E-Book, Deutsch, Band 1, 288 Seiten
Reihe: Oberbayern Krimi
Förg Eisenherz
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-86358-031-5
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 1, 288 Seiten
Reihe: Oberbayern Krimi
ISBN: 978-3-86358-031-5
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Nicola Förg, Jahrgang 1962, arbeitet als freie Reisejournalistin für namhafte Tageszeitungen, Publikumsmagazine und Fachmagazine - vor allem für solche, die Bergtourismus, Skispass und Reiterreisen zum Thema haben. Sie hat zudem ein Dutzend Reiseführer und Bildbände verfasst. Sie lebt im Ammertal in Bad Bayersoien.
Autoren/Hrsg.
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Weilheim
Gerhard schnaufte. So richtig. Dann sah er auf die Uhr. Fünfundvierzig Minuten hatte er gebraucht. Keine Spitzenleistung, aber ganz ordentlich auf seine alten Tage. Er holte sich in der Hütte ein Weißbier und Debreziner, dann ließ er sich auf der Terrasse nieder. Die Bänke waren feucht, aber es regnete gerade mal nicht an diesem Mittwochmorgen. Augenblicklich erhob sich ein Vogel aus den dunklen Tannen, landete auf der Brüstung vor Gerhard und beäugte vorwurfsvoll aus dunklen Knopfaugen Gerhards Brot. Er popelte ein paar Krumen raus und legte sie ans Tischende. Zack, weg waren sie. Gerhard lächelte und nahm einen tiefen Zug aus seinem Weißbierglas. Solche Tage gönnte er sich viel zu selten.
Er wohnte schließlich dort, wo andere Urlaub machten. Ein blöder Satz. Aber doch ein Satz, der sich eingeprägt hatte, den man automatisch verwendete. So wie Tempo für jedes Schnupftuch. Wie Uhu für jeden Kleber. Sein Handy hatte nun eine neue Melodie: Eine Insel mit zwei Bergen … Er verfluchte sich dafür, dass er es angelassen hatte.
»Weinzirl, Ende des freien Tages. Männliche Leiche in Peißenberg.«
Es war Baier, sein Kollege, der alte Haudegen, dessen Sätze stets so prägnant waren, dass er kaum Verben benötigte. Baier, dessen bärbeißige Art Gerhard in der kurzen Zeit zu schätzen gelernt hatte. »Ach nein, Baier, nicht jetzt.«
»Schlechtes Timing, Weinzirl, oder was? Wo sind Sie?«
»Ich sitze auf der Terrasse der Hörnle-Hütte. Ein bisschen werden Sie sich gedulden müssen. Außerdem ist dann meine neue Freundin sicher enttäuscht.«
»Sie und Ihre Weiber, Weinzirl! Welche neue Freundin? Dachte, Sie sind noch immer bei unserer lieben Frau Kassandra, der wild gelockten Schamanin, engagiert.«
»Baier! Ich bin ein treuer Allgäuer, das wissen Sie doch. Es handelt sich hier nur um einen Vogel. Keine Ahnung. Ein Adler eher auch nicht. Kein Flamingo. Ein Spatz ist es auch keiner. Den würde ich erkennen. Dann beißt es bei mir zoologisch aus. Es ist was Größeres.«
»Ist tatsächlich ein Weibchen. Ein Eichelhäher-Weibchen. Die sind ganz unauffällig gefärbt«, brummte Baier.
»Und woher wissen Sie bitte schön aus der Ferne, dass das ein Eichelhäher-Weibchen ist? Sind Sie Hellseher, Baier?«
»Ist das Maskottchen der Hütte. Hüpft da immer rum. Bin auch ab und zu auf dem Hearndl. Schafft so ein alter Knochen wie ich auch noch. Oder ich nehm den Lift. Wie lange haben Sie gebraucht, Weinzirl?«
»Fünfundvierzig Minuten.«
»Na, ihr Allgäuer habt ja auch ein Gemsen-Gen. Also trennen Sie sich, mein Lieber. Von Flora, Fauna und der Vogeldame. Die findet ein neues Opfer. Verfressenes Weib. Fahren Sie zur Bräuwastlhalle. Hurtig zu Tale, Weinzirl.«
Immerhin, einen halben Tag lang hatte er sich der schönen Illusion von Freizeit hingegeben. Immerhin hatte er einen Berg »bezwungen«, und nun würde er eben wieder absteigen ins Tal. Langsam würde er gehen, irgendwie nagte der Zahn der Zeit an seinen Knie. Tot war der Mann ja eh schon. Der würde warten können. Gerhard stopfte sich die Würstchen in den Mund, leerte das Weißbier auf ex und ließ seiner Freundin den Rest Brot da. Servus, Frau Häher!
