E-Book, Deutsch, Band 3, 240 Seiten
Reihe: amora
Frege Zoe 1989
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-96079-117-1
Verlag: Solibro Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Ballettroman aus Berlin
E-Book, Deutsch, Band 3, 240 Seiten
Reihe: amora
ISBN: 978-3-96079-117-1
Verlag: Solibro Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Judith Frege hat in ihrer 25jährigen Bühnenkarriere als Balletttänzerin beim Hamburger Ballett, Stuttgarter Ballett sowie beim Ballett der Deutschen Oper Berlin mit den großen Namen der Ballett- und Tanzwelt von 1973 bis 1998 zusammengearbeitet. Die Fülle an Erlebnissen und Erfahrungen aus dieser Zeit haben die Autorin dazu inspiriert, den vorliegenden Roman zu schreiben. Heute arbeitet Judith Frege als diplomierte Tanzpädagogin und ist seit zwanzig Jahren Direktorin der Ausbildungs- und Ergänzungsschule in Berlin, des Tanzloft Berlin. Neben Unterrichtsfächern wie Klassisches Ballett, Modern Dance und Kreativer Kindertanz leitet Judith Frege tanzpädagogische Seminare, die u. a. von Tänzerinnen und Tänzern professioneller Ballettkompanien besucht werden. Judith Frege ist mit fünf Geschwistern als Tochter einer englischen Mutter und eines deutschen Vaters aufgewachsen. Neben dem vorliegenden Roman und Kurzgeschichten hat sie mehrere Fachbücher veröffentlicht; Ballettausbildung nach der Waganowa-Methode Band I und Band II (Henschel), Kreativer Kindertanz (Henschel), Kinderballett (Henschel) u. a.
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Kapitel 1
Ist denn nicht zufällig Sonntag?“,
fragte sie ihre Zimmerdecke, die stur verneinend herabblickte. Dann eben nicht, dachte sie, schloß die Augen, drehte sich auf die Seite in die warmen Kissen hinein, suchte nach dem verlorenen Traum und sehnte sich nach Sonntag. Aber sie wußte, … es war zwecklos.
Es war nicht Sonntag.
Ihr Gehör registrierte Regen, und sie folgte den Wassertropfen, die in Rinnsalen die Scheiben herabliefen. Und weil sie keine Nischen fanden, in denen sie hätten verweilen können, stürzten sie die Hauswand hinunter auf die Straße, in den Gully, den endlosen Kanal entlang, um irgendwann, irgendwo wieder aufzutauchen und von der Erde aufgesaugt zu werden oder einfach zu verdunsten.
Die Augen halb geöffnet, beobachtete sie das fahle Morgenlicht, das durch die Ritzen der Jalousie kroch und blasse Streifenmuster auf den Fußboden zeichnete, in denen der Staub tanzte. Alltagsbilder drängelten sich vor, summten im Kopf wie lästige Fliegen und bohrten kleine Löcher ins Bewußtsein, bis sie sich geschlagen gab.
Wie an jedem Morgen – außer sonntags.
Und ihr war jetzt schon klar, was für ein Tag auf sie zukam, – einer, den man am besten verschläft. Sie schlug die Bettdecke zurück und befahl ihrem linken Fuß nach den Badelatschen unterm Bett zu angeln, als sich urplötzlich und ohne Vorwarnung ein dumpfer Schmerz seinen Weg durch ihren Körper bahnte. War sie krank oder verletzt und durfte unter keinen Umständen aufstehen? „Einfach liegenbleiben“, meldete sich ihre innere Stimme hoffnungsvoll. Umgehend enttarnte der Verstand die Gliederschmerzen als läppischen Muskelkater. Eine körperliche Reaktion, die auftritt, wenn eine Tänzerin die gesamten Theaterferien faulenzt und es nicht für nötig hält, auch nur einmal den Fuß zu strecken. Bauchmuskelübungen, sich dehnen und einen Spagat zu wagen, sind ihr erst gar nicht in den Sinn gekommen. Mit Anbruch des ersten Urlaubstages war sie in eine Art Bewegungsstarre verfallen und hatte jede körperliche Aktivität auf ein Minimum reduziert. Faulheit hatte sie befallen, wie eine wuchernde Pilzkrankheit, und sie wartete geduldig auf den Zeitpunkt, daß dieser unbewegte Zustand anfing zu langweilen.
Aber der Moment kam nicht.
