Findeis | Paradies und Römer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Findeis Paradies und Römer

Roman
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-95438-145-6
Verlag: Liebeskind
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-95438-145-6
Verlag: Liebeskind
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sie sind zusammen aufgewachsen, in der Siedlung Paradiesstraße Ecke Römerstraße: Frankie, Danilo, Ferry und Ellen. Paradies und Römer, zwei Straßen, vier Wohnblocks. Ein Zuhause, aber vor allem ein Stigma. Seit dem ersten Ding, das sie gemeinsam gedreht haben, schien der Weg der vier Freunde vorgezeichnet. Danilo, der heute Schulden eintreibt, zweigt Geld in die eigene Tasche ab, damit die Zukunft seiner Töchter gesichert ist. Er will, dass sie mit Ellen in der richtigen Gegend wohnen, mit guten Nachbarn und guten Kindern. Er will, dass ihre Lehrer sie nicht schon am ersten Schultag abstempeln, weil sie da oder dort wohnen und so angezogen sind und so reden. Der Haken ist, dass Ellen sein schmutziges Geld nicht will. Also muss Frankie Danilo helfen, sie umzustimmen. Mit einem 635er BMW und dreihunderttausend Euro im Kofferraum machen sich die beiden auf die Suche nach ihr. Doch da sitzt ihnen längst die Wettmafia im Nacken ... In seinem intensiven, berührenden Roman schreibt Patrick Findeis über die eine Nacht, in der sich das ganze Leben entscheidet, über Siege und Niederlagen im Niemandsland unserer Gesellschaft und über die Hoffnung, das Leben könnte ein Stück weit besser sein, als man für möglich hält.

Patrick Findeis wurde 1975 in Heidenheim geboren. Nach dem Hauptschulabschluss Besuch einer Berufsfachschule für Metalltechnik und Mittlere Reife. Ausbildung zum Zahntechniker und Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Für seinen Debütroman »Kein schöner Land« wurde er 2008 im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet. Sein zweiter Roman »Wo wir uns finden« erschien 2012. Er ist zudem Autor zahlreicher Hörspiele. Patrick Findeis lebt in Berlin.
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1


In der Nacht, in der Frankie Danilo zum ersten Mal wiedersieht, platzt ein Wasserrohr in der Eisenbahnstraße. Durch die Fenster vom Klubheim blitzen die orangefarbenen Warnlichter des Einsatzfahrzeugs, das Blaulicht eines Polizeiwagens mischt sich darunter, reflektiert in den Schnapsflaschen im Wandregal hinter dem holzvertäfelten Tresen. Es ist die kälteste Nacht des Jahres, das auf die Fahrbahn sprudelnde Wasser gefriert zu einer riesigen Eisfläche und die Straße muss über die gesamte Breite gesperrt werden. Das Kassettenradio im obersten Fach des Regals meldet die Sperrung und den Wasserrohrbruch. Frankie lächelt und brennt sich eine an. Toni dreht am Spülbecken den Wasserhahn auf, aus dem bald ein Rinnsal fließt, das schnell versiegt. Frankie lehnt sich über die Theke und betrachtet den letzten Tropfen, der am Auslass des Hahns zittert, und für einen Moment herrscht vollkommene Stille im Klubheim, keiner spricht, das Rundfunkprogramm scheint unterbrochen, die Spiralen und Pyramiden des Spielautomaten neben der Tür schweigen, kein Geräusch von der Straße. Aber die perfekte Sekunde ist im Klubheim immer schnell vorbei. Draußen startet ein Motor, im Radio das Signal für das Ende der Verkehrsmeldungen, und Toni stellt den Sender leiser und sagt: Ich geb einen aus.

Er nimmt den Apfelkorn aus dem Regal und schenkt drei Schnapsgläser voll. Und während der Eisenbahnstraße das Leitungswasser ausgeht, führen Frankie und Toni und Acki die Gläser an ihre Lippen und trinken, und Toni sagt: Letzte Runde, Freunde.

