Ford | Ein Stück meines Herzens | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

Ford Ein Stück meines Herzens


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-446-24245-6
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 416 Seiten

ISBN: 978-3-446-24245-6
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zwei Männer verschlägt es auf eine gottverlassene sumpfige Insel im Mississippi, die man auf keiner Landkarte finden kann - Robard Hewes auf den Spuren einer Frau und Sam Newel auf der Suche nach sich selbst. Die Insel ist an einen Eigenbrötler verpachtet, der sie seit Jahrzehnten mit seiner Ehefrau und einem schwarzen Hausangestellten bewohnt. Hewes und Newel werden in Ereignisse verwickelt, die sie wie einen unentrinnbaren bösen Traum erleben ... 'Ein Stück meines Herzens' ist eine Tour de Force durch den Süden der USA, ein Roman 'in der Tradition von Faulkner, Hemingway und Steinbeck' (The Times).

Richard Ford wurde 1944 in Jackson, Mississippi, geboren und lebt heute in Maine. 1996 erhielt er für seinen Roman Unabhängigkeitstag den Pulitzer Prize und den PEN/Faulkner Award, 2019 den Library of Congress Prize for American Fiction. Bei Hanser Berlin erschienen zuletzt das Porträt seiner Eltern Zwischen ihnen (2017), der Erzählungsband Irische Passagiere (2020) und sein Roman Valentinstag (2023).
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1  In der Dunkelheit konnte er die langen Lichtkegel sehen, die den Berg hinunterkamen, auf Bishop zu. Sie durchquerten die Wüste nach Einbruch der Dunkelheit, nachdem sie Reno in der Dämmerung verlassen hatten, und glitten um Mitternacht durch die Wüste nach Indio. Er saß im vorderen Zimmer im Dunkeln und starrte durch den Eingang hinaus, rauchte und hörte zu, wie die Käfer das Fliegengitter hochkrabbelten und die Luft durch das Fenster zog. Irgendwo in der Ferne machte sich ein Lastwagen mühsam auf den Weg über die Wiese zu den Bergen. Von der Stadt her hörte er lange ein Auto hupen, dann Reifen quietschen, bis das Geräusch schwächer wurde und in die Nacht zurücksank. Im Dunkeln stieß er eine Rauchwolke aus und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar.

»Also«, hatte sie gesagt, »wie lange willst du wegbleiben?«, während sie das Geschirr auf die Fensterbank stellte und in das violette Licht hinausstarrte. »Wie wird das wohl werden?«

»Es wird schon gutgehen«, sagte er. »Ich komme wieder.«

Und sie hatte sich umgedreht, ihr dickes Haar, schwärzer als seins, über ihren Schultern, und war ohne ein weiteres Wort im Haus verschwunden. Als ob sie sich gerade dabei ertappt hätte, wie sie sich in ein Arrangement hineinziehen ließ, und zurückgewichen wäre, um sich mit einem Instinkt zu retten, dessen Existenz sie ganz vergessen hatte, weil sie acht Jahre lang keinen Grund gehabt hatte, sich zu retten. Er hatte gehört, wie sich die Tür schloß.

Nach einer Weile hatte er sich vom Tisch erhoben, das Licht ausgeschaltet und war nach vorn gegangen, um zu warten, bis es richtig dunkel war und er in der Kühle aufbrechen konnte.

Er überlegte, während er dort allein saß, was man da eigentlich tun konnte. Wenn der Ehemann einer Frau plötzlich aufsteht und einfach weggeht aus dem Leben, das sie mit ihm führt, obwohl sie nach acht Jahren sicher zu sein glaubt, daß er nicht auf einmal aufsteht und in die Nacht hinausfährt, ohne zu sagen, warum: Was macht sie dann? Was ändert sie in ihrem Leben? Er hatte das Gefühl, er müßte sich mit jedem Arrangement abfinden, das sie getroffen hätte, wenn er einmal zurückkehrte. Er versuchte, sich eine andere Möglichkeit vorzustellen, und kam zu dem Schluß, daß es sie nicht gab.

Er blies seinen Rauch in die Dunkelheit. Ein Wagen kam den Feldweg entlang, seine Scheinwerfer folgten dem Straßenrand, das Radio lief, und es klang, als wäre er ganz in der Nähe. Dann erreichte er das Ende der Straße, bog wieder in die Wüste ein, und die Musik verebbte.