Vorsichtig tastete sie sich aus dem Bett und tappte steifbeinig zum Fenster. Die Jalousie quietschte beim Hochziehen, und als sie das Fenster öffnete, blies ihr naßkalter Wind ins Gesicht. Regentropfen klatschten auf das Sims, zerplatzten in kleinen Spritzern und benetzten ihre Haut. Sie blickte einem Flugzeug nach, das in den dichten, bleiernen Wolken verschwand und verlor sich für einen Augenblick in Erinnerungen.
Sie fror.
Auf dem Weg ins Badezimmer erinnerten Muskeln schmerzhaft an ihre Existenz und an die gestrigen Proben; endlose Proben für das Ballett Schwanensee, das in zwei Wochen die neue Spielzeit eröffnen sollte. Man hatte sie nicht in der Besetzungshierarchie aufsteigen lassen, und Enttäuschung klumpte sich in ihrem Magen zusammen, wie eine schwerverdauliche Mahlzeit. Zu ihrem Verdruß tanzte sie - wie in den Jahren zuvor - nur einen von vierundzwanzig Schwänen. Eine undankbare Rolle, die sie haßte. Der Tanz der Schwäne war schwierig, schmerzte in Füßen und Beinen und fand wenig Anerkennung beim Publikum.
„Zum Teufel mit Schwanensee. Dieser verstaubte alte Schinken kann mich mal“, fluchte sie.
Mit dem Kokosduft des Duschgels in der Nase ließ sie sich vom heißen Wasser einhüllen, während sich die Muskulatur entkrampfte. Woran hatte sie gedacht? Ach ja – Schwanensee. Warum erkannte der Ballettdirektor ihr Talent nicht? Sah er es nicht, oder wollte er es nicht sehen? Oder lag es etwa an ihr selbst? Sie war alles andere als in Form, hatte nicht - wie andere - an Sommerkursen teilgenommen, um optimal trainiert die Spielzeit zu starten. Also, was wollte sie eigentlich? Karriere machen – ein Star werden? Und welchen Preis zahlte man für Erfolg? - Ehrgeizig, besessen, unterwürfig? Eigenschaften, die ihr zuwider waren. Sie hatte sich immer dagegen gewehrt, so zu werden.
Und trotzdem, es mußte sich etwas ändern. Sie griff zum Massagehandschuh und schrubbte, bis die Haut glühte und der Muskelkater fast vergessen war, nicht aber die Unzufriedenheit, die sich in ihrer Seele festklebte. Okay, sie wollte also etwas ändern. Nur was war – Etwas? Sie wußte, daß es den dreiundzwanzig anderen Schwänen nicht viel besser erging. Auch an ihnen nagten Zweifel, und sie stellten Fragen, auf die sie keine Antwort erhielten. Eine sonderbare Liebe zerrte an ihnen und trieb sie an, unaufhörlich nach der Erfüllung im Tanz zu suchen.
Das wohlige Naß versiegte, und mit dem duftenden Schaum verschwand auch die Erinnerung an Sommer im Abfluß und ließ sie fröstelnd zurück, an einem ungemütlichen Septembermorgen mitten im schmutziggrauen Berlin. Warum ist es nur so verdammt kalt, dachte sie, beeilte sich in die Jeans und zog den alten Angorapulli über den Kopf. Im Badezimmerspiegel, der mit angetrockneten Wasserspritzern gesprenkelt war, sah sie ihr blasses Gesicht mit den grünen, leicht schrägstehenden Augen. Ihr Haar hing lang und glatt über die Schultern, die Farbe kupferrot wie die Abbildung einer Hennafarbpackung. Wie fast jeden Morgen ärgerte sie sich über die abstehenden Ohren – die nicht vorhanden waren. Aber sie beharrte auf ihren abstehenden Ohren, gähnte ihr Spiegelbild an und fand ihren Mund viel zu groß. Was hatte sie neulich gelesen? Schon beim ersten ernüchternden Anblick seiner selbst, am frühen Morgen – positiv denken.
„Also, denke positiv!“ Sie verzog die Lippen zu einem Haifischgrinsen.
„Ob das hilft?“, fragte sie das Gesicht im Spiegel. „Blödsinniger Seelenquatsch“, war die Antwort.
