Fox Date mit einer Unbekannten
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95609-197-1
Verlag: el!es-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Liebesgeschichte
E-Book, Deutsch, 108 Seiten
ISBN: 978-3-95609-197-1
Verlag: el!es-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Auf einem Social Network für Lesben lernen Bea und die gehörlose Jeanny sich kennen. Die Chats werden schnell heiß und intim, und so drängt Bea darauf, Jeanny endlich persönlich zu treffen. Doch Jeanny lässt sich darauf nicht ein. Nachdem Bea in Gesprächen mehr über Jeannys Leben herausgefunden hat, setzt sie sich über ihre Wünsche hinweg und taucht auf ihrer Arbeitsstelle auf – wo man nichts von einer Jeanny weiß ...
Autoren/Hrsg.
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Wie immer in den letzten Tagen war Beas erste Tat am Morgen der Griff zum Einschaltknopf des Computers. Sie freute sich auf die E-Mail von Jeanny. Bisher hatte sie jeden Morgen eine kurze Nachricht von ihr im Postfach gehabt. Aber diesmal wurde ihre Hoffnung enttäuscht. Keine Mail, kein Wort.
Seufzend brühte sie sich einen Tee auf. Es war Samstag, vielleicht schlief Jeanny heute länger. Ein paar Minuten später ging sie mit der Tasse in der Hand an den Schreibtisch zurück. Immer noch nichts.
Jetzt wurde Bea doch nervös. War etwas passiert? Hatte sie gestern etwas geschrieben, das Jeanny verstimmt haben könnte? Schnell öffnete sie den Ordner, in dem sie alle E-Mails von und an Jeanny speicherte. Aber sie fand nichts Anstößiges. Dann durchsuchte sie den Spam-Ordner. Alle möglichen Viagra-Präparate wurden da angepriesen, aber von Jeannys Namen keine Spur. Also war ihre Mail auch nicht versehentlich dort gelandet.
Es klingelte an der Tür. Besuch am Samstagmorgen? Das konnte nur Franzi sein. Bea öffnete.
Wie erwartet wedelte Franzi mit einer Tüte frischer Brötchen vor ihrer Nase herum. »Gibt’s noch Kaffee?«
»Es gab noch gar keinen.« Bea ließ sie eintreten.
»Dann wird es aber höchste Zeit. Du hast ja das Temperament einer Schlaftablette.« Tatkräftig machte Franzi sich an der Kaffeemaschine zu schaffen und häufte die doppelte Dosis Kaffee in den Filter, während Bea den Tisch deckte.
Wenig später saßen sie am Tisch, und der Kaffee verströmte seinen herben Duft durchs ganze Haus. Bea hoffte, dass nicht noch die Nachbarn klingeln würden und sich zum Frühstück einluden. »Da bleibt ja glatt der Löffel drin stehen«, sagte sie nach dem ersten Schluck und verzog das Gesicht. »Willst du mich mit einem Herzinfarkt umbringen?«
»Dafür muss man dich erst mal wiederbeleben, so wie du aussiehst«, erwiderte Franzi ungerührt. »Erzähl mal, was gibt’s denn Neues?«
Gelangweilt biss Bea in ihr Marmeladenbrötchen. »Was soll’s denn Neues geben? Die Sonne geht früh auf und abends wieder unter.«
»Du weißt schon, was ich meine. Hast du mal auf die Seite geschaut, die ich dir genannt habe?«
»Hm.« Das Brötchen wollte nicht so recht rutschen. Im Gegenteil. Der Brei im Mund schien immer mehr zu werden.
»Und?«
Krampfhaft würgte Bea den Brötchenbrei runter. »Was und?«
»Na, hast du jemand kennengelernt?«
»Ich schreib mit einigen.« Einen Schluck Kaffee hinterher.
