E-Book, Deutsch, 441 Seiten
Erdrich Die Rübenkönigin
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8412-0748-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 441 Seiten
ISBN: 978-3-8412-0748-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die siebzehnjährige Dot ist ein wildes, zorniges, rücksichtsloses Mädchen. Bei Mitschülern und Lehrern ist sie verhasst und gefürchtet. Zu Hause buhlen Mary, die Tante, Karl, der Vater, Celestine, die Mutter, und Wallace Pfef, der Pate, vergeblich um ihre Liebe - schamlos und unerschrocken spielt Dot sie gegeneinander aus. Da meint Wallace, eine gute Idee zu haben: Alles setzt er in Bewegung, um seine heißgeliebte Nichte beim Sommerfest zur Rübenkönigin zu küren. Doch statt Dankbarkeit zu zeigen, streckt Dot den Patenonkel mit drei Softbällen nieder, entert einen Doppeldecker und fliegt davon - wie einst ihre Großmutter Adelaide Adare, die vierzig Jahre zuvor auf einem Jahrmarkt in einem Luftschiff entschwand und ihre Kinder Mary und Karl zu Waisen machte, lange bevor in Argus, Dakota, Rüben angebaut wurden und das Leben in der Stadt sich von Grund auf veränderte ...
'Ein glänzender Roman.' The New York Times.
'Das seltene Ereignis eines perfekten - und einfach wundervollen - Romans von einer der großen Autorinnen unserer Tage.' Anne Tyler.
Louise Erdrich, geboren 1954 als Tochter einer Ojibwe und eines Deutsch-Amerikaners, ist eine der erfolgreichsten amerikanischen Gegenwartsautorinnen. Sie erhielt den Pulitzer-Preis, National Book Award, den PEN/Saul Bellow Award und den Library of Congress Prize. Louise Erdrich lebt in Minnesota und ist Inhaberin der Buchhandlung Birchbark Books.
Im Aufbau Verlag und im Aufbau Taschenbuch sind ebenfalls ihre Romane 'Jahr der Wunder', 'Die Wunder von Little No Horse', 'Liebeszauber', 'Die Rübenkönigin', 'Spuren', 'Der Club der singenden Metzger', 'Der Klang der Trommel', 'Solange du lebst', 'Schattenfangen', 'Das Haus des Windes', 'Ein Lied für die Geister', 'Der Gott am Ende der Straße', 'Der Nachtwächter' sowie 'Von Büchern und Inseln' und lieferbar.
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ERSTES KAPITEL
1932
Mary Adare
So bin ich also nach Argus gekommen. Ich war das Mädchen in dem steifen Mantel.
Nachdem ich blindlings losgerannt war und zum Halten kam, erschrocken, Karl nicht hinter mir zu sehen, schaute ich mich nach ihm um und hörte lang und schrill den Zug pfeifen. In dem Moment wurde mir klar, daß Karl wahrscheinlich wieder auf denselben Güterwagen gesprungen war und jetzt im Stroh kauerte und zur offenen Tür hinausschaute. Der einzige Unterschied wäre der duftende Stock, der in seiner Hand blühte. Ich sah den Zug wie eine Kette aus schwarzen Perlen über den Horizont ziehen, wie ich ihn seither so oft gesehen habe. Als er außer Sicht geriet, starrte ich hinab auf meine Füße. Ich hatte Angst. Es war nicht so, daß ich jetzt ohne Karl keinen mehr hatte, der mich beschützte, sondern genau umgekehrt. Ohne jemanden, den ich beschützen und auf den ich aufpassen mußte, war ich selbst schwach. Karl war größer als ich, aber mager, und älter natürlich, aber ängstlich. Er litt an Fieberanfällen, die ihn in einen benommenen Traumzustand versetzten, und er reagierte empfindlich auf laute Geräusche und grelles Licht. Meine Mutter bezeichnete ihn als zart, und ich war genau das Gegenteil. Ich war es, die im Lebensmittelladen fleckige Äpfel erbettelte und von der rückwärtigen Rampe der Molkerei in Minneapolis, wo wir in dem Winter wohnten, nachdem mein Vater starb, Molke klaute.
Damals fängt diese Geschichte an, denn vorher und ohne das Jahr 1929 hätte unsere Familie wahrscheinlich weiterhin sorglos und zufrieden in einem einsamen, alleinstehenden weißen Haus am Rand des Prairie Lake gewohnt.
Wir sahen kaum einen fremden Menschen. Es gab nur uns drei: Karl und mich und unsere Mutter Adelaide. Schon damals waren wir anders. Unser einziger Besucher war Mr. Ober, ein großer Mann mit sorgfältig gepflegtem schwarzen Bart. Er besaß hier in Minnesota ganze Ländereien mit Weizen. Zwei- oder dreimal die Woche tauchte er spätabends auf und stellte sein Automobil in der Scheune ab.