Sie goß ein wenig Milch in eine große Tasse, in der ein Teebeutel schwamm und rührte so lange, bis die Flüssigkeit eine goldbraune Farbe annahm. - In kleinen Schlucken genießen - stand auf der Packung, und schon fühlte sie ihre Lebensgeister erwachen, während sie in dem Transistorradio auf dem Holztisch nach dem Sender suchte, der ein bißchen Heimat in die Berliner Altbauküche brachte. „BFBS–British-Forces-Radio“, sprudelte die vertraute englische Stimme hervor und kündigte noch mehr Regen an. Wie in London, ging es ihr durch den Kopf, und sie sah aus dem Fenster, vor dem ein Wasserschleier hing. War es wirklich erst drei Jahre her, seitdem sie – Zoe Marshall – geboren in der englischen Industriestadt Burnley und den Kopf voller Träume, hier in Berlin gelandet war? Sie massierte ihre steifen Wadenmuskeln, dachte zurück an ihre Ballettlehrerin, Miss Tschechowa an der Royal Ballet School, und sofort hörte sie die warnende Stimme: „Mitleid mit euren Beinen und Füßen, ja, das dürft ihr haben, aber nachgeben – niemals!“ Mit einer Kombination aus Strenge und mütterlicher Wärme formte die energische Lehrerin ihre Zöglinge zu professionellen Balletttänzern. Sie hatte es damals nicht leicht mit ihrer Schülerin Zoe Marshall, die zwar mit einer ungewöhnlichen Begabung, aber leider nur mit mäßigem Ehrgeiz ausgestattet war. Unermüdlich hatte Miss Tschechowa die Zehn Gebote des Tänzerlebens gepredigt. Disziplin, Disziplin und nochmals Disziplin! Irgendwann waren sie unwiderruflich in das Hirn eingeschweißt, und der Versuch, davon freizukommen, scheiterte am schlechten Gewissen, das sich aufbäumte und nicht stillhalten wollte. Bis auf sonntags und im Urlaub, überlegte Zoe und nahm sich vor, sich zusammenzureißen.
Das Telefon klingelte. Es war Robert. Ob er sie mit dem Wagen abholen solle, wegen des gräßlichen Wetters. Er müsse um halb zehn zur Orchesterprobe in der Oper sein, und er habe Sehnsucht nach ihr. Wie nett von ihm, aber sie verspürte keine Lust, Robert zu sehen. Vielleicht heute abend? Enttäuscht hing er ein.
Einen Moment lang kam sie sich mies vor.
Quatsch – warum sich Vorwürfe machen? Sie hatte ihm nie die große Liebe vorgegaukelt oder Gefühle vorgespielt, die nicht vorhanden waren. Seinen Vorschlag, zusammen in eine Wohnung zu ziehen, lehnte sie kategorisch ab, und vor dem gemeinsamen Urlaub hatte sie sich in letzter Minute gedrückt.
Ihr Verhalten kränkte Robert. Er hatte mehr als ein Mal versucht, sie zu vergessen, was ihm aber nicht gelang. Dünnhäutig wie er war, reagierte Robert oft eingeschnappt. Vor allem dann, wenn Zoe vorgab, keine Zeit für ihn zu haben. Oder noch schlimmer, wenn sie behauptete, allein sein zu wollen. Er zog sich dann zurück wie ein verwundetes Tier und wartete darauf, daß sie ihn rief. Er hatte sich hoffnungslos in Zoe verliebt, verwöhnte sie, wo er nur konnte, ertrug ihre Launen ohne Murren und war stets zur Stelle, wenn sie ihn brauchte. Er war ein zärtlicher Liebhaber und angestrengt bemüht, sie glücklich zu machen. Doch er spürte, daß er nicht in der Lage war, ihr Feuer zu entfachen und führte das auf die harte Arbeit beim Ballett zurück. Robert klammerte sich an die Hoffnung, sie irgendwann davon zu überzeugen, daß eine Ehe eine glücklichere Zukunft versprach als eine mehr oder weniger erfolgreiche Tänzerkarriere. Zoe wich diesen Diskussionen aus. Es kam immer öfter vor, daß er sie ungeduldig machte mit seiner Empfindsamkeit. Obwohl das Leben mit Robert durchaus angenehm war, erkannte sie, daß er sie zunehmend langweilte.
Sie warf einen Blick auf die Küchenuhr, und in ihrem Kopf schrillten die Alarmglocken. Höchste Zeit, aufzubrechen. Mit der Angewohnheit zu spät zu kommen, hatte sie sich in der letzten Spielzeit ziemlichen Ärger eingehandelt.
Noch einen Moment entspannen, dachte sie und genoß es, einfach nur zu sitzen.
Die Minuten verstrichen.
Schließlich gab sie sich einen...




