Dyk / Haubner | Community-Kapitalismus | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 176 Seiten

Dyk / Haubner Community-Kapitalismus


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-86854-453-4
Verlag: Hamburger Edition HIS
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 176 Seiten

ISBN: 978-3-86854-453-4
Verlag: Hamburger Edition HIS
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Silke van Dyk und Tine Haubner analysieren die Kehrseiten des Community-Kapitalismus, diskutieren seine Bedeutung angesichts neoliberaler Krisen und fragen nach solidarischen Alternativen. Nachbarschaftshilfe, Freiwillige Feuerwehr, Pflegepatenschaften, Tafeln, Flüchtlingshilfe oder Crowdsourcing: Unbezahlte Arbeit hat viele Gesichter, ist gern gesehen und findet nicht nur im Privathaushalt statt. Der demografische Wandel und der Umbau des Sozialstaats haben Sorgelücken entstehen lassen, sodass immer häufiger das Engagement von Vereinen, Initiativen, Nachbarschaften oder digitalen Netzwerken in Anspruch genommen wird. Öffentliche Aufgaben oder professionelle Tätigkeiten werden an die Zivilgesellschaft delegiert, soziale Rechte in soziale Gaben überführt. Die Autorinnen beschreiben diese Entwicklung mit dem Begriff 'Community-Kapitalismus' und fragen: Wie verändert sich das Verhältnis von Markt, Staat, Familie und Zivilgesellschaft? Erleben wir eine Informalisierung von Arbeit und Sorge im Gewand neuer Gemeinschaftlichkeit? Welche Rolle spielen hier soziale Bewegungen? Und was bedeutet das für unser Verständnis von sozialen Rechten?

Silke van Dyk ist Professorin für Politische Soziologie und Direktorin des Instituts für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Tine Haubner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Politische Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
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1Die (Wieder-)Entdeckung der Gemeinschaft im Krisenkapitalismus


Der Gegenwartskapitalismus steckt nicht nur in einer ökonomischen, sondern längst auch in einer ökologischen, politischen und sozialen Funktionskrise, worauf Gegenwartsdiagnosen der »multiplen« oder »Vielfachkrise« hinweisen.1 Spätestens seit der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 ff. besteht zudem wenig Zweifel an einer fundamentalen Hegemonie- und Legitimationskrise des Neoliberalismus. Dieser ist als lebendiger Untoter, als »Zombie-Kapitalismus«2 zwar weiterhin dominant, hat aber vom liberalen Triumphalismus der Vergangenheit in den Katastrophenmodus umgeschaltet und wird für seine sozialen und ökonomischen Verwerfungen zunehmend kritisiert. Die multiplen Krisendynamiken verdichten sich zudem zu einer fundamentalen Krise der sozialen Reproduktion: Jahrzehnte der Privatisierung, Deregulierung und Kommodifizierung haben private und öffentliche Sorgekapazitäten erodieren lassen, auf die der Kapitalismus mit seiner strukturellen »Sorglosigkeit«3 konstitutiv angewiesen ist. Die Krise der sozialen Reproduktion wird zusätzlich vom Wandel der Familien- und Geschlechterverhältnisse und der Alterung der Gesellschaft vorangetrieben und schlägt sich in Zeiten, da immer weniger Frauen ganztägig als »heimliche Ressource der Sozialpolitik«4 zur Verfügung stehen, in wachsenden Sorgeengpässen nieder. Hat sich der neoliberale Kapitalismus also gewissermaßen selbst zu Tode gesiegt – wie manche Autor*innen im Lichte dieser Dynamiken mehr prognostizieren als diagnostizieren?

