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E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Fischer Buschbriefe

Botswana 1997-1999
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-0725-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Botswana 1997-1999

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-6951-0725-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Buschbriefe erzählen von der Feldforschung an Bärenpavianen im Okavango-Delta in Botswana, vom Leben im Camp, von Löwen, Schlangen und Elefanten, festgefahrenen Autos und bürokratischem Hindernislauf, vom Zauber der sich wandelnden Jahreszeiten und von den vielfältigen Begegnungen mit den Leuten vor Ort.

Julia Fischer ist Professorin für Primatenkognition an der Georg-August-Universität Göttingen und Leiterin der Abteilung Kognitive Ethologie am Deutschen Primatenzentrum. Ihr Forschungsinteresse gilt dem Sozialverhalten, der Kommunikation und Kognition nichtmenschlicher Primaten. Nach ihrer Feldforschung an Bärenpavianen in Botswana etablierte sie 2007 mit ihrem Team die Feldstation Simenti im Senegal, wo sie Guineapaviane untersuch. Sie ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Göttinger Akademie der Wissenschaften, sowie Trägerin des Niedersächsischen Verdienstordens. 2013 erhielt sie den Werner-und-Inge Grüter Preis für Wissenschaftskommunikation.
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Buschbrief 3


2. Januar 1998

Ich sitze im Zelt an meinem kleinen Rechner, es ist leicht bewölkt und eine Brise streicht durchs Zelt, so dass man es gut aushalten kann. Kurt und ich hatten eine sehr abenteuerliche Fahrt hierher, aber der Reihe nach. Kurt kam also am Sonntag mit dem gleichen Flugzeug an, das später die Seyfarths mitnahm. Leider fehlte seine Tasche, die vermutlich in Johannesburg stehen geblieben war. Den Montag haben wir mit umfangreichen Einkäufen verbracht, wobei wir nicht mal alles geschafft haben, was auf der Liste stand. Leider hieß es auch am Montag, dass seine Tasche immer noch nicht aufgetaucht sei. Wir sollten am Nachmittag noch mal vorbeikommen, wobei zu bemerken ist, dass sowieso nur ein Flugzeug pro Tag aus Johannesburg ankommt. Nachmittags fanden wir die Tasche überraschenderweise im Büro der Fluggesellschaft, sie hatten sie einfach übersehen, obwohl sie das Ausmaß einer mittleren Schrankwand hat.

In der Nacht von Montag auf Dienstag gingen sturzbachartige Regenfälle den Himmel runter, und zwar die ganze Nacht. Ich habe mir fürchterliche Sorgen gemacht, wie wir wohl die Strecke ins Camp bewältigen sollten, aber alle meinten, es sei kein Problem. Es gibt zwei mögliche Routen von Maun ins Camp, eine auf der anderen Seite des Flusses, wobei man den Fluss erst hier durchfährt. Das ist nur bei Niedrigwasser möglich. Diese Route ist etwa 20 km kürzer als die andere, bei der man den Fluss in Maun überquert. Letztere ist die hochwassersichere Route, nur leider kenne ich sie noch nicht. Also blieb uns gar nichts anderes übrig, als hier durch den Fluss zu fahren.

Wir haben Dienstag früh mit weiteren Einkäufen verbracht und sind schließlich aufgebrochen. Der erste Teil der Strecke führte uns vor allem durch gigantische Pfützen. Das Auto war voll beladen bis oben hin, und alle, die mich kennen, wissen, dass meine größte Sorge schon immer war und ist, ob wir wohl genügend zu essen haben werde. Dementsprechend vollgepackt war das Auto. Man kann ja nie wissen ... Zuerst ist Kurt gefahren, dann haben ich das Steuer übernommen. Schließlich kamen wir an einer wichtigen Landmarke vorbei, einem großen Baobab, und wollten den Kilometerstand notieren; kurzum, ich habe einmal nicht richtig auf die Strecke geachtet, und schon war ich von der Piste abgekommen und wir saßen im Schlick fest.

