E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Förg Mittsommerwind
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96129-312-4
Verlag: Karibu – ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Idas Entscheidung
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-96129-312-4
Verlag: Karibu – ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
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Kapitel 1
»Alles klar bei dir?«, fragte die Stewardess.
»Sicher«, sagte Ida. Wobei im Moment längst nicht alles klar war.
Sie war schon dreimal geflogen. Einmal mit Oma und Opa nach La Palma, einmal mit ihren Eltern nach Sardinien und einmal mit Mama nach Vancouver im Westen Kanadas. Es hatte über den Rocky Mountains ganz schön gerüttelt, und sie hatte ihre Cola verschüttet, aber eigentlich keine Angst gehabt. Es hatte sich ein wenig so angefühlt, als säße sie auf einem bockenden Pferd. Heute flog sie allein. Sie war ja auch schon fast vierzehn. Hoffentlich kam die Stewardess jetzt nicht mit einem Malbuch an. Das wäre ja voll peinlich.
Ida saß am Fenster, der Platz in der Mitte der Dreierreihe war frei, und am Gang hatte sich eine Dame hingesetzt, die sich wohl verpflichtet fühlte, etwas zu sagen. »Wo fliegst du denn hin?«
»Nach Stockholm«, sagte Ida zögerlich. Sie saßen im Flugzeug nach Stockholm, was sollte die Frage?
Die Dame hatte die Stirn gerunzelt. »Ich meinte eher, ob du in die Ferien fliegst oder so.«
»Ja, in die Ferien, auf einen Reiterhof«, sagte Ida und sah aus dem Fenster. Wahrscheinlich hielt die Dame sie jetzt für unhöflich oder dumm, aber so einfach war die Frage nicht zu beantworten.
Sie flog zu ihrer Mutter nach Schweden auf einen Reiterhof. So weit stimmte das alles. Aber dann ging es schon los: Ihre Ferien waren zwei Wochen länger als bei den anderen. Sie hatte eine Sondergenehmigung des Rektors bekommen, die Schule zwei Wochen vor dem offiziellen Ferienbeginn zu verlassen. Und ihre Mutter hatte sie seit Mai nicht mehr gesehen. Seitdem lebte ihre Mama Andrea nämlich in Schweden. Sie hatten telefoniert, geschrieben, geskypt, sich aber seit über zwei Monaten nicht mehr live gesehen.
Ida war bei ihren Großeltern geblieben, in einem Dorf zwischen Augsburg und München. Oma und Opa hatten ein großes Haus mit Platz für zwei Familien. Nach der Trennung ihrer Eltern vor drei Jahren war Ida mit ihrer Mutter zu ihnen ins obere Stockwerk gezogen. Und im Mai war Mama dann nach Schweden gegangen. Es fühlte sich für Ida so an, als würde die Familie immer kleiner werden.
Was aber das Schlimmste war: Sie hatte die Pferde mitgenommen, ihre geliebten Isländer. Die Wallache Laxi und Faxi und die Stuten Frenja und Stjärnfall. Ida musste schlucken. Jetzt bloß nicht weinen, was würden die anderen Passagiere sonst denken?
Immer wenn sie an Stjärnfall dachte, wurde sie traurig. Sie hatten das Fohlen mit der Flasche aufgezogen, weil seine Mutter Frenja es nicht angenommen hatte. Die ersten Tage mussten sie sehr um sein Leben kämpfen, denn Stjärnfall wollte nicht trinken, und auch der Tierarzt hatte keinen Rat gewusst. Ida war damals sieben gewesen und dem Fohlen nicht mehr von der Seite gewichen. Und dann hatte es doch die Flasche genommen, aber nur von ihr! Es war ein Schimmel, in dessen Fell sich das Mondlicht manchmal so spiegelte, als seien Diamanten darübergestreut. Als sie damals einen Namen gesucht hatten, wollte Ida, dass es Sternschnuppe hieß. Sie hatten das isländische Wort dafür nachgeschlagen, aber weil in ihren Ohren »Stjörnuhrap« komisch klang, waren sie irgendwie auf die Idee gekommen, das schwedische Wort für Sternschnuppe zu nehmen, und »Stjärnfall« hatte Ida gut gefallen.