Karl haßte es, wenn Mr. Ober zu Besuch kam, aber ich freute mich jedesmal, weil meine Mutter dann immer aufblühte. Es war wie ein Wetterumschwung in unserem Haus. Ich weiß noch, daß sie am Abend, als Mr. Ober das letzte Mal zu Besuch kam, das blaue Seidenkleid anzog und die Kette mit den glitzernden Steinen umlegte, die, wie wir wußten, von ihm war. Meine Mutter flocht ihren dunkelroten Zopf, steckte ihn zu einer Krone auf und bürstete dann mein Haar mit hundert leichten, gleichmäßigen Strichen. Ich schloß die Augen und hörte auf die Zahlen. «Von mir hast du das nicht», sagte sie schließlich und ließ das Haar matt und schwarz auf meine Schultern zurückfallen.
Als Mr. Ober kam, saßen wir mit ihm im Salon. Karl thronte auf dem Roßhaarsofa und gab vor, von den in den Teppich gewobenen roten Rauten fasziniert zu sein. Wie gewöhnlich wurde ich von Mr. Ober zum Schäkern auserwählt. Er setzte mich auf seinen Schoß und nannte mich Schatzi. «Für dein Haar, kleines Fräulein», sagte er und zog ein grünes Satinband aus seiner Westentasche. Seine Stimme war tief, aber ich mochte ihren Klang als Kontrapunkt oder Begleitung zu der meiner Mutter. Später, nachdem Karl und ich ins Bett geschickt worden waren, blieb ich wach und lauschte, wie die Stimmen der Erwachsenen lauter wurden, sich ineinander verknäuelten und sich dann wieder senkten, erst unten im Salon und dann gedämpft im Eßzimmer. Ich hörte beide die Treppe heraufkommen. Die große Tür am Flurende schloß sich. Ich hielt die Augen geöffnet. Um mich war Dunkelheit und das Knacken und Pochen, das Häuser nachts von sich geben, Wind in den Asten, Klopfen. Am Morgen war er fort.
Am nächsten Tag schmollte Karl, bis unsere Mutter ihn mit Umarmungen und Küssen wieder gutgelaunt stimmte. Auch ich war traurig, aber mit mir war sie ungeduldig.
Karl las immer als erster die Comics in der Sonntagszeitung, deshalb war er es, der das Bild von Mr. Ober und seiner Frau auf der ersten Seite fand. Beim Kornverladen war ein Unglück passiert, und Mr. Ober war erstickt. Auch Selbstmord konnte nicht ausgeschlossen werden. Sein Landbesitz war schwer verschuldet. Mutter und ich machten gerade in der Küche Schubladen sauber und schnitten weißes Papier zum Auslegen zurecht, als Karl die Zeitungsseite hereinbrachte, um sie uns zu zeigen. Ich erinnere mich daran, daß Adelaides Haar zu zwei roten, geringelten Zöpfen geflochten war und daß sie der Länge nach auf den Fußboden fiel, als sie die Nachricht las. Karl und ich schmiegten uns an sie, und als sie die Augen aufschlug, half ich ihr auf einen Stuhl.
Sie warf den Kopf nach vorn und zurück, wollte nicht reden und zitterte wie eine zerbrochene Puppe. Dann schaute sie Karl an.
«Du freust dich auch noch!» schrie sie. Karl drehte mürrisch den Kopf weg.
«Er war dein Vater», stieß sie hervor. Jetzt war es also heraus.
Meine Mutter wußte, daß sie jetzt alles verlieren würde. Seine Frau lächelte auf dem Foto. Unser großes weißes Haus lief unter Mr. Obers Namen und alles andere auch, mit Ausnahme eines Automobils, das Adelaide am nächsten Morgen verkaufte. Am Tag der Beerdigung nahmen wir, was wir in Koffern tragen konnten, und fuhren mit dem Mittagszug in die Zwillingsstädte. Meine Mutter dachte, sie könnte dort - mit ihrer Figur und ihrem Aussehen - in einem vornehmen Geschäft Arbeit finden.
Aber sie wußte nicht, daß sie schwanger war. Sie wußte auch nicht, was Dinge wirklich kosteten, und sie kannte die harten Realitäten der Weltwirtschaftskrise nicht. Nach sechs Monaten ging uns das Geld aus. Wir waren am Ende.