Um neun Uhr ging er zum hinteren Teil des Hauses, schaltete das Licht an, füllte den Wasserkessel und setzte ihn wieder aufs Feuer. Die Küche roch kalt, obwohl es in ihr wärmer war als in den anderen Räumen. Der Herd roch nach Gas. Er spülte die Thermosflasche und stellte sie mit der Öffnung nach unten auf das Spülbecken. Er holte den Pulverkaffee herunter, setzte sich an den Tisch und wartete.

Er dachte daran, wie er in der kleinen Jagdhütte mit zwei Zimmern in Hazen gesessen und am Tisch gewartet hatte, daß die Ärzte aus Memphis kamen. Er hatte die Becher gespült, in jeden einen Löffel getan, sie in einer Reihe auf den hölzernen Tresen gestellt und die Blechdose mit Pulverkaffee dazugestellt. Und dann hatte er angefangen zu warten, daß es ans Schießen ging, vom Gaskocher und dem Licht der Glühbirnen in den Ecken gewärmt, die Schatten in das Hinterzimmer warfen, wo das Feldbett stand. Er wartete in der Kälte, bis die Ärzte den Fahrweg herunterkamen, wobei ihre schweren Wagen schwankten und schaukelten und die Strahlen ihrer aufgeblendeten Scheinwerfer weit über das Feld bis zum Waldrand warfen, wo er durch die halbverglaste Tür Augen aus rotglühender Kohle aufblitzen und zwischen den Bäumen verschwinden sah.

Er hatte am Fenster gewartet, bis sie hereinkamen, alte Männer in hohen Gummistiefeln und Segeltuchmänteln, und hatte den Topf vom Herd genommen und Kaffee gemacht, während die Stimmen der Männer das Zimmer füllten, die lachten und husteten, bis es warm wurde. Er war dann ins Hinterzimmer geschlüpft, um auf dem Feldbett zu warten, bis er das Fenster mit dem ersten Silberdunst hinter den Baumwipfeln hell werden sah und er die Männer in der Stille über das Feld auf den Wald zutrieb, so daß die Hütte versank, nur noch ein einzelnes Licht war und schließlich in den gleißenden Flocken von Sonnenlicht verschwand. In der Kälte wurden die Männer still und mürbe wie Klumpen weicher Kohle. Sie stapften in den Wald, und ihre Stiefel knatschten, bis sie allmählich ins Wasser gelangten. Er hatte sie in die Boote gesetzt und war in den Strom hinausgewatet, hatte sie zwischen den Bäumen hindurchgezogen, bis er die Enten hören konnte, die sich hundert Meter weiter, wo das Wasser tief wurde, zankten und verbündeten. Hoch oben konnte er ihre Spur sehen, die sich säuberlich auf dem fahlen Himmel abzeichnete. Er setzte die Männer dort aus und hielt die Boote, während sie in das bis zu den Schenkeln reichende Wasser hinausstolperten, und sagte ihnen, in welche Richtung sie nicht gehen sollten: auf die Fahrrinne des Wasserlaufs zu. Dann ließ er sie zurück, während sie lärmend durchs Wasser wateten und in der Dämmerung lachten, bis er sie nicht mehr hören konnte und die Boote wieder auf festen Boden gezogen hatte.

Er war dann übers Feld zurück zum Haus gegangen und hatte gewartet, unter der Lampe gedöst, bis der Morgen hell und gläsern heraufgezogen war. Dann ging er durch die Bohnenfelder zu den Booten zurück, wo er immer schon einen von ihnen fand, immer nur einen, der zurückgekommen war, im seichten Wasser im Boot schlafend, mit blauen Lippen, eine Strähne blonden Haars über der Schläfe, eingeschlafen, bevor es überhaupt noch hell geworden war. Er zog den Schläfer im Boot zurück in den Wald und durchs schwarze Wasser dahin, wo die anderen schrien und das Wasser aufwühlten und schossen, wo die abgeschossenen Enten auf der sich kräuselnden Wasseroberfläche bluteten und im Kreis zwischen den Bäumen schwammen.