Das lag jetzt schon viele Jahre zurück. War es Zufall, dass sie in diesem Moment in einem Flugzeug saß, das sie nach Schweden bringen sollte? Gab es solche Zufälle? Ida nahm einen Schluck von ihrem Wasser. Sie hatte Stjärnfall fast mehr vermisst als ihre Mutter, aber das durfte sie natürlich nicht laut sagen. Anna kam ihr in den Sinn, ihre BFF, best friend forever. Anna, die noch in der Schule sitzen musste. Es gab wie jedes Jahr am Ende eine Projektwoche. Anna hatte gemeint, das wäre nur deshalb so, weil die Lehrer keine Lust mehr hätten. Anna konnte sich so was erlauben. Sie war Klassensprecherin und hatte immer gute Noten, ohne eine Streberin zu sein. Anna fehlte ihr jetzt schon, wie cool wäre es gewesen, wenn sie mitgekonnt hätte nach Schweden.
Die Dame auf dem Gangplatz las inzwischen eine Zeitung, während Ida weiter aus dem Fenster sah. So einfach war das alles nicht. Es waren ja auch keine ganz normalen Ferien, denn am Ende des Sommers musste sie eine wichtige Entscheidung treffen …
Die Stimme aus dem Lautsprecher verkündete, dass sie sich nun im Landeanflug auf Stockholm befanden. Unter Ida lagen viele, viele graue Inselchen in glitzerndem Wasser. Sie sah Schiffe, die ganz klein waren und eine schnurgerade Spur zogen. Das Wetter war herrlich, und die wenigen Wattewolken, an denen sie vorbeiflogen, sahen aus, als könne man in sie hineingreifen. Der Kapitän setzte sanft auf, Idas Magen machte dennoch einen Hüpfer.
Am Gate wurde sie von einer netten jungen Frau in Empfang genommen, die sie zum Gepäckband begleitete. Ida war froh, denn der Flughafen war riesig und unübersichtlich. Auf einem Schild stand Ankomst, das klang lustig. Dann bedeutete Avgångar wohl Abflug. Vielleicht war Schwedisch gar nicht so schwer?
Ida schickte der Oma eine kurze WhatsApp, das hatte die Oma sich gewünscht.
Bin gut gelandet! Du kannst auch mal fliegen, ist echt nicht schlimm. LG Ida
Ihr Koffer kam, sie hob ihn vom Band und folgte dann zusammen mit der jungen Frau den Menschen, die eilig dem Ausgang zustrebten.
Draußen sah sie sich um. Und entdeckte schließlich ihre Mutter, die wie wild winkte. »Hej då«, verabschiedete sich die junge Frau und warf ihr einen aufmunternden Blick zu. Ida lief los, den Koffer im Schlepptau. Mama und sie umarmten sich, und Ida fand, dass sich alles so unwirklich anfühlte.
»Schatz, endlich bist du da! Alle freuen sich so, dass du kommst! Sie sind schon ganz gespannt«, sagte Mama.
»Ich freu mich auch.«
Es war warm draußen, und sie liefen eine Weile, bis sie am Auto angekommen waren, das sich als ziemlich großer Volvo entpuppte. Ein Kombi, in dem der Koffer ganz winzig aussah.
Während sie auf die Autobahn einbogen, erzählte Ida von der Schule und von Oma und Opa. Aus dem Radio ertönten schwedische Stimmen. Idas Mutter deutete nach links. »Da ist eine Pferdeklinik.«
Hästklinik, stand dort. Häst hieß Pferd, das wusste Ida schon.
»Tierärzte sind hier ein echtes Problem. Schwer zu finden und dann wahnsinnig teuer«, klagte ihre Mutter.
