Erlay | Jetzt kann man nur abwarten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 157 Seiten

Erlay Jetzt kann man nur abwarten

Drei Frauen drei Geschichten
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7431-6744-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Drei Frauen drei Geschichten

E-Book, Deutsch, 157 Seiten

ISBN: 978-3-7431-6744-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Liebeserfahrungen gibt es so viele wie es Menschen gibt. Jeder hat seine, und sei es, dass er nur sich selber liebt. Das muss gar nicht verwerflich sein, ruft doch Gott, wie die Bibel sagt, jeden bei seinem Namen, will heißen: er ist, wie er ist, und so ist es gut. Im vorliegenden Buch ist es Bea, die es schafft, sich voll und ganz zu akzeptieren, obwohl ihr Leben und Tun vielen anrüchig erscheinen mag (und Model, siehe da, kann sie auch). Rita dagegen, Heldin der dritten Geschichte, hat es schwer, sehr schwer, durchs Dasein zu kommen, hat doch die Mutter ihres Liebsten einen grausamen Strich durch die Lebensrechnung gemacht. Um eine Mutter geht es auch in der Erzählung Family, Mitte. Was sie von der Tochter erfährt, wirft sie aus der Bahn. Nur im Moment oder für immer?

David Erlay wuchs auf zwischen Sauer- und Münsterland, schrieb Erzählungen schon als junger Schüler am Küchentisch. Die erste, welche dann für ihn zählte: der literarische Bericht Muttertag. Später biografische Bücher über den radikalen Maler Heinrich Vogeler. Nach mehrere Fassungen endgültige Fertigstellung des Romans Heute Abend, Julia endlich.

