Duran | Eine nächtliche Begegnung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 420 Seiten

Duran Eine nächtliche Begegnung


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8025-9323-9
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 420 Seiten

ISBN: 978-3-8025-9323-9
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Als Nell Whitby nachts in das Haus eines Earls einbricht, begegnet sie dort dem attraktiven Simon St. Maur. Dieser hält sie für eine reiche Erbin, die seit Jahren vermisst wird. Da er selber zwar einen Adelstitel, aber kein Geld hat, versucht er, Nell zu einer Heirat zu bewegen ... und verliebt sich gegen seinen Willen in die hübsche junge Frau.

Duran Eine nächtliche Begegnung jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material



Als das Schrillen der Glocke verstummte, war Nell bereits zur Tür hinaus. Sie wusste, dass sie nicht drängeln sollte. Ein- oder zweimal hatte es eine Panik gegeben und jemand war verletzt worden, hatte sich einen Arm oder ein Bein gebrochen. Aber sie konnte einfach nicht langsamer gehen. Seit ihre Mutter immerzu keuchte, fiel auch Nell das Atmen schwerer. Der heftige Gestank in der Fabrikhalle wurde immer unerträglicher, und sie musste beim Rollen der Zigarren ständig husten. Am Ende des Tages kam es ihr beinahe so vor, als wäre nicht mehr genügend Luft vorhanden, um ihre Lungen zu füllen.

Hier draußen im trüben Licht der Dämmerung roch es schwefelig nach Kohlenrauch, aber wenigstens gab es Luft zum Atmen, und darauf kam es an. Nell schlängelte sich durch das Menschengewühl: Junge Frauen blieben stehen, um sich ihre Kopftücher umzubinden, den Burschen aufreizende Bemerkungen zuzurufen und zu schwatzen, als gäbe es dafür keinen schöneren Ort als diese abscheuliche, stinkende Fabrik. Vielleicht gab es den tatsächlich nicht.

Endlich hatte sie das Gedränge hinter sich gelassen. Erleichterung überkam sie, und gleichzeitig hob sich ihre Stimmung. Das war das Gute daran, in einer Fabrik zu arbeiten: Jeder Tag hatte ein glückliches Ende. Gerade wollte sie sich erschöpft an eine Mauer lehnen, als jemand sie am Ellbogen packte.

Sie riss sich los und sah plötzlich Hannah vor sich stehen.

»Du hast mich zu Tode erschreckt!«, keuchte Nell.

Hannahs blasses, sommersprossiges Gesicht strahlte vor Aufregung. »Du bist eine solche Gans, Nellie. Wie hoch ist dein Lohn diese Woche?«

Nell blickte sich nach Lauschern um. »Neunzehn Schilling.« Von der gebeugten Haltung über dem Arbeitstisch war ihr Nacken furchtbar verspannt, und die schmerzenden Finger würden sie die ganze Nacht wach halten, aber neunzehn Schilling hatte sie noch nie geschafft.

Wenn ihr Stiefbruder Michael sich seinen Anteil nahm, würden sie allerdings auf zehn Schilling zusammenschrumpfen. Nicht genug, um einen guten Arzt zu holen und trotzdem noch das Essen für nächste Woche zu bezahlen.

Hannah machte ein langes Gesicht. »Ich hab nur fünfzehn.« Normalerweise schlug sie Nell um fünf Schilling, ihre Hände waren geschickter. »Die Sache gestern hat mich erledigt. Ich kam richtig gut voran, aber dann bekam die Vorarbeiterin einen Anfall, und ich musste den halben Stapel wieder auseinanderrollen. Ach, egal.« Sie strich sich das honigblonde Haar aus der Stirn und wackelte dann mit den Fingern. »Wie findest du meine Handschuhe? Hab ich in Brennans Trödelladen gefunden. Haben mich zwei Tageslöhne gekostet, aber sie sind aus echtem Ziegenleder, hat er gesagt.«

»Oh, sie sind wunderschön.« Eigentlich waren sie zwischen den Fingern eingerissen, und das weiße Leder war abgenutzt und schäbig. An Hannahs Stelle hätte Nell das Geld für etwas Vernünftiges ausgegeben. Zum Beispiel für gute, robuste Wolle. Einen neuen Kessel. Etwas frisches Obst – oh mein Gott, beim Gedanken an einen knackigen Landapfel lief ihr das Wasser im Mund zusammen.

