E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Farago Schneegestöber
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-95530-106-4
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-95530-106-4
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Sophia Farago liebt England und nennt die englische Geschichte des beginnenden 19. Jahrhunderts ihre Zeit. Nachdem sie als junges Mädchen die Regency-Romane von Jane Austen und Georgette Heyer verschlungen hatte, begann sie die Hintergründe genau zu recherchieren und Berge von Büchern zusammenzutragen: alles über das Königshaus, Mode, Gepflogenheiten, Städte, Fächer, Kutschen, Grabsteine... Mehr als fünfzig Reisen führten sie durch London und die gesamte Insel. 2001 hat sie stilecht über dem Amboss in Gretna Green geheiratet. Als vor nunmehr 25 Jahren imaginäre Heldinnen und Helden in ihrem Kopf zu sprechen begannen, schrieb sie ihren ersten Roman 'Die Braut des Herzogs'. Inzwischen sind dreizehn weiter dazugekommen. Sie erklomm damit höchst erfolgreich die Bestsellerlisten und zählt zu den erfolgreichsten Regency-Autorinnen im deutschsprachigen Raum.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
I.
»Du wirst nie erraten, wen ich eben gesehen habe!« Kitty nahm sich nicht die Zeit, die Türklinke in die Hand zu nehmen. Mit einem undamenhaften Stoß beförderte sie die Zimmertür ins Schloß. Ein lautes Krachen erschütterte die stillen, weitläufigen Gänge von Mrs. Cliffords Institut für höhere Töchter.
Mary Ann war eben dabei, den Brief zu öffnen, den ihr eine der jüngeren Schülerinnen vorbeigebracht hatte. Nun fuhr sie erschrocken zusammen und hielt in ihrer Tätigkeit inne: »Mr. Simmons nehme ich an«, sagte sie trocken.
Kitty hatte die Bänder ihres kecken Reithutes gelöst und warf diesen im hohen Bogen auf ihr Bett. »Mr. Simmons?« wiederholte sie erstaunt.
Mary Ann nickte: »Ja, Mr. Simmons, den Musiklehrer.«
Sie nahm den weißen Bogen aus dem Briefumschlag. »Wenn ich mich nicht irre, dann ist heute Dienstag. Und da steht die Klavierstunde bei Mr. Simmons auf deinem Stundenplan.«
»Ach so, ich habe die Stunde abgesagt«, Kitty machte eine wegwerfende Handbewegung. »Wir haben heute so schönes Wetter. No puede ser mejor! Zu Mittag hat sogar die Sonne durch die Wolkendecke geblinzelt. Da habe ich beschlossen, den Tag nicht nur zwischen den dicken Mauern des Hauses zu vergeuden. Ich bin statt dessen ausgeritten. Und ich bin so froh, daß ich es getan habe! Denn es war ein wunderbarer Ritt. Und was das allerschönste ist: Ich habe ihn gesehen.«
»So, und wer hat dich gesehen?« erkundigte sich Mary Ann, ohne von dem Schreiben aufzublicken, das sie in beiden Händen hielt. Sie war weit davon entfernt, die Begeisterung ihrer Freundin zu teilen.
»Niemand. Estoy seguro. Ich bin ganz sicher. Wirklich, Annie, du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich passe immer sehr gut auf, wenn ich alleine ausreite. Wenn mich Mrs. Clifford dabei erwischt, dann ist es sicherlich aus mit diesem Vergnügen. Und es werden uns hier wahrlich nicht sehr viele Vergnügungen geboten. Aber nun muß ich dir von meinem Erlebnis erzählen. Mary Ann, hörst du mir überhaupt zu?«
Ihre Freundin saß reglos in ihrem Sessel und starrte auf das Blatt Papier in ihren Händen. Und doch hatte es den Anschein, als nehme sie nicht wahr, was dort geschrieben stand. Ihr Blick war traurig und abwesend. Mit raschen Schritten war Kitty bei ihr und legte fürsorglich den Arm auf ihre Schulter: »Um Himmels willen, Annie. Was ist passiert? Was steht denn in diesem Brief, das dich so erschreckt hat?«
Mary Anns Blick löste sich langsam von dem Schreiben. Tränen waren in ihre Augenwinkel getreten, als sie sich nun ihrer Freundin zuwandte: »John hat den Vertrag mit Mrs. Clifford verlängert«, sagte sie mit ausdrucksloser Stimme.
Kitty war, als könne sie ihren Ohren nicht trauen: »Er hat was getan?« rief sie aus. »Aber Annie, du wirst im Dezember einundzwanzig Jahre alt!«
»Das weiß ich auch«, bestätigte diese mutlos.
»Dein Bruder kann dich doch nicht bis zu deinem Lebensende hier auf diese Schule schicken! Du bist doch jetzt schon viel zu alt für das Internat. Alle Mädchen verlassen das Haus mit siebzehn, spätestens mit achtzehn Jahren. Wenn ich im nächsten Februar achtzehn werde, ziehe ich zu Tante Jane und werde in die Gesellschaft eingeführt. Dein Bruder hätte dich längst nach London holen müssen, um dein Debüt für dich auszurichten.«
Mary Ann zuckte resigniert mit den Schultern: »Hätte er wohl«, bestätigte sie. »Aber er tat es nicht.«
»Und warum nicht, wenn ich fragen darf?« ereiferte sich ihre Freundin. »Dein Bruder, der hoch ehrenwerte Lord Ringfield, bewohnt eines der schönsten Häuser im vornehmen Stadtteil Mayfair. Wenn man den Gesellschaftsspalten der Gazetten glauben darf, gibt er in jeder Saison einen Ball und zahlreiche Soireen. Deine Schwägerin ist tonangebend in der mondänen Damenwelt. Es sollte doch ein leichtes für die beiden sein, dich in die Gesellschaft einzuführen.«
»Ach, Kitty, dieses Thema haben wir doch schon so oft besprochen. Denkst du denn, ich wäre nicht gerne in London? Denkst du denn, ich mache mir keine Gedanken über das Verhalten meines Bruders?« entgegnete Mary Ann, und Unmut war aus ihrer Stimme zu hören.