Ich wußte gar nicht, wie schlecht es uns ging, bis meine Mutter unserer Wirtin, die nett war oder doch zumindest nichts gegen uns hatte, und die von meiner Mutter zu den uns freundlich gesinnten Menschen gezählt wurde, ein Dutzend schwere silberne Löffel stahl. Adelaide gab keine Erklärung für die Löffel ab, als ich sie in ihrer Tasche entdeckte. Wenige Tage später waren sie fort, und Karl und ich besaßen jeder einen dicken Mantel. Außerdem war unser Vorratsregal mit grünen Bananen beladen. Mehrere Wochen lang tranken wir halbliterweise Buttermilch und aßen gebutterten, dick mit Marmelade bestrichenen Toast. Nicht lange danach, glaube ich, sollte das Baby auf die Welt kommen.
Eines Nachmittags schickte meine Mutter uns nach unten zu unserer Wirtin. Diese Frau war dick und so langweilig, daß ich ihren Namen vergessen habe, obwohl ich mich an alles andere, was damals geschah, bis in die Einzelheiten hinein lebhaft erinnere. Es war ein kalter Spätwinternachmittag. Wir starrten in die Vitrine mit der Glastür, in der seit dem Diebstahl die silbernen Pokale und bemalten Teller verschlossen waren. Die Umrisse unserer Gesichter starrten geisterhaft auf uns zurück. Von Zeit zu Zeit hörten Karl und ich, wie jemand aufschrie. Einmal fiel direkt über unseren Köpfen etwas Schweres zu Boden. Beide schauten wir zur Decke hinauf und streckten schnell die Arme hoch, wie um es aufzufangen. Ich weiß nicht, was Karl durch den Kopf ging, aber ich dachte, es sei das frisch geborene Baby, das schwer wie Blei geradewegs durch die Wolken und den Körper meiner Mutter fiel. Ich hatte nur eine undeutliche Vorstellung vom Vorgang der Geburt. Nichts von dem, was ich mir zusammenreimen konnte, erklärte jedenfalls den langen Schrei, der die Luft zerriß und Karl erbleichen und auf dem Stuhl nach vorn sacken ließ.
Ich hatte es aufgegeben, Karl jedesmal wiederzubeleben, wenn er in Ohnmacht fiel. Inzwischen vertraute ich darauf, daß er von selbst wieder zu sich kommen würde, und das tat er auch stets, wobei er sanft und benommen und irgendwie erfrischt aussah. Allerhöchstens hielt ich ihm den Kopf, bis er blinzelnd die Augen öffnete.
«Es ist da», sagte er, als er zu sich kam.
Als wüßte ich schon, daß unser Verderben mit diesem Schrei besiegelt worden war, rührte ich mich nicht von der Stelle. Karl redete auf mich ein, wenigstens die Treppe hinaufzugehen, wenn schon nicht ins Zimmer selbst, aber ich blieb eisern sitzen, bis die Wirtin herunterkam und uns sagte, daß wir erstens ein kleines Brüderchen bekommen hätten und daß sie zweitens einen der Silberlöffel ihrer Großmutter unter der Matratze gefunden hätte und nicht fragen wolle, wie er dort wohl hingekommen sei, aber uns vier Wochen Zeit zum Ausziehen gäbe.
In dieser Nacht schlief ich auf einem Stuhl neben Mamas Bett im Sitzen ein, bei Lampenlicht, das Baby in einer leichten Wolldecke im Arm. Karl hatte sich zu Mamas Füßen zu einem spinnenartigen Knäuel zusammengerollt, und sie schlief schwer und tief, mit wild und leuchtend über den Kissen ausgebreitetem Haar. Ihr Gesicht war weiß und eingefallen, aber als sie zu sprechen begann, hatte ich kein Mitleid mehr.
«Ich sollte es sterben lassen», murmelte sie. Ihre Lippen waren blaß, in einem Traum erstarrt. Ich hätte sie wachgerüttelt, aber das Baby lag schwer auf mir.
«Ich könnte es draußen, hinten auf dem Grundstück begraben», flüsterte sie, «auf dem Unkrautstück.»
«Mama, wach auf», sagte ich, aber sie sprach weiter.
«Ich werde keine Milch haben, ich bin zu dünn.»
Ich schaute hinunter auf das Baby. Sein Gesicht war rund, blau gequetscht, und seine Augenlider waren fast zugeschwollen. Es sah schwach aus, aber als es sich rührte, steckte ich ihm meinen kleinen Finger in den Mund, wie ich es Frauen hatte tun sehen, um ihr Kind zu beruhigen, und es saugte gierig.
«Er ist hungrig», sagte ich zu ihr.
Doch Adelaide drehte sich um und kehrte das Gesicht zur Wand.
Die Milch schoß in...




