E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Farago Das geheimnisvolle Testament
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-96215-517-9
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Emil und die Regency Heroes
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-96215-517-9
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Sophia Farago liebt England und nennt die englische Geschichte des beginnenden 19. Jahrhunderts ihre Zeit. Nachdem sie als junges Mädchen die Regency-Romane von Jane Austen und Georgette Heyer verschlungen hatte, begann sie die Hintergründe genau zu recherchieren und Berge von Büchern zusammenzutragen: alles über das Königshaus, Mode, Gepflogenheiten, Städte, Fächer, Kutschen, Grabsteine... Mehr als fünfzig Reisen führten sie durch London und die gesamte Insel. 2001 hat sie stilecht über dem Amboss in Gretna Green geheiratet. Als vor nunmehr 25 Jahren imaginäre Heldinnen und Helden in ihrem Kopf zu sprechen begannen, schrieb sie ihren ersten Roman 'Die Braut des Herzogs'. Inzwischen sind dreizehn weiter dazugekommen. Sie erklomm damit höchst erfolgreich die Bestsellerlisten und zählt zu den erfolgreichsten Regency-Autorinnen im deutschsprachigen Raum.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Damals im Kaisertum Österreich
Oktober 1811
Irgendwo in der Wiener Innenstadt
„Servus miteinand’!“ Der alte Fiaker lüftete seinen speckigen Zylinder und brachte sein offenes Gefährt neben dem geschlossenen seines Kollegen zum Stehen. Dabei war es ihm völlig gleichgültig, dass sein Fahrgast, ein preußischer Offizier in Zivil, um eine zackige Beförderung gebeten hatte. „Na, wie schauen wir aus, Pepi? Es ist so ein schöner, warmer Herbsttag. Ich liefer’ den Herrn hier ab, und dann fahren wir hinaus zum Heurigen?“
„Nichts zu machen“, antwortete der andere und grinste breit. „Ich hab eine Porzellanfuhr, du verstehst? Das kann dauern.“
„Ja, dann“, sagte der Ältere und stimmte in das Grinsen ein. „Dann fahr halt deine Runden und kassier ordentlich ab. Ich gönn’s dir.“
Er schnalzte mit der Zunge, und seine beiden Pferde setzten sich in flottem Tempo wieder in Bewegung, während die Tiere des anderen in einen so langsamen Schritt verfielen, dass man den Eindruck gewinnen konnte, sie kämen kaum von der Stelle.
„Das verstehe ich nicht“, rief der Fahrgast aus dem fernen Berlin zum Kutschbock hinauf. „Welchen Sinn soll es denn haben, mit Porzellan im Wagen Runden zu drehen? Sollte man die kostbare Fracht nicht lieber schnurstracks an ihren Bestimmungsort bringen?“
„Aber woher denn!“ Der Kutscher ließ ein raues Lachen hören. „Da ist kein kostbares Geschirr nicht im Wagen. Da ist ein gnädiger Herr drin und sein Gspusi, seine weibliche Begleitung, wenn Sie verstehen, was ich meine. Wenn jemand bei uns eine Porzellanfuhr bestellt, dann wissen wir, was das heißt: Immer schön langsam, und so lange im Kreis, bis der Herr fertig ist und klopft. Bis dahin darf man um Himmels willen nicht stören. Wenn man Glück hat, dauert so eine Fuhr mehr als eine Stunde und es gibt ordentlich Kohle, also Pinke-Pinke, verstehngans?“ Er blickte über die Schulter zurück und rieb zum besseren Verständnis zwei Finger und den Daumen aneinander.
„Sitten sind das hier!“, kommentierte der Berliner kopfschüttelnd.