Frankie steht auf und geht zum Fenster und betrachtet die Männer, die in dicken Jacken, Thermohosen und Warnschutzwesten über das gefrorene Wasser schlittern. Die Lichter glänzen und reflektieren auf der Eisfläche, die schwarz wie ein Gletschersee zwischen den Schneehaufen am Straßenrand liegt, und fast wirkt es, als spucke die Nacht verlorene Seelen aus, die auf der Suche nach dem Zugang zur Unterwelt straucheln. Einer von ihnen rutscht aus und fällt hin. Der Mann hält sich den Kopf, nachdem ihm die Arbeiter aufgeholfen haben. Frankie beobachtet ihn, wie er mit den Männern spricht. Er wendet sich ab und kommt auf das Klubheim zu. Noch immer hält er sich den Schädel, sein Gang aber ist sicher und präzise. Und Frankie kennt diesen Gang. Er setzt sich auf seinen Platz am Tresen, erinnert sich, wie wir das erste Mal mit Danilo sprechen an der Parkbank Ecke Paradies und Römer, wie Danilo Jacky-Cola aus der Dose trinkt und sagt: Hirn war aus, als ich an der Reihe war, gab nur noch große Fresse.

Acki hebt die Hand und sagt: Wenn es hier in Stuttgart schon so kalt ist …, und verstummt, als die Tür vom Klubheim sich öffnet und Danilo eintritt. Wortlos zieht er einen Hocker neben Frankie und setzt sich, selbstverständlich wie ein König, zurückgekehrt aus dem Exil. Er klopft eine Camel aus Frankies Schachtel und brennt sie an. Danilo ist dünner als früher, seine Haut gelblich, die Nasenlöcher sind groß und schwarz, seine langen blonden Haare strähnig. Er wendet den Kopf und Frankie sieht, dass Danilos rechtes Auge aus Glas ist.

Pamela ist vor vier Monaten gestorben, sagt er.

Danilo hat keine Jacke an, nur einen kanariengelben Pullover. Er trägt keine Warnweste, hat keine reflektierenden Streifen an der Hose.

Tut mir leid, sagt Frankie.

Muss nicht, sagt er.

Schwer für deine Familie bestimmt, sagt Frankie.

Die sind tot, sagt er.

Alle? fragt Frankie, deine drei Brüder auch?

Besser so, sagt er.

Wohnst du noch Paradies und Römer? fragt Frankie.

Danilo blickt sich im Klubheim um: Erinnert mich ans König-Wilhelm.

Ich komm nicht oft her, sagt Frankie, ich wohn nur gleich gegenüber.

Ich weiß, sagt Danilo, und mit einer Kopfbewegung schüttelt er sich die Haare aus dem Gesicht, wie er es schon immer gemacht hat, und steht auf.

Was sitzt auf dem Baum und macht »Nuk, Nuk«? fragt er.

Halt dein Maul, sagt Frankie.

Danilo lacht und klopft drei Mal auf die Theke und geht. Frankie sieht ihm nicht nach, wie er zurückkehrt ins Eis. Zwölf Jahre, denkt er. Und dass er genauso lange nicht mehr an meinem Grab war. Ob es das überhaupt noch gibt, fragt er sich. Dass ich das auch nicht weiß, würde ich ihm sagen, wenn er mich hören könnte.

Frankie, fragt Acki vom anderen Ende der Theke, was sitzt denn auf dem Baum und macht »Nuk, Nuk«?

Sei still, sagt Frankie.

Ein Kuckuck mit einer Hasenscharte, sagt Toni und lacht und stellt Frankie eine Flasche Bier hin und sagt: Komm, nichts für ungut.

Als Frankie aus dem Klubheim tritt um Mitternacht, blickt er zu den Arbeitern, die um ein Loch in der Straße stehen, das ausgeleuchtet wird mit Scheinwerfern auf Stativen, in deren Licht die Atemwolken silbern und flüchtig glänzen. An seiner Haustür hängt eine Bekanntmachung der EnBW, dass das Wasser abgestellt ist wegen einer Havarie. Als er aufschließt, sieht er Ellen vor sich, wie sie im Regen steht, zart wie Nebel, ohne Jacke, wie immer, das nasse T-Shirt klebt ihr am Körper, die Stiefeletten aufgeweicht, ihr Blick unendlich hinter den tropfenden Haaren. Für einen Wimpernschlag gibt er sich seiner Sehnsucht hin nach unserer wunderschönen Ellen mit dem Gang einer Katze und dem Herz aus Stein.

Das Mondlicht fällt durch einen Spalt zwischen den Vorhängen ins Kinderzimmer. Die Heizung rauscht. Silvester liegt quer in seinem Bett und schläft. Er hat die Decke weggestrampelt, ein Bein angezogen, die Faust um sein Spielzeugauto geschlossen. Frankie kennt nichts Schöneres als ihn, wenn er so daliegt und schläft. Die Rundung seiner Schultern, die Füße, die aus dem geringelten Schlafanzug herausschauen, sein gleichmäßiger Atem. Daran versucht er zu denken, jeden Tag, dass diese Schönheit mit einem Preis kommt, dass es nur das ganze Paket gibt oder nichts.

