Fromm | Stalingrad | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 620 Seiten

Fromm Stalingrad

Die Einsamkeit vor dem Sterben. Neuausgabe mit Originalbriefen.
Neuausgabe 2023
ISBN: 978-3-9818454-6-4
Verlag: Primero
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Die Einsamkeit vor dem Sterben. Neuausgabe mit Originalbriefen.

E-Book, Deutsch, 620 Seiten

ISBN: 978-3-9818454-6-4
Verlag: Primero
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Stalingrad: Die vielleicht schrecklichste, monströseste, grausamste Schlacht der Weltgeschichte. Zwei Millionen Tote, Verwundete, Vermisste auf beiden Seiten. Von ca. 500.000 Einwohnern lebten Ende 1942 nur noch 1515 in Stalingrad. Hinter den Zahlen verbergen sich furchtbare Einzelschicksale, jedes ein Universum an Leid und Schmerz. Genau solchen individuellen Geschichten aus dem Schlachthaus Stalingrad hat Christoph Fromm bereits 2013, in seinem erfolgreichen Historienroman, „Stalingrad - Die Einsamkeit vor dem Sterben“ Raum geboten. Daraus resultierte ein erschütterndes Portrait, das mehr mitnimmt und bewegt, als jede Statistik, Zahl oder Dokumentation es könnte. Anlässlich des 80-igsten Jahrestages der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad hat sich der Autor erneut mit dem Thema Stalingrad beschäftigt. Im exklusiven Vorwort dieser Neuauflage zieht Fromm erschreckende Parallelen zur Gegenwart und veröffentlicht einen wichtigen Teil seiner Recherchegrundlage – Originalbriefe seiner Mutter an ihren Verlobten, einen Soldaten an der Front. Christoph Fromms erneuter Blick in die Vergangenheit könnte aktueller nicht sein und wird mit Sicherheit auch alteingesessene „Stalingrad“ Leser*innen neu überraschen!
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Vorwort


Am 3. Februar 2023 hat sich die Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad zum 80-igsten Mal gejährt. Das war der Anlass, mich noch einmal gründlich mit dem sehr umfangreichen Briefwechsel zu beschäftigen, den meine Mutter, damals Anfang zwanzig, mit ihrem fünf Jahre älteren Verlobten ausgetauscht hat. Er an der Ostfront, sie als junges Mädchen aus gutbürgerlichen Verhältnissen zuhause in Stuttgart und Wien. Er war nicht direkt in Stalingrad, aber durchaus in der Nähe. Als Artillerieoffizier hat er den gesamten Rückzug der deutschen Armee mitgemacht, bis in die letzten Kriegstage. Er muss sich in dieser Zeit, laut den Erzählungen meiner Mutter, sehr verändert haben. Ausgezogen war er als junger Idealist, der Pfarrer werden wollte. Der Krieg änderte diesen Berufswunsch, er wollte Berufsoffizier werden, und am Ende glaubte er tatsächlich, dass nur noch Himmler und die SS das Deutsche Reich vor dem Untergang bewahren könnten. In den letzten Kriegstagen soll er beim Überqueren der Oder ertrunken sein. Da er ein hervorragender Schwimmer war, der mühelos mehrmals den Rhein durchschwommen hatte, liegt der Schluss nahe, dass er angesichts der drohenden Kapitulation Selbstmord beging. Genau weiß man es nicht, seine Leiche wurde nie gefunden. Meine Mutter litt jahrelang unter dem Verlust, vor allem auch unter der Ungewissheit, ehe sie meinen Vater kennenlernte und heiratete. Es mag Zufall sein, aber er trug denselben Namen wie ihr Verlobter, „Hans“.

Sie erzählte mir einmal, wie fremd ihr die Sympathie für die SS und Himmler ihren Verlobten gemacht habe, mit dem sie während der Kriegsjahre fast ausschließlich über Briefe verkehrte, aber sie habe sich damals nicht getraut, das offen anzusprechen. Sie habe geglaubt, ihm Mut machen zu müssen, so zu tun, als könne er ihrer bedingungslosen Unterstützung gewiss sein.