„Das können’s laut sagen!“, gab ihm der Wiener recht. „Wir haben schon ein Glück.“
Die Insassen in der anderen Kutsche hörten vielleicht, dass draußen etwas gesprochen wurde, konnten aber die Worte nicht verstehen. Das war auch gut so, handelte es sich doch bei dem Herrn im Wagen um einen Angehörigen der allerbesten Gesellschaft. Noch dazu um einen, der nicht dafür bekannt war, allzu viel Spaß zu verstehen. Graf Heinrich Ferdinand von Kirchhoff-Aisterthal war ein groß gewachsener, stattlicher, durchaus gut aussehender Mann von einundvierzig Jahren, dessen beeindruckender dunkler Backenbart sich an manchen Stellen bereits grau färbte. Eine kleine, alte Wunde auf der Nase, die er sich beim Fechten zugezogen hatte, war etwas wuchernd verheilt, tat aber seinem guten Aussehen keinen Abbruch. Nach einer kurzen Ehe, die ihn zum ersten Mal zum Vater und mit knapp über zwanzig zum Witwer gemacht hatte, musste er auf Geheiß seines despotischen Vaters in zweiter Ehe die blutjunge, ebenso verwaiste wie verarmte, aber hochnoble Prinzessin Luise Marianne Winterfurth-Solenau heiraten, mit der ihn bis zum heutigen Tage kühle Abneigung verband. Sie hatte ihm zwei weitere Söhne geschenkt, die im Aussehen nach ihm kamen. In der Wesensart ähnelten Emil und Helmuth jedoch seiner Gattin, und zwar derart stark, dass er die beiden deshalb genauso wenig leiden konnte wie sie. Wen er jedoch leiden konnte – und zwar mehr, als ihm guttat – war das junge Fräulein, dessen linke Wade er soeben mit innigen Küssen bedeckte. Er hatte ihr kleines Lederstiefelchen abgestreift und sich ihren bestrumpften Fuß auf den Schoß gelegt. Noch ein Kuss auf den großen Zeh, dann richtete er sich auf und begann mit der Hand über ihr Knie zu streichen, bevor sie unter ihrem Rock verschwand und sich auf die Suche nach dem Strumpfband machte. Auf eine vergebliche Suche, wie sich umgehend herausstellte.
„Heini!“, rief die junge Dame nämlich empört aus und schlug ihm zweimal fest auf den Unterarm. „Wirst du wohl aufhören, du schlimmer, schlimmer Bub!“
Der Graf ließ ein schallendes Lachen hören. „Stanzi, du bist einmalig!“, schnurrte er beglückt. Noch nie, seitdem er zurückdenken konnte, hatte ihn jemand einen schlimmen Buben genannt. Nicht einmal der strenge Hauslehrer, der ihm seine Kindheit schwer gemacht hatte. Selbst der hatte zu viel Respekt vor seiner hohen Geburt gehabt, um ihn einen schlimmen Buben zu nennen. Und jetzt, als Erwachsener? Da begegnete man ihm mit Achtung, devoter Unterwürfigkeit und einer gehörigen Portion Vorsicht. Schließlich war er nicht nur von hohem Stand, sondern gehörte als Mitglied der kaiserlichen Staatskanzlei zum engsten Kreis des leitenden Ministers Clemens Graf von Metternich-Winneburg zu Beilstein. Dem Mann, von dem alle erwarteten, er würde in nicht allzu langer Zeit von seiner Majestät Kaiser Franz zum Fürsten und dann auch zum Staatskanzler ernannt werden.
„Wuff!“, kam ein protestierender Laut vom Boden der Kutsche her.
Constanze von Glinzendorf entzog ihrem Galan das Bein, schlüpfte in ihr Stiefelchen, ohne es zuzuknöpfen, beugte sich zu ihrem cremefarbenen Zwergpudel hinunter und kraulte ihm das lockige Fell. „Tust du die Unschuld von deinem Frauerl verteidigen? Was ist er nur für ein braver Bub, mein Napoleon! So ein braver, braver Bub!“
Sie kicherte, als sie sich wieder aufrichtete. Kirchhoff war weniger zum Lachen zumute.
Der Köter ist also brav, ich hingegen schlimm?, ging es ihm durch den Kopf. Aber bitte, wenn sie das ohnehin schon so sieht, dann kann ich getrost einen weiteren Vorstoß wagen.
Doch auch beim neuerlichen Versuch, das Strumpfband zu erreichen, wurde er entschlossen zurückgehalten.
