Fitzgerald | Die besten Geschichten | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Fitzgerald Die besten Geschichten

Neun Erzählungen
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8412-1045-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Neun Erzählungen

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-8412-1045-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sein Vater sei der reichste Mann der Welt, behauptet Percy Washington, er besitze einen Diamanten so groß wie das Hotel Ritz. Was sein Schulfreund John Unger für maßlose Übertreibung hält, erweist sich bei einem Besuch in Montana als wahr. Ein Berg aus Diamant - das darf natür lich niemand erfahren. Und plötzlich merkt Unger, in welcher Gefahr er schwebt ...



F. Scott Fitzgerald (1896-1940), geboren in Minnesota/USA, gilt als einer der Hauptvertreter der 'Lost Generation'. Seine Werke spiegeln und prägten, ebenso wie seine Person, das Zeitalter des Jazz. Sein bekanntestes Buch, 'Der große Gatsby' (1925), schrieb er kurz nach der Roadnovel über seine Reise mit Zelda, die unter dem Titel 'The Cruise Of The Rolling Junk' 1924 erstmals erschien.

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Die letzte Schöne des Südens


1


Nachdem Atlanta seinen vollendeten und theatralischen südlichen Charme entfaltet hatte, unterschätzten wir alle Tarleton. Es war dort noch etwas heißer als überall sonst, wo wir gewesen waren – ein Dutzend Rekruten brach am ersten Tag in der Sonne Georgias zusammen–, und wenn man die Kuhherden durch die Geschäftsstraßen trotten sah, von farbigen Treibern mit »Hi-ja« angetrieben, verfiel man in der heißen Helle in eine Art Trance – man hätte gern eine Hand oder einen Fuß bewegt, um sich zu vergewissern, dass man lebendig war.

Also blieb ich dem Lager fern und ließ mir von Leutnant Warren erzählen, was mit den Mädchen los war. Das ist jetzt fünfzehn Jahre her, und ich habe vergessen, was ich damals empfand, außer dass die Tage einer nach dem andern dahingingen, besser als heute, und dass mein Herz leer war, denn oben im Norden feierte sie, deren Abglanz ich drei Jahre lang geliebt hatte, Hochzeit. Ich sah die Zeitungsausschnitte und die Zeitungsfotos.

Es war »eine romantische Kriegstrauung«, alles sehr prunkvoll und traurig. Deutlich spürte ich das dunkle Strahlen des Himmels, unter dem das Ereignis stattfand, und da ich ein junger Snob war, empfand ich im Grunde mehr Neid als Trauer.

Eines Tages ging ich nach Tarleton, um mir dort die Haare schneiden zu lassen, und traf zufällig einen netten Jungen namens Bill Knowles, der zu meiner Zeit in Harvard gewesen war. Er hatte zu der Abteilung der Nationalgarde gehört, die vor uns im Lager war; im letzten Augenblick aber war er zur Luftwaffe übergewechselt und zurückgelassen worden.

»Freut mich, dass ich dich getroffen habe, Andy«, sagte er mit übertriebenem Ernst. »Bevor ich nach Texas gehe, werde ich dich über alles informieren, was ich weiß. Es gibt wirklich nur drei Mädchen hier …«

Ich war interessiert; das mit den drei Mädchen hatte etwas Mystisches.

»… und das ist eine von ihnen.«

Wir standen vor einem Drugstore, und er schob mich hinein und stellte mich einer jungen Dame vor, die ich sogleich verabscheute.

»Die beiden andern sind Ailie Calhoun und Sally Carrol Happer.«

Die Art, wie er Ailie Calhouns Namen aussprach, ließ mich vermuten, dass er sich für sie interessierte. Der Gedanke, was sie wohl anfangen würde, wenn er fort war, beschäftigte ihn; wenn es nach ihm ginge, sollte die Zeit für sie still und ereignislos vergehen.

