Fischer Lebzeiten
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-85882-721-0
Verlag: Appenzeller
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Roman
E-Book, Deutsch, 212 Seiten
ISBN: 978-3-85882-721-0
Verlag: Appenzeller
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Christine Fischer, 1952 in Triengen LU geboren, studierte Logopädie am Heilpädagogischen Institut der Universität Freiburg. Sie wohnt in St.Gallen und war vierzig Jahre lang als Sprachtherapeutin tätig. Veröffentlichung der Bücher 'Eisland' (1992), 'Lange Zeit' (1994), 'Augenstille' (1999), 'Solo für vier Stimmen' (2003), 'Von Wind und Wellen, Haut und Haar' (2004), 'Vögel, die mit Wolken reisen' (2005), 'Nachruf auf eine Insel' (2009), 'Els' (2014), 'Lebzeiten' (2015) und 'Der Zweifel, der Jubel, das Staunen' (2017). Ausgezeichnet mit verschiedenen Förder- und Werkpreisen. www.christinefischer.ch
Autoren/Hrsg.
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Das rote Heft
«Liebe Gemeinde», schreibe ich auf die erste Seite meines roten Heftes. «Da stehe ich also an diesem Sonntag vor Ihnen und halte die erste und die letzte Predigt meines Lebens. Weshalb ich das so genau weiss, werden Sie sich fragen. Nun, ich weiss es eben. Ganz langsam löst sich mein Denken auf, das hat mir der Neurologe bestätigt, und in einem Jahr wird es mir wohl nicht mehr möglich sein, einen ganzen Text vorzutragen. Darum tue ich es jetzt. Ihr Pfarrer hat mich darum gebeten, und er hat mich auch gebeten, dabei kein Blatt vor den Mund zu nehmen und Sie nicht zu schonen. In der Passionszeit solle man sich ruhig mit den Grenzen des menschlichen Lebens auseinandersetzen. Ruhig, sagte er. Nun, ich bin nicht ruhig. Ich bin die Unruhe selbst. Es ist, als ob ich tausend Augen hätte wie eine buddhistische Gottheit. Mit diesen Augen kann ich in jeden Winkel meines Innern schauen und in jeden Winkel der Welt, in der ich mich bewege. Und trotz dieser tausend Augen sehe ich nur das Leid, das mich selbst betrifft. Sehe nicht das Ihre und kann noch weniger das Leid der Welt erfassen. Das Leid der Menschen, die in Krieg und Armut leben, die gequält und missachtet werden. Das ist seltsam, und es zeigt mir, dass ich eben nur ein Mensch und keine buddhistische Gottheit bin. Und auch keine christliche. Nur einfach ein Mensch. Schauen Sie, dies hier ist mein Schreibheft! Ich habe dieses blaue Heft vollgeschrieben, doch würden Sie es aufschlagen und lesen, Sie fänden kein Wort darin vom Kummer, der Sie selbst umtreibt. Und auch kein Wort des Entsetzens oder der Scham über das, was der Mensch dem Menschen zufügt. Mein eigenes Schicksal füllt alles aus, jede verdammte Seite. Dafür muss ich Sie nicht nur um Verständnis, sondern auch um Verzeihung bitten. Und ich möchte Ihnen an dieser Stelle etwas verraten, was mir langsam dämmert: Ich beginne zu spüren, dass Leiden immer kollektives Leiden ist, genauso wie Freude nicht in einem Einzelnen beschlossen bleibt, sondern sich auf viele überträgt. Dass bei jeder Gefühlsregung, wie sie auch beschaffen sein mag, Kräfte freigesetzt werden, die Andere mitmeinen, miteinschliessen und so teilbar werden. Und nicht nur teilbar, auch das Gegenteil davon: multiplizierbar. Deshalb leide ich nicht alleine, und Sie tun es auch nicht. Sie lachen auch für mich, und ich weine auch für Sie. Ist dies ein Gedanke, mit dem Sie etwas anfangen können? Mir ist er neu. Eine Erfahrung eben. Möglicherweise finden Sie, es sei nichts als eine faule Masche, um meine Ich-Bezogenheit zu bemänteln. Ich werde nach dem Gottesdienst beim