Eggers | Paragraf 301 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 436 Seiten

Reihe: Anwalt Schlüter

Eggers Paragraf 301


1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-89425-803-0
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 3, 436 Seiten

Reihe: Anwalt Schlüter

ISBN: 978-3-89425-803-0
Verlag: GRAFIT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Heyder Cengi, ein Türke alevitischen Glaubens, hält sich illegal in Deutschland auf. Eines Tages gerät er in die Kontrolle des Arbeitsamts, es kommt zu einem Handgemenge und ein Beamter stirbt. Währenddessen wird Rechtsanwalt Peter Schlüter gebeten, die Auslieferung von Emin Gül an die türkische Justiz zu verhindern. Gül ist in seiner Heimat verurteilt worden, weil er mitschuldig am Tod von 37 Menschen sein soll. Ein Fehlurteil, sagt Güls Onkel. Schlüter übernimmt das Mandat, doch als er auch mit dem Fall Heyder Cengi konfrontiert wird, gerät er in einen Gewissenskonflikt. Ein vor Jahrzehnten begangener Völkermord wirkt bis heute nach ...

Wilfried Eggers, geboren 1951, verheiratet, drei Kinder, überzeugter Moorbewohner. Seit Ende der Siebzigerjahre ist er als selbstständiger Notar und Rechtsanwalt tätig und hat so Einblick in das gesamte Spektrum des prallen Lebens. Seit 2000 schreibt er Kriminalromane. Sein Buch 'Paragraf 301' wurde als einer der fünf besten Romane seines Erscheinungsjahres für den 'Friedrich-Glauser-Preis' nominiert. www.wilfried-eggers.de
Eggers Paragraf 301 jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1.


»Wackel nicht so, beim Satan!«, brüllte der Mann unter uns.

Eine Sekunde später stand er neben dem Bett und zog hinten unter dem Hemd einen Eisenspieß hervor. Dann ging er auf mich los. Aber er hatte seine Augen nicht unter Kontrolle. Es sind die Augen, die verraten, ob du Angst hast. Du musst deine Augen ruhig und überlegen blicken lassen, schon bevor du sie aufmachst. In den Augen des Mannes aber flitzte Angst hin und her wie eine Ratte, die du in die Enge getrieben hast. Ich ließ mein rechtes Bein hervorschnellen und traf die Ratte mit dem Fuß an der Kehle. Der Spieß streifte mich am Bein und fiel scheppernd zu Boden, bevor der Mann zusammensackte. Er röchelte und blieb liegen. Ich hätte ihn töten können mit diesem Tritt. Ich bin sonst ein friedlicher Mensch, der niemandem Böses will, aber als ich ihn trat, hatte ich den Bauch voller Hass. Das haben hier alle.

»Lass mich zufrieden, wenn du nicht sterben willst«, sagte ich. Ganz ruhig sagte ich das. Und sah dabei woanders hin, als interessierte mich der Verletzte nicht mehr. Denn Ruhe zeigt Macht. Seine Kumpane rührten sich nicht um ihn, aber sie wollten den Spieß, und eine behaarte Hand kroch zu dem Eisen hin. Da sprang ich schon hinunter und quetschte sie, der Mann stöhnte vor Schmerz, blieb sonst aber schweigsam, und ich nahm den Spieß. Nun hatten wir eine Waffe.

Zum Glück hatte ich nicht gelegen. Wer weiß, ob ich sonst die Kehle so gut getroffen hätte. Wir können hier tagsüber nicht liegen. Es sind nicht genug Betten für alle da. Ich hatte im Schneidersitz gehockt, im Rücken den Koffer des Deutschen, den ich bewache. Das ist eine meiner Pflichten und ich erfülle sie gewissenhaft.

Der Angreifer hatte verloren. Wer hier verliert, hat keine Würde mehr. Er ist nichts mehr wert und taugt nur noch zum Diener, zum Sklaven.

Ich bin auch Sklave, aber ich habe es besser als die anderen Sklaven, weil ich der Sklave der Ausländer bin. Wir sind nur zu viert. Es ist die kleinste Gruppe hier. Es gibt Gruppen mit über zwanzig Leuten, vielleicht sogar mehr, ich kenne sie nicht alle. Jede Gruppe hat einen Anführer. Der Anführer ist der König und, was er sagt, ist Gesetz. Die übrigen sind Untertanen, sie müssen gehorchen. Einige unterstehen nur dem König, wie Minister. Er bespricht sich mit ihnen, wenn er will. Die anderen Untertanen müssen den Ministern gehorchen und natürlich auch dem König selbst. Sie sind kleine Statthalter. Der Sklave aber muss allen gehorchen. In Gruppen, die groß sind, gibt es mehrere Sklaven. Wenn man längere Zeit hier ist, stellt man fest, dass es auch unter ihnen eine Rangordnung gibt. Immer gibt es einen, der ganz unten ist, der sich mit niedergeschlagenem Blick zur Seite drückt, wenn ein anderer seinen Weg geht. Der Mann, der mich angegriffen hatte, würde von jetzt an auch mir gehorchen.

