Fearing | Die große Uhr | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Fearing Die große Uhr

Ein Klassiker des Noir-Thrillers
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-939483-73-1
Verlag: Elsinor Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Ein Klassiker des Noir-Thrillers

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

ISBN: 978-3-939483-73-1
Verlag: Elsinor Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



George Stroud ist Borderline-Alkoholiker, Serien-Ehebrecher, Kunstsammler und Chefredakteur des True-Crime-Magazins 'Crimeways'. Seine neueste Affäre, Pauline Delos, ist ausgerechnet die Geliebte seines Arbeitgebers, des mächtigen Verlagsunternehmers Earl Janoth. Pauline Delos wird ermordet, und Janoth erfährt von ihrer Affäre. Um den Rivalen aufzuspüren und als Mörder dingfest zu machen, spannt er das gesamte Investigativteam des Verlagshauses ein, unter der Leitung von George Stroud, der nun zur Jagd auf sich selbst gezwungen ist. Geschickt behindert Stroud die Erfolgschancen der Ermittlungen, doch Schritt für Schritt tastet sich das Team näher an die Wahrheit heran ...

Kenneth Fearing, 1902 in Illinois geboren, starb 1961 in New York, wo er den größten Teil seines Lebens verbracht hatte. Der Publizist und Schriftsteller stand politisch der Linken nahe; er war Mitbegründer des renommierten Kulturmagazins 'Partisan Review'. Fearing galt schon damals als wichtiger Lyriker der Depressionszeit; um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, verfasste er nebenher u.?a. Sexgeschichten für Pulp-Magazine, aber auch eine Reihe von Kriminalromanen. 'The Big Clock' (1946) war sein mit Abstand größter - auch finanzieller - Erfolg und gilt als Klassiker des Genres. Der zeitweise unter Alkoholismus leidende Autor vermochte den Erfolg allerdings nicht zu nutzen; trotz seiner Produktivität lebte er überwiegend in prekären Verhältnissen.
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GEORGE STROUD I


Pauline Delos ist mir zum ersten Mal auf einer jener unendlich wichtigen Parties begegnet, zu denen Earl Janoth alle zwei bis drei Monate einlud – ausgewählte Mitarbeiter, persönliche Freunde, diskrete Millionäre und öffentlichkeitssüchtige Nobodys, in beliebiger Reihenfolge. An diesem Abend hatte er die Gäste in sein Haus in den East Sixties gebeten. Und obwohl es sich streng genommen nicht um eine öffentliche Veranstaltung handelte, ließen sich während der zwei bis drei Stunden mehr als hundert Besucher dort blicken.

Ich selbst kam in Begleitung von Georgette; man stellte uns sofort Edward Orlin von vor – und anderen Anwesenden, die unschwer als Teile des Teams zu erkennen waren. Pauline Delos kannte ich bisher nur dem Namen nach. Zwar gab es kaum jemanden in der Firma, der nicht schon eine ganze Menge über diese Dame wusste, doch die allerwenigsten hatten sie tatsächlich zu Gesicht bekommen – und es gab fast niemanden, der sie auf einer Veranstaltung gesehen hatte, bei der auch Janoth zugegen war. Sie war groß, eisblond und umwerfend. Dem Auge bot sie nichts als pure Unschuld, doch die Instinkte witterten heiße Erotik, und der Verstand spürte die Nähe der Sünde.

«Earl hat noch vor einer Minute nach Ihnen gefragt», sagte Orlin. «Er will Sie wohl jemandem vorstellen.»

«Ich bin aufgehalten worden. Soeben habe ich zwanzig Minuten mit Präsident McKinley geplaudert.»

Miss Delos wurde offenbar neugierig. «Mit wem, sagten Sie?»

«William McKinley. Unser vierundzwanzigster Präsident.»

«Ich weiß», sagte sie und lächelte. Ein wenig. «Sie haben vermutlich eine Menge Klagen zu hören bekommen.»

Ein Mann, den ich als Emory Mafferson kannte, ein kleiner dunkler Kerl, der in den unteren Etagen hauste, bei , glaube ich, meldete sich zu Wort.

«In der Rechnungsprüfung gibt es einen Typen mit eisernem Gesicht, wie McKinley. Wenn Sie den meinen, da hat es Beschwerden gegeben, jede Wette.»

