E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Fischer Alles rund um Cannabis
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7453-2658-1
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anbau, Wirkungsweise und gesundheitlicher Nutzen der traditionsreichen Kulturpflanze | Erklärt vom Arzt und Neurowissenschaftler
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-7453-2658-1
Verlag: riva
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Adrian Fischer ist ein vielfach ausgezeichneter Arzt und Naturwissenschaftler. Er studierte Medizin in Köln und Boston und promovierte 2015 mit einer Arbeit, die den Preis für die beste naturwissenschaftliche Dissertation des Jahres erhielt. Seine Forschungsarbeiten wurden in den wichtigsten Fachjournalen weltweit veröffentlicht, über seine Forschung zur Wirkungsweise von Antidepressiva wurde unter anderem im Time Magazin berichtet. Seit 2017 ist er Mitgründer und Geschäftsführer von DEMECAN, dem einzigen unabhängigen deutschen Unternehmen für medizinischen Cannabisanbau. Max Link lebt als Journalist und Autor in Berlin. Er schreibt vor allem zu popkulturellen Themen. Die Debatte um die Legalisierung von Cannabis in Deutschland hat er von Beginn an aufmerksam verfolgt.
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Was genau ist Cannabis und woher kommt es?
Fangen wir ganz vorne an: Cannabis ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Menschheit – und es hat eine ziemlich faszinierende Geschichte. Die Pflanze stammt ursprünglich aus Zentralasien, vermutlich aus der Region des heutigen Afghanistans, Pakistans und den angrenzenden Gebieten. Von dort aus breitete sie sich – sozusagen als eine Art früher grüner Botschafter – über die alten Handelsrouten in alle Welt aus.
Schon vor über 5000 Jahren nutzten Menschen Cannabis für die unterschiedlichsten Zwecke: als Faserpflanze für Textilien und Seile, aber auch als Nahrungsmittel (Hanfsamen sind auch heute wieder beliebt, wegen ihres hohen Proteingehalts insbesondere bei Bodybuildern). Interessanter noch ist, dass Cannabis bereits zu diesem Zeitpunkt für medizinische und spirituelle Zwecke verwendet wurde.
Cannabis ist eine zweihäusige Pflanze, das bedeutet, es gibt männliche und weibliche Pflanzen. Diese Unterscheidung ist für das Verständnis der modernen Cannabis-Nutzung von entscheidender Bedeutung. Männliche Cannabis-Pflanzen produzieren Pollen und entwickeln keine Blütenstände, sondern Pollensäcke, die wie kleine Trauben aussehen. Sie enthalten praktisch keine Cannabinoide wie THC (Tetrahydrocannabinol) oder CBD (Cannabidiol) und sind daher für die Rausch- oder Heilwirkung völlig uninteressant.
Wenn wir heute von Cannabis sprechen, meinen wir immer die weiblichen Pflanzen. Diese entwickeln neben Samen zur Vermehrung die harzreichen, duftenden Blüten, die voller Cannabinoide stecken. Interessant wird es, wenn weibliche Pflanzen nicht befruchtet werden: Sie produzieren dann besonders harzreiche, große Blüten in dem verzweifelten Versuch, doch noch Pollen anzulocken. Diese unbefruchteten weiblichen Blüten nennt man Sinsemilla – spanisch für »ohne Samen«. Sie enthalten die höchsten Konzentrationen an THC und anderen Cannabinoiden.
In der modernen Cannabis-Zucht werden ausschließlich weibliche Pflanzen angebaut. Man verhindert das Auftreten männlicher Pflanzen, indem man aus weiblichen Ablegern oder speziell behandelten Samen züchtet, die nur zu weiblichen Pflanzen führen. Sollte man doch mal eine männliche Pflanze identifizieren, wird sie sofort entfernt. Denn ein einziges männliches Exemplar könnte die ganze Plantage befruchten und die Ausbeute drastisch reduzieren, da befruchtete weibliche Pflanzen ihre Energie in die Samenproduktion statt in die Harzproduktion stecken.