Es gibt hier im Wesentlichen zwei Sorten von Boden: weißen Sand und schwarzen tückischen Schlick, vor dem ich schon mehrfach gewarnt worden war. Zu Recht. Eine zähe schlammige Masse. Also musste der große Wagenheber aktiviert werden. Zu allem Überfluss fing es genau in diesem Moment wieder an zu regnen, und dann auch noch zu Gewittern. Da wir auf freier Fläche standen, waren wir also nicht besonders motiviert, mit diesem eisernen Wagenheber herumzuhantieren. Wir saßen also erst mal im Auto und guckten zu, wie der Wagen immer tiefer im Schlick versank. Leider stellten wir fest, dass der Spaten, der eigentlich ins Auto gehört, nicht dabei war. Wir mussten also mit Stemmeisen und bloßen Händen versuchen, den Wagen wieder auszugraben. Der Wagenheber funktionierte auch nur bedingt. Man konnte den Wagen zwar hochstemmen, aber es war fast unmöglich, ihn wieder runter zu lassen. Nur mit Geduld und Spucke bekamen wir dieses Ding in den Griff. Nach zwei Stunden hatten wir den Wagen aus dem größten Schmodder raus.

Natürlich hatten wir inzwischen auch fast den gesamten Einkauf aus dem Wagen rausgenommen, und der wurde zwischenzeitlich völlig vollgeregnet. Allerdings war der Schlick viel zäher und ekelhafter, als wir dachten. Es dauerte also noch mal eine ganze Stunde, bis wir den Wagen schließlich ganz frei hatten. Wir sahen aus wie die Erdferkel, nass und vollgeschlammt, die Füße bis zu den Knöcheln immer wieder im Morast versinkend. Meistens musste ich eher lachen, aber zwischenzeitlich fand ich die Situation auch gar nicht so lustig. Immerhin haben wir uns beide ziemlich zusammengenommen. Wir mussten uns eine andere Strecke suchen, aber es war klar, dass wir es an diesem Tag nicht mehr bis ins Camp schaffen würden. Bei Dämmerung hielten wir an, räumten unser Gepäck hinten in den Stauraum, holten dafür ein paar Dosen Bier nach vorne und richteten uns auf eine enge Nacht im Auto ein. Bryony hatte uns schon gewarnt, dass dies vermutlich die Nacht sei, in der die Termiten ihren Hochzeitsflug machen, wir sollten also vorsichtig mit dem Licht sein.

6. Januar 1998

Ich habe eben Ensign angefunkt, die Agentur, die in Maun die Leute im Busch betreut und Postangelegenheiten und kleine Einkäufe erledigt. Meine Post, die sich inzwischen bei ihnen angesammelt hat, wird morgen in ein Flugzeug gesteckt und ins übernächste Camp geschafft, wo ich sie hoffentlich in Empfang nehmen kann. Seitdem wir hier angekommen sind, hat es jeden Tag geregnet. Ganz anders als in den ersten zwei Wochen ist alles feucht und auch ein bisschen klamm; es will nicht so richtig warm werden. Jeden Tag um die Mittagszeit gehen gewaltige Regenschauer runter, und nachts regnet es auch des Öfteren. Das soll jetzt die nächsten zwei Monate so bleiben. Robert und Dorothy hatten mir die Regenzeit allerdings etwas anders geschildert. Insgesamt geht es uns gut.

