E-Book, Deutsch, Band 3, 304 Seiten
Reihe: Anna Glad ermittelt
Frantz Die Tote im Wasser
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8412-3767-5
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Fall für Anna Glad
E-Book, Deutsch, Band 3, 304 Seiten
Reihe: Anna Glad ermittelt
ISBN: 978-3-8412-3767-5
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein unschuldiges Kind, eine unmögliche Entscheidung und ein grauenhafter Mord.
Es sind unruhige Zeiten für Kommissarin Anna Glad, denn ihr neuer Fall verwischt die Grenze zwischen Beruflichem und Privatem: Mimmi Sandberg, eine Freundin ihres Lebensgefährten, hat die vierjährige Veera adoptiert. Doch Veeras biologische Mutter will die Kleine zurückhaben. Die Anzeichen, dass das Kind bei ihr nicht sicher wäre, verdichten sich. Da verschwindet die Sekretärin der Holmborger Schule. Und auf dem beliebtesten Spielplatz der Stadt wird ein grausiger Fund gemacht ...
'Anna Glad hat etwas ungewöhnlich Erfrischendes an sich. Vielleicht, weil sie so menschlich ist?' Dagens Nyheter.
Eva Frantz, geboren 1980, wuchs in einem Vorort von Helsinki auf. Sie studierte Journalismus, arbeitete als Radiomoderatorin und kommentierte u.a. den Eurovision Song Contest. 2016 legte sie ihren Debütroman vor, seitdem schreibt sie erfolgreich Kinderbücher und Kriminalromane. 'Die Tote im Eis' wurde als bester finnischer Krimi des Jahres ausgezeichnet. Auch 'Der Tod in den Schären' ist im Aufbau Taschenbuch lieferbar. Eva Frantz wohnt mit ihrem Mann und drei Kindern in Espoo, Finnland. Mehr zur Autorin unter evafrantz.com Leena Flegler arbeitet als freie Übersetzerin aus dem Schwedischen und Englischen. Sie übertrug unter anderem Romane von Niklas Natt och Dag, Karin Smirnoff und Denise Rudberg ins Deutsche.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Ruh nun friedlich, kleines Kind,
wirst morgen wieder wach,
Die Welt, sie wartet ohnehin
mit Schlechtigkeit und Schmach.
Ein Ort der Trauer, unser Erden:
Wer kaum gelebt, muss trotzdem sterben
und abermals zu Erde werden.
Februar 2022, Montag
Kaum hatte sich Mimmi Strandberg auf die Parkbank gesetzt, drang die Feuchtigkeit schon durch ihre Jeans und Unterhose. Es hatte tagelang ununterbrochen geregnet, und die Holzbretter waren komplett nass. Sie zog ihre Jacke unter ihren Po, so weit es ging, und rückte nach vorn auf die Kante. Blasenentzündung – davor warnten Erwachsene ihre Kinder doch immer bei Kälte, oder? So etwas wollte man sich nun wirklich nicht einfangen.
»Mama, guck!«, rief Veera von der Wippe herüber.
»Wow, ganz toll«, antwortete Mimmi mit ihrer lebhaftesten Mamastimme, gähnte dann aber herzhaft.
So früh am Morgen hatten sie den Spielplatz für sich allein. In ein paar Stunden würde hier der Teufel los sein.
Die Nacht war anstrengend gewesen. Die fünfjährige Veera litt unter Nachtschreck, daher wurde Mimmi häufig von schrillen Schreien aus dem Kinderzimmer aus dem Schlaf gerissen. Manchmal dauerte es Stunden, bis sich das Mädchen wieder beruhigt hatte, und wenn Veera dann endlich eingeschlafen war, lag Mimmi oft hellwach da, bis irgendwann Juhas Wecker klingelte.
Juha war ihr keine Hilfe. Der drückte sich bloß verbissen jeden Abend Ohrstöpsel in die Ohren und schnarchte über die Schreie und die ganze Aufregung hinweg. Morgens war er dann trotzdem müde und schlecht gelaunt.
