Frank Walter Ulbricht
1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-641-01040-9
Verlag: Siedler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine deutsche Biografie
E-Book, Deutsch, 544 Seiten
ISBN: 978-3-641-01040-9
Verlag: Siedler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Am Tag von Hitlers Selbstmord, dem 30. April 1945, kehrt er als Leiter der "Gruppe Ulbricht" nach Deutschland zurück und beginnt die administrative Arbeit in der sowjetisch besetzten Zone. Im Oktober 1949 wird die DDR gegründet, Ulbricht wird stellvertretender Ministerpräsident, im Juli 1950 Generalsekretär des ZK der SED. Damit schlägt die Stunde des Administrators, der Fünfjahrespläne entwirft, mit dem "planmäßigen Aufbau der Grundlagen des Sozialismus" beginnt und persönlich Todesurteile verhängt. Mario Frank zeigt die Machtkämpfe der SED-Nomenklatura, die Erschütterung des Machtgefüges am 17. Juni 1953, den Eifer und die Machtbesessenheit Ulbrichts, der alle Krisen übersteht und schließlich 1960 Staatsratsvorsitzender wird. Akribisch in der Vorbereitung von Konferenzen und Zusammenkünften, fleißig im Aktenstudium, taktisch geschickt und verschlagen, hochfahrend und katzbuckelnd zugleich erscheint Walter Ulbricht, der vor allem in den sechziger Jahren, der eigenen Bevölkerung verhasst, um Anerkennung nach außen und Zuneigung im Innern rang. Was waren hinter alldem Eifer und der Energie Ulbrichts eigentliche Antriebe, seine Ideen und Ziele? Wollte Ulbricht anfangs die Einheit Deutschlands? Strebte er die Sowjetisierung der DDR an? Wie sollte dieser deutsche Staat überhaupt beschaffen sein? Ulbricht waren, trotz Mauer und Stacheldraht und eines furchtbaren Unrechtssystems, reformerische Ansätze nicht fremd. Nach dem von ihm vorangetriebenen Mauerbau gelang in der DDR ein "Rotes Wirtschaftswunder". Aber Ulbricht war zu sehr dem dogmatischen Denken seiner Herkunft und Prägung verhaftet, um Reformen konsequent durchzuführen.
1971 wurde Walter Ulbricht als SED-Generalsekretär von Erich Honecker abgelöst und in seinen beiden letzten Lebensjahren ins politische Abseits gedrängt. Der nahezu achtzigjährige Staatsratsvorsitzende wurde im Auftrag Erich Mielkes von seinem Fahrer bespitzelt.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1;Inhalt;5
2;»Der Spitzbart muss weg!«: Juni 1953;9
3;Kindheit und Jugend: 1893–1918;35
3.1;Ein Arbeiterkind;37
3.2;Turnverein und Tischlerlehre;42
3.3;Wanderschaft;46
3.4;Sozialistischer Jungfunktionär;50
3.5;Infanterist im Ersten Weltkrieg;52
4;Der Funktionär: 1918–1933;55
4.1;Der Revolutionär;57
4.2;Der gescheiterte Umsturz;66
4.3;Im Dienst der Komintern;69
4.4;Der Abgeordnete;75
4.5;Bei der Komintern;79
4.6;KPD-Chef von Berlin;83
4.7;Das Ende der KPD;93
4.8;Kampf um die Parteiführung;96
5;Im Exil: 1933–1938;101
5.1;Paris;103
5.2;Neue Führungskämpfe;106
5.3;Prag;112
5.4;Die neue Kominternstrategie;114
5.5;Ein Streit mit Todesfolgen;117
5.6;Wieder in Prag;121
5.7;Die Volksfront;124
6;Im Bann Stalins: 1938–1945;135
6.1;Parteiverfahren gegen Ulbricht;137
6.2;Wieder im Dienst der Komintern;144
6.3;Der Hitler-Stalin-Pakt;150
6.4;Leben im »Lux«;154
6.5;Angriff auf die Sowjetunion;156
6.6;Kritik an der KPD-Führung;163
6.7;Stalingrad;165
6.8;Die Auflösung der Komintern;169
6.9;Das Nationalkomitee Freies Deutschland;170
6.10;Rückkehrvorbereitungen;174
6.11;Stalin bremst;177
7;Sowjetischer Statthalter: 1945–1953;181
7.1;Rückkehr nach Deutschland;183
7.2;Hilfsorgan der sowjetischen Besatzungsmacht;185
7.3;Das »Regime der Stellvertreter«;188
7.4;Die Moskau-Emigranten setzen sich durch;191
7.5;Die Machtergreifung der KPD;198
7.6;Aus KPD und SPD wird SED;202
7.7;Lebensziel Sozialismus;206
7.8;Der Generalsekretär;215
7.9;Gründe für den Aufstieg;218
7.10;Säuberung der SED;229
7.11;Stalins neue Deutschlandstrategie;233
7.12;Baumeister des Sozialismus;237
8;Krisenjahre: 1953–1958;241
8.1;Diktatur;243
8.2;Stalin und sein deutscher Vasall;244
8.3;Der 17. Juni und der »Neue Kurs«;248
8.4;Der 20. Parteitag der KPdSU;250
8.5;Aufstand gegen Ulbricht;254
8.6;Ein Schlag ins Genick der Intellektuellen;260
9;Der Privatmann;273
9.1;Die Familie;275
9.2;Die Freunde;282
9.3;W. U.;284
9.4;Leidenschaft Sport;287
9.5;Leben im »Getto«;290
9.6;Der Kunstliebhaber;295
10;Der Diktator: 1958–1965;297
10.1;Alleinherrschaft;299
10.2;Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates;317
10.3;Vorsitzender des Staatsrates;319
10.4;Personenkult und Hass;322