„Hörst du wohl auf, Heini! Unter meine Röcke kommt mir nur mein Gemahl. Das bin ich ihm schuldig.“
Mit einem Ruck saß auch er wieder kerzengerade. „Aber du hast doch gar keinen Gemahl!“
„Noch nicht“, entgegnete sie würdevoll. „Doch ich hebe mich für den auf, den ich einmal haben werde.“
Nicht zum ersten Mal verspürte Heinrich das dringende Verlangen, selbst dieser Gemahl zu sein. Er wollte sie aus dem modischen Samtkleid schälen und nicht nur ihre Fesseln mit Küssen überhäufen. Von diesem erotischen Gedanken überwältigt, riss er sie in seine Arme und stahl sich einen innigen Kuss von ihren Lippen. Ein Kuss ab und zu war nämlich etwas, das sie ihm gewährte und das sein Blut immer weiter in Wallung versetzte.
„Ich wünschte, der Gemahl wäre ich!“, gestand er schließlich. „Ach, könnte ich dich doch als die Meine nach Hause führen.“
„Oh, Heini!“ Sie seufzte und drückte seine Hand. „Das wünschte ich mir auch. So sehr!“
Da küsste er sie wieder und verfluchte sich dafür, dass er sich vor zwanzig Jahren an seine ungeliebte Frau weggeworfen hatte. Gäbe es Luise nicht, könnte er Stanzi auf der Stelle ehelichen. Sein Vater war nur ein knappes Jahr nach Heinrichs Eheschließung mit Luise verstorben. Hätte er nur etwas länger mit der Heirat zugewartet! Dann hätte sie überhaupt nicht stattfinden müssen und er hätte jetzt keine Familie als Klotz am Bein.
„Kannst du dich denn nicht scheiden lassen, Heini?“, hörte er Constanze fragen. Es klang so hoffnungsvoll, dass es ihm körperliche Schmerzen bereitete, sie enttäuschen zu müssen.
„Ach, mein Täubchen, wie stellst du dir denn das vor?“ Er vergrub sein Gesicht in ihrem Nacken und küsste sie am Haaransatz. Das brachte sie wieder zum Kichern und er hätte sie am liebsten auf der Stelle mit Haut und Haaren verschlungen.
„Du wirst es nicht glauben, aber so eine Scheidung ist heutzutage durchaus möglich“, sagte sie. „Mein Nachbar, ein gewisser Edler von Gerblhofer – ich weiß nicht, ob der dir etwas sagt, Heini – der hat sich im letzten Jahr scheiden lassen.“ Sie wandte ihm ihr Gesicht zu. „Die verschmähte Frau ist daraufhin zu ihrer Mutter nach … ich weiß nicht, irgendwo in Böhmen gezogen und er hat meine Cousine Milli geheiratet. Also erzähl mir nicht, dass so etwas nicht möglich ist. Wie sagt ein altes Sprichwort? Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.“
Wie sehr er ihren strengen Ton liebte! Er hätte sie beißen können!
„Die Gerbl…dings, wie auch immer sie heißen mögen, sind Protestanten, so wie du, Stanzi. Es stimmt schon, dass eine Scheidung möglich ist, seitdem der unselige Kaiser Joseph die Trennung zwischen Kirche und Staat verfügt hat. Aber das gilt nicht für uns Katholiken.“
„Aha!“, fuhr sie auf und verzog dann die Lippen zu einem reizenden Schmollmund. „Aber deine Religion wird dir doch nicht wichtiger sein als ich?“ Neckisch kraulte sie ihn mit dem Zeigefinger unter dem Kinn.
Jeder andere hätte sie für diese ungeheuerliche Aussage sicherlich in die Schranken gewiesen. Natürlich ging Religion allem Irdischen vor. Darüber brauchte man kein Wort zu verlieren. Doch Graf Kirchhoff war viel zu vernarrt, um sich darum zu scheren.
„Du bist mir wichtiger als alles andere auf der Welt!“, beteuerte er. „Doch wir müssen vernünftig sein. Wenn ich der Religion den Rücken kehre, verliere ich nicht nur meine Stelle beim Fürsten, sondern auch mein Ansehen. Man würde mich eiskalt aus der guten Gesellschaft verstoßen. Würde ich dich dann heiraten, würde ich dich mit in den Abgrund reißen. Das könnte ich dir doch niemals zumuten.“
Das sah sie allerdings genauso.
„Du hast ja so recht, mein lieber Heini!“, sagte sie deshalb und...