»Ich hab in dieser Woche Kundenmeetings im Akkord«, hatte er an diesem Morgen gemault und fahrig Kaffeepulver in den Filter gelöffelt. »Wenn ich nicht durchschlafen kann, kann ich bald Insolvenz anmelden. Soll ich, ja? Wir könnten eine Zwei-Zimmer-Sozialwohnung mieten und die Autos verkaufen? Und das Boot auch? Wär das ein guter Plan?«
Grundsätzlich hatte Juha ja recht. Fürs Erste war Mimmi in Vollzeit mit Veera zu Hause, insofern war es vielleicht nur fair, dass sie diejenige war, die nachts aufstand – erst recht, da Juha von Veeras Geschrei oft so genervt war, dass er alles nur noch schlimmer machte.
Es ist nur eine Phase, redete Mimmi sich ein, das wird schon wieder. Bald.
»Guck, Mama, wie hoch!«
»Oh, das ist ja wirklich superhoch! Halt dich gut fest, mein Schatz!«
Ihre Augen brannten vor Müdigkeit. Es war wirklich zum Heulen: Da half nicht mal mehr Juhas tiefschwarze Teerbrühe von einem Kaffee.
Veera hingegen schoss wie eine Flipperkugel kreuz und quer über den Spielplatz. Es war schon bemerkenswert, dass ein Kind die ganze Nacht schweißgebadet und hysterisch in seinem Bett liegen und sich dann binnen weniger Stunden in dieses kleine, sonnige Energiebündel verwandeln konnte.
»Mama, ich rutsch schneller als ein Rennwagen – fiuuuuuuu!«
»Wow, das war schnell!«, rief Mimmi zurück und öffnete die Fitness-App auf ihrem Handy.
Sie war heute (hauptsächlich in der Nacht zwischen zwei und fünf Uhr) bereits 3678 Schritte gegangen und hatte einfach viel zu wenig geschlafen.
Hier erfahren Sie mehr zu den Gesundheitsrisiken bei Schlafmangel. Sehr hilfreich.
Nein danke.
»Mama!«
»Wow!«
»Guck jetz’, Mama! Ich schwimm!«
»Wie toll … Was? Nein!«
Flink wie ein Wiesel war Veera vom Klettergerüst zum hinteren Ende des Spielplatzes gerannt, der im Grunde eine einzige riesige Pfütze war. Dort saß sie nun hüfttief im braunen, schlammigen Wasser wie in einem Whirlpool und strahlte übers ganze Gesicht.
Mimmi musste regelrecht in die Pfütze hineinwaten, um die Kleine dort wieder herauszuholen. Somit hatte sie nicht nur einen nassen Hintern, sondern obendrein nasse Füße, und obwohl Veera ihren Matschanzug trug, war auch sie unter Garantie nass bis auf die Knochen.
Plötzlich blickte das Mädchen nachdenklich drein.
»Popo is’ kalt.« Es klang eher vorwurfsvoll als beschämt.
»Jaaa, der Popo wird kalt, wenn man sich im Februar mitsamt Klamotten in eine Pfütze setzt! Wir müssen jetzt wohl nach Hause gehen und dich umziehen.«
»Okay«, erwiderte Veera putzmunter.
Wider Willen musste Mimmi lachen, als sie Veera quer über den Spielplatz trug. Der Alltag mit einer Fünfjährigen war anstrengend, aber zumindest nie langweilig. Dass Veera ein herausforderndes Kind werden würde, war Mimmi von Beginn an klar gewesen. Dieser Punkt war schon im Vorbereitungskurs für Pflegeeltern Thema gewesen.
Doch sowie Veera jetzt ihre kleinen Milchzähnchen zeigte und Mimmi strahlend anlachte, war alle Anstrengung vergessen. Veera presste ihre Lippen auf Mimmis Wange und pustete, dass es klang wie ein Pups.
