E-Book, Deutsch, 368 Seiten
Fletcher Eine Liebe ohne Winter
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-21126-4
Verlag: Diana
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 368 Seiten
ISBN: 978-3-641-21126-4
Verlag: Diana
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Carrie Hope Fletcher, geboren 1992 in London, ist Schauspielerin, Sängerin und erfolgreiche Vloggerin mit ihrem YouTube-Channel »ItsWayPastMyBedTime«. Nach ihrem Sachbuch »All I Know« wurde auch ihr Romandebüt »Eine Liebe ohne Winter« zum Sunday-Times-Bestseller. Carrie Hope Fletcher lebt in der Nähe von London und spielt am Queen’s Theatre im West End.
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1
Neuankömmling
Unaufhörlich flackerndes Licht über ihren geschlossenen Augenlidern, rhythmisches Surren und Rattern eines Zuges auf seinen Schienen rauschte in ihren Ohren. Evie Snow öffnete die Augen in der Erwartung, sich in der 20:32 zu befinden, die in einen unbekannten Bahnhof in einem ihr nicht vertrauten Stadtteil einfuhr, nachdem sie eingeschlummert war, wie es ihr häufig passierte, als sie jünger war. Stattdessen befand sie sich, als ihre Augenlider wie zwei verliebte Schmetterlinge aufflatterten, im Aufzug des Hauses, in dem sie mit siebenundzwanzig Jahren gewohnt hatte. Ein Blick auf das Bedienfeld verriet ihr, dass ihr die Nummer 7 leuchtend entgegenstrahlte. Die Tür glitt auf, und der wacklige Aufzug erschauderte ein wenig, sodass Evie vollends ins Wanken geriet und sich gedrängt fühlte, auszusteigen und weiterzugehen. Sie war sich sicher, vor dem Einschlafen nicht in dem Aufzug gewesen zu sein. Sie war sich sicher, seit über fünfzig Jahren nicht mehr in dem Haus gewesen zu sein.
Evies Blick huschte die polierte goldene Oberfläche der Aufzugswände empor. Da bemerkte sie noch jemanden im Spiegelbild, jemanden, der äußerst nahe bei ihr stand. Sie drehte sich rasch nach der Frau um, die sie gesehen hatte, doch der Aufzug war leer. Sie war allein. Als sie nach hinten in das Gold sah, musterte sie das einzige Spiegelbild, das es ihr zeigte. Dasjenige einer Frau in den Zwanzigern mit blonden Locken, die ihr unbändig über die Schultern fielen, Locken, die Evie seit Langem nur dünn und grau gesehen hatte. Schokoladenaugen starrten ihr ungläubig entgegen, voller Leben und Elan. Augen, die zu glänzen wussten. Die Haut im Gesicht dieser Frau war glatter als ihre eigene, noch nicht verwittert und mitgenommen von Jahren des Weinens, Lachens, Stirnrunzelns und Lächelns. Evie griff sich mit einer Hand an das eigene Gesicht und spürte die seidige Haut unter den Fingern. Ihren Lippen entrang sich ein gehetztes Keuchen, als hätte ihr jemand einen Schlag in den Magen versetzt, während Erinnerungen an dieses Gesicht in ihr hochstiegen. Als sie den Kopf schräg legte, tat dies auch ihr Spiegelbild, und als ihr die jähe Erkenntnis, dass es sich bei diesem Spiegelbild tatsächlich um ihr eigenes handelte, ein Lächeln entlockte, lächelte ihr die schöne siebenundzwanzigjährige Evie in dem polierten Gold ebenfalls zu.
Schließlich trat Evie aus dem Aufzug, und die Absätze ihrer Lieblingsschuhe klackerten auf dem Marmorboden. Sie nannte sie ihre »Mary-Poppins-Schuhe« wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Tasche, die Mary Poppins’ unglaubliche Schätze barg. Der Saum ihres geblümten Kleides raschelte um ihre Knie, und auf einmal drang die Wärme ihres geliebten smaragdgrünen Mantels in ihre Knochen, und sie wurde von einer Wohligkeit eingehüllt, die sie schon sehr lange nicht mehr verspürt hatte. Sie wackelte mit den Fingern und bemerkte, dass an ihrer linken Hand noch kein Verlobungsring steckte. Ein Ring, dessen extravaganter, übergroßer Smaragd nicht nur ihre Hand belastet, sondern dessen Bedeutung auch ihr Herz niedergedrückt hatte. Sie hielt die Hände vor sich, belächelte ihre Nacktheit und ließ sie dann den ganzen Weg den Korridor entlang seitlich schwingen.