Mein König ist ein Österreicher. Er ist ein komischer König, weil er Arbeiten macht, die eigentlich mir zustünden als seinem Sklaven. Aber das schadet seiner Würde nicht, er kann es sich leisten. Wer mächtig ist, darf geben, ohne seine Macht zu verlieren. Ja, die Macht wird durch das Geben sogar noch größer. Wer viel geben kann, ist ein mächtiger König. Zum Beispiel kocht der Österreicher für uns, er bedient uns, obwohl er König ist. Er hat ein Kuchenblech und Geld genug, um sich Gas zu kaufen für den Kocher. Auf dem Kuchenblech brät er Zwiebeln und Kartoffeln und manchmal ein Ei. Ich schneide die Zwiebeln und schäle die Kartoffeln für ihn und die anderen beiden Ausländer, und er brät sie, der Österreicher. Ich sitze stumm daneben und warte, dass er mir das Essen zuteilt. Der König muss für seine Untertanen sorgen, das gehört zu seinen Pflichten. Denn die Untertanen sind sein Heer, das ihn verteidigt, wenn es zum Kampf kommt. Wenn wir tapfer sind, belohnt er uns, und als ich dem Mann unter uns den Spieß genommen hatte, da bekam ich ein gebratenes Ei.

Nach dem Essen wasche ich ab. Ich gehe nach nebenan, durch den steinernen Torbogen in einen dämmrigen Seitenraum, wo es einen Spülstein mit drei Wasserhähnen gibt und zwei Klos. Unter den Löchern im Betonboden gären unsere Ausscheidungen, man glaubt, die Dünste zu sehen, und die Luft taugt nicht zum Atmen. Es ist immer starker Betrieb dort, besonders wenn der Durchfall seine Runde macht, denn die Leute von oben haben nur ein Klo und keinen eigenen Wasserhahn. Sie verrichten ihre Notdurft bei uns und holen ihr Wasser aus unseren Wasserhähnen, und weil sie keine Eimer haben, sondern nur kleine Konservendosen, müssen sie den ganzen Tag herunter- und hinaufgehen, und so ist es ein Kommen und Gehen von früh bis spät. Sie leben in einem riesigen steinernen Saal, mehr als dreihundertfünfzig sollen es sein, und ich habe lange gebraucht, bis ich mir bestimmte Gesichter merken konnte.

Einige Male war ich oben. Man muss in den Innenhof gehen und eine steile eiserne Treppe aufsteigen, um in den Saal zu gelangen. Vor dem einzigen Fenster steht eine Tonne, ein ehemaliges Ölfass vielleicht, unter dem ein rauchiges Feuer das Wasser wärmt. Beißender Qualm empfängt dich, wenn du eintrittst, und dahinter ist eine Dunkelheit, so dicht und pechschwarz wie der Blick des Blinden. Sie haben ein paar nackte Glühbirnen dort und manchmal, wenn es Strom gibt, sieht man die langen Reihen der doppelstöckigen Betten, immer vier und vier zusammengestellt, und die bärtigen Gesichter magerer Männer. Sie hocken auf den Matratzen und schweigen, oder sie flüstern miteinander, meistens von der nächsten Amnestie, und dann werden ihre Blicke noch glühender als sonst.