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Family Erst hat er mich jeden Tag, dann jede Woche, dann nur noch hin und wieder besucht. Eine gewisse Änderung trat ein, als ich nach Hause entlassen wurde, doch wenn er abends aus seiner Hochhaus-Etage zurückkam, kam er am wenigsten zu mir zurück. Ich klammerte mich an Corinna, sie sich allerdings bis zum Schluss an ihren Vater. Bis zum Schluss ist falsch, denn ich bin überzeugt, dass sie nach wie vor seine Nähe sucht, obwohl dieser inzwischen in unvorstellbarer Ferne. Innerlich hängt sie an ihm, würde am liebsten bei ihm sein. Wie er selbst zu ihr steht: keine Ahnung. Das trifft auf eigentlich alles zu, immer noch weiß ich nicht, welche Gefühle ihn wirklich bewegen beziehungsweise bewegten. Ja, er hat sich um mich bemüht, wollte mich partout heiraten, versprach mir vor der Ehe, ein Kind sei für ihn selbstverständlich (von mehreren sprach er allerdings nicht), und dieses Versprechen wurde eingelöst, zur Welt kam Corinna, und er tat alles, damit sie sich in ihr wohlfühlen konnte. Nun könnte man sagen: Vater und Tochter, das alte Lied der großen Liebe. Doch das Kind schwärmte nicht nur, sie hatte ihren eigenen Kopf von Anfang an und benutzte ihren Vater, um ihre Ziele durchzusetzen. Viel Zeit für mich blieb da nicht mehr. Unsere Familie war kein Dreieck, sondern die Verbindung von Punkt B zu Punkt A, von der Tochter zu ihrem Erzeuger. Ja, das hatte er: sie gezeugt, und dafür dankte sie ihm, denn sie liebt gern. Ich hatte nur für eine gewisse Zeit als Aufenthaltsort gedient, dann als Begleiter für ihre Entwicklung, und damit hatte ich meine Schuldigkeit getan. Dass ich beim Überqueren der Straße auf das Smartphone-Signal reagierte und Christine bestätigte, sie dürfe mit mir rechnen (durfte sie dann nicht), war ganz klar meine Schuld. Wurde durch meine Unachtsamkeit das beinah tödliche Ende einer Kette, deren Glieder ein Bus, zwei Lieferwagen und zwei Privatfahrzeuge bildeten, am Rande auch ein Motorradfahrer. Jedenfalls ein verkehrstechnisches Knäuel der ganz seltenen Art, wie die Polizei den Hergang beschrieb. Deren Schilderung füllte am folgenden Tag eine halbe Seite der Lokalzeitung, wie mir Rolf berichtete. Und ich könne sagen, ich sei dabei gewesen – ein Scherz, den er sich natürlich erst viel später erlaubte und über den ich sogar lachen konnte. Zunächst war die Bestürzung, versteht sich, groß, aber das Mitleid meines Mannes und meiner Tochter hielt sich in Grenzen, eine Anteilnahme auf Sparflamme sozusagen, hatte, ich es doch mir selbst zuzuschreiben, was geschehen war, und daraus folgte, als Endstation, der Rollstuhl. Es half wenig vielmehr gar nichts, die medizinischen Folgen an nobler Stelle durchstehen zu können, zunächst in Baden-Baden, dann in Badenweiler, beides Standorte, die als angenehm galten, aber was brachten mir die Höhen des Schwarzwaldes bei dem tiefen Fall, dem mein Leben nun ausgesetzt war, Wanne-Eickel hätte mich kein bisschen gestört, weshalb nicht der Charme des Ruhrgebiets, wenn ich dort besser hätte abtherapieren können, was mich an Prozeduren in den folgenden Monaten erwartete. Die Hölle, das sind die Behandlungen. Querschnitt ist harmlos, Querschnittslähmung gemein. Körperliche Resteverwertung. Will jemand das Wort ergreifen? Ein Glück (ja, das wenigstens ist ein Glück), dass meine Hände meiner Regie unterworfen sind. Nicht auszudenken, wären sie außer Gefecht gesetzt. Als Rolf mich endgültig aus Badenweiler abholte, hatte die Uhr für Teil II meines Lebens geschlagen. Ich war davongekommen, ja, doch ich war abgehängt von der Welt, da konnte man sich noch so sehr bemühen, meinem neuen Dasein ein neues Sinnkostüm zu verpassen. Rolf war also täglich an meiner Seite, manchmal mit Corinna an seiner. Wir wohnten günstig, Baden-Baden zwar kein Katzensprung, doch ohne Stress erreichbar, seine Besuche dünnten sich aber aus nach dem Wechsel in die Badenweiler Klinik, das lag eine Ecke weiter, das schon, aber für ihn keine Belastung, er fuhr mit seinem Silberporsche – und es war wirklich seiner, nicht mal neben ihm hatte ich je gesessen – sehr gern, je länger die Strecke, um so willkommener. Doch wir hatten uns immer weniger zu sagen. Eine Mitpatientin, in ähnlicher Lage, hatte für sich das Rezept entwickelt, ihren Mann über dessen Geliebte an sich zu binden. Seitdem laufe die Kommunikation wie geschmiert, und sie erlebe einen dankbaren Gatten, der bei der Berichterstattung über seine Liaison praktisch nichts ausließ. Ich hörte dem ganz gerne zu, so verging wenigstens die Zeit, aber für mich selbst schied eine solche Patchwork-Kiste aus. Hätte auch in einem Frauen-Magazin stehen können: „Wie eine Ehe wieder Fahrt aufnimmt“ oder andersherum: „Gönnen Sie sich doch, Geliebte zu sein“. Aber keine Schiene für mich. Rolf meinte in Badenweiler, ich sähe besser aus als vorher. Das Gesicht auf einmal so fraulich oval. Dabei hatte er sich mal nach einer Modigliani-Ausstellung ziemlich hämisch über die länglichen Gesichter mokiert. „Wer kann denn diese Frauen lieben.