Als sie scharf um die Ecke in Richtung ihrer Wohnung bog, verharrte sie beim Anblick ihres Nachbarn Colin Autumn, eines Mannes, der ihr gegenüber stets freundlich, aber etwas introvertiert und still gewesen war. Sie hatte ihn als großen, gut gebauten Mann in Erinnerung. Der Typ Oxforder Professor. Er hatte einen Hang zu Tweedjacketts mit ledernen Ärmelschonern an den Ellbogen und Pullundern, häufig von oranger oder grüner Farbe. Der Geruch seiner Pfeife war nie angenehm gewesen, doch Colin Autumn besaß ein süßes, selten zur Schau gestelltes Lächeln, eines, das Evie ihm nur ein paarmal hatte entlocken können. In der Zeit, als Evie nebenan gewohnt hatte, war er plötzlich an einem Herzinfarkt verstorben. Es war erschreckend, ihn hier zu sehen, zumal in einem derartigen Zustand. Mr. Autumn war jetzt ein Schatten seines ehemaligen Selbst, wie er auf dem Boden neben seiner Wohnungstür kauerte, die Knie an die Brust gedrückt, und sich vor und zurück wiegte. Sein Tweedjackett und der Pullunder waren verschwunden, stattdessen trug er einen ausgeblichenen blau-weiß gestreiften Schlafanzug, in dem sein gebrechlicher, zusammengesunkener Körper zu verschwinden drohte. Seine Haut war weiß und beinahe durchsichtig. Zitternd murmelte er etwas vor sich hin, und während Evie sich ihm vorsichtig näherte, den Rücken an die gegenüberliegende Wand gedrückt, glaubte sie, ihn sagen zu hören: »Schwer. Ich bin zu schwer!«
In der Hoffnung, die vertraute Form ihrer Schlüssel zu ertasten, griff Evie zögernd in ihre rechte Tasche. Ja, da waren sie. Kalt in ihren leicht feuchten Händen. Sie holte sie heraus und ließ sie erfreut klimpern, kurzzeitig den Anblick von Mr. Autumn in seinem hysterischen Zustand vergessend. Rasch steckte sie den Schlüssel ins Schloss, doch das Herz rutschte ihr in die Mary-Poppins-Schuhe, als er sich nicht drehen ließ.
Sie versuchte es erneut.
Erfolglos.
Und noch einmal, ein wenig heftiger.
Nichts.
Jetzt drehte sie verzweifelt mit den Fingern am Schlüssel, aber er ließ sich einfach nicht bewegen. Tränen brannten ihr in den Augen. Sie trat zurück und betrachtete die Tür. Es war definitiv ihre. Apartment 72. Die goldenen Ziffern glänzten hell auf der polierten Holztür und verhöhnten sie nun, da sie nicht hineinkonnte. Sie sah zu Colin, der sich nicht mehr wiegte, sondern sie beobachtete.
»Mr. Autumn?«
»Miss Snow? Es ist schon Jahre her.« Seine Stimme knackte wie ein alter Plattenspieler.
»Wo sind wir?« Sie ging neben ihm in die Hocke. Am liebsten hätte sie ihn umarmt, aber er sah so schwach und zerbrechlich aus, dass sie fürchtete, ihre Arme könnten ihn erdrücken.
»Wo wir sind, fragen Sie. Wir haben hier jahrelang gewohnt. Sie kennen diesen Ort.«
»Natürlich, aber … ich komme nicht rein.«
»Zu schwer … Sie sind zu schwer. Du meine Güte, Evie, nicht auch noch Sie. Zu schwer. Zu schwer.«
Evie stand auf und taumelte zu ihrer Tür zurück. Während sie mit der Faust dagegen hämmerte, vergoss sie ein paar Tränen, die ihre rosigen Wangen hinabrannen. Sie kniff die Augen zusammen und wünschte sich von ganzem Herzen, sie wüsste, was hier vor sich ging.
