E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Fritz Politik der Angst
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-7017-4236-3
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
9/11 und die Folgen
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-7017-4236-3
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Fritz, geboren 1961 in Villach, studierte Germanistik und Geschichte in Wien. Seit 1987 ist er beim ORF tätig, 1992/93 und 1998-2003 war er Korrespondent in Washington, 2003-2007 Ressortleiter Ausland der 'Zeit im Bild', seit 2007 ist er Leiter des ORF-Büros in Berlin. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Zuletzt erschienen: 'Der ratlose Riese. Deutschland 20 Jahre nach der Wende'
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Der lange Tag
Blau, ein endloses, tiefes Blau, von keiner Wolke getrübt. So hat der Himmel über Washington und New York ausgesehen an diesem Tag. Wenn Sie mit Amerikanern über den 11. September 2001 reden, dann werden sie über kurz oder lang immer wieder auch davon sprechen. Was für ein prächtiger Spätsommertag das doch gewesen sei. Ein Tag, an dem das Alltagsleben gerade wieder begonnen hatte, an dem die Schulen wieder den Unterricht aufnahmen nach den langen Ferienmonaten, an dem die Leute wieder an die Arbeitsplätze strömten statt an den Strand. Einer von ihnen hieß George W. Bush, war Präsident der Vereinigten Staaten und ließ die Amtsgeschäfte nach einem langen Ranch-Urlaub in Texas recht gemütlich wieder angehen.
Er war in eine kleine Schule in Florida gefahren, um Schülern der zweiten Schulstufe die Freuden des Lesens beizubringen. Ein Präsident, der weit weg war, beschäftigt mit einem nur mäßig aufregenden Pensum, das schien auch für uns Journalisten ein paar ziemlich ruhige Tage zu verheißen.
»Peter!« Der Ton kommt ziemlich schrill und stark gepresst durchs Handy. »Peter, schalte deinen Fernseher ein!« Am Telefon ist Irene Gangel, die Hauptsekretärin der Fernsehauslandsredaktion, eine Dame, der man nicht widerspricht. »Ein Flugzeug ist ins World Trade Center in New York geflogen!« Der von mir schnell angeworfene Fernseher zeigt – ein Basketballmatch. »Na, so groß kann die Story aber nicht sein«, brumme ich ins Telefon, nach Handtuch, Gewand und Fernbedienung angelnd, während ich zugleich das Handy am Ohr belassen muss. Ich bin nämlich gerade aus der Dusche gestiegen, und das Handy ist das Einzige, was ich am Leibe trage. »Doch, doch, das ist groß!«, belehrt mich Irene ungerührt. Wie gesagt, man sollte ihr nicht widersprechen. Aber erst nach einer längeren Schrecksekunde fällt mir ein, dass die Kabelgesellschaft bei mir vor Kurzem die Abfolge der Fernsehkanäle umgestellt hat. Auf dem Kanal, den ich für CNN gehalten hatte, läuft weiter Basketball, aber nach und nach beginnt auf jedem anderen Kanal die Silhouette der New Yorker Zwillingstürme aufzutauchen. Die Kameras, die das Geschehen festhalten, sind eigentlich für den Wetterbericht gedacht, bringen normalerweise den üblichen morgendlichen Liveblick über die Skyline in Amerikas Haushalte. Nun werden sie hastig auf den rauchenden Nordturm des World Trade Center fokussiert. Dicker Rauch dringt hervor, und ratlose Fernsehkommentatoren versuchen, dem, was da zu sehen ist, einen Sinn abzugewinnen. War es ein Kleinflugzeug, das sich verirrt hat? Es scheint die plausibelste Erklärung zu sein. Aber wer verirrt sich im Luftraum über New York an so einem prachtvollen Schönwettertag, mit klarer Sicht über Dutzende Kilometer?
Mit vollem Schub, aber trotz des Tempos deutlich eingefangen von den adaptierten Wetterkameras, rast des Rätsels grauenhafte Lösung heran. Der Einschlag des zweiten Flugzeugs in den Südturm, live miterlebt von Millionen Menschen. »Now it’s clear. That’s an attack«, sagt eine Stimme im Fernsehen. Ja, in diesem Moment ist es allen klar. Ein Angriff auf Amerika hat begonnen, ein Angriff mitten hinein in die stolz emporragenden Türme und damit auch mitten hinein ins Selbstbewusstsein der Nation.
Ich sitze noch immer in meinem Schlaf- und Ankleidezimmer in Washington, habe zwischen dem einhändigen Überziehen von Socken und Hemd rund fünf Telefonate absolviert und fasse einen ersten Plan. Mit Graham Scott, unserem Kameramann, den alle Welt nur Scotty nennt, habe ich schon telefoniert. Er wohnt mitten in der Stadt, könnte in kürzester Zeit zum Flughafen kommen. Wir verabreden, uns dort zu treffen. Alles weitere werde sich dann ergeben. »Schätzchen, ich muss nach New York!«, rufe ich meiner Frau Bea zu, die herbeigeeilt ist und mit mir fassungslos den zweiten Angriff verfolgt hat. »Okay«, ruft mir Bea zu. »Ich kann dich zum Flughafen bringen.« Sie schwingt sich auf den Fahrersitz unseres Minivans und wir sausen los. Ich drehe am Autoradio herum. Das sonst so zuverlässige und souveräne NPR (National Public Radio) ist vollkommen von der Rolle, spielt nichtssagende Beiträge aus aller Welt und schaltet zwischendurch kurz über Telefon Augenzeugen aus New York ins Programm, die nur wenig mehr zu berichten wissen als das, was ohnehin jeder Fernsehzuschauer sieht. Später wird NPR einen Medienpreis für seine ausgezeichnete Berichterstattung am 11. September bekommen. Die chaotischen ersten zwei Stunden des Programms dürften die Juroren überhört haben.