Du wolltest hierher, dachte Ida, sagte aber nichts. Sie fuhren nun durch Stockholm. Es ging zäh voran, auch nicht anders als in München. Immer wieder überquerten sie Wasser, auf den Felsen klebten Häuser. Als sie Stockholm etwa zwanzig Kilometer hinter sich gelassen hatten, wurde es ruhiger. Der Volvo brummte, die Straße war gesäumt von Felsen und Kiefern. Ida fand, dass es schon ziemlich anders aussah als in Bayern.
»Hast du Hunger? Magst du ein Sandwich?«, fragte ihre Mutter. »Schau mal, auf der Rückbank ist eine Tüte.«
Ida drehte sich um und griff nach einem Sandwich mit Käse und Mayo. So etwas gab es bei ihrer gesundheitsbewussten Mama?
»Ich sehe es an deinem Blick. Ist ungesund, ja! Aber die Schweden schmieren auf alles Zitronenmayonnaise«, meinte ihre Mutter und lachte.
Die Schweden waren doch recht sympathisch, fand Ida.
Sie bogen von der Autobahn ab, fuhren durch einen Ort und dann durch riesige Getreidefelder. Immer wieder zweigten Schotterwege ins Nirgendwo ab. Ihre Mutter wurde langsamer. Ein kleines blaues Schild wies nach rechts: Rävberga, 2 km. An einem Pfahl war zusätzlich ein Holzschild befestigt: Drömhäst Ranch. Daneben ein grinsendes Pferd mit einer Blume im Maul.
»Wer hat das gemacht?«, fragte Ida.
»Ingrid. Unsere Perle. Unsere Allerbeste. Sie kommt ursprünglich von einem Hof in der Nähe. Ingrid ist großartig. Sie kocht und putzt und macht noch vieles mehr. Ich wüsste gar nicht, was ich ohne sie täte.«
Der Weg hatte Schlaglöcher, weshalb man sehr langsam fahren musste. Nun stieg er ein wenig an, der Wald lichtete sich, und links von ihnen erschien ein Bauernhof mit einer großen roten Scheune.
»Hier wohnt unser einziger Nachbar Erik mit seiner Familie«, erklärte Idas Mutter.
Nur ein Nachbar? Zu Hause lebten sie an der Dorfstraße. Da gab es auf allen Seiten Nachbarn, nette und auch weniger nette wie den grimmigen alten Habersetzer. Oder die furchtbare Frau Maier mit ihrem fetten Beagle, der immer genau vor den Eingang von Opas Haus kackte.
Wieder fuhren sie durch ein kleines Waldstück, bogen nach rechts ab, fuhren einen Hügel hinauf – und dann öffnete sich der Blick. Am Ende einer bestimmt fünfhundert Meter langen Auffahrt lag weit hinten ein großes Haus, das Ida eher wie ein Schloss vorkam. Das musste das Herrenhaus sein. Sie näherten sich, bis sie auf einem gekiesten Platz angekommen waren. Links von ihnen stand ein riesiger Stall, rechts von ihnen befand sich ein Reitplatz, der auch nicht gerade klein war.
»Wir sind da. Komm!«
Ihre Mutter stellte das Auto auf einem Parkplatz an der Stirnseite des Reitplatzes ab, und Ida stieg fast zögerlich aus. Ein leichter Wind zerzauste ihr Haar. Sie ließ den Blick schweifen. Die Zufahrt zum großen Haus war von Bäumen gesäumt, weiter hinten spitzte ein weiteres Gebäude heraus, ein typisches Schwedenhaus mit einer Veranda. Und links von der Baumreihe waren vier Häuschen über die Wiese gestreut. Sie sahen niedlich aus mit ihren weißen Fensterrahmen. Das Tollste aber war, dass hinter den Häuschen, weiter unten, ein wunderschöner See lag. Als sie wieder nach...




