Fritz Toxische Weiblichkeit
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-446-28038-0
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-446-28038-0
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Etwas fühlt sich falsch an: Wenn wir lächeln, obwohl wir eigentlich streiten möchten. Wenn wir unsere Freundinnen ghosten, weil wir Konfrontation fürchten und Konflikte vermeiden wollen. Wenn wir uns für Feminismus einsetzen, aber anderen Frauen* nicht vertrauen und instinktiv nach ihren Fehlern und Schwächen suchen. Was lauert da in uns weiblich sozialisierten Menschen, dass wir uns immer wieder gegen uns selbst und andere richten? In mutiger Selbstbefragung führt uns Sophia Fritz dorthin, wo es weh tut, und zeigt uns ein Phänomen, von dem wir gerade erst begreifen, wie sehr es unsere Lebenswelt bestimmt: Toxische Weiblichkeit. Der Essay der Stunde für alle, die sich nach einem neuen feministischen Miteinander sehnen, von einer der kreativsten und klarsten Denkerinnen der neuen Generation.
Sophia Fritz, geboren 1997, hat Drehbuch an der Filmhochschule in München studiert. 2021 erschien ihr Debütroman 'Steine schmeißen', 2022 folgte 'Kork', 2023 die Erzählung 'Frankfurter Kranz? in der Anthologie Glückwunsch. 15 Erzählungen über Abtreibung. Sie schreibt für ZEIT ONLINE und hat eine Ausbildung als Jugendguide für Gedenkstätten, als Sterbebegleiterin im Hospiz und als Tantramasseurin. Toxische Weiblichkeit ist ihr erstes Buch bei Hanser Berlin. Unter ehrlichleben.de bietet sie ein Kursprogramm an.
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PROLOG
Die ersten sechzehn Jahre bin ich hinter einem Lärmschutzwall aufgewachsen. Ich wusste, dass wir eine Bundeskanzlerin haben, und hörte, dass der Feminismus deshalb wichtig gewesen, aber jetzt auch überflüssig war. Ich hatte zwei Brüder und ging auf ein naturwissenschaftliches Gymnasium, das an einen Acker grenzte. Hier gab es keine Queerness, »schwul« war eine Beleidigung, der lag ein Lipgloss bei. Meine Freundinnen und ich reposteten traurige Filmzitate auf unseren Tumblr-Blogs, und ich legte einen Filter über die Bilder, auf denen ich mich ritzte.
Damals fühlte sich so gut wie alles anstrengend an. Das Dazugehörenwollen, das Beweisenmüssen, die Erstenmale, die Trennung von zu Hause, das Noch-nirgendwo-anders-Sein. Wir zitierten die Betrunkenheit aus amerikanischen Coming-of-Age-Filmen, wir versuchten, die Küsse und Gespräche der Romcoms nachzuspielen, in denen über lange Umwege die große Liebe gefunden wird. Vieles, was heute problematisch wäre, war damals noch romantisch. Edward Cullen zum Beispiel, der sagt, ich liebe dich, aber ich will dich umbringen, und Bella, die sagt, das macht mir nichts aus. Heute wäre das eine Red Flag, vor zehn Jahren war Obsession noch ein anderes Wort für Liebe.
Schon da hatte ich die leise Ahnung, dass sich hier etwas falsch anfühlte, beim Beinerasieren und Rauchen, beim Tragen von H&M-Dessous, beim ersten Sex mit älteren Männern. Ich wusste genau, wie ich Freundlichkeit spielen, wie ich meine Sexualität performen musste, dass ich aushalten und abliefern konnte, was die Welt der Erwachsenen von mir zu erwarten schien. Aus diesem Wissen generierte ich ein hohes Maß an Selbstbewusstsein. Ich machte mit Freundinnen Witze über meinen Nachhilfelehrer, der sich auf einen Flirt mit mir eingelassen hatte, und über meinen Boxlehrer, der nach dem Training seine Hand auf mein Knie legte. Wir ließen uns lachend zu Küssen oder Drinks überreden, zogen an Bongs, kotzten ins Gebüsch. Wir hatten die ersten Dates mit zittrigen Knien, wir wollten alles ausprobieren, nur ja nicht schüchtern, ja nicht langweilig sein. Die Bösartigkeiten der anderen ertrugen wir mit Verwunderung. Ein Junge aus der Oberstufe trennte sich direkt nach ihrem ersten Mal von meiner Freundin. Einer aus meiner Klasse fand mich zu dick. Ich fand, er hatte recht. Sobald ich die aufschlug und auf die nackten Körper im Bodycheck starrte, war ich irritiert und überfordert und leitete daraus ab, wie sexuelle Erfahrungen zu sein hatten: irritierend und überfordernd. In meiner Schulzeit war »Nein« kein ganzer Satz. Nein war nicht mal eine potenzielle Antwort, außer in der Situation, in der ein fremder Mann einem im Park Süßigkeiten anbietet. Das tat aber niemand, und so konnte ich mein Nein nicht austesten. Stattdessen setzte ich es versteckt ein, getarnt als Migräneanfall, Schule schwänzen und Lügen, später dann in Form von Drogen und Alkohol. Nein war kein Wort, das sich aussprechen ließ. Nein bedeutete Probleme, die ich nicht haben wollte. Mit sechzehn wollte ich nicht bei mir bleiben. Ich wollte mich loswerden und von jemand anderem gehalten und behalten werden.