»Du bist wirklich das durchgeknallteste Kind der Welt«, sagte Mimmi.
»Durchgeknallte Knallmama«, erwiderte Veera.
Auf dem Weg zum Ausgang warf Mimmi noch einen Blick über die Schulter. Wie in aller Welt hatte sich auf dem Spielplatz eine dermaßen tiefe Pfütze bilden können? Gab es hier denn keinen Gully, durch den das Wasser ablaufen konnte?
Dann hörte sie plötzlich eine bekannte Stimme rufen: »Guck mal, da sind Veera und Mimmi! Hallo!«
Mimmis Wangen wurden merkwürdig warm. Typisch, dass er ausgerechnet in dem Moment auftauchte, da sie aussah wie ein Schlammmonster.
»Hey, Tomas! Hey, Gottfrid! Schau mal, Veera, wer da kommt!«
Tomas sah genauso attraktiv aus wie immer: groß gewachsen, breitschultrig. Dichtes braunes Haar ragte unter seiner Mütze hervor. In Mimmis Bauch flatterte ein verbotener Schwarm Schmetterlinge auf.
»Ach, Mensch«, sagte Tomas, »geht ihr schon? Und mit wem sollen wir jetzt spielen?«
»Veera hat da drüben in der Pfütze gebadet, deshalb müssen wir nach Hause und uns umziehen.«
»Ach, du Schande. Das ist aber auch eine ordentliche Pfütze! Geh da nicht hin, Goffe!«
Tomas hob Gottfrid aus dem Buggy, und der Dreijährige flitzte – in seinen dicken Klamotten leicht o-beinig – sofort in Richtung Klettergerüst.
»Vielleicht sollten wir das irgendwo melden? Für Kinder ist so tiefes Wasser doch gefährlich.«
Statt mit der freundlichen Papastimme sprach er nun mit seiner Polizistenstimme, was ihn sogar noch ein bisschen attraktiver machte. Die Schmetterlinge in Mimmis Bauch stoben inzwischen wild durcheinander.
Jetzt, da Tomas hier war, hätte sie sich liebend gern wieder auf die kalte, nasse Bank gesetzt. Mit Tomas konnte man sich ganz wunderbar über Gott und die Welt unterhalten.
Er hob sein Handy ans Ohr.
»Na, dann wollen wir doch mal sehen, ob jemand rangeht … Oh, das ging ja schnell!«
Tomas lächelte Mimmi zu und reckte den Daumen hoch.
Sie erwiderte die Geste und nahm Veera bei der Hand.
»Komm, Schätzchen, wir müssen heim.«
»Ja, hallo … Ich rufe vom Spielplatz am Bruksvägen an«, hörte sie Tomas noch sagen. »Hier ist alles komplett überschwemmt. Vermutlich ist der Gully verstopft …«
Veera stiefelte bereits vorneweg, und Mimmi versuchte, mit ihr Schritt zu halten.
Sie hatte Gottfrids Mutter nie kennengelernt. Anscheinend arbeitete sie ebenfalls bei der Polizei und das offenbar von morgens bis abends. Garantiert war sie cool und bildhübsch, genauso durchtrainiert wie Tomas, draufgängerisch und klug, dachte Mimmi, sonst hätte sie sich einen Mann wie ihn nie geangelt.
Anna Glad ließ sich auf ihren Schreibtischstuhl sinken, lehnte sich vor und legte die Stirn auf die Tischplatte.
Konnte man in dieser Sitzhaltung ein Powernap machen? Hieß es nicht, dass ein fünfminütiges Nickerchen tagsüber so wertvoll war wie eine Stunde Nachtschlaf? So was in der Art hatte Rolf doch immer gesagt. Wie auch immer … Hauptsache, sie konnte für einen Moment durchatmen.
Himmel, wie schön das war. Nur einen klitzekleinen Moment …
Als es nachdrücklich an der Tür klopfte, richtete Anna sich so schnell auf, dass es ...