In meinem Alter zögere ich nicht, zu gestehen, dass gänzlich unritterliche Bilder von Ailie Calhoun – welch reizender Name! – vor mir aufstiegen: Ein schönes Mädchen, auf das ein anderer ältere Rechte hat – so etwas gibt es nicht für einen Dreiundzwanzigjährigen; doch wenn Bill mich gefragt hätte, hätte ich zweifellos allen Ernstes geschworen, dass Ailie mir wie eine Schwester teuer sei. Er fragte nicht; er machte gerade laut seinem Ärger darüber Luft, dass er jetzt fort musste. Drei Tage später rief er mich an und sagte mir, am nächsten Morgen sei es soweit und er werde mich am Abend zu ihr mitnehmen.

Wir trafen uns vor dem Hotel und gingen durch die blütenreiche, heiße Dämmerung. Die vier weißen Säulen des Calhoun’schen Hauses waren der Straße zugewandt, und die Terrasse dahinter mit den herabhängenden, ineinander verflochtenen, emporkletternden Weinranken war so dunkel wie eine Höhle.

Als wir den Gartenweg entlangschritten, stürzte ein Mädchen in einem weißen Kleid mit dem Ruf aus der Tür: »Es tut mir leid, dass ich mich so verspätet habe!«, und als sie uns erblickte, fügte sie hinzu: »Ach, ich dachte, ich hätte euch schon vor zehn Minuten kommen hören …«

Sie hielt inne, als ein Stuhl knarrte und ein dritter Mann, ein Flieger aus dem Lager Harry See, aus der Dunkelheit der Terrasse trat.

»Ach, Canby!«, rief sie. »Wie geht’s?«

Er und Bill Knowles warteten so gespannt wie zwei Prozessgegner.

»Canby, ich möchte Ihnen etwas zuflüstern, mein Lieber«, rief sie gleich darauf. »Du entschuldigst uns doch, Bill.«

Sie gingen ein paar Schritte beiseite. Gleich darauf sagte Leutnant Canby höchst ungehalten in grimmigem Ton: »Dann also Donnerstag, aber dabei bleibt es.« Mit einem kaum wahrnehmbaren Kopfnicken zu uns herüber ging er davon, den Gartenweg hinunter, und die Sporen, mit denen er vermutlich sein Flugzeug zur Eile antrieb, funkelten im Lampenlicht.

»Kommen Sie doch – ich kann mich im Augenblick nicht auf Ihren Namen besinnen …«

Da war er – der Mädchentyp des amerikanischen Südens in seiner ganzen Reinheit. Ich hätte Ailie Calhoun erkannt, auch wenn ich nie Ruth Draper gehört und nie Marse Chan gelesen hätte. Sie besaß die mit reizender, zungenfertiger Unkompliziertheit überzuckerte Gewandtheit, die Andeutung eines Hintergrunds von liebevollen Vätern, Brüdern und Verehrern, der bis in das heroische Zeitalter des Südens zurückreichte, die makellose Kühle, die man im unaufhörlichen Kampf mit der Hitze erlangt. In ihrer Stimme gab es Töne, mit denen Sklaven Befehle erteilt wurden, Töne, die Yankee-Hauptleuten alle Kraft nahmen, und dann wieder sanfte, schmeichelnde Klänge, die ungewohnt lieblich mit der Nacht verschmolzen.

In der Dunkelheit konnte ich sie kaum erkennen, aber als ich aufstand und gehen wollte – es war klar, dass meine Anwesenheit nicht länger erwünscht war –, stand sie in dem orangefarbenen Lichtschein, der aus der Tür kam. Sie war klein und sehr blond; sie hatte zu viel fieberrotes Rouge im Gesicht, was noch durch eine clownhaft weißgepuderte Nase unterstrichen wurde, aber sie leuchtete durch dies alles hindurch wie ein Stern.

»Wenn Bill fort ist, werde ich Abend für Abend allein hier sitzen. Vielleicht begleiten Sie mich zu den Tanzveranstaltungen im Landklub.« Diese rührende Prophezeiung ließ Bill auflachen. »Warten Sie einen Augenblick«, sagte Ailie leise. »Ihre Gewehre sitzen schief.«

Sie rückte das Abzeichen auf meinem Spiegel gerade und sah eine Sekunde lang mit einem Blick zu mir auf, in dem mehr als Neugier lag. Es war ein suchender Blick, als frage sie: Könntest du es sein? Wie Leutnant Canby schritt ich widerwillig davon in den plötzlich schal gewordenen Abend.