Nein – lautet die Antwort dieses Buches. Der Kapitalismus stellt vielmehr aufs Neue seine enorme Wandlungsfähigkeit unter Beweis, nimmt vom jahrelang gepredigten sowie politisch exerzierten radikalen Individualismus Abstand und treibt die Suche nach gemeinschaftsförmigen Krisenlösungen und gemeinschaftsbasierter Solidarität – als neuer Ressource der Sozialpolitik – voran. Der Ego-Gesellschaft scheint die Puste auszugehen, und allenthalben ist von Gemeinschaft und Community die Rede: Die Bundesregierung bewirbt Konzepte »sorgender Gemeinschaften« als neues Paradigma einer nachhaltigen Sozial- und Pflegepolitik, Bürgerkommunen gelten als lokalpolitische Reformmodelle der Zukunft, freiwilliges Engagement, Gabentausch und kollektive Sharing-Economy-Projekte florieren. In digitalen Netzwerken gilt die Devise »community is the brand«5, Facebook-Gründer Mark Zuckerberg preist sein Netzwerk als Meta-Community und soziale Infrastruktur der Zukunft. Und schon Toni Blair ließ mit seiner Strategie des Dritten Weges vor 20 Jahren keinen Zweifel an diesem Kurswechsel: »Die Erneuerung der Gemeinschaft ist die Antwort auf die Herausforderungen einer sich verändernden Welt.«6 Zuletzt hat das Lob des Engagements und der Nachbarschaftshilfe in der Corona-Pandemie eine zentrale Rolle gespielt, wenn es darum ging, evidente Sorgelücken zu schließen: »Das Ehrenamt ist systemrelevant. Die Pandemie zeigt, was unsere Gesellschaft zusammenhält: Aktive Bürger, die Solidarität leben.«7

Unbezahlte Arbeit war und ist, so wird erneut deutlich, das Lebenselixier des Kapitalismus. Aus der internationalen Arbeitsforschung wissen wir, dass es dabei nicht nur um die sogenannte Hausarbeit geht, sondern dass regulär entlohnte Erwerbsarbeit nur die Spitze des Eisbergs globaler Arbeitsverhältnisse ist, der mehrheitlich aus informeller Arbeit jenseits arbeitsvertraglicher und -rechtlicher Grundlagen besteht. Tatsächlich blieb nicht nur die modernisierungstheoretisch gerahmte Hoffnung der Durchsetzung regulärer Lohnarbeit im globalen Maßstab unerfüllt; auch in den Zentren des globalen Nordens ist eine Rückkehr informeller, rechtlich ungeschützter Arbeitsverhältnisse zu beobachten, die von neoliberalen Akteuren als Bürokratieabbau und Deregulierung begrüßt und durchgesetzt wurden. Und je weniger selbstverständlich unbezahlte Arbeit im Privathaushalt – eingebettet in eine entsprechende Geschlechterordnung – erbracht wird, desto größer wird die Bedeutung informeller Sorgearbeit außerhalb der Familie, die in Zeiten der Krise der sozialen Reproduktion zum Gegenstand politischer Steuerung und Aktivierung avanciert: Vor diesem Hintergrund ist die Entstehung einer Konfiguration zu beobachten, die wir nennen, deren politische und moralische Ökonomie sich durch die Verzivilgesellschaftlichung der sozialen Frage und die Verknüpfung von nicht regulär entlohnter Arbeit (im Folgenden: Posterwerbsarbeit) und Gemeinschaftspolitik auszeichnet.