Man unterscheidet grob zwischen drei Haupttypen: Cannabis sativa, Cannabis indica und, der wohl am wenigsten bekannte Typ, Cannabis ruderalis. Vergleicht man Sativa und Indica, erkennt man optisch einige Differenzen. Die Größe der Pflanzen, die Form der Blätter und auch deren Farbe weichen voneinander ab. Sativa-Sorten stammen ursprünglich aus äquatorialen Regionen und wachsen hoch und schlank wie Palmen. Sie können bis zu vier Metern hoch werden. Die deutlich kleineren Indica-Pflanzen kommen ursprünglich aus Gebirgsregionen, wo sie schneller reifen mussten. Cannabis ruderalis stammt aus nördlicheren Teilen des heutigen Russlands und hat eine ganz besondere Eigenschaft: Sie blüht automatisch, unabhängig von der Tageslichtdauer.
Darauf, wie unterschiedlich die verschiedenen Cannabis-Typen wirken, werde ich später noch ausführlicher eingehen. Ganz vereinfacht gesagt, wirken Indica-Sorten entspannend und Sativa-Sorten anregend. Doch heutzutage sind viele Sorten weder das eine noch das andere. Denn: Wenn Sativa- und Indica-Pflanzen gekreuzt werden, entstehen sogenannte hybride Sorten. Das führt zu einer riesigen Vielfalt – sowohl im Aussehen als auch in der Wirkung.
Welche Wirkstoffe enthalten Cannabis-Pflanzen?
Die Cannabis-Pflanze ist ein wahres biochemisches Wunderwerk und enthält über 500 verschiedene chemische Verbindungen. Die bekanntesten und wichtigsten sind die Cannabinoide, von denen bisher über 100 identifiziert wurden. THC und CBD sind nur die Spitze des Eisbergs, auch wenn sie die am besten erforschten und wirksamsten sind.
THC, die bekannte Abkürzung für Tetrahydrocannabinol, ist das hauptverantwortliche Cannabinoid für die psychoaktive Wirkung. THC entsteht erst durch Erhitzung aus seiner Vorstufe THCA (der THC-Säure), die in der frischen Pflanze vorliegt. THCA selbst ist nicht psychoaktiv – erst wenn Cannabis geraucht, verdampft oder gebacken wird, wandelt sich THCA durch die Hitze in das wirksame THC um. Diesen Prozess nennen wir Decarboxylierung. Der Name wird uns noch oft begegnen. Selbst wenn man also eine größere Dosis frischer Cannabis-Blüten äße, würde das keine Rauschwirkung auslösen – vorausgesetzt, man kocht sie nicht.
CBD, die Abkürzung für Cannabidiol, ist das zweithäufigste Cannabinoid und wirkt im Gegensatz zum THC nicht berauschend. Es entsteht ebenfalls durch Erhitzung aus einer Vorstufe, dem CBDA. Weitere interessante Cannabinoide sind CBG (Cannabigerol), das als »Mutter aller Cannabinoide« gilt, da andere Cannabinoide daraus entstehen, CBN (Cannabinol), das durch Alterung von THC entstehen kann und müde macht, sowie CBC (Cannabichromen) und viele andere mit noch wenig erforschten Eigenschaften.
Wenn Sie sich jetzt fragen, was in der Pflanze eigentlich für diesen typischen Cannabis-Geruch sorgt, dann ist die Antwort: die Terpene. Neben den Cannabinoiden spielen sie die entscheidende Rolle, wenn es darum geht, die Pflanze und ihre komplexe Wirkung besser zu verstehen. Terpene sind Aromastoffe, die auch in anderen Pflanzen vorkommen – wichtige Terpene sind zum Beispiel Limonen in Zitrusfrüchten, Pinen in Kiefern oder Myrcen in Mangos. Sie alle kommen auch in Cannabis vor. Es kann je nach Sorte über 200 verschiedene Terpene enthalten. Aus der Zusammensetzung dieser entsteht der charakteristische Geruch und Geschmack einer jeweiligen Sorte. Einige meiner Kollegen haben sich in den letzten Jahren zu regelrechten Cannabis-Sommeliers entwickelt, die die verschiedenen Sorten allein anhand ihres Geruchs identifizieren, klassifizieren und bewerten können – so wie ein guter Sommelier auch nur am Wein zu riechen braucht und schon eine ganze Menge Interessantes über ihn zu berichten weiß.