»Tatsache ist, daß mein Bruder mich nicht bei sich haben will. Es scheint, als müßte ich mich damit abfinden. In den Wochen, die ich in den Ferien auf seinem Landsitz Ringfield Place verbringe, ist er eigentlich immer ganz freundlich und nett zu mir.«
»Warum sollte er das auch nicht sein!« warf Kitty spöttisch ein.
»Wenn ich mich recht entsinne, besteht deine Hauptbeschäftigung in Ringfield Place darin, dich um seine beiden kleinen Söhne zu kümmern.«
Mary Ann überhörte diesen Einwand. »Warum habe ich nur ständig das Gefühl, als stehe eine Art unsichtbare Mauer zwischen meinem Bruder und mir?« fragte sie mehr an sich selbst als an Kitty gerichtet.
»Eine Mauer, die ich nicht durchbrechen kann. Schon als Kind konnte ich nie voraussagen, wie mein Bruder denken oder handeln würde. Stets ging er seinen eigenen Weg, und ich hatte das Gefühl, ihm als Schwester eine Belastung zu sein.«
»Wie du weißt, habe ich keinen Bruder«, antwortete Kitty. »Ich habe das immer bedauert. Doch wenn ich dich so sprechen höre, bin ich geradezu froh darüber. Bruder und Schwester, das scheint eine höchst komplizierte Beziehung zu sein. Auf wie lange, sagtest du, hat dein Bruder den Vertrag mit dem Internat verlängert?«
Mary Ann reichte ihr wortlos den Brief. Kitty überflog die mit steiler Handschrift flüssig zu Papier gebrachten Zeilen: »Bis zu deinem fünfundzwanzigsten Geburtstag!« rief sie schließlich aus. »Ja, ist denn dieser Mann verrückt geworden? Qué mala suerte! Du kannst doch nicht bis zu deinem fünfundzwanzigsten Geburtstag in diesen Mauern eingesperrt sein! Ich kann mir nicht vorstellen, daß Mrs. Clifford dem zustimmt.«
Mary Ann lachte bitter auf: »Natürlich tut sie das! John zahlt einen guten Preis.«
»Aber du wirst doch in Kürze volljährig«, wandte Kitty ein, die es nicht glauben konnte. »Dann kannst du selbst entscheiden, wo du leben und wie du deine Zukunft gestalten willst.«
»Du vergißt die Klausel in Papas Testament. Ich werde zwar im Dezember dieses Jahres volljährig. Doch die Verfügungsgewalt über mein Vermögen bekomme ich erst nach meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag. Bis dahin verwaltet John meinen Besitz. Es sei denn, ich heirate vorher.«
Kitty, die sich auf der Bettkante niedergelassen hatte, war wieder aufgesprungen: »Jetzt ist mir alles klar!« rief sie aus. »Das ist der Grund, warum dein Bruder dich hier einsperren will. Er weiß genau, daß du im Pensionat keine Gelegenheit hast, einen passenden Ehemann zu finden. Und so kann er in aller Ruhe noch vier weitere Jahre über dein Eigentum verfügen. Ist es ein großes Vermögen?«
Mary Ann schüttelte den Kopf: »Nein, nur gerade das, was man ein Auskommen nennt. Ein paar wertvolle Schmuckstücke aus Großmutters Besitz und etwas Geld, das mir monatlich ausbezahlt werden soll. Bis zu meinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr habe ich aber nicht einmal das. Ich bin auf das Taschengeld angewiesen, das John mir zukommen läßt. Und du weißt, wie wenig das ist.« Sie war nun ebenfalls aufgesprungen und riß mit einer ungeduldigen Handbewegung die Tür des breiten Schranks auf, den sie sich mit ihrer Freundin teilte. »Sieh dir nur meine Garderobe an! All diese Kleider aus derbem Wollstoff. Die altmodische Façon, die entsetzlich düsteren Farben! Ich höre Johns Stimme förmlich noch vor mir: Du bist kein dahergelaufenes junges Ding, du bist eine Lady, Mary Ann. Bei deiner Figur und deinem Stand ist diese Garderobe angemessen. Edel und korrekt.« Sie hatte den schulmeisterlichen Tonfall ihres Bruders so treffend nachgemacht, daß sie selbst wider Willen lachen mußte.
Kitty stimmte in das Gelächter ein: »Ich kann es einfach nicht fassen«, sagte sie, als sie sich wieder beruhigt hatte. Sie selbst zählte sehnsüchtig jeden Tag bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag. Dann würde Tante Jane sie abholen und endlich, endlich mit nach London nehmen. Dort würde ihr »wahres« Leben beginnen. Allein die verbleibenden vier Monate erschienen ihr wie eine halbe Ewigkeit. Und jetzt sollte ihre liebe Freundin Annie noch weitere vier Jahre hier im Internat verbringen? Nein, das konnte sie nicht zulassen. Sie mußte etwas unternehmen. »Hast du denn keine anderen Verwandten, zu denen du ziehen könntest?«
Mary Ann schüttelte den Kopf und seufzte: »Leider nein. Meine Eltern sind tot. Meine Mama hatte keine Geschwister. Papas Schwester war die letzte Verwandte, bei der ich hätte leben können. Doch sie starb im Vorjahr bei diesem schrecklichen Unfall mit der Postkutsche. Ich habe...