Zwei Wochen später saß ich mit ihr auf demselben Portikus oder vielmehr lag sie halb in meinen Armen und berührte mich doch kaum – wie sie das fertigbrachte, weiß ich nicht mehr. Ich versuchte ohne Erfolg, sie zu küssen – ich hatte das bereits seit fast einer Stunde versucht. Wir führten ein scherzhaftes Streitgespräch darüber, dass ich es nicht aufrichtig meinte. Meine Theorie lautete, dass ich mich in sie verlieben würde, wenn sie mir erlaubte, sie zu küssen. Sie behauptete dagegen, dass ich offensichtlich nicht ganz aufrichtig sei.

In der Pause zwischen zwei solchen Auseinandersetzungen erzählte sie mir von ihrem Bruder, der in seinem letzten Studienjahr in Yale gestorben war. Sie zeigte mir sein Bild – es war ein hübsches, ernstes Gesicht mit einer Leydecker-Stirnlocke – und erklärte mir, falls sie jemand kennenlernte, der ihm ähnlich sei, würde sie heiraten. Ich fand diesen Familienidealismus entmutigend; trotz meines verwegenen Selbstvertrauens fühlte ich mich nicht stark genug, den Wettkampf mit dem Toten aufzunehmen.

So verstrich dieser Abend und andere Abende, und es endete damit, dass ich mit der Erinnerung an den Duft von Magnolienblüten und in einer Stimmung vager Unzufriedenheit ins Lager zurückkehrte. Ich küsste sie niemals. Sonnabendabends gingen wir zu Vaudevillevorstellungen und in den Landklub, wo sie nur selten zehn Schritte hintereinander mit ein und demselben Mann tanzte, und sie nahm mich mit zu Gartenfesten, wo ganze Tiere im Freien am Spieß gebraten wurden, und zu wilden Wassermelonenpartys, und niemals hielt sie es der Mühe wert, meine Gefühle für sie in Liebe zu verwandeln. Heute weiß ich, dass das nicht schwierig gewesen wäre, aber sie war eine kluge Neunzehnjährige und sie hatte wohl erkannt, dass wir in gefühlsmäßiger Hinsicht nicht zusammenpassten. So wurde ich stattdessen ihr Vertrauter.

Wir sprachen über Bill Knowles. Sie zog Bill ernsthaft in Betracht, denn obwohl sie es nicht zugeben wollte, hatten ein Winter in einer New Yorker Schule und ein Ball in Yale bewirkt, dass sich ihre Blicke nach Norden richteten. Sie sagte, sie glaube nicht, dass sie einen Mann aus dem Süden heiraten würde. Und allmählich sah ich, dass sie bewusstseins- und willensmäßig anders war als die anderen Mädchen, die Niggerlieder sangen und in der Bar des Landklubs das Würfelspiel Craps spielten. Deshalb fühlten Bill und ich und andere uns zu ihr hingezogen. Wir erkannten sie an.

Im Juni und Juli, als Gerüchte von Schlachten und Schrecknissen in Übersee undeutlich und wirkungslos zu uns drangen, schweiften Ailies Augen hier und dort über die Tanzfläche des Landklubs, auf der Suche nach etwas Besonderem unter den hochgewachsenen jungen Offizieren. Sie zog einige in ihren Bann, die sie mit unfehlbarem Scharfblick auswählte – abgesehen von Leutnant Canby, den sie angeblich verachtete, mit dem sie sich aber dennoch verabredete, »weil er es so aufrichtig meinte« –, und den ganzen Sommer lang teilten wir ihre Abende unter uns auf.

Eines Tages sagte sie alle ihre Verabredungen ab – Bill Knowles hatte Urlaub und würde nach Tarleton kommen. Wir erörterten das Ereignis mit wissenschaftlicher Unpersönlichkeit – würde er sie zu einer Entscheidung bewegen können? Leutnant Canby hingegen benahm sich gar nicht unpersönlich; er spielte sich auf. Er sagte ihr, wenn sie Knowles heiratete, würde er in seinem Flugzeug zweitausend Meter hoch aufsteigen, den Motor abstellen und abstürzen. Er machte ihr Angst – mein letztes Rendezvous mit ihr vor Bills Ankunft musste ich an ihn...



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