Einhorn | Liebesverrückt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Einhorn Liebesverrückt

Ein Roman über die Frau, die Greta Garbo wurde
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7844-8196-8
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Roman über die Frau, die Greta Garbo wurde

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-7844-8196-8
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ich dachte, ich kenne Greta Garbo ... 33 Briefe waren ihr wertvollster Schatz - Mimi Pollak trug sie ein Leben lang in ihrer Handtasche bei sich. Briefe, die ihr Greta Garbo geschrieben hatte. Der Briefwechsel der beiden beginnt zu einer Zeit, als die Garbo noch Greta Lovisa Gustafsson heißt und auf die Schauspielschule in Stockholm geht. Dort lernt sie Mimi kennen und lieben, eine Freundschaft, aus der bald mehr wird. Sie sollte die nächsten turbulenten Jahrzehnte überdauern. Lena Einhorn erzählt in dieser Romanbiografie anschaulich und mitreißend von diesen prägenden Jahren im Leben der jungen Garbo - von einer Zeit, die sie später als die glücklichste in ihrem Leben bezeichnen sollte.

Lena Einhorn, geboren 1954, ist eine der bekanntesten Dokumentarfilmerinnen und Buchautorinnen Schwedens. Ihr Buch Ninas Reise erhielt 2005 den 'Augustpreis', den renommiertesten Buchpreis Schwedens, und stand wochenlang auf Platz 1 der schwedischen Bestsellerliste. Sieben Jahre recherchierte sie das Leben von Greta Garbo. Daraus entstand dieses Buch.
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3

Es hatte zwei Orte gegeben, die sehr lange geholfen hatten. Zwei rettende Engel, falls Orte Engel sein können.

Das Freilichtmuseum Skansen mit seinen historischen Gebäuden war als Erstes gekommen. Das war zu einer Zeit gewesen, als sie noch nichts mitzureden gehabt hatte, da sie jeden Tag in dem großen Kasten am Nytorget eingesperrt gewesen war. Dorthin hatten sie sie gebracht, als sie sieben gewesen war. Das Grauenvolle und gleichzeitig Fantasielose. Dieser hässliche Riesenkasten war irgendwie der Inbegriff dessen, was sie mit ihr machten, was sie mit ihr vorhatten. Sie hatte jeden Tag die Minuten gezählt und nicht begreifen können, warum es sie interessieren sollte, wie viele Liter durch einen Wasserhahn liefen oder warum ihre Sprache in kleine, seelenlose Skelettfragmente zerteilt werden musste, und sie war vollkommen außerstande zu verstehen, was sie mit den gleichaltrigen Personen gemeinsam hatte, die sie umgaben und die sich vollkommen reibungslos an die Ordnung der Dinge, von der sie nicht das Geringste begriff, anzupassen schienen. Wenn das Leben nur darauf hinauslief, zu beschreiben, zu organisieren und zu erklären, dann verstand sie nicht, wozu das Leben gut sein sollte. Das Schlimmste war, dass sogar das Spielen an diesem unerfreulichen Ort Regeln unterworfen werden sollte. Es graute ihr vor den Pausen. Sie fand es unerträglich, auf Befehl eine gewisse Anzahl Minuten ausgelassen zu sein. Sie fand es unerträglich, dass man von ihr erwartete, dass sie sich in einem Augenblick öffnete, im nächsten amüsierte und dann ganz hibbelig war, um diese Impulse dann ebenso schnell wieder abzuschalten. Diejenigen, die um sie herum lebten, die in ihrem Alter waren und deshalb und aufgrund einer gewissen geografischen Nähe in dieselbe Einrichtung geraten waren wie sie, schienen hingegen bereits auf dem Weg zum Schulhof auf den Murmelspielmodus, den Springseilmodus oder den Klatschmodus umgeschaltet zu haben. Sie fand es unerträglich.

Oder vielleicht war es ihre eigene Schüchternheit, die sie nicht ertrug.