»Also bist du doch fündig geworden?«
Nächster Bissen. Ein bisschen kauen, um Zeit zu gewinnen. »Es klingt ganz interessant. Mal sehen, was daraus wird.«
Franzi sah Bea scharf an. »Du hast jemand ganz Spezielles im Auge. Das sehe ich dir doch an.«
»Hab ich eine Leuchtreklame auf der Stirn?« Bea fühlte sich durchschaut. Wahrscheinlich hätte sie wissen müssen, dass es zwecklos war, ihrer besten Freundin etwas zu verheimlichen. Franzi würde so lange bohren und löchern, bis sie alles aus Bea herausgequetscht hatte. »Also gut«, seufzte sie. »Ja, da ist eine Frau, die mir gefällt.«
»Nur gefällt? Ganz sicher? Nach deinen Augenringen zu urteilen, hast du die ganze Nacht mit ihr verbracht. Ich weiß nur nicht, in welcher Form.«
Nach einigem Zögern rang Bea sich schließlich durch und erzählte von Jeanny. Wie fasziniert sie von ihr war und dass sie die ganze Nacht kaum ein Auge zugetan hatte, weil sie ständig ihr Bild vor sich sah.
»Das muss ja eine Hammerfrau sein«, kommentierte Franzi beeindruckt. »Zeigst du sie mir?«
Wortlos führte Bea sie zum Computer. Als Bildschirmschoner hatte sie eine Diashow eingerichtet. Verschiedene Fotos einer langhaarigen Dreißigjährigen wechselten einander ab.
»Ich muss wohl nicht erst fragen, ob sie das ist?«, mutmaßte Franzi.
Bea nickte.
»Dann ist deine Schlaflosigkeit allerdings begründet. Sie sieht wirklich toll aus.« Franzi betrachtete die Bilder einen zweiten Durchlauf lang. »Sie sieht zu gut aus. Solch eine hübsche Frau kann doch an jedem Finger zehn Frauen haben. Da muss ein Haken an der Sache sein.«
»Mensch, Franzi«, schnaubte Bea. »Jetzt habe ich endlich mal eine Frau gefunden, die mich interessiert, und schon machst du sie wieder madig.«
Franzi wandte sich vom Computer ab und Bea zu. »Ich möchte ja nur vermeiden, dass du wieder verarscht wirst. Also, was ist bei ihr der Haken?«
Bea zuckte mit den Schultern. Aber Franzi starrte sie unnachgiebig an, und Bea wusste, dass sie ihr die Ahnungslosigkeit nicht abkaufte.
»Schon gut«, rückte sie schließlich widerstrebend mit der Wahrheit heraus. »Sie ist gehörlos.«
»Ups.« Damit hatte Franzi offensichtlich nicht gerechnet. »Das . . . macht die Sache wirklich nicht ganz einfach.«
»Aber es macht mir nichts aus«, versicherte Bea. In Gedanken führte sie den Satz fort mit dem, was sie Jeanny in ihrer letzten Mail geschrieben hatte: Manchmal ist es in dieser Welt sogar von Vorteil, wenn man nicht alles hört. Ich könnte mir vorstellen, dass es wesentlich prickelnder ist, wenn man seiner Partnerin ein »Ich liebe dich« von den Lippen ablesen kann.
Das war doch sicher nicht schlimm, oder? Gut, sie hatte dann noch hinzugefügt: Ich bekomme richtig Gänsehaut, wenn ich daran denke. Und auf diese Mail hatte Jeanny bisher noch nicht geantwortet. War ihr das zu persönlich gewesen? Hatte Bea sie irgendwie schockiert?
Sie gab sich einen Ruck und erzählte Franzi davon. »Meinst du, ich hab etwas Falsches geschrieben?«
»Hm.« Franzi dachte nach. »Möglicherweise war es das Ich liebe dich. Du hast es zwar nicht direkt gesagt, aber ihr kennt euch ja kaum, eigentlich gar nicht. Diese drei Worte sind schon etwas Besonderes. Vielleicht fand Jeanny es zu früh, sie auszusprechen oder zu schreiben – in welchem Zusammenhang auch immer. Vielleicht hat sie das erschreckt.«
Das klang logisch, fand Bea. »Und was soll ich jetzt tun?«
»Schreib ihr noch eine Mail. Dass du sie nicht überrumpeln wolltest oder so ähnlich. Wenn du ihr sympathisch bist, schreibt sie dir zurück.«
»Du hast recht.« Bea war froh, dass noch nicht alles verloren war. Sie konnte es kaum erwarten, die Mail zu schreiben und möglichst bald eine Antwort zu bekommen. »Ach, Franzi, bevor ich es vergesse . . . wo bekomme ich eigentlich Lektüre über Gebärdensprache her? Das Alphabet habe ich mir schon aus dem Internet heruntergeladen. Nur kann man ja nicht jedes Wort einzeln buchstabieren, und ich würde mir gern mal ein paar andere Gesten ansehen.«
»Ich könnte in der Bücherei nachfragen. Muss sowieso hin, ein paar Bücher abgeben.«
»Das wäre lieb von dir.«
Als Franzi gegangen war, setzte sich Bea sofort an den Computer und verfasste eine neue Mail.
