nicht mehr rühren.
Ich vergaß Ihnen zu sagen, daß wir, das heißt Großmutter ein eigenes Haus hat, vielmehr ein Häuschen, mit nur drei Fenstern; es ist ganz aus Holz und ebenso alt wie die Großmutter. Und oben ist noch eine Mansarde. In diese Mansarde zog also ein neuer Zimmerherr ein ..."
"Folglich hat es auch einen alten Zimmerherrn gegeben?" bemerkte ich so nebenbei.
"Gewiß hat es einen gegeben," antwortete Nastenka, "und der verstand besser zu schweigen als Sie. Er konnte allerdings kaum die Zunge bewegen. Es war ein ausgetrocknetes, stummes, blindes und lahmes altes Männchen, so alt, daß es schließlich nicht mehr leben konnte und sterben mußte. Also mußten wir einen neuen Zimmerherrn haben: ohne einen Mieter können wir nämlich nicht auskommen, denn die Miete ist neben Großmutters Pension unser ganzes Einkommen. Der neue Zimmerherr war ausgerechnet ein junger Mann, ein Fremder, aus der Provinz zugereist. Da er keinen Versuch machte, von der Miete etwas abzuhandeln, nahm ihn Großmutter auf. Doch später fragte sie mich: ›Sag einmal, Nastenka, ist der neue Zimmerherr jung oder alt?‹ Ich wollte nicht lügen und sagte: ›Man kann nicht sagen, daß er sehr jung sei, er ist aber auch nicht sehr alt.‹
›Nun, ist er von angenehmem Äußern?‹ fragte Großmutter weiter.
Ich wollte wieder nicht lügen und antwortete: ›Ja, von recht angenehmem Äußern, Großmutter!‹ Großmutter sagte darauf: ›Das ist eine Strafe Gottes! Ich sage das, mein Enkelkind, nicht damit du dich in ihn verguckst! Ja, diese neuen Zeiten! Ein so kleiner, bescheidener Mieter und hat dabei ein angenehmes Äußeres! Das war in der alten Zeit anders!‹
Großmutter spricht nämlich bei jeder Gelegenheit von der guten alten Zeit! Sie behauptet, sie sei in der alten Zeit jünger gewesen, und die Sonne hätte wärmer geschienen, und der Rahm wäre nicht so schnell sauer geworden – alles in der guten alten Zeit! Ich höre zu, schweige und denke mir: Warum bringt mich Großmutter selbst auf solche Gedanken, wenn sie mich fragt, ob der neue Zimmerherr hübsch sei? Das ging mir nur so flüchtig durch den Kopf, und gleich darauf begann ich wieder die Maschen zu zählen und zu stricken, und vergaß diesen Vorfall ganz.
Eines Morgens kommt der Zimmerherr zu uns herunter, um nach der Tapete zu fragen, die man ihm für sein Zimmer versprochen hatte: Ein Wort gibt das andere: Großmutter spricht gern etwas viel. Auf einmal sagte sie mir: ›Geh mal, Nastenka, hinüber in mein Schlafzimmer und hole das Rechenbrett.‹ Ich sprang gleich auf, errötete, ich weiß nicht weshalb, und vergaß dabei ganz, daß ich angeheftet war. Statt die Stecknadel vorsichtig abzustecken, daß es der Zimmerherr nicht sähe, riß ich so, daß der Sessel mit der Großmutter ins Rollen kam. Als ich sah, daß der Mieter alles bemerkt hatte, wurde ich noch röter, blieb wie angewurzelt stehen und brach plötzlich in Tränen aus; so sehr schämte ich mich, und so bitter war es mir, daß ich am liebsten in die Erde versunken wäre. Großmutter sagte aber: ›Was stehst du so da?‹ Und ich weinte noch mehr. Wie der Zimmerherr sah, daß ich mich vor ihm schämte, verabschiedete er sich und ging gleich fort!
Seit jener Zeit stand mir bei jedem Geräusch im Flur das Herz still; ich dachte mir gleich: Da kommt er! und steckte für jeden Fall heimlich die Nadel ab. Doch es war jedesmal wer anderer: der Zimmerherr ließ sich gar nicht blicken. So vergingen zwei Wochen. Eines Tages läßt er uns durch Fjokla sagen, daß er viele französische Romane habe, lauter gute, lesenswerte Bücher; ob Großmutter sie sich nicht von mir vorlesen lassen möchte, um sich die Zeit zu vertreiben? Großmutter nahm das Anerbieten mit Dank an, erkundigte sich aber einigemal, ob es moralische Bücher seien. ›Denn es gibt,‹ sagte sie, ›auch unmoralische Bücher, die du, Nastenka, nicht lesen darfst, denn du könntest aus ihnen nur Schlechtes lernen!‹
›Was könnte ich denn daraus lernen? Was steht in solchen Büchern?‹
›In solchen Büchern wird beschrieben, wie junge Männer gesittete Mädchen verführen, wie sie sie unter dem Vorwande, sie heiraten zu wollen, aus dem Elternhause entführen und sie dann in ihrem Unglück sitzen lassen, und wie dann diese Mädchen elend zugrundegehen. Ich habe viele solche Bücher gelesen,‹ sagte die Großmutter, ›und es ist darin alles so schön geschildert, daß man sich gar nicht losreißen kann und zuweilen heimlich eine ganze Nacht durchliest. Also ich bitte dich, Nastenka, lies solche Bücher nicht! Was für Bücher hat er übrigens geschickt?‹
›Es sind lauter Romane von Walter Scott, Großmutter!‹
›So, von Walter Scott! Ob aber nicht irgend etwas dahinter steckt?! Schau mal nach, Nastenka, ob er nicht irgendeinen Liebesbrief hineingelegt hat!‹
›Nein, Großmutter!‹ sage ich, ›da liegt kein Brief drin.‹
›Schau auch unter dem Einbande nach! Sie pflegen manchmal ihre Liebesbriefe unter dem Einbanddeckel zu verstecken, die Spitzbuben!‹
›Nein, Großmutter, auch unter dem Einband steckt nichts!‹
›Also paß auf!‹
So begannen wir den Walter Scott zu lesen und waren in einem Monat mit der Hälfte der Bände fertig. Dann schickte er noch andere Bücher, auch Puschkin war dabei. So daß ich schließlich ohne Bücher gar nicht mehr leben konnte und sogar meinen Traum, wie ich den chinesischen Prinzen heirate, gänzlich vergaß.
So stand die Sache, als ich einmal unsern Mieter ganz zufällig auf der Treppe traf. Großmutter hatte mich etwas kaufen geschickt. Er blieb stehen, ich errötete, und auch er errötete; schließlich lachte er, sagte mir guten Tag, erkundigte sich nach Großmutters Befinden und fragte: ›Nun, haben Sie die Bücher gelesen?‹ Ich antwortete: ›Ja, wir haben sie gelesen.‹ – ›Was hat Ihnen am besten gefallen?‹ – ›Ivanhoe und Puschkin haben mir am besten gefallen.‹ Damit endete diesmal unser Gespräch.
Nach acht Tagen traf ich ihn wieder auf der Treppe. Diesmal hatte mich nicht Großmutter geschickt, sondern ich mußte selbst etwas besorgen. Es war gerade um drei Uhr nachmittags, also um die Stunde, wo er gewöhnlich nach Hause zu...