Gute Nacht, sagt Frankie leise, deckt ihn zu und tritt zurück in den dunklen Flur und schließt auch die Tür zum Wohnzimmer, wo Petra auf dem Sofa vor dem Fernseher schläft.

Die Wasserleitung im Bad beginnt zu gluckern. Er öffnet den Hahn und betrachtet die Brühe, die ins Waschbecken spuckt. Nach fünf Sekunden wird der Strahl gleichmäßig und klar. Das Blitzen des Warnlichts hinter dem Milchglas des Badezimmerfensters erlischt. Während er sich Zahnpasta auf die Zahnbürste schmiert, fragt sich Frankie, wie Danilo ihn hier gefunden hat.

Am Morgen stellt sich Frankie schlafend, als Petra Silvester für den Kindergarten fertig macht und der sich weigert, die gefütterten Schuhe anzuziehen, bis sie ihn zwingt und er das Auto durch den Flur wirft, das er die ganze Nacht in der Faust gehalten hat wie einen Schatz. Sie öffnet die Schlafzimmertür und sagt, sie braucht Geld zum Einkaufen. Dass er doch erst kürzlich zweihundert in die Schatulle gelegt hat, sagt Frankie und sie antwortet: Das war vor zweieinhalb Wochen.

Ich habe jetzt nichts, sagt er und Petra knallt die Tür und er ruft ihr zu, dass er ihr seine Karte liegen lässt.

Frankie kommt zu spät zur Arbeit, aber das ist egal. Der Chef dreht sich nicht um, als er sich an seinen Arbeitsplatz setzt. Der Chef steht am Fenster, stößt Rauch durch die Nase aus und winkt jemandem, der die Straße entlanggeht.

Ist ein Rohr geplatzt gestern hier, sagt er, kam im Radio.

War mal was los, sagt Frankie.

Der Chef brennt sich noch eine Zigarette an und sieht weiter aus dem Fenster. Er dreht den Kopf hin und her, als halte er Ausschau nach jemandem.

Ist das alles, was ich heute habe? fragt Frankie und zeigt auf die beiden Arbeitsschalen mit Interimsprothesen.

Ich weiß doch auch nicht mehr weiter, sagt der Chef und geht in sein Büro.

Frankie poliert die Krone, die er gestern gegossen und ausgearbeitet hat, und freut sich über den Glanz, den er auf die minderwertig silbrige Legierung bekommt. Nachdem er die Krone und das Gipsmodell mit dem Dampfstrahler gereinigt und zusammengesetzt hat, legt er beides zurück in die Schale mit dem Auftragszettel und stellt sie dem Chef zur Kontrolle auf seinen Arbeitsplatz. Die Bürotür steht offen. Das Büro ist leer. Mindestens ein Mal am Tag verlässt der Chef wortlos das Labor. Frankie kann ihn manchmal von seinem Platz aus sehen, wie er die Eisenbahnstraße überquert. Er verschwindet dann im schwarzen Loch hinter den elektrischen Schiebetüren der Spielothek, für ein, zwei, selten für drei Stunden. Wenn er wieder auf die Straße tritt, blinzelt er gegen den Tag, die Hände in den Hosentaschen. Seine Augen sind rot, kommt er ins Labor zurück. Oft fragt er Frankie nach Münzen für den Zigarettenautomat. Dann geht er noch mal runter. Manchmal kommt er gleich wieder, stellt sich ans Fenster, reißt das Zellophan von der Schachtel, brennt sich eine an und redet über Geld. Manchmal bleibt er fünf Minuten, zehn Minuten, eine halbe Stunde mit den Münzen fort, ehe er schweigend durch die Tür tritt, sich eine Zigarette aus Frankies Schachtel nimmt und still...


Patrick Findeis wurde 1975 in Heidenheim geboren. Nach dem Hauptschulabschluss Besuch einer Berufsfachschule für Metalltechnik und Mittlere Reife. Ausbildung zum Zahntechniker und Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Für seinen Debütroman »Kein schöner Land« wurde er 2008 im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet. Sein zweiter Roman »Wo wir uns finden« erschien 2012. Er ist zudem Autor zahlreicher Hörspiele. Patrick Findeis lebt in Berlin.



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