Natürlich sind nicht regulär entlohnte Arbeitstätigkeiten jenseits von Privathaushalten kein neues Phänomen, und auch die steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen wirft seit mehreren Jahrzehnten neue Fragen der Organisation von (Für-) Sorge auf. Auch historisch lässt sich zeigen, dass Konzepte der Gemeinschaft oft in Krisenzeiten Konjunktur hatten, zumal wenn die Grenzen des Liberalismus zur Debatte standen. Und doch ist die aktuelle Situation von neuer Qualität, da sich die – unterschiedlichen Dynamiken geschuldete – Krise der sozialen Reproduktion mit der fundamentalen Legitimations- und Hegemoniekrise des Neoliberalismus verbindet, während die rasante technologische Entwicklung zugleich digital gestützte neue Vergemeinschaftungen befördert. Im Lichte dieser heterogenen Entwicklungen hat der Community-Kapitalismus, so die These des Buches, das Potenzial, hegemoniefähig zu werden: Er bietet eine Antwort auf die multiplen (Krisen-)Dynamiken der Gegenwart, indem er Lösungen für die Reproduktionskrise mit einer legitimationsstiftenden Antwort auf die Hegemoniekrise des Neoliberalismus verbindet und einen Deutungsrahmen schafft, der zentrale Muster der zunehmend einflussreichen digitalen Vergemeinschaftungen aufgreift. Zudem ist der Anti-Etatismus der Verzivilgesellschaftlichung der sozialen Frage, wie wir zeigen werden, anschlussfähig an Akteure sehr unterschiedlicher politischer Provenienz, während die Anrufung von Gemeinschaft und Gemeinsinn auf der Ebene der Subjekte auf ein reales Begehren nach Verbundenheit und Solidarität nach jahrelanger Konjunktur des Hyper-Individualismus und Sozialabbaus antwortet. Das Regieren durch Community spricht etwas an, das vielen Menschen im Alltag wichtig ist, was ein aktives »Mittun« befördert, ohne dass damit eine dezidierte Bejahung der gesellschaftlichen Neuverhandlung des Sozialen als fürsorgliche Gemeinschaft verbunden sein muss.

Die wissenschaftliche Literatur ist ebenso wie der politische und mediale Diskurs reich an Lob für die Zivilgesellschaft und das Engagement von Freiwilligen und Umsonstarbeitenden; der Lobpreis von Gemeinschaft und Gemeinsinn ist allgegenwärtig. Diese breit verankerte Affirmation aufbrechend, ist das vorliegende Buch eine Kritik des Community-Kapitalismus. Es ist keine Kritik an Freiwilligen und Engagierten, keine Kritik an alltäglichen Formen der Solidarität unter Nachbar*innen und Freundinnen, keine Kritik an Selbstorganisation und Alternativökonomien. Es ist eine Kritik der politischen und moralischen Ökonomie des Community-Kapitalismus, die – wie wir zeigen wollen – auf der Ausbeutung von Posterwerbsarbeit, der Informalisierung und Deprofessionalisierung von Arbeit, der Umdeutung der sozialen Frage in eine Frage fürsorglicher Gemeinschaften und der Überführung sozialer Rechte in soziale Gaben beruht. Diese Konfiguration empirisch und zeitdiagnostisch zu rekonstruieren, theoretisch-konzeptionell zu durchdringen und im Blick auf ihre Kehrseiten zu befragen ist unser Anliegen.

Als analytischer Begriff findet Community-Kapitalismus im wissenschaftlichen Diskurs bislang keine Verwendung, er taucht allerdings in affirmativer Diktion in zwei politiknahen Zusammenhängen auf. In den 1990er Jahren haben Expert*innen aus dem privaten und öffentlichen Sektor einen an Präsident Bill Clinton, Kabinetts- und Kongressmitglieder und Unternehmer*innen adressierten Report veröffentlicht, der den Titel trägt. Konkret geht es um die Entwicklung von privatwirtschaftlichen Kapitalinvestitionen in städtischen Nachbarschaften und eine stärkere Zusammenarbeit von Unternehmen mit Nonprofitorganisationen. Das im Eigenverlag veröffentlichte Buch des Aktivisten Michael Garjian trägt ein aus Menschen gebildetes Dollarzeichen auf dem Titel und plädiert dafür, dass Communitys als ökonomische Akteure auftreten sollen, »to use the tool of capitalism to create as much wealth for itself as it wants«.8 In beiden Fällen wird Community-Kapitalismus als Investmentstrategie begriffen und positiv besetzt, ohne dass diese Verwendung weitere Debatten und Anschlüsse an das Konzept angestoßen hätte.9

Unsere kritische Analyse des Community-Kapitalismus setzt empirisch am...



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