10.5;Die Bundesrepublik einholen und überholen;334
10.6;Ulbricht, Chruschtschow und Deutschland;340
10.7;Der Bau der Mauer;346
10.8;Das rote Wirtschaftswunder;351
10.9;Neue Kader braucht das Land;355
10.10;Angriff auf Honecker;357
10.11;Der Apparat schlägt zurück;361
10.12;Das »Kahlschlag«-Plenum177;368
11;Zwischen Breschnew und Honecker: 1965-1971;373
11.1;Ulbricht am Nil;375
11.2;Deutschlandpolitik;378
11.3;»Der Alte taugt nichts mehr«;385
11.4;Der Prager Frühling;393
11.5;Die Wirtschaftskrise;397
11.6;»Man muss Brandt helfen«;401
11.7;Der Kronprinz;410
11.8;Die Absetzung Honeckers scheitert;415
11.9;Der Sturz;420
12;Auf dem Abstellgleis: 1971–1973;429
13;Nachwort;449
14;Anhang;451
15;Anmerkungen;453
16;Bibliografie;517
17;Abkürzungsverzeichnis;529
18;Register;531
19;Abbildungsnachweis;539
(S. 429-432)
Bis Mitte der sechziger Jahre hatte Ulbricht nach dem Urteil seines Leibarztes, Arno Linke, über eine für sein Alter hervorragende körperliche Verfassung verfügt: »Es war für mich immer wieder erstaunlich zu beobachten, wie gut mein Patient diese langen Tage mit abendlichen Anstrengungen verkraftete . . . Nur in den allerseltensten Fällen ließ er sich sichtlich erschöpft in den Sessel sinken.«
Abgesehen von einer Gallenblasenoperation, die Ulbricht im Moskauer Kreml-Krankenhaus vornehmen ließ, hatte er keine größeren operativen Eingriffe über sich ergehen lassen müssen. Sein einziges erwähnenswertes gesundheitliches Problem waren starke Blutdruckschwankungen, unter denen er seit vielen Jahren litt. Ab 1969 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand altersbedingt rapide. Nach einer Ischämie, einer Mangeldurchblutung der Herzkranzgefäße, im Januar 1966 kam es im Sommer 1969 zu einem erneuten Problem mit dem Herzen, in dessen Folge sich Ulbrichts Gesamtzustand merklich verschlimmerte.
Ein grippaler Infekt im Oktober 1969 zog eine weitere Verschlechterung der biologischen Leistungskurve nach sich. Hinzu kam ein langsamer, permanenter Anstieg des Blutdrucks. Ausgiebige Kuren in Barwicha brachten vorübergehend Linderung. Als Arno Linke Ulbricht und seine Frau Mitte März 1971 von der Kur abholte, hielt er erfreut fest, dass der Aufenthalt seinem Patienten gut getan hatte: »Alle klinischen Parameter waren sogar besser, als altersgemäß zu erwarten war. Die Blutgerinnungswerte, die mir am meisten Sorge bereiteten, lagen nach seiner Rückkehr im Normbereich.«
Nur vier Monate später, nach seinem zwangsweisen Rücktritt, war Ulbricht ein todkranker Mann. Arno Linke hatte seinen Patienten zwischenzeitlich immer wieder auf die erhöhten Blutdruckwerte aufgrund der Arteriosklerose der Gefäßwände hingewiesen. Ulbricht hatte jedes Mal geantwortet: »Bis Ende Juni muss ich durchhalten, dann machen Sie mit mir, was Sie wollen, Doktor!«3 Der SED-Chef mutete sich zu viel zu. Der 14. Juni 1971, der Vorabend des achten Parteitags der SED, war ein schwül-heißer Tag. Wie sehr Ulbricht seinem Nachfolger rein physisch immer noch im Weg stand, machte die Begrüßungsszene bei Breschnews Ankunft auf dem Flughafen in Berlin-Schönefeld deutlich.
Der sowjetische Parteichef hatte noch nicht die Gangway verlassen, als Honecker sich vor laufenden Fernsehkameras an Ulbricht vorbeidrängte und diesen rüde zur Seite schob, um Breschnew als Erster den Bruderkuss auf die Wange drücken zu können. Am selben Abend nahm Ulbricht trotz der Anstrengungen des Tages noch am Empfang für die ausländischen Gäste teil. Als er endlich zu Hause war, erlitt er einen Kreislaufkollaps und wäre ohnmächtig zusammengebrochen, wenn es seiner Frau nicht noch mit größter Anstrengung gelungen wäre, ihn ins Bett zu bringen. Um 22.30 Uhr schrillte bei Arno Linke das Telefon, und eine erregte Stimme rief ihn in das Haus sieben in Wandlitz.
»Ulbricht lag leicht erhöht, durch ein Kissen gestützt, auf seinem Bett. Dunkle Ringe umschatteten seine Augen. Aus weit geöffneten Pupillen blickte er mir angstvoll entgegen . . . Tiefe Falten lagen um seinen Mund. Auf seinem bleichen Gesicht stand kalter Schweiß. Angestrengt und oberflächlich atmete er, und als ich die Pulsfrequenz maß, erschrak ich. Vor etwa drei Stunden noch relativ kräftig, war sein Puls jetzt klein, beschleunigt, unregelmäßig und kaum mehr zu tasten.«Jedes Wort über eine Teilnahme Ulbrichts am morgigen Parteitag erübrigte sich angesichts dieses Gesundheitszustandes. So musste seine Rede, an der er so intensiv gearbeitet hatte, statt seiner vom Politbüromitglied Hermann Axen verlesen werden.