«Nein. Ich habe wirklich und wahrhaftig mit Mr. McKinley gesprochen. An der Bar im .»

«Das stimmt», bestätigte Georgette. «Ich war auch dabei.»

«Ganz genau. Und er hat sich überhaupt nicht beklagt. Er kommt offenbar gut zurecht.» Ein Tablett glitt vorüber, und ich griff nach einem weiteren Manhattan. «Er steht natürlich nicht unter Vertrag. Ist aber trotzdem oft im Einsatz. Außer dass er den McKinley gibt, tritt er gelegentlich als Richter Holmes, Thomas Edison, Andrew Carnegie, Henry Ward Beecher oder sonst jemand aus dem Kreis der großen Honoratioren auf. Er kann gar nicht mehr sagen, wie oft er schon Washington, Lincoln und Christoph Kolumbus war.»

«Das ist aber ein wirklich praktischer Freund», sagte Delos. «Wer ist er?»

«Sein weltliches Pseudonym lautet Clyde Norbert Polhemus. Jedenfalls für berufliche Zwecke. Ich kenne ihn seit Jahren, und er hat mir eine Rolle als Zweitbesetzung versprochen.»

«Was hat er angestellt?», erkundigte sich Orlin zögerlich. «Klingt so, als hätte er eine ganze Geisterbande beschworen und würde sie jetzt nicht mehr los.»

«Funktechnik», sagte ich. «Kontakte in alle Sphären.»

Und das war auch schon alles bei meiner ersten Begegnung mit Pauline Delos. Der Rest des Spätnachmittags und frühen Abends verging wie stets in diesem behaglichen kleinen Palast – gelegen inmitten großer und kleiner Paläste, die zu größeren und kleineren Königreichen gehörten, als Janoth Enterprises eines war. Althergebrachte Konversation mit neuen Gesichtern. Georgette und ich plauderten mit der Nichte eines Kaufhauses. Selbstverständlich wollte die Nichte Neuland erobern. Ohnehin würde sie einige Hektar des alten Reiches erben. Ich begegnete einem Riesen in der Welt der Mathematik; er hatte eine Reihe von Rechenmaschinen zu einer einzigen verbunden, und dieser Superrechner war jetzt der größte der Welt. Die Maschine konnte Gleichungen lösen, die jenseits der Vorstellungskraft ihres Erfinders lagen. Ich sagte: «Damit sind Sie größer als Einstein. Jedenfalls wenn Sie Ihre Maschine dabei haben.»

Er blickte mich unsicher an, und mir fiel auf, dass ich ein wenig betrunken war.

«Ich glaube nicht. Es handelt sich um ein rein mechanisches Problem, entwickelt für ganz spezielle Aufgaben.»

Ich konzedierte also, er sei vielleicht nicht der beste Mathematiker der Welt, aber gewiss der schnellste; anschließend redete ich mit einem kleinen juristischen Rädchen einer großen politischen Maschinerie. Und danach mit Janoths neuester Erfindung aus der Welt der Lifestyle-Leitartikler. Und mit vielen anderen, darunter einige verdammt wichtige Leute, die das aber nicht wussten. Einige hatten keinen blassen Schimmer, dass sie echte Gentlemen waren oder Gelehrte. Andere ahnten noch nicht, dass sie eines Tages zu den prominenten Flüchtlingen zählen würden, verfolgt von den Hütern des Gesetzes. Ein ganzer Trupp Verrückter, die man niemals verdächtigt hatte und die nie in Verdacht gerieten. Bemerkenswerte Insolvenzen künftiger Zeiten und rätselhafte Suizide – in zehn oder zwanzig Jahren, von heute an gerechnet. Womöglich eines Tages ruhmreiche Mörder. Oder die Väter und Mütter wahrhaft bedeutender Menschen, die mir nie begegnen würden.

Kurzum: Die große Uhr tickte wie gewöhnlich, und es wurde Zeit, nach Hause zu gehen. Manchmal rasten die Zeiger der Uhr, und manchmal ruckten sie unmerklich vor. Der Uhr war das vollkommen gleichgültig. Die Zeiger mochten rückwärts laufen, die Zeit, die sie anzeigten, wäre dennoch die richtige. Sie liefe einfach weiter wie gewöhnlich, weil alle anderen Uhren sich nach der einen großen zu richten hatten, die sogar über den Kalender herrscht und an der jedermann ganz automatisch sein gesamtes Leben ausrichtet. Verglichen mit diesem Uhrwerk zählte der Mann mit der Rechenmaschine immer noch mit den Fingern.