Er hatte dort in dieser Hütte gewartet, daß die Ärzte aus Memphis kamen, oder die Fischhändler aus Gulfport und Pass Christian herüberfuhren, oder die Juden aus Port Arthur, die die ganze Nacht durch Louisiana fuhren und vor Tagesanbruch ankamen, auf dem schlammigen Hof kotzten und in der Nacht herumbrüllten. Er hatte dort morgens gewartet, an nichts gedacht, auf die gewartet, von denen der alte Rudolph Geld nahm (tausend Dollar pro Kopf) und die er hinausschickte; er hatte ihre Löffel abgespült und sich geräuschlos aus dem Licht weggestohlen ins kalte Hinterzimmer, hatte gewartet, um sie zur Entenjagd zu führen.

Bis das zu Ende ging, nach drei Jahren, ohne auch nur ein Wort an den alten Rudolph oder auch nur eine Nachricht. Er hatte sich mit Jackie davongemacht, unter den nebligen Lichtern, blau und durchscheinend wie Gaze, als ob sich ein kühler Dunst zwischen sie geschoben hätte, war nach Mitternacht durch Little Rock und die ganze Strecke bis Bishop gefahren, wo er das Gefühl hatte, so viel Abstand zwischen sich und der Hütte und den Feldern und dem ganzen Leben dort geschaffen zu haben, daß es zu schwer geworden wäre, zurückzugehen. Als dieser Abstand schließlich geschaffen war, fühlte er sich sicher.

Er löffelte Kaffeepulver in die Thermoskanne und goß Wasser darüber, bis es ihm ins Gesicht dampfte. Er schob den Stöpsel hinein, schüttelte die Kanne und knipste das Licht aus. Er ging zurück ins vordere Zimmer, saß an der Tür und horchte auf Jackie, auf ihren Atem, auf irgendein Zeichen, ein Ächzen in den Bettsprossen, das zeigte, daß sie da war. Denn sie war ohne ein Wort gegangen und hatte sich in ihrem Zimmer eingeschlossen und nicht ein einziges Geräusch gemacht, seit das Licht ausgegangen war. Er saß da, der Stuhl knarrte im Dunkeln, und wartete, horchte auf das leiseste Geräusch. Er konnte fühlen, wie der Luftstrom unter der Tür durchzog, der Duft von Wüstenveilchen, der durchs Haus Richtung Osten in die Wüste zurückzog. Er stand auf und ging zum Fenstersims, griff nach der Papiertüte mit seiner zusammengerollten Kleidung, ging zum Fliegengitter und sah über die Ebene nach Bishop, das schemenhaft in der Nacht lag. Die Straße in die Berge war nicht mehr zu sehen, bis auf eine Stelle, wo ein Paar länglicher Lichtkegel aus dem Tal abdrehte.

Er dachte, wenn das Leben voller Anfänge war – und er hatte gerade heute beschlossen, daß es bei ihm so war – und man sich vorgenommen hatte, am Leben zu bleiben, daß es dann leere Augenblicke geben würde, wo es kein Atmen gab und kein Leben, einen Zeitpunkt, der das, was vergangen war, von dem trennte, was nun begann. Es waren diese leeren Augenblicke, dachte er, an die er sich gewöhnen mußte.

Er hob den Riegel und ging über die Veranda zum Pickup. Jackie hörte im Schlaf, wie er über die Bretter und das feuchte Gras ging, hörte seine Schuhe auf dem Kies und den Nagel, der sich durch sein eigenes Gewicht wieder in die Öse des Riegels senkte, hörte, wie der Pickup sich hob und zischte. Und sie lag ruhig da, erwachte nicht von den Geräuschen, nahm nicht wahr, daß er sie verließ, nahm bloß die Geräusche wahr und die kühle Luft, die das Laken kräuselte und unter der Tür hinausströmte in das Zimmer, wo sie, wenn sie plötzlich erwacht und aufgeschreckt wäre, ihn vielleicht gerufen hätte, im Glauben, daß er da war und im Dunkeln saß und rauchte, und überzeugt, daß dies alles nicht geschehen war.

2  Früh am Morgen hatte er im grauen Licht wach gelegen und es sich alles noch einmal gründlich durch den Kopf gehen lassen. Vor zwölf Jahren hatte er unter der...


Ford, Richard
Richard Ford wurde 1944 in Jackson, Mississippi, geboren und lebt heute in Maine. 1996 erhielt er für seinen Roman Unabhängigkeitstag den Pulitzer Prize und den PEN/Faulkner Award, 2019 den Library of Congress Prize for American Fiction. Bei Hanser Berlin erschienen zuletzt das Porträt seiner Eltern Zwischen ihnen (2017), der Erzählungsband Irische Passagiere (2020) und sein Roman Valentinstag (2023).



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