Wir rollen über den MacArthur Boulevard, die wichtigste Verbindungsstraße zwischen unserem Vorort und Washington. Der National Airport ist unser Ziel, der Flughafen, von dem jede halbe Stunde der »Shuttle« startet, die meistfrequentierte Flugverbindung zwischen der Hauptstadt und New York. Das Rollen wird zum Stehen, der Verkehr in Richtung Hauptstadt stockt. Mein Handy läutet. Scotty ist am Telefon. Er ist schon am Flughafen, aber er hat erfahren, dass es mit dem Fliegen nichts mehr werden dürfte. »Da ist nämlich auch hier etwas passiert, beim Pentagon«, meint er. Näheres wisse auch am Flughafen noch keiner. Das Pentagon, das gigantische Hauptgebäude des US-Verteidigungsministeriums, liegt genau zwischen unserer Autokolonne und dem Flughafen, und als wir einen Hügel hinter uns bringen, der den Blick verstellt hat, sehen wir auch schon den nächsten Boten des Unheils an diesem Tag: Eine riesige Rauchsäule steigt über dem Pentagon auf. Bea bleibt völlig ruhig, hält ihren Kurs in Richtung Flughafen. Aber als wir uns dem Pentagon auf einen halben Kilometer nähern, ist Schluss: Feuerwehrautos rasen in Richtung Rauchsäule, aber uns beiden versperrt die Polizei den Weg. New York scheidet als Flugreiseziel aus, so viel ist sicher.
Immer wieder habe ich vom Beifahrersitz aus versucht, mit meinem Handy eine Verbindung nach Wien zu bekommen. Immer wieder Besetztzeichen. Kein Wunder, denn ganz Amerika will telefonieren in diesem Moment. Aber dann gelingt es doch. Ich habe die geheime Durchwahl gewählt, über die man sich direkt in die Sendung schalten lassen kann. Redaktion und Regie zögern etwas, ich höre die aufgeregten Rufe, die durch den Wiener Newsroom hallen. »Der Peter Fritz ist beim Pentagon!« – »Gibt’s nicht!« – »Doch, er sieht den Rauch!« – »Na gut, schaltet’s ihn rein.« Auf ORF 2 ist die Sondersendung zu den Anschlägen in vollem Gang. Noch weiß keiner, dass es die längste Sendung in der Geschichte des ORF werden wird, länger als die vielen Stunden, die mein Sender seinerzeit für die Mondlandung aufgewendet hat. Eugen Freund, mein langjähriger Chef und Vorgänger in Washington, sitzt am Wiener Moderatorentisch, zusammen mit Hannelore Veit. Ich schildere meine Eindrücke, berichte vom Rauch über der Szene und vom Großeinsatz der Feuerwehr. Was die Ursache betrifft, so bin ich auf Informationen aus zweiter Hand angewiesen. Ich habe im Autoradio Aussagen gehört, wonach es auch in diesem Fall ein großes Passagierflugzeug gewesen sein dürfte, das vom Westen her ins Pentagon gerast ist. Ich gebe die Aussagen, live auf Sendung in Wien, mit aller Vorsicht weiter. Noch kann niemand mit irgendwelchen gesicherten Informationen aufwarten.
Der Hauptschauplatz ist New York, auch in unserer Sondersendung. Die Bilder der Livekameras von der Skyline spielen die Hauptrolle, so wie überall auf der Welt. Aber als klar wird, dass sich auch rund um Washington etwas abspielt, da weitet sich das Bild, und aus einer gezielten Attacke auf ein US-Symbol mit zwei Türmen und Tausenden von Menschen wird ein viel breiter angelegter Angriff auf das Herz des amerikanischen Systems.
Es ist dieser Moment, in dem auf einmal alles möglich zu sein scheint. Gerüchte mutieren in kürzester Zeit zu angeblichen Neuigkeiten. Selbst das einigermaßen seriöse CNN berichtet aufgeregt von einer Autobombe, die beim US-Außenministerium explodiert sein soll. Es dauert ziemlich lange, bis sich diese Information als falsch und grundlos erweist. Noch bunter geht es auf diversen Lokalsendern zu, durch die ich mich im Autoradio durchschalte. Das Washington Monument, der riesige Obelisk im Zentrum der Stadt, sei gesprengt worden, heißt es da.
Es gibt in Washington keine Hochhäuser, weil nichts in der Stadt höher aufragen soll als das Washington Monument. Aber es gibt ein paar hohe Bürotürme gleich außerhalb der Stadtgrenzen, in Rosslyn, nahe dem Pentagon, dort, wo wir gerade unterwegs sind. Wir sehen Ströme von Tausenden von Menschen, die jetzt aus diesen Gebäuden flüchten, hinaus ins Freie, auf die breiten, aber sonst sehr wenig genutzten Gehsteige, die sich nun bis zum Bersten füllen. Die meisten tragen das übliche, konservative Outfit der Washingtoner Büromenschen aus Politik und Verwaltung, also Anzüge für die Herren in Grau, Schwarz oder Blau und Kostüme für die Damen, die ein wenig bunter ausfallen können, aber ebenso unaufgeregt wirken sollen. Im üblichen Bürobetrieb soll das geschäftsmäßige...