Apéro, den uns der Pfarrer trotz Fastenzeit versprochen hat, vielleicht von Ihnen hören, was Sie darüber denken. Das interessiert mich. Ich möchte nicht gerne in mir beschlossen sein. Manchmal hasse ich die Krankheit, die mein Gehirn zerlöchert, und dann hasse ich mich selbst. Und manchmal strömt das Leben durch meine tausend Augen und Arme in mich ein und füllt mich aus, und ich kann nur nicken. Ja, sage ich dann glücklich, ja. Du bist es, liebes Leben. So und nicht anders. Gerade so. Dann hoffe ich, dass es auch für andere so sein möge. Vielleicht nicht jetzt, gerade heute, weil Schmerz und Angst zu gross sind. Aber irgendwann. Dass dann der Grabstein weggewälzt wird oder dass er gar wegrollt aus eigener Kraft und dann Licht einströmen kann, Wärme, eine Stimme oder viele Stimmen und auch die Freude, die in den Stimmen liegt. Und dass dann alles ist, so wie es ist. Dass es keine Bruchstücke mehr gibt, keine schneidenden Splitter, bitteren Fasern und dumme Halbheiten. Alles ganz, so klein, so bizarr oder so wenig es auch sein möge. Ich will glauben, dass auch ich ganz bleiben werde, auch wenn mich kein Gedanke mehr bewegen, kein Wort, keine Absicht mehr sich formen kann in mir. Dass ich dann trotz allem noch diejenige sein werde, die ich schon immer war. Zwar bis zur Unkenntlichkeit verändert, aber immer ganz und immer das Ganze meinend. Das ausdrückend, was nicht zu beschädigen ist und sich fortsetzt, auch wenn alles vergeht: Die einzige Wirklichkeit. Das liebe Leben. Ich danke Ihnen.»
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Hast du dir das auch gut überlegt?, fragt Karl. Wir stapfen über Reste von Sulz und aufgeweichte Wiesenstücke einen Hang hoch. Wenn wir stillstehen, um Atem zu holen, hören wir das Knistern von schmelzendem Schnee und das Glucksen der Rinnsale, die der untergründig noch gefrorene Boden nicht zu schlucken vermag. März. Mein Herz klopft wild. Da gibt es nichts zu überlegen, antworte ich trotzig. Karl hat den Entwurf meiner Predigt nach dem Frühstück gelesen und vorgeschlagen, auf unserer Wanderung darüber zu sprechen. Schon immer konnten wir beim Gehen am besten miteinander reden, nebeneinander oder hintereinander uns fortbewegend, die Augen nach innen oder in die Ferne gerichtet, ein ruhiges Hin und Her mit Pausen.
Das ist keine Predigt, meint Karl, es ist ein Coming-out.
Na und, erwidere ich. Soll ich etwa von Weidekätzchen sprechen oder vom Osterhasen?
Jetzt sei nicht kindisch!
Und du nicht feige! Ich darf über das sprechen, was mich umtreibt, ich muss es sogar. Alles andere wäre ein Versteckspiel. Schade um die kostbare Redezeit. Schade um die Zuhörerschaft. Sie hat ein Recht auf Wahrheit.
Du hast auch Rechte, Lore, das Recht auf Persönlichkeitsschutz zum Beispiel!
Ich habe mich ein Leben lang geschützt. Jetzt weiche ich endlich auf, so wie der Boden unter unseren Füssen. Hörst du, wie es gluckst? Zwar stehen wir im Dreck, doch aus dem Dreck spriesst bekanntlich der Frühling.
Es werden Leute im Kirchenschiff sitzen, die du kennst. Leute von der Schulbehörde vielleicht, Eltern deiner Kindergartenkinder. Deine Worte werden Verunsicherung auslösen, Ängste oder gar Empörung. Es könnte dich die Stelle kosten, Lore! Willst du dieses Risiko tatsächlich eingehen?
Ich überlege. Ich bin es bereits eingegangen, Karl, antworte ich. Und bin schon einen Schritt weiter. Mir kann nichts mehr geschehen. Ich bin ein freier Mensch.
Karl schaut mich kopfschüttelnd an. Ist das dein letztes Wort?
Oh nein, noch lange nicht, sage ich lachend. In dieser Sache aber schon.