Dagegen ist unser Reich klein. Es besteht aus der oberen Etage von zwei zusammengestellten doppelstöckigen Eisenbetten. Nachts schlafen wir darauf und am Tag sitzen wir darauf, jeder auf seinem Viertel, wir vier: der Österreicher, der Deutsche, der Franzose und ich. Seit ich Untertan des Österreichers bin, habe ich genug zu essen. Deshalb passe ich gut auf den Koffer des Deutschen auf, denn darin sind seine Sachen, die er nach und nach verkauft. Mit dem Geld schicken sie mich einkaufen, unten im Hof kann man vormittags an einer hölzernen Luke Kartoffeln, Zwiebeln und Eier erstehen, und manchmal Käse oder Tomaten und Paprika. Nur das Brot und die Suppe, die wir vormittags bekommen, müssen wir nicht bezahlen. Aber man wird nicht satt davon und kann die Suppe nur essen, wenn man einen Napf hat. Die Ausländer haben jeder einen, der Franzose hat ihn dem letzten Toten abgenommen, einem Mann aus Bingöl, über den ich sonst nichts weiß. Hier wird ziemlich viel gestorben, besonders nach Razzien, wenn wir geschlagen worden sind, oder nach Verhören, in denen wir gefoltert wurden. Sie fesseln uns die Hände auf dem Rücken und hängen uns daran auf, an einem Haken in der Decke, den sie drehen können. Es dauert nicht lange, bis die Arme auskugeln, und man kann seine Kraft verlieren für alle Tage. Oder wir müssen uns nackt ausziehen und werden mit eiskaltem Wasser abgespritzt. Manchmal müssen wir dabei auf Glasscherben stehen, jede Bewegung schneidet in die Füße. Oder sie machen Sachen mit uns, die man später niemals erzählen kann. Denn sie dürfen mit uns machen, was sie wollen – es gibt ein Gesetz, dass sie nicht bestraft werden können für das, was sie im Dienst getan haben.

Den Deutschen schlagen sie nicht. Er glaubt, er kommt hier bald raus, sein Konsul hole ihn. In der letzten Woche dachte er, es sei so weit. Die Wachen haben ihn abgeführt und abends zurückgebracht. Ihm war nichts passiert, er kam so gesund wieder, wie er fortgegangen war. Er erzählte, er sei in einem großen Raum gewesen, mehrere Männer in Uniformen hätten hinter Tischen gesessen, sie hätten geredet, aber er habe ja nichts verstehen können. Den Konsul habe er nicht gesehen. Eine Gerichtsverhandlung, habe ich ihm erklärt. Sicher hatte man ihn verurteilt. Aber zu wie vielen Jahren, das vermochte ich auch nicht zu sagen. Wir haben hier nur Drogenhändler, Mörder und Politische. Die Drogenhändler bekommen alle sechsunddreißig Jahre, die Mörder lebenslänglich und die Politischen verschiedene Strafen.

Wenn Zellendurchsuchung ist, werfen wir unsere Waffen auf die Betten der Mörder, ihnen macht es nichts, wenn sie drei Jahre mehr bekommen wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Sie kommen sowieso nicht wieder heraus. Es sei denn, dass es eine Amnestie gibt. Fast jeden Tag wird gemunkelt, es gäbe bald eine neue Amnestie. Das ist ein großes Thema hier. Und dass bald neue Gefängnisse gebaut werden sollen, mit kleinen Zellen für höchstens drei Gefangene oder sogar mit Einzelzellen. Solche Zellen nennen wir Särge. Wir wollen keine Zellen wie zu Musa Anters Zeiten. Alle haben Angst davor, denn wenn wir allein sind, können wir uns nicht wehren, wir sterben einen namenlosen Tod und verlieren unsere Ehre. Unsere Angehörigen können nichts erzählen. Wenn die neuen Gefängnisse kommen, wird es einen Aufstand geben, wird gemunkelt.

Der Deutsche braucht keine Amnestie. Dauernd redet er von seinem Konsul. Er sagt es so oft, dass ich es nachsprechen kann. Überhaupt – ich lerne Deutsch. Er und der Österreicher, sie bringen mir ihre Sprache bei und ich ihnen meine. Sie schwärmen von ihren Ländern. Dort gäbe es keine Gemeinschaftszellen, sagen sie. Und die Häftlinge haben keine Angst vor kleinen Zellen. Im Gegenteil, sie beschweren sich sogar, wenn sie in einer Zelle sitzen müssen, in der mehr als vier oder fünf Gefangene sind. Alles genau umgekehrt wie hier.

Der Franzose redet wenig, denn er versteht niemanden. Deutsch beherrscht er nicht, unsere Sprachen erst recht nicht, und er will sie auch nicht lernen. Der Österreicher spricht ein paar Worte Französisch und ist sein Dolmetscher....


Wilfried Eggers, geboren 1951, verheiratet, drei Kinder, überzeugter Moorbewohner. Seit Ende der Siebzigerjahre ist er als selbstständiger Notar und Rechtsanwalt tätig und hat so Einblick in das gesamte Spektrum des prallen Lebens.
Seit 2000 schreibt er Kriminalromane. Sein Buch "Paragraf 301" wurde als einer der fünf besten Romane seines Erscheinungsjahres für den "Friedrich-Glauser-Preis" nominiert.

www.wilfried-eggers.de



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.