Wie dem auch sei, jedenfalls war es an der Zeit, dass ich Georgette einsammelte und nach Hause fuhr. Ich fahre immer nach Hause. Vielleicht gelegentlich mit einem kleinen Umweg, aber am Ende lande ich immer dort. Zu Hause – laut Fahrplan der Bahn waren es 37,4 Meilen dorthin; aber selbst wenn es 3740 Meilen wären, ich würde es immer schaffen. Plötzlich tauchte Earl Janoth von irgendwoher auf, und wir verabschiedeten uns.

Es gab etwas, das ich immer wieder in Janoths großem, rosarotem und etwas grobem Gesicht zu erkennen glaubte, einem Gesicht, das in einem leisen Lächeln erstarrt war, das er schon vor langer Zeit vergessen hatte – und in seinem offenen und unschuldigen Blick, der das Gegenüber gar nicht mehr bemerkte. Janoth richtete sich nicht nach der großen Uhr. Er wusste nicht einmal, dass eine solche Uhr überhaupt existierte. Der große, graue und angespannte Muskel hinter jenem Kinderblick bewegte sich nach Regeln, die der Alltagswelt ganz unbekannt blieben. Dieser Muskel mit seinen langen Sehnen hatte sich an einen Gedanken geheftet, einen Gedanken, der sehr fern von jenem jovialen Ausdruck lag, den die äußere Hülle des Gesichts irgendwann angenommen hatte und der dort hängen geblieben war, einsam und verlassen. Eines Tages würde der Gedanke reifen, und der Muskel würde zuschlagen. Vermutlich war das früher schon einmal geschehen. Und er würde es wieder tun.

Janoth erklärte, wie hübsch Georgette aussähe, was zutraf; sie erinnere ihn immer an Karneval und Halloween und die wildesten Baseballspiele der Geschichte, und wie immer lag eine spürbare und außerordentliche Wärme in seiner Stimme, als spräche eine ganz andere, eine dritte Person.

«Einer meiner alten Freunde, Major Conklin, musste leider früh aufbrechen», wandte er sich an mich. «Ihm gefällt die neueste Entwicklung bei . Ich habe ihm erzählt, Sie seien der versierte Bluthund, der uns zu neuen Interpretationen führt, und er war sehr interessiert.»

«Tut mir leid, dass ich ihn verpasst habe.»

«Larry hat kürzlich ein paar Friedhofsmagazine übernommen, und er möchte sie irgendwie entwickeln. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ein Mann mit Ihrer praktischen Erfahrung und Ihrem Scharfsinn ihm wirklich raten kann. Er braucht wohl einen Geomantiker.»

«Es war ein schöner Abend, Earl.»

«Nicht wahr? Gute Nacht.»

«Gute Nacht.»

Wir bahnten uns den Weg durchs Foyer, an einem hochpolitischen Streit entlang und mitten durch eine Gruppe von Leuten, die hier schon lange hockten und denen Gott am nächsten Morgen nicht beistehen würde; dann schoben wir uns behutsam an einem Paar vorbei, das plötzlich in hilfloser Wut lächelnd...


Kenneth Fearing, 1902 in Illinois geboren, starb 1961 in New York, wo er den größten Teil seines Lebens verbracht hatte. Der Publizist und Schriftsteller stand politisch der Linken nahe; er war Mitbegründer des renommierten Kulturmagazins "Partisan Review". Fearing galt schon damals als wichtiger Lyriker der Depressionszeit; um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, verfasste er nebenher u. a. Sexgeschichten für Pulp-Magazine, aber auch eine Reihe von Kriminalromanen. "The Big Clock" (1946) war sein mit Abstand größter – auch finanzieller – Erfolg und gilt als Klassiker des Genres. Der zeitweise unter Alkoholismus leidende Autor vermochte den Erfolg allerdings nicht zu nutzen; trotz seiner Produktivität lebte er überwiegend in prekären Verhältnissen.



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