»Warum komme ich nicht rein?«, wimmerte sie.
Durch geschlossene Lider sah sie gelbe Punkte funkeln. Rasch öffnete sie die Augen und sah, dass an ihrer Tür Tausende kleiner Lichter erstrahlten und auf dem Holz tanzten. Sie ordneten sich geschmeidig zu einer Formation an und bildeten Wörter, die sie lesen konnte.
Der Weg durch die Tür ist deiner schweren Seele verstellt.
Lass die Last des Lebens erst zurück in der alten Welt.
Ist deine Seele leichter, lässt sich der Schlüssel drehen,
Und deine Wünsche werden alsbald in Erfüllung gehen.
»Meine Seele? Was hat das zu bedeuten?« Sie zog den Mantel aus, da ihr mittlerweile heiß und ihr Gesicht gerötet war.
»Den Mantel auszuziehen wird dir nicht dabei helfen, leichter zu werden, meine liebe Evie.«
Am Ende des Korridors stand ein kleiner Mann. Mr. Autumn war verstummt, und Evie bemerkte, dass er jetzt am Daumen lutschte, die Augen so fest zusammengekniffen, dass sie zu bloßen Linien geworden waren. Der Sprecher war Mitte vierzig, sah jedoch weit älter aus. Seitlich hing ihm eine Zigarette aus dem Mund, doch er redete, als wäre sie gar nicht vorhanden.
»Dr. Liefde.« Evie stieß bei seinem Anblick einen Seufzer der Erleichterung aus. Er war ein untersetzter Holländer mit leicht schütterem Haar und einer überaus niedlichen Stupsnase, der einst der Portier des Apartmentblocks gewesen war. Wie schon damals, als Evie noch hier gewohnt hatte, strömte Herzlichkeit in unerschöpflichen Wellen von ihm aus. Dr. Liefde kannte sämtliche Hausbewohner mit Namen und wusste auch über ihre Angelegenheiten Bescheid. Nicht weil er neugierig herumschnüffelte, sondern weil man einfach nicht umhinkam, ihm zu vertrauen. Er stellte sicher, dass alle ihre Briefe und Päckchen erhielten, und in der Weihnachtszeit schmuggelte er Tüten mit Schokotalern zwischen die Post. Zudem sah er sich selbst auch gern als Heiratsvermittler und versuchte, die alleinstehenden Apartmentbewohner miteinander zu verkuppeln. Bei einer Gelegenheit, lange bevor Evie eingezogen war, waren seine Bemühungen von Erfolg gekrönt gewesen und ihm war die Ehre zuteil geworden, bei der Hochzeit von Danny Thorn und Rose Green als Zeremonienmeister zu fungieren. Seitdem bezeichnete er sich als Dr. Liefde, da liefde das holländische Wort für Liebe war. Mit der Zeit setzte sich die Bezeichnung durch, bis sich niemand mehr an seinen richtigen Namen erinnerte.
Evie war eine seiner Lieblingsmieterinnen, weil sie ihm Kakao brachte, wenn es kalt war, und gekühlte rosafarbene Limonade im Sommer, wenn sein kleiner Tischventilator einfach nicht ausreichte. Kurz nachdem sie aus Apartment 72 ausgezogen war, war er verstorben, und sie war auf seine Beerdigung gegangen, zusammen mit den meisten Menschen, die zu dem Zeitpunkt oder früher einmal im Haus gelebt hatten. Der Apartmentblock war sein absoluter Lieblingsort gewesen.
»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie froh ich bin, Sie zu sehen!« Evie lief zu Dr. Liefde, und er stieß ein kehliges Lachen aus, als er sie ein wenig unbeholfen umarmte, da sie ihn um gute dreißig Zentimeter überragte.
»Ich wünschte, ich könnte das Gleiche behaupten. Ich hoffe sehr,...