Doch die Anrede musst du ändern, wenigstens das, meint Karl. Liebe Gemeinde – du bist doch keine Pfarrerin!
Du hast ja recht, lenke ich ein.
Wir stapfen weiter, gewinnen rasch an Höhe. Hier liegt der Schnee noch einige Zentimeter dick, wenn auch aufgeweicht. Bei jedem Schritt sinken wir ein. Karl geht voraus, als würden seine Beine durch einen Elektromotor angetrieben. Ich falle mehr und mehr zurück. Schliesslich bleibt Karl stehen und wartet, bis ich aufgeholt habe. Was trödelst du denn so lange?, fragt er mit Ungeduld in der Stimme.
Ich wippe, sage ich.
Du wippst?
Ja, auf der Weltkugel. Sie haftet an meinen Schuhsohlen. Wenn ich den Stiefel aus dem Schnee ziehe, gibt sie ein klein wenig nach. Sie schlingert, sie federt. Das tut sie übrigens immer. Spürst du das nicht?
Ach Lore, sagt Karl und küsst mich.
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Als der Norweger mich das erste Mal besuchte, hatte ich den ganzen Nachmittag nackt vor dem Ofen verbracht, ihn mit Birkenscheiten fütternd, als gälte es, die Hütte zum Bersten zu bringen. Zwischendurch hatte ich immer wieder über die gefrorene Fläche des Sees gespäht in der Hoffnung, eine menschliche Gestalt auszumachen, eine männliche Gestalt, die sich bewegte, zielgenau in meine Richtung, wachsen würde mit jedem Schritt, rasch, nein langsam. Seit zwei Tagen wartete ich, verzehrte ich mich, verging, fröstelte und schwitzte ich. Der Norweger würde an der Stelle des jenseitigen Ufers, wo die Lichter der Tankstelle den ganzen Tag über den See blinzelten und wo auch der Bus hielt, über die Böschung aufs Eis runterschliddern und sich aufmachen, um mich zu besuchen. Und wäre dann endlich da. Fleischgewordenes Mysterium. Doch die Eisfläche blieb leer und weit. Um mich zu trösten, brühte ich frischen Kaffee auf. Noch einen letzten Blick aus dem Hüttenfenster wollte ich tun, bevor sich nur noch mein eigenes Bild darin spiegeln und ich die Hoffnung in einer Tasse Kaffee mit reichlich Wodka ertränken würde. Es begann zu dämmern, wenn man überhaupt von Dämmerung sprechen kann an einem Ort und an einem Tag, der kein direktes Sonnenlicht kennt. Die blaue Stunde war herangerückt, die ich so sehr liebte, jedoch an diesem Tag verwünschte. Da sah ich den Norweger, das Inbild meiner Sehnsucht, sich tatsächlich langsam auf mich und die Hütte, die im Grunde genommen nicht meine, sondern seine war, zu bewegen, grösser und grösser werden. Rasch schlüpfte ich in meine Kleider.
Wir hatten uns in der Bar des kleinen Ortes in Finnisch Lappland kennengelernt. Ich war knapp fünfundzwanzig, so alt wie Oliver heute. Nach nur zwei Jahren als Kindergärtnerin hatte ich vor der Welt der Vernunft und Beständigkeit Reissaus genommen und tingelte durch Europa. Ich war unterwegs Richtung Nordkap, eigentlich auf der Durchreise, doch hier aus dem Bus gestiegen, weil ich wusste, dass es nachher die längste Zeit keine Ortschaft mit Hotelunterkünften mehr gäbe. Ich hatte Rentierfleisch mit Kartoffelstock und Preiselbeermus gegessen, den Klassiker der nicht existierenden Küche Nordskandinaviens, wie ich erfahren hatte, und sass nun zwischen zusammengekrümmten Kerlen, die mich mit glasigen Augen anstierten, ohne ein Wort über die Lippen zu bringen, an der Bar. Finnische Männer sind stumme Fische, doch die stummsten aller Fische sind die Lappländer. Die Tür war aufgegangen, und ein gross gewachsener, dunkel gekleideter Mann mit Rucksack war hereingekommen. Als er die Kapuze zurückschlug und auch die Mütze abnahm,...