Allerdings hatte Nell Frostbeulen, und Hannah nicht. Wer war also klüger?

Sie nahm Hannahs Arm und zog sie mit sich den Gehsteig entlang. »Zeig sie nicht deinem Vater.« Wenn Garod Crowley herausfand, dass seine Tochter ein paar Münzen für sich behalten hatte, würde es furchtbaren Krach geben.

Hannah lachte. »So dumm bin ich nicht!«

Ein Bursche kam ihnen entgegen und machte ihnen schöne Augen. Nell kannte ihn nicht, also warf sie ihm einen abweisenden Blick zu, damit er weiterging. Er zwinkerte ihr noch kurz zu, bevor er vorbeiging, aber Nell fiel nicht darauf herein – obwohl sie rot wurde: Er hatte Hannah bewundert. Mit dem herzförmigen Gesicht und den großen, samtbraunen Augen war Han in den letzten beiden Jahren gefährlich hübsch geworden.

»Ach übrigens, Nelly – kommst du heute Abend zum GFS«

Nell hatte die Zusammenkunft ganz vergessen. Die Damen der , eines Hilfsvereins, der Arbeitermädchen unterstützte, neigten zwar dazu, die Mädchen zu belehren und auf unangenehme Weise in ihren Privatangelegenheiten herumzuschnüffeln. Aber sie besaßen großartige Bücher und liehen sie jedem Mädchen, das sich ihnen anschloss. »Ich wünschte, ich könnte«, sagte sie. Aber Mum ist zu krank, um sie allein zu lassen. Die Mixturen des letzten Quacksalbers haben es nur noch schlimmer gemacht.

»Du musst kommen! Es wird Tee geben!«

»Ich weiß. Wie schön.« Eine gute Tasse Tee hätte Nell wirklich genossen. Dieser Tage konnte sie sich eigentlich keinen leisten, weil sie sparen musste.

Der Gedanke daran dämpfte ihre Stimmung. Sie konnte sparen, so viel sie wollte, sie kriegte nie schnell genug das nötige Geld zusammen. Währenddessen ging es Mum fast stündlich schlechter.

»… es gibt auch Geschenke«, plapperte Hannah weiter. »Du musst unbedingt zur Zusammenkunft kommen!«

»Was bleibt mir denn übrig? Suzie hat heute Nacht Schicht im Motts, und Mum kann nicht allein bleiben.«

Hannah warf ihr einen durchtriebenen Blick zu. »Soll Michael mal auf deine Mutter aufpassen!«

Nell hätte beinahe laut losgelacht. Das wäre ein wahres Wunder. Seit Mum zu krank zum Arbeiten war, wollte Michael nichts mehr mit ihr zu tun haben. Auf einmal erinnerte er sich daran, dass er nur ihr Stiefsohn war. »Bestimmt will er Suzie Gesellschaft leisten.« Er liebte die halbseidene Atmosphäre des Clubs, wo seine Frau hinter der Theke stand, genauso wie den feinen Likör, den Suzie ihm zuschob, wenn sie dort arbeitete.

Er liebte auch Suzies Lohn. Jeden einzelnen Penny riss er sich unter den Nagel, Suzie behielt gar nichts. Nell konnte nicht auf ihre Hilfe zählen.

Einen Geldverleiher brauchte sie. Zwar verliehen die nicht gern an Frauen, aber vielleicht könnte Michael etwas an ihrer Stelle leihen.

Aber würde Michael ihr das Geld geben, wenn er es einmal hatte? Er teilte nicht gern. Letztes Jahr war er zu einem hübschen Geldsegen gekommen, allerdings hatte er jeden Penny davon seinem politischen Club gespendet … Mit Politik hatte er inzwischen nichts mehr am Hut, jedoch sorgten Glücksspiel und Gin dafür, dass seine Taschen leer waren. Falls er ein Darlehen aufnähme und sich weigerte, ihr etwas davon zu geben … Nell wusste nicht, was sie dann noch tun sollte.