Aber wie jemand, der sich nach etwas so stark sehnt und plötzlich und unerklärlich das Objekt seiner Liebe findet, hatte sie die Lösung entdeckt. Und es war in der Tat die verhasste Schule gewesen, die ihr diese Lösung beschert hatte. Es begann mit der Aufforderung, das Buch Selma Lagerlöfs über den Jungen zu lesen, der auf einem Gänserücken über ganz Schweden hinwegflog und alles über die Städte, Bauwerke und Landschaften wusste. Sie schlug das Buch gehorsam auf (denn gehorsam war sie), und während die anderen in dem dicken Wälzer lasen, ließ sie wie immer ihre Gedanken schweifen, wobei sie gleichzeitig trotzdem Fragmente des Texts aufnahm. Aber dann, plötzlich, entdeckte sie etwas, das ihre Aufmerksamkeit fesselte. Dieser Junge, der im Buch, Nils Holgersson, der fesselte sie. Ja, ihn konnte sie verstehen! So zu schweben, weit über der Erde, weit über den Köpfen aller Menschen … Alles mit Abstand zu sehen … Das einzige Lebewesen im All zu sein, der Junge und sein treuer Gänserich. Sich einfach wegträumen zu dürfen. Ja …

Am Ende der Stunde erklärte Fräulein Rosenqvist, dass sie genau jetzt in diesem Buch lasen, weil die Schriftstellerin darin vom Skansen erzählte, »dem großen Park am Stockholmer Stadtrand, in dem man so viel Merkwürdiges zusammengetragen hat«. Skansen entsprach außerdem in gewisser Weise der Reise Nils Holgerssons, nur halt auf einen einzigen Ort konzentriert: Straßen und Häuser aus allen Teilen des Landes, Bauernhöfe, Marktstände und Fabriken, das meiste aus vergangenen Zeiten. Die Lektüre dieses Buches, sagte die Lehrerin, solle auf den Besuch jenes Ortes vorbereiten. Vorbereiten, dachte Greta, damit einem nicht dieses Fürchterliche widerfuhr: überrascht zu werden! Aber dieses Mal überlistete sie alle. Sie las das dicke Buch nicht, um etwas zu lernen. Sie wurde Nils Holgersson, der Junge, der hoch über dem Land schwebte und flog, wohin es ihm beliebte, ohne dass ihn jemand aufhalten konnte.

Dann kam der Tag, an dem sie diesen Park besuchen sollten. Es war früh am Morgen, Herbst, fast schon Winter. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, und etliche Laternen auf der Katarina Bangatan brannten noch, als sie sich in einer langen Zweierreihe vor Fräulein Rosenqvist auf dem Schulhof aufstellten. Greta fröstelte, versuchte sich aber nichts anmerken zu lassen. Sie hatte rasch ihren Platz neben Lisa, der einzigen Klassenkameradin, mit der sie sich überhaupt unterhalten mochte, eingenommen. Oder genauer gesagt, die einzige, die nicht von ihr erwartete, dass sich Greta mit ihr unterhielt. Dann erhielten sie die Anweisung, sich in Bewegung zu setzen. In einer langen, geordneten Zweierreihe überquerten sie den Nytorget, folgten dann der Skånegatan Richtung Renstiernas Gata und anschließend den steilen Katarinavägen hinunter. Die Kirchendächer funkelten bereits, das Wasser aber noch nicht, als sie den hohen Södermalms Berg zur Gamla Stan hinunterwanderten. Zur Altstadt, mit ihren vielen Dächern und den scheinbar zufällig verteilten Turmspitzen, die dem Himmel entgegenstrebten, aber trotzdem nicht zu ihnen auf den Berg zu gelangen vermochten. Eins, zwei, eins, zwei, marschierten sie wie eine kleine Armee.

Unten auf der Räntmästartrappan, an der die Djurgårds-Fähren nebeneinander im Morgendunkel lagen, wehte es ungemütlich.

»Die Mädchen zuerst«, rief Fräulein Rosenqvist. Die Mädchen zuerst, weil sie nie so warm gekleidet waren wie die Jungen und außerdem so unerhört viel fragiler waren.

Sie balancierte über die Gangway auf das kleine Boot zu. »Djurgården 4« stand mit großen Buchstaben auf der Seite. Dann war sie an Bord und betrachtete die langen lackierten Holzbänke an den Seiten. Vielleicht bahnte sich bereits bei diesem Anblick etwas an, denn sie waren wie im Theater angeordnet. Und sobald die Fähre vom Kai ablegte, verstand sie, dass sie sich in ein großes Abenteuer begab. Hinaus auf das große Meer, einem fremden Strand entgegen.

Das Märchenland tat sich innerhalb eines Augenblicks vor ihr auf. Denn verreisen kann man auf vielerlei Weise. Man kann an andere Orte und in andere Welten reisen, aber auch in andere Zeiten. Zumindest in der Fantasie. Und hier im Skansen ging das auch in der Wirklichkeit.

