Flint | In der Hitze eines Sommers | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

Flint In der Hitze eines Sommers

Roman
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-492-99564-1
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

ISBN: 978-3-492-99564-1
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Das subtile Porträt einer Frau in der Krise und der Männer, die sie verurteilen.« The Times Sommer 1965, die Straßen New Yorks flimmern in der Hitze. Eines Morgens findet die alleinerziehende Ruth Malone das Zimmer ihrer beiden kleinen Kinder leer vor, das Fenster steht offen. Schnell wird Ruths eigenwilliger Lebensstil - die provokante Kleidung, das perfekt geschminkte Gesicht, die Kontakte zu Männern - ihr zum Verhängnis. Angeheizt durch Spekulationen aus der Nachbarschaft, zieht die Polizei einfache Schlüsse. Auch Boulevardreporter Pete Wonicke, für den der Fall die erste große Story ist, verurteilt Ruth zunächst. Doch je länger er recherchiert, desto klarer sieht er das falsche Spiel der Presse und die frauenverachtenden Machenschaften der Polizei. Bald schon beginnt Pete, an allem zu zweifeln, was er zu wissen glaubte. Ein hochgelobter, aufwühlender Gesellschaftsroman nach einer wahren Begebenheit.  »Ein beeindruckendes, schmerzhaft schönes Debüt! Dieser atemberaubende Roman handelt von tieferen sozialen Fragen nach Mutterschaft, Moral und nach vorschnellen Urteilen.« Publishers Weekly Emma Flint ist Absolventin des Schreibprogramms der Faber Academy in London. Schon seit ihrer Kindheit liest sie reale Verbrechensberichte und entwickelte über die Jahre ein enzyklopädisches Wissen über wahre Mordfälle und berüchtigte historische Persönlichkeiten sowie eine Faszination für unkonventionelle Frauen - vergangene, gegenwärtige und fiktive. Flint lebt und arbeitet in London.

Emma Flint wurde in Newcastle upon Tyne im Nordosten Englands geboren. Sie studierte Englisch und Geschichte an der University of St Andrews und ist Absolventin des Schreibprogramms der Faber Academy in London. Seit ihrer Kindheit liest Flint Berichte über reale Verbrechen und entwickelte über die Jahre ein enzyklopädisches Wissen über Mordfälle und berüchtigte historische Persönlichkeiten sowie eine Faszination für unkonventionelle Frauen - vergangene, gegenwärtige und fiktive. Flint lebt und arbeitet in London.
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1


In den wenigen Nächten, in denen sie Schlaf findet, fühlt sie sich wieder als die Frau, die sie einmal gewesen ist.

Selten schlief sie mit Nachthemd, sie lag auf dicken, aufgeschüttelten Kissen, die Feuchtigkeitscreme ließ ihr Gesicht glänzen. Manchmal erwachte sie in zerwühlten Bettlaken mit irgendeinem schnarchenden Mann neben sich. Meist aber wachte sie auf dem Sofa auf, allein, neben fast leeren Flaschen und fast vollen Aschenbechern, die Haut von abgestandenem Zigarettenrauch und dem Make-up vom Vortag überzogen, mit schmerzenden Gliedern und unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Dann setzte sie sich stöhnend auf, registrierte die Stiche in ihrem steifen Nacken und den schalen, säuerlichen Geschmack im Mund.

Wenn sie jetzt wach wird, spürt sie keinen dumpfen Kopfschmerz oder erinnert sich nur verschwommen an die zurückliegende Nacht. Ihr Kopf ist – gezwungenermaßen – völlig klar. Ihre Tage beginnen mit dem Gellen einer Klingel, mit schroffen Stimmen, klirrendem Metall und Geschrei. Mit dem Geruch von Scheuermittel und Urin, der die Kehle wund werden lässt. Die Morgen ihrer Gegenwart lassen keinen Raum für Erinnerungen.

Früher führte sie ihr erster Weg jeden Morgen über den Flur in die Küche, wo sie auf dem Herd Kaffee aufsetzte. Dann zündete sie sich die erste Zigarette des Tages an und hörte zu, wie alles um sie herum erwachte: Ginas Radio über ihr, Tony Bonellis schwere Schritte auf der Treppe. Türen wurden zugeknallt, Autos angelassen. Nina Lombardo, die nebenan mit ihren Kinder schimpfte.

Von da ging sie ins Badezimmer am anderen Ende des Flurs und schloss hinter sich ab. Es war über ein Jahr her, seit Frank ausgezogen war, und noch immer war Privatsphäre für sie nicht selbstverständlich. Sie zog die Sachen vom Vortag aus und wusch sich an dem winzigen Waschbecken: Hände, Gesicht, unter den Achseln, unter den Brüsten, zwischen den Beinen. Manchmal roch sie sich selbst – diese strenge, gelbe Ausdünstung, die sie bis heute für ihren ganz speziellen Geruch hielt und für die sie sich schämte, wenn sie morgens neben jemand anderem aufwachte.