Ich dachte, die innere Spannung, die sich daraus ergab, war , auf den man mich seit meiner Einschulung vorbereitet hatte. Ich kannte die Spannung von den schwäbisch-protestantischen Einfamilienhäusern um mich herum, von den müden Eltern und den gestressten Lehrer:innen. Und weil ich sonst nichts kannte, blieb auch ich einfach darin verhaftet. , wäre damals kein Grund gewesen, eine unangenehme Erfahrung abzubrechen. Das Dorf war schweigsam, niemand sprach über das Nicht-Alltägliche. Doch hinter dem Schweigen hörte ich ein Rauschen und wollte es erforschen, ich wollte es ausleuchten, wie man ein fremdes Zimmer ausleuchtet, um sicher zu sein, dass man darin schlafen kann.
Unbehagen
In meiner Kindheit und Jugend habe ich im Internet Bilder von dünnen Frauen rebloggt, die rauchten und dabei wunderschön traurig aussahen. Heute erklären mir Sechzehnjährige auf TikTok, wie ich sanfter mit mir umgehen und meine Bedürfnisse priorisieren kann, wie ich Grenzen setze, meinen Körper liebe, übergriffiges Verhalten erkenne und mir selbst nicht die Schuld für systemisches Versagen gebe.
Es hat sich viel getan. Dank sozialer Bewegungen wie #MeToo und #BLM habe ich gelernt, misogynes oder rassistisches Verhalten an mir und meinen Mitmenschen zu erkennen. Ob sich hinter den Lärmschutzwällen wirklich etwas verändert hat, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Aber zumindest verfügen wir inzwischen über einige Begriffe, die Ungerechtigkeiten aufdecken und klar benennen können. Das Schweigen meiner Jugend wird allmählich abgelöst von Begriffen wie catcalling, male gaze oder alte weiße Männer. Noch 2006 schrieb Virginie Despentes in dass zwar eine feministische Revolution im Gange sei, sich an den Konzepten von Männlichkeit bisher aber nichts geändert habe. Doch seit einigen Jahren wird die patriarchale Prägung von Männern kollektiv als egozentriert und dysfunktional enttarnt. Meine Freund:innen und ich nennen es jetzt nicht mehr Weltfrauentag, sondern Feministischer Kampftag, wir lehnen TERFs ab und finden es gut, dass der Paragraf 219a StGB gestrichen wurde. Die Männer in meinem Umfeld korrigieren mich heute beim Gendern und schreiben sich he/him in die Insta-Bio, und die Journalisten-Väter benutzen in ihren Artikeln die Worte Care-Arbeit und Mental Load. Wir erklären unserer Freundesgruppe, warum ein Date toxisch war oder warum sich ein Kommilitone problematisch verhalten hat, wir unterschreiben Petitionen für genderneutrale Sprache an den Hochschulen, wir schaffen Awareness, wir trösten unser Inneres Kind, lästern nur ungern, analysieren lieber mitfühlend mögliche Ursachen für problematisches Verhalten und freuen uns füreinander, wenn wir einen Therapieplatz bekommen haben.
Einer der Begriffe, die für mich und meine Freund:innen in den letzten Jahren besonders hilfreich waren, ist der der toxischen Männlichkeit. Ich nutze ihn, um die Verhaltensweisen von Familienmitgliedern, Freunden, Kollegen und Partnern schneller einsortieren zu können. Als ich noch kein Verständnis für die Verhaltens hatte, sondern nur das konkrete Verhalten Einzelner erlebte, habe ich mich mit Dingen, die ich heute als Gaslighting, Mansplaining oder männliches Entitlement erkenne und somit als Symptome toxischer Männlichkeit identifizieren kann, länger beschäftigt. Sie ließen mich vernebelt und überfordert zurück, weil ich in diesen Augenblicken auf mich allein gestellt war und den Fehler im Nachhinein bei mir suchte. War ich zu nett gewesen, um das Gespräch zu unterbrechen? Hatte ich ihn provoziert, ihm falsche Signale gesendet? Ist das eigentliche Problem meine Unsicherheit?
Es ist gut, dass wir durch die sozialen Medien die Möglichkeit haben, uns zu vernetzen, uns über unsere Erfahrungen auszutauschen, still mitzulesen und die Auswirkungen des Patriarchats global zu erkennen. Doch obwohl sich diese diffuse Unsicherheit bei der Deutung von maskulin geprägtem Verhalten etwas gelichtet hat, ist sie bei feminin konnotiertem Verhalten nicht kleiner geworden. Wo es vor ein paar Jahren zumindest noch eindeutig feministische und auch eindeutig unfeministische Haltungen gab, kann heute feministisch sein: Hausfrau und Girlboss, Waxing und Achselhaare, laszive TikTok-Choreografien, Selbstobjektivierung und traditionelle Hochzeiten. Das einzige Kriterium für den Stempel feministisch scheint die autarke Entscheidungsmacht zu sein. Das ist sehr befreiend — und gleichzeitig hält mich diese einfache Lösung davon ab, einen längeren Blick auf die unversprachlichten Dissonanzen zu werfen, die ich in mir, aber auch in meiner Umgebung wahrnehme, wenn ich auf meine weibliche Prägung schaue: Ich rasiere mich fuckable, ich lüge Männer an, spiele ihnen Lust, Interesse und Mitgefühl vor; ich gratuliere anderen Frauen in meinen Insta-Storys und beneide sie heimlich; ich bemuttere meinen gleichberechtigten Partner; ich bin nicht sicher, ob meine Freundinnen mich wirklich mögen oder ob wir uns nur aus Gewohnheit und Höflichkeit den ganzen Weißweinabend lang...