Gerhard wählte eine Strecke, die sicher nicht die schnellste war, aber die schönste. Er fuhr nach Saulgrub und weiter bis zur Echelsbacher Brücke. Ein jähes Gefühl von Übelkeit überfiel ihn.
Dort war im Winter Karl Laberbauer in den Tod gesprungen. Vor seinen Augen. Sein erster Fall im Oberland war das gewesen – mit grauenvollem Ausgang.
Einmal mehr dachte er, dass der Tod in so einer schönen Landschaft noch viel störender war als auf einem Hinterhof in New York. Auch wenn er es nicht zugeben würde, er sah sich CSI an und Tatort. Am liebsten den mit Lena Odenthal in Ludwigshafen. Klar, in solch einer Stadt, wo solch ein Dialekt gesprochen wurde, da musste man morden. Aber hier?
Er fuhr hinauf nach Schönberg, wo der Ausblick einfach unverschämt schön war, und weiter nach Böbing. Beim Haslacher holte er sich erst eine Leberkassemmel. Man wusste ja nie, wann es heute noch mal was zu essen geben würde. Langsam kurvte er von Böbing hinunter. Eine männliche Leiche in der Bräuwastlhalle. Das war doch dieser Tanzpalast, der an eine große Zeit in Peißenberg anknüpfen wollte. Eine Zeit rauschender Ballnächte. Baier hatte davon erzählt und davon, dass Ende der siebziger Jahre noch einer, der legendäre Starclub nämlich, so berühmt gewesen war, dass die Leute bis aus München herausgepilgert waren. Große Zeiten in Peißenberg, für ihn kaum vorstellbar.
Peißenbergs heutiges Nachtleben gipfelte in Absinth trinkenden Kids im Sudhaus. Aber nun hatte für die ältere Generation ja diese Bräuwastlhalle wieder eröffnet. Nachdem sie jahrelang vor sich hin marodiert hatte. Die Scheiben waren eingeschlagen. Das ganze Haus war lange Zeit ein baulicher Pflegefall gewesen. Gerhard war seit der Wiedereröffnung noch nie drin gewesen. Warum auch? Mit wem auch?
Ein Polizeiauto stand vor der Treppe. Die Kollegin Melanie Kienberger stand daneben und kam ihm entgegen.
»Die sind in der Bar. Das ist ganz oben.«
Gerhard stieg die Treppe hinauf und fühlte sich augenblicklich einfach königlich. Es gab Treppenläufer und mit royalblauem Samt bezogene Goldsessel. Himmel, was war das denn? In einem der Sessel lümmelte Kollege Felix Steigenberger und grinste.
»Ich sichere die Treppe!«
»Ja, das kannst du auch im Stehen tun!«, ranzte Gerhard ihn an.
Dann betrat er die Bar. Am Boden knieten die Notärztin Sandra Feistl und Peter Baier. Baier kam ächzend hoch.
»Herrschaft Zeiten, meine Knie!«
Gerhard zwinkerte Sandy zu und klopfte Baier auf die Schulter: »Baier, Ihr jungdynamischer Körper wird doch keine Ausfallerscheinungen zeigen?«
»Doch, aber mein Hirn geht noch ganz gut. Und der ist mausetot.« Er machte eine Kopfbewegung in Richtung der Leiche.