Bin ich zu sehr mit der Tür ins Haus gefallen? Das tut mir leid. Bitte verzeih mir. Ich weiß, ich bin manchmal – na gut, ich gebe zu: oft – sehr direkt. Sag mir, wenn Du das nicht magst. Dann versuche ich mich zurückzuhalten. Ich fände es sehr schade, wenn Du deshalb nicht mehr antworten würdest. Jede Mail von Dir ist für mich, als ob die Sonne aufgeht. Ohne Deine Mails würde es sehr dunkel werden.
Mit zitternden Fingern schickte sie die Nachricht ab. Ob das reichte? Es war so schwierig, wenn man sich nicht kannte. Wenn alles, was man voneinander hatte, ein Bild und ein paar Buchstaben auf einem Bildschirm waren. Wie leicht konnte da ein dummes Missverständnis alles zerstören.
Verzweifelt starrte sie auf den Bildschirm, als könnte sie ihn dadurch veranlassen, eine Antwort von Jeanny zu produzieren. Sie versuchte sich vorzustellen, wie es wohl war, gehörlos zu sein. Von Geburt an, hatte Jeanny geschrieben. Also wusste sie gar nicht, wie eine Stimme klang, das Zwitschern eines Vogels, das Rauschen eines Baches.
Wenn man sich schrieb, hatte Gehörlosigkeit keine Bedeutung. Aber wenn man miteinander sprechen wollte? Sich süße Worte ins Ohr flüstern? Da sah es schon anders aus. Gut, sie konnte Gebärdensprache lernen . . . aber wie weit käme sie damit bei einem Date? Oder im Bett?
Ihr wurde heiß bei der Vorstellung. Daran sollte sie überhaupt nicht denken. So weit waren sie noch lange nicht. Sie hatten sich noch nicht einmal in natura gesehen. Alles war noch frisch und neu und würde vielleicht auch zu nichts führen.
Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass sie nicht länger auf den Bildschirm starren konnte, sondern zur Arbeit musste. Dass sie gerade jetzt Wochenenddienst hatte, war wirklich nervig. Widerstrebend schaltete sie den Computer aus.
Den ganzen Tag über checkte Bea ihre Mails regelmäßig übers Handy, aber nichts kam. Keine Nachricht von Jeanny. Sie wusste kaum, wie sie sich durch den Arbeitstag quälen sollte, und war froh, als sie endlich nach Hause gehen konnte. Dort schaltete sie den Computer gleich wieder ein, aber auch während der Fahrt hierher war nichts gekommen.
Sie hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, als doch noch eine neue Mail in ihrem Postfach aufblinkte. Beas Herz fing sofort wild an zu pochen. Ihre Augen brannten, als sie die Nachricht öffnete.
Ich sitze hier mit Tränen in den Augen, begann Jeanny. So etwas Romantisches hat mir noch niemand geschrieben. Ich konnte nicht sofort antworten, weil ich gar nicht glauben konnte, dass es so einen Menschen wie Dich gibt.
Ja, Du warst ziemlich direkt, und ich habe mich gefragt, worauf das hinausläuft. Es ist ja leider so, dass man sich in Mails oftmals schneller näherkommt als im wirklichen Leben, wo das länger dauert. Zu schnell wird es zu intim. Und auch wenn mich das genauso...