Aber eigentlich wusste sie es. Sie wusste ganz genau, wie sie ihre Probleme lösen konnte. Michael würde ihr mit der größten Bereitwilligkeit dabei helfen. Aber das konnte sie nicht. Allein beim Gedanken daran wurde ihr kalt bis ins Mark und speiübel. »Ist die Schüssel zerbrochen, wirft man die Scherben fort«, pflegte Mum immer zu sagen.

Aber Mum sagte auch, dass man nur beten müsste. Bloß weil Nell nicht daran glaubte, war sie noch lange keine Heidin.

Unglücklich sah sie Hannah an. Schon als Kinder hatten sie im gleichen Haus gewohnt, waren zusammen zur Schule gegangen, hatten an Sonntagnachmittagen auf der Straße Unfug getrieben. Nie hatten sie Geheimnisse voreinander gehabt. Aber in letzter Zeit war das anders. Über manche Dinge konnte Nell aus Scham nicht mit ihr sprechen. Wie sollte eine junge Frau so etwas über die Lippen bringen? Und welchen Sinn hatte es auch? Hannah könnte ihr nicht helfen, sie hätte höchstens Mitleid mit ihr.

Wobei ein wenig Mitleid sich gerade ganz wunderbar anhörte. Nell nahm all ihren Mut zusammen. »Han, ich muss dir etwas …«

»Oh, sieh nur!« Hannah ließ ihren Arm los und rannte auf ein Schaufenster zu. Die Gaslampen im Fenster erleuchteten eine Reihe von Fotografien.

Nell atmete aus. Sie war erleichtert. Sie würde es schon allein schaffen.

Zu ihrer Überraschung musste sie trotzdem ein paarmal fest blinzeln, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. »Ich muss mich beeilen.«

»Ach, komm schon. Nur ganz kurz.«

Seufzend ging Nell zum Fenster hinüber. Es war die allerneueste Tollheit, Fotografien von Schönheiten der feinen Gesellschaft zu erwerben. Michael hatte sich ein paar davon zu Hause an die Wand geheftet, Ladys in protzigen Abendkleidern und mit Diademen auf dem Kopf. Manchmal, wenn Nell Schellfisch über dem Feuer briet, ertappte sie sich dabei, wie sie sie anstarrte. Sie sahen aus wie Puppen, mit schmalen Taillen, so sanft gewelltem Haar. Wenn Nell im beißenden Fischgestank stand, konnte sie kaum glauben, dass diese Geschöpfe in derselben Welt existierten, zur selben Zeit, kaum ein paar Meilen entfernt. Sie kamen ihr so unwirklich vor, als lebten sie weit weg auf dem Mond.

»Die da kenne ich!« Hannah drückte einen Finger gegen die Scheibe und zeigte auf ein hübsches Mädchen in einem dunklen Brokatkleid mit Seidenrosen. »Lady Jennie Churchill, steht das da?«

Vor der Fotografie lag ein kunstvolles Schild, das mit Schreibschrift bedeckt war. Nell warf einen kurzen Blick darauf. »Stimmt genau.«

»Sie ist die Amerikanerin, die den Sohn des Duke of Marlborough geheiratet hat. Er hat die Syphilis!«

Nell zuckte mit den Achseln. »Wer mit Hunden zu Bett geht, steht mit Flöhen auf.«

»Nee, so feine Pinkel gehen nicht zu Straßendirnen. Die halten ihre Mädchen erstklassig aus. Richten einer ’ne protzige Wohnung in St. John’s Wood ein, sogar mit eigener Kutsche und Fahrer.«

»Und woher willst gerade du das wissen?«

»Die Leute reden halt.«

Bei diesen Worten zog sich Nells Magen zusammen. Die Leute redeten. Zum Beispiel warfen sie ihrer Mutter...


Duran, Meredith
Meredith Duran hat Anthropologie studiert. Ihre Faszination für die englische Geschichte führte zu ihrem ersten historischen Liebesroman. Seither schreibt sie sehr erfolgreich Bücher für eine wachsende Fangemeinde.

Meredith Duran hat Anthropologie studiert. Ihre Faszination für die englische Geschichte führte zu ihrem ersten historischen Liebesroman. Seither schreibt sie sehr erfolgreich Bücher für eine wachsende Fangemeinde.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.