Aus der Ferne erblickte sie die Kyrkhultstugan, dicht hinter den Ententeichen. Ein kleiner Bauernhof mit Bienenstöcken davor und Bäumen an jeder Hausecke. Und sie wusste, dass Papa von so einem Haus so oft gesprochen hatte, besonders dann, wenn er ein wenig über den Durst getrunken hatte. Ohne jemals dort gewesen zu sein, hatte sie sich immer nach dem kleinen Holzhaus in Norra Sunhult und in die grüne, hügelige Landschaft, die es umgab, gesehnt. Denn wenn ihr geliebter Papa mit Tränen in den Augen von einem himmlischen Ort weit, weit weg und so fern von jenem Elend, in dem sie jetzt lebten, erzählte, dann sprach er direkt zu ihrer Kinderseele. Es gab ein Paradies – ganz woanders. Jetzt war sie dort. Die Gerüche und Bilder, Menschen aus einer vergangenen Zeit, umgeben von bunten Blumen, und die einfache, unverfälschte Stube mit ihrem Holztisch und den liebevoll gezimmerten Stühlen. Hier gab es keinen Platz für Rechenaufgaben und Beschreibungen. Hier gab es nur Platz für das Leben, das richtige, echte Leben.

So wurde Skansen zu ihrem festen Punkt. Von diesem Tag an suchte sie ihn, so oft es ihr nur möglich war und sie etwas Geld übrig hatte, auf. An Sonntagen, in den Ferien, ja, hin und wieder ging sie sogar nach der Schule dorthin. Einzig problematisch war, dass ihr die Rückkehr in den Alltag mit jedem Mal schwerer fiel. Dann umfing sie stets dieses Grau, das ihr manchmal das Gefühl gab, ersticken zu müssen. Wenn es am schlimmsten war, merkte sie jedoch, dass es half, einfach nur an Skansen zu denken. Auf diese Weise schuf sie ein neues Ausflugsziel: Skansen in ihren Gedanken. Bald kannte sie jedes Haus bis ins kleinste Detail, jeden Baum, jede Heckenrose. Ja, die Gedanken waren ein Segen. Niemand konnte sie ihr rauben.

So sah also ihr Leben in dieser Zeit aus, in dem großen, hässlichen Kasten in Södermalm. Unter ihren Klassenkameraden galt Greta Gustafsson als ein seltsamer Vogel, als ein seltsam anziehendes, aber unnahbares Mädchen, auf das man sich nur selten einen Reim machen konnte.

Aber es gab Augenblicke, in denen dieses Mädchen seine Seele jemandem darbot. Dies geschah ganz besonders dann, wenn jemand aus der Klasse ausgeschimpft wurde oder nachsitzen musste. Dann stand Greta auf dem Korridor und wartete. Und wenn die Klassenkameradin getadelt und am Boden zerstört die Tür des Klassenzimmers hinter sich schloss, stand Greta da und nahm die Ausgeschimpfte in den Arm. So verharrte sie lange, lange, oft mit Tränen in den Augen, und tröstete.

***

Dann starb Papa. Und damit verschwand die letzte Unze erträglichen Daseins. Es geschah nicht schnell und eigentlich auch nicht unerwartet, denn er hatte so lange dahingesiecht. Die Nieren, sagten sie. Aber tot? Wie sollte man sich so etwas vorstellen?

Er hatte nicht einmal auf würdevolle Weise verschwinden dürfen. Sie war dabei gewesen, hatte es gesehen. Sie hatten zusammen in einer langen Reihe gestanden, sie selbst neben ihm.

»Nehmen Sie den Hut ab!«

Er hatte die Frau verwirrt angeschaut. Blaue Bluse mit gestärktem weißem Kragen, blendend weiße Schürze. Die schmutzig grauen Zähne nahmen sich angesichts all dieses Weißes nur noch grauer aus.

Angestrengt hob er die Hand und nahm den Hut ab.

»Entschuldigen Sie …« Die Augen glänzten, ihn fröstelte, obwohl es so warm war.

»Einkommen?«

Sie starrte die widerliche Krankenschwester an. Die so war, wie sie war,...


Lena Einhorn, geboren 1954, ist eine der bekanntesten Dokumentarfilmerinnen und Buchautorinnen Schwedens. Ihr Buch Ninas Reise erhielt 2005 den 'Augustpreis', den renommiertesten Buchpreis Schwedens, und stand wochenlang auf Platz 1 der schwedischen Bestsellerliste. Sieben Jahre recherchierte sie das Leben von Greta Garbo. Daraus entstand dieses Buch.



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