Mokupi ist inzwischen auch wieder aufgetaucht, ich fürchtete schon, dass er für die nächsten paar Wochen krank ist. Das Kennenlernen der Tiere geht nach wie vor nur mühsam voran. Gestern waren Kurt und ich alleine unterwegs. Das GPS hatten wir im Camp gelassen, da wir und noch nicht so recht mit seiner Funktionsweise vertraut gemacht hatten. Wir haben bald die Tiere gefunden und sind ihnen hinterher gestiefelt, und nach ein paar Wendungen und Richtungswechseln wusste ich überhaupt nicht mehr, wo wir eigentlich waren. Ich hatte zwar eine Ahnung, aber das war ganz woanders als ich dachte, wo wir hätten sein müssen. In solchen Augenblicken wird einem besonders klar, wie gleich hier alles aussieht. Dazu kommt, dass das Land absolut flach ist und es überhaupt keine Landmarken am Horizont gibt, an denen man sich orientieren könnte. Die Sonne fiel auch mehr oder weniger weg, da sie durch eine ziemlich dichte Wolkendecke verhüllt war. Ich muss sagen, dass wir schließlich beide ziemlich nervös wurden, wobei wir auch die Affen wieder verloren, die normalerweise am Nachmittag in der Nähe des Camps aufkreuzen. Glücklicherweise kam tatsächlich ein Auto mit den Park Rangern vorbei, und wir konnten ganz normal nach dem Weg fragen. Wir waren keine viertel Stunde vom Camp entfernt.

Nachmittags haben wir eine kleine Trainingsstunde mit dem GPS eingelegt und es funktioniert ganz hervorragend. Man bekommt genau die Richtung angezeigt, in die man gehen muss, wenn man zum Beispiel ‘nach Hause’ will. Und jetzt, da auch Mokupi wieder aufgekreuzt ist, ist die Orientierung sowieso kein Problem mehr.

Nun aber zurück zur Nacht der Termiten. Später in der Nacht kam noch mal ein Auto vorbei mit Leuten, die sich hier offensichtlich sehr gut auskennen. Sie hielten an und boten uns an, uns nach Xaxaba zu begleiten, was wir aber angesichts ihres abenteuerlichen Fahrstils lieber ablehnten. Durch den Lichtkegel des Scheinwerfers wurden Myriaden von geflügelten Termiten angelockt, sie waren wirklich überall. Am nächsten Morgen lagen überall ihre Flügel herum. Wir sind in aller Frühe losgefahren. Kurt hatte den Bogen raus: Wenn es sehr schlickig wurde, hat er fürchterlich viel Gas gegeben und so sind wir über die schlimmsten Stellen mehr oder weniger hinweggerutscht. Wie waren sehr erleichtert, als wir hier ankamen. Zu Sylvester haben wir uns einen steifen Gin Tonic gemischt, eine Flasche Sekt geöffnet und sind um zehn ins Bett gegangen. Prost Neujahr!

Inzwischen haben wir hier langsam eine kleine Tagesroutine entwickelt. Wasserpumpe laufen lassen, den Schuppen abends zumachen und die große blaue Kiste verschließen, nach Maun funken, Malariapillen einwerfen etc. etc. Das meiste können wir inzwischen. Auch den Kühlschrank haben wir wieder in Fahrt gebracht. Jetzt muss ich mich noch mal hinsetzen und die Verwandtschaftsbeziehungen der Affen lernen. Und dann muss man schon wieder darüber nachdenken, was es heute Abend zu essen geben soll. Abends haben wir schon viel darüber geredet, was es für und gegen solch ein Leben hat. Das Problem ist tatsächlich, dass ich doch gerne mit vielen Menschen zusammen bin. Ich nehme es also als Erfahrung auf, aber ich weiß, dass es keine wirkliche Option für mich ist. Anders als Robert und Dorothy bin ich mir nicht selbst genug, sondern hänge viel zu sehr an meinen Freunden und Freundinnen, meiner lieben Familie.

13. Januar 1998

Kurt und ich sitzen auf der wunderbaren Terrasse, vor unseren Augen erstreckt sich die atemberaubende afrikanische Landschaft, alles ist noch ganz grün und üppig von den letzten Regenfällen, und auch heute scheint sich wieder ein gewaltiges Gewitter zusammenzubrauen. Und was machen wir? Wir sitzen an unseren Rechnern und hacken Computerprogramme und Briefe an die Lieben in dieselben ... Das ist ein Kontrastprogramm zum gestrigen Tag, an dem die Wildnis uns ein ganzes Stück nähergekommen ist. Vorweg muss ich sagen, dass das Heimweh nicht nur mit kalter Hand mein Herz umfasst hatte, sondern mir offensichtlich auch etwas die Sicht auf diese wundervolle Welt hier versperrt...



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