Dieser Briefwechsel war eine der zahllosen Recherchen, auf denen ich meinen Roman aufbaute. Auf den ersten Blick scheint dieser Hans wenig mit meiner fiktiven Hauptfigur, Hans von Wetzland, zu tun zu haben. Ich wollte keinesfalls eine Figur schreiben, die sich der SS zuwendet. Wenn ich jedoch den Roman heute lese, erkenne ich, mein Hauptcharakter hat sich zwar in exakt entgegengesetzter Art und Weise radikalisiert, aber am Ende läuft es für beide Figuren auf dasselbe hinaus: Sie werden vom Krieg zerstört, nicht nur körperlich, sondern vor allem psychisch. Der Krieg zeichnet jeden, der an ihm teilnimmt, mit irreparablen Wunden. Der Bogen vom jugendlichen, naiven Idealisten zum Gewalttäter mit sadistischen Zügen ist in Realität und Roman gleich.

Ich habe bei dieser Neuausgabe meines Romans einige Briefe hinzugefügt, die bis auf einige Kürzungen authentisch sind.

Die Briefe von „Clara“ muten sehr naiv an, und gleichzeitig schimmert in ihnen der starke Wille, trotz allem am Schönen, Hehren und Guten festzuhalten, in jeder Zeile durch.

Natürlich wusste ein zwanzigjähriges, behütetes Mädchen nichts von der Realität an der Ostfront, aber sie wollte es auch gar nicht wissen. Die Wirklichkeit wurde schlicht geleugnet, ein Charakterzug, der meine Mutter auch in ihrem späteren Leben geprägt hat. Unangenehme Dinge, die tief in die Psyche hinabreichten, wurden mit einer geradezu atemberaubenden Kraft verdrängt.

Es gibt genügend Berichte darüber, wie abscheulich man es in der Heimat fand, wenn Soldaten unverblümt, meistens unter Alkoholeinfluss, von der Realität des Ostfeldzugs berichteten. Das alles war den Frauen und Mädchen in der Heimat nicht zuzumuten, galt als Wehrkraftzersetzung und konnte mit dem Tod bestraft werden.

Der Krieg an der Front war die Sache von Männern - und wie er wirklich geführt wurde und was er aus den Soldaten machte, wurde in der Heimat wohlweislich verschwiegen. Das nannte man „ritterliches“ Verhalten. Davon legen die Briefe von „Hans“ ein eindrucksvolles Zeugnis ab.

Als ich diesen Briefwechsel das erste Mal las, hat er mich beinahe wütend gemacht, vor allem die Briefe von Hans. Sie sind so weit weg von der Realität des Krieges! Wie kann man mit jemandem zusammenleben, ihn heiraten wollen, wenn man ihm soviel verschweigt? Aber dann erinnerte ich mich an die Zensur, die damals üblich war und an die drohenden drakonischen Strafen. Allerdings liegt das Problem tiefer. Aus Gesprächen mit „Clara“ weiß ich, dass „Hans“ bei den wenigen persönlichen Begegnungen, die die beiden während der Kriegsjahre noch hatten, nichts vom wirklichen Schrecken des Krieges erzählte. Als „Clara“ meinen Roman über Stalingrad das erste Mal las, weinte sie und rief aus: „Wie unglaublich hat man uns belogen!“

Damit meinte sie sicherlich auch ihren längst verstorbenen Verlobten.

Als ich die Briefe nach so vielen Jahren noch einmal las, hielt ich es für wichtig, sie zu veröffentlichen, vor allem als Kontrast zum Text des Romans.

Mit etwas zeitlicher Distanz konnte ich die beiden besser verstehen. Ihre Briefe offenbaren zwei Seiten: auf der einen Seite Verdrängung, Flucht in eine Parallelwelt. Auf der anderen Seite zeigen sie, dass der Glaube, wenn er stark genug ist, einen die schlimmsten Schmerzen und die hoffnungsloseste Lage aushalten lässt, da die heilige Welt Gottes am Ende unzerstörbar ist und für die Gläubigen das Paradies winkt. Für mich als Agnostiker ist das Illusion, für die Gläubigen ist es Wirklichkeit.

Menschen, die durch nichts von ihrem Glauben abzubringen sind, wohnt eine große Kraft