Gerhard sah genau hin. Direkt vor seinen Füßen lag ein Mann auf dem Rücken, eine Platzwunde an der Stirn. Tot, ja mausetot. Gerhard hob den Kopf und ließ den Blick schweifen. Die Bar also? Der Schloss-Neuschwanstein-Aufgang hatte ihn geradewegs unters Dach geführt, in einen Raum, der entfernt an eine Tiroler Stube aus dem Zillertal gemahnte. Das Interieur war augenscheinlich von jemandem gestaltet, der kühne Stilbrüche nicht scheute. Zillerisches Holz, italienisierende Lampen und mannigfaltige Dekoobjekte: ein Strohhuhn, ein Männle mit der Steinschleuder, eine schauerliche Laterne und so weiter. Ja, neutral formuliert: kühn. Die Bar ging in eine Empore über, von der aus man in den Saal blicken konnte, teilweise zumindest, denn ein Tiroler Dach lag im Blickfeld, ein Dach, das die untere Bar hölzern behütete.
Interessant war hoch oben im Dachdreieck eine Art Maisonette-Hochsitz. Dort standen rotpolstrige Sitzmöbel, kleine ebenfalls ganz goldige Kumpels der royalen Freunde da im Treppenaufgang. Hinauf führte ein Art Hühnerleiter.
»Ist er da runtergefallen?«
»Vielleicht gefallen worden. Einer hat ihm sein Stativ auf die Denkerstirn gehauen. An der Wunde ist er aber sicher nicht gestorben. Das ist bloß eine oberflächliche Wunde, die maximal genäht hätte werden müssen. Er starb am Sturz. Hat sich das Genick gebrochen«, sagte Sandra.
»Unfall mit Todesfolge?«, fragte Gerhard in Baiers Richtung.
Der zuckte mit den Schultern. »Warten wir die Gerichtsmedizin ab. Könnte natürlich so gewesen sein. Streit, einer haut mit dem Stativ um sich, der andere stolpert und fällt. Könnte aber auch gstoßen worden sein. Werden wir erfahren.«
Gerhard nickte. »Stativ auf die Stirn? Wieso eigentlich ein Stativ?«
Baier machte eine unwirsche Handbewegung in Richtung eines Mannes. »Herr Putzer, erzählen Sie uns doch bitte, was hier los war. Und vielleicht so, dass wir uns einen Reim darauf machen können.«
Der Mann sah verzweifelt aus, nein, er war verzweifelt. Seine ganze Körperhaltung war Verzweiflung. Er war der Besitzer des Petersdoms, Peter Putzer, der Mann, der sich durch den Landkreis tanzte. Sein Erfolg strafte die Lügen, die geunkt hatten, dass der gepflegte Gesellschaftstanz längst ausgestorben war. Nein, das hatte Gerhard gelesen, in der Bräuwastlhalle war wieder was los. Jetzt erst recht. Hier war ein Mörder los!
»Ach Gott!« Putzer riss die Handfläche an die Stirn. Ja, der Mann war Fleisch und Blut gewordene Bewegung und Theatralik. »Der Lutz …«
»Lutz?«, unterbrach ihn Gerhard.
»Lutz Lepaysan ist Gesellschaftsfotograf. Er hatte die Bar in den letzten Tage für ein Shooting benutzt. Wir haben ja vor allem am Wochenende geöffnet, und da hab ich ihm die Bar überlassen. Er fand die Location so stimmig, das Setting einfach perfekt für seine Bedürfnisse.«
Gerhard schickte einen Blick zu Lutz Lepaysan hinüber. Er war teuer gekleidet, zu affektiert für Gerhards Geschmack, und selbst im Tod sah er mit dem gegelten Haar aus wie ein Dandy, der leider nie den Stil eines Dorian Gray erreicht hatte. Soso, für Lepaysans Bedürfnisse. Nun ja, jetzt brauchte der sich über Bedürfnisse keine Gedanken mehr zu machen.
»Und was waren seine Bedürfnisse?«, fragte Gerhard.
»Nun, er war ein Stilist, er hatte das Auge. Er war …«
»Was hat er hier fotografiert?« Gerhard hätte was drum gegeben, einen Landwirt oder einen Bauhofmitarbeiter zu befragen. Menschen, die nur ja oder nein sagten und in kurzen Sätzen sprachen. Menschen, die sich von Fremdwörtern fern hielten. Letztes Jahr schon diese ganze komplizierte Schnitzer- und Passionsspielmeute da in Oberammergau und jetzt ein Stilist auf der Location.
»Nun, ähm, Mädchen …...