Spitz wie eine läufige Hündin, man riecht’s, Baby.

Sie schrubbte sich mit dem kratzigen, blauen Waschlappen zwischen den Beinen, bis es wehtat, und dann noch ein wenig fester. Dann trocknete sie sich ab und drückte mit dem Handballen gegen die Innenseite ihres Schenkels, sodass er für einen Moment fest und straff wirkte, bis sie ihn losließ und er wieder schlaff herunterfiel. Handtuch aufhängen, Bademantel anziehen, den Flur entlang zurück in die Küche, wo sie Kaffee in eine Tasse goss und an den Zucker im Küchenschrank dachte, von dem sie jedoch nie auch nur einen Löffel nahm.

Dann zurück ins Schlafzimmer, wo sie Hose und Bluse anzog. An den Tagen, an denen sie später zur Arbeit ins Callaghan musste, nahm sie ihre Uniform heraus und hängte sie außen an den Schrank, um sie auf lose Fäden oder Flecken zu untersuchen. Eine frisch gewaschene Bluse, die sie immer sonntagabends bügelte. Ein Rock, der eine Spur zu eng war. Darunter das Paar Schuhe, ordentlich nebeneinandergestellt, dessen Absätze zu hoch waren für eine Kellnerin, die die ganze Nacht auf den Beinen war. Aber die Blicke, die sie auffing, verliehen ihr ein besonderes Strahlen, das die Trinkgelder großzügiger ausfallen und die Stunden schneller vergehen ließ.

Danach steckte sie sich die zweite Zigarette an, schlüpfte in ihre Hausschuhe und nahm den Kaffee mit ins Badezimmer. Erst dann, wenn sie richtig wach und ganz bei sich war, wagte sie im Schutz ihrer Kleidung den Blick in den Spiegel.

Zuerst die Haut – immer zuerst die Haut. An guten Tagen war sie hell und glatt wie auf einem Schwarz-Weiß-Foto. An schlechten Tagen traten Flecken und Unebenheiten an die Oberfläche, die es abzudecken galt. Sie stellte die Tasse auf den Waschbeckenrand, nahm einen weiteren Zug von der Zigarette und legte sie auf dem Aschenbecher im Regal ab.

Jeden Morgen trug sie zunächst die Grundierung auf. Ob ihre Hände dabei zitterten, hing ganz davon ab, wie sehr ihr Anblick im Spiegel sie aus der Fassung gebracht hatte und wie die vergangene Nacht verlaufen war. An manchen Tagen waren ihre Finger so zittrig und verschwitzt, dass ihr Make-up ganz ungleichmäßig ausfiel. Oder ihre Haut war so verunstaltet, dass auch zwei Schichten Grundierung nichts ausrichten konnten. An solchen Tagen klatschte sie es sich mit den Handflächen ins Gesicht. Zur Strafe. Sie behielt ihre Augen fest im Blick, während sie sich schlug. Fest genug, dass es wehtat, aber nicht so fest, dass es Spuren hinterließ.

Dann klopfte sie Puder auf die vertraute Maske. Sie schürzte die Lippen, zog die Wangen ein und verteilte Rouge auf die Vertiefungen, die sich dabei bildeten, kniff dann die Augen zu Schlitzen, bis ihr Gesicht im Spiegel nur noch ein verschwommenes Oval war und sie sich davon überzeugen konnte, dass die Farbstreifen gleichmäßig waren. In Ordnung. Sie blinzelte, griff zum Kajalstift und nahm die Augen in Angriff. Zuerst die Brauen: hoch aufragende, erstaunt blickende Bögen, die ihre lang gezogenen Augen einrahmten. Lidschatten, flüssiger Eyeliner, drei Schichten Mascara. Sie arbeitete wie eine Malerin – sie mischte, verstärkte und verwischte Farben. Zwischendurch ein Zug an der Zigarette, ein Schluck Kaffee. Ein letzter Strich mit der Puderquaste, eine Lage Lippenstift wurde aufgetupft, mit dem Kamm durchs Haar, um es aufzubauschen, eine silbrig glänzende Spirale Haarspray. Fertig. Zum ersten Mal an diesem Tag konnte sie ihr Gesicht im Ganzen betrachten.

Nun erst war sie Ruth.

Jetzt war sie eine von zwanzig fröstelnden Frauen in einem gekachelten Raum, die sich unter spärlich tröpfelndem, lauwarmem Wasser drängten. Zwanzig Stück billige grüne Seife. Zwanzig dünne Handtücher an zwanzig rostigen Haken.