Terpene sind aber nicht ausschließlich für den Geruch zuständig. Man geht davon aus, dass sie auch die Wirkung der jeweiligen Sorte beeinflussen können. Myrcen – das am häufigsten vorkommende Terpen in Cannabis – soll beruhigend wirken und die THC-Wirkung verstärken, Limonen kann die Stimmung heben und Pinen die Aufmerksamkeit fördern. Allerdings wird diskutiert, ob das tatsächlich an einer pharmakologischen Interaktion liegt oder daran, dass frische Aromen einfach angenehmer sind und vielleicht indirekt die Stimmungslage verbessern.
Flavonoide sind eine weitere wichtige im Cannabis enthaltene Stoffgruppe. Sie geben der Pflanze ihre Farbe und haben antioxidative sowie entzündungshemmende Eigenschaften. Cannabis enthält sowohl allgemeine Flavonoide, die in vielen Pflanzen vorkommen, als auch spezielle Cannabis-Flavonoide wie Cannflavin A und B, die bislang nirgendwo sonst gefunden wurden.
Cannabis enthält außerdem Fettsäuren, Proteine, Chlorophyll und verschiedene andere organische Verbindungen. Interessant ist, dass sich die Zusammensetzung je nach Sorte, Anbaubedingungen, Erntezeit und Lagerung dramatisch unterscheiden kann. Auch das erklärt letztlich die enorme Vielfalt an Wirkungen und Geschmäckern verschiedener Cannabis-Sorten.
Interessanterweise ist auch hier die Forschung noch nicht am Ende: Erst 2023 entdeckte ein kalifornisches Forscherteam, dass flüchtige Schwefelverbindungen für einen ganz besonderen Geruch in Cannabis, das Skunk-Aroma, verantwortlich sind. Es riecht nach: Stinktier! Diese Verbindungen werden auch als scatogene Schwefelverbindungen bezeichnet, vom griechischen skatos für »Mist« oder »Kot«. Man sieht, es gibt fast nichts, was in Cannabis nicht irgendwie auch duften kann.
Wie wirkt es genau?
Die Wirkung von Cannabis ist deutlich komplexer, als die meisten Menschen denken. Sie entsteht durch ein Zusammenspiel zwischen den Inhaltsstoffen der Pflanze und einem körpereigenen Rezeptorsystem – welches, weil Cannabis damit interagiert, Endocannabinoid-System genannt wurde. Das bedeutet nun nicht, dass unser Körper THC produzieren kann, sondern dass körpereigene Botenstoffe auf dieselben Rezeptoren wirken wie eben auch Cannabis. Dieses System existiert in praktisch allen Wirbeltieren und reguliert wichtige Körperfunktionen wie Schlaf, Appetit, Schmerzwahrnehmung, Stimmung und Gedächtnis. Bereits diese Liste all der Körperfunktionen, die vom Endocannabinoid-System mitreguliert werden, liefert uns einen ersten Hinweis darauf, bei welchen Beschwerden und Krankheiten Cannabis helfen kann.
Aber noch einmal zurück: Das Endocannabinoid-System ist unser körpereigenes Cannabis-System. Ziemlich verrückt, wenn man darüber nachdenkt: Unser Körper produziert also selbst cannabinoidähnliche Substanzen, die Endocannabinoide. Endocannabinoide unterscheiden sich von Phytocannabinoiden, die in Pflanzen wie zum Beispiel Cannabis vorkommen, und von synthetischen Cannabinoiden, die im Labor hergestellt werden. (Cannabis selbst hat übrigens kein eigenes Endocannabinoid-System.)
Endocannabinoide docken im menschlichen Körper an spezielle Cannabinoid-Rezeptoren an – hauptsächlich CB1-Rezeptoren im Gehirn und Nervensystem sowie CB2-Rezeptoren im Immunsystem. Die Cannabinoide aus der Cannabis-Pflanze, ganz besonders THC,...