“ „Dazu hat der Maler sie ja auch nicht auf die Leinwand gebracht“, erprobte ich meine Kommentierfähigkeit – „es sind schließlich Kunstwerke.“ Corinna, die wir mitgeschleift hatten, stimmte mir ausnahmsweise zu. „Künstler malen doch sowieso alles, was sie sich bloß so ausdenken. Da können die Bäume auch Hüte haben.“ Stichwort Hüte. Für die habe ich in der Klinik meine Liebe entdeckt. Die Frage nur: Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Rolf wollte ich nicht einschalten, nicht damit belästigen, und Corinna schien mir damals noch zu sehr Kind. Meine Physiotherapeutin zu fragen, wagte ich zunächst nicht, dann doch, sie bugsierte mich, artig wie eine Kammerzofe (woher kannte ich Zofen?) durchs hügelige Badenweiler, beriet mich beim Kauf. Zum ersten Mal atmete ich auf, schien mir mein Dasein wieder lebenswert. Schwebe wie eine einzelne Wolke am unendlichen Himmel. Zurück, jubelte ich, endlich zurück. Schon auf dem Heimweg, der Heimfahrt mit der plaudernden Jenny hinter mir der harte Schnitt. Zurück – das bedeutete ja nicht, dass nach meiner Entlassung Familie angesagt war. Corinna die Tochter des Vaters, ich eine Mutter ohne Tochter. War sie nicht wenigstens neugierig auf mein neues weibliches Land? Scheinbar nicht. Dass Corinna sich meiner misslichen Verfassung schämte, hielt ich für ausgeschlossen, ich war für sie einfach eine Fremde, ihr entrückt, nun noch mehr als zuvor. Ihr Bezugspunkt war mein Mann. Und mein Mann war ein Mann. Im Allgemeinen nicht das Dach, unter dem ein junges Mädchen sich mit seinen umstürzenden Problemen stellt, wo es bespricht, was in dieser Zeit Sache ist bei ihm. Vielleicht aber passierte gerade das zwischen den beiden. Gewichtsverteilung. Ich als Mutter im Abseits, im Unten. Wurde einfach nicht angenommen von meinem Kind. Ein Wunder, dass es sich nach der Geburt nicht weggedrückt hatte von meiner Brust. Weshalb war das so? Dieser Schlund des ewigen Fragens. Das immerhin Schöne: Ich konnte wieder weinen. Unter meinen Hüten sogar. Die fand auch Corinna toll: „Wie Frauen im Fernsehen.“ So etwas wie ein Neuanfang? Für zu Hause hatte Rolf alles bestens organisiert. Dergleichen konnte er. Für den Empfang, ich sah und staunte, war das Haus in Blumen getaucht. Eine florale Pracht freilich, deren Duft bei mir schnell verflog, zu sehr wirkte das Ganze gewollt, wie eine Inszenierung, wie Bühne. Das Wichtigste: Frau Reiß („Frau Reiß, die alles weiß“, unkte Corinna), nur als Beispiel für Rolfs Organisationstalent. Meine Mutter hätte sie noch Perle genannt. Für sie war ich nicht der erste Querschnitts-Fall, daher kannte sie sich bestens aus. Und man muss sich hier ja in so vielem auskennen, alles musste bei mir quasi übersetzt werden, aus dem Normalen ins Für-mich-Machbare. Sage nur Stuhlgang (sage es aber widerwillig, hasse das Wort). Frau Reiß versuchte sich auch in Seelenmassage, flocht Fremdwörter ein, um sich als kompetent auszuweisen. Auch Christine, meine Freundin, tat ihr Bestes. Was psychologische Betreuung betraf, meine jetzt die fachliche, nein danke. Schnell funktionierte, lief alles, doch die sonnenhafte Erwartung von Badenweiler nach dem Hutkauf setzte sich nicht um in eine existentielle Blutzufuhr. Muss aber immer wieder betonen: Ich erhob keine Vorwürfe, nicht gegen meinen Mann, nicht gegen Corinna. Im Gegenteil: Es gab eine lange Zeit, da war ich von Schuldgefühlen überwältigt. Was hatte ich ihnen eingebrockt. Unser gesellschaftlicher Umgang: zunehmend brach er ein, zum Teil deswegen, weil ich selbst mit dem Hammer ans zerstörerische Werk ging. Hochmut kommt nach dem Fall. Einerseits schob ich alles und alle weg, andrerseits begab ich mich mit vollem Bewusstsein in die Falle, die Höhle der Einsamkeit. Wäre ich aber von jemandem gefragt worden, ob ich verzweifelt sei, hätte ich geantwortet: Nicht, dass ich wüsste. Christine hätte mich bis Rom geschoben, um mir auf die Beine zu helfen. Auf die Beine, hahaha. Das war einmal, das kommt nicht mehr. In dieser Weise redete ich oft. Meine Freundin damals: „Steht dir gar nicht, so zu reden. Du warst schließlich bei den Ursulinen.“ Stimmt, die ganzen Jahre bis zum Abitur, trage sogar den Namen der Ordensgründerin: Angela. Und was nützte mir das? Dann aber ein wirklicher Lichtblick: Corinna zeigt mir ihren ersten Büstenhalter. Noch als loses Teil, sie hat ihn bis jetzt nicht angelegt, hält ihn einfach in der Hand. Weil sie es in meiner Gegenwart tun will? Beinah klopft mir das Herz. „Ja“, äußere ich, „nun ist es so weit.“ Bin total glücklich, dass sie diesen Augenblick mit mir teilt. „Oder hast du ihn mit Papa ausgesucht?“ Sie schüttelt den Kopf: „Nein, ganz allein.“ Nun zieht sie ihren Pullover, das Hemd darunter aus. Steht so vor mir wie schon lange nicht mehr. Natürlich kleine, aber doch bereits...



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