Im Waschraum schließt sie immer die Augen und blendet die Rufe aus, die von den gekachelten Wänden widerhallen, das Singen, das Fluchen. Sie versucht sich vorzustellen, sie wäre allein, und konzentriert sich auf das Waschen. Richtig sauber fühlt sie sich nie. In ihrer ersten Woche hat sie um eine Nagelbürste gebeten, und deren Borsten drückt sie nun in die Seife, spießt sorgfältig die Splitter des schleimigen grünen Klumpens auf und bringt tatsächlich einen kraftlosen Schaum zwischen ihrer Handfläche und der Bürste zustande. Und dann schrubbt sie, wie sie ihr damals in der Klosterschule das Gesicht gescheuert haben – bis die Haut brannte. Sie schließt die Augen und sieht sich, wie sie früher war: dreizehn, klein und zierlich. Flache Brust, strähniges Haar, ölig glänzendes Gesicht voller roter und weißer Pickel. Das Wasser beißt ihre Haut wie damals, tief atmet sie den Geruch von Scheuermittel und Dampf ein, der sie an früher erinnert. Sie weiß nicht mehr, wo sie gerade ist, und sie weiß, es spielt kaum eine Rolle.

Erst wenn die Wachen sie anschreien, dass sie sich gefälligst beeilen soll, öffnet sie die Augen und nimmt ihr kratziges Handtuch und bearbeitet damit ihre Haut, bis sie wehtut.

Später wird sie den kleinen Spiegel zur Hand nehmen, den sie ihr gestattet haben, und das Fragment ihres Gesichts betrachten, die ölig glänzende Haut und die Pickel, und wissen, dass sie immer noch bestraft wird.

Nur in seltenen Momenten dreht sie den Spiegel so, dass sie ihre Augen sehen kann – nur ganz kurz, damit es nicht ganz so schlimm wird –, dann streicht sie die Brauen glatt, leckt am Finger, biegt die Wimpern nach oben, wischt das Glänzen etwas weg und versucht sich in ihrem Spiegelbild wiederzufinden. Kleine Augenblicke der Eitelkeit sind alles, was noch von ihr übrig ist.

Rasch schlüpft sie in die vergilbte Unterwäsche und das Baumwollkleid, die sie ihr gegeben haben, und zieht noch einen Pullover darüber, weil ihr immer kalt ist. Sie wartet auf die Inspektion – ihres Betts, ihrer Zelle, ihrer selbst –, und dann gibt es Frühstück.

Früher einmal war Frühstück mit der Vorstellung von Kaffeekannen und frisch geröstetem Toastbrot und glänzenden weichen Butterstückchen verbunden. Von Mommy und Daddy und Kindern mit zerzaustem Haar und Milchschnuten. Von Menschen, die lächeln und sich einen Kuss geben und in einen ganz gewöhnlichen Tag starten – wie einer Frauenzeitschrift entsprungen. Anfangs dachte sie noch, solche Fantasien würden ihr helfen, von hier zu flüchten, doch dann musste sie feststellen, dass die sonnigen Bilder sie nachts heimsuchten und die strahlenden Gesichter der Frühstücksfamilie sie in der Dunkelheit zum Weinen brachten. Jetzt konzentrierte sie sich nur noch auf den Augenblick. Auf das Echo der Schritte auf den Treppen. Das kalte Metallgeländer. Das Gefühl des Tabletts in ihren Händen und das Plastikbesteck. Den Geruch von Eiern und Haferbrei und Fett. Den bitteren Geschmack des Kaffees und das Geräusch von dreihundertvierundzwanzig kauenden Frauen.

Es gibt eine lange Abfolge solcher Momente, wie Perlen an einem Rosenkranz. Sie muss nur einen nach dem anderen aushalten, und dann ist es vorbei. Danach kann sie in die Bücherei gehen und Christine Guten Morgen sagen. Christine ist die Bibliothekarin und eine Lebenslängliche, weshalb ihr bestimmte Privilegien zustehen. Sie war Lehrerin in Port Washington, bis sie ihren Mann mit Eispickel und Küchenmesser getötet hat.

Christine ist fast sechzig: schlank, dunkle Haare, stets höflich, heiter und gelassen. Ihr Mann hatte sie für seine zweiundzwanzig Jahre alte Sekretärin verlassen wollen, und sie musste das Küchenmesser zu Hilfe nehmen, um es zu Ende zu bringen, nachdem der Eispickel in seiner Schulter hängen geblieben war. Das Frühstück lässt sie immer aus, weil sie auf ihre Linie achtet, sodass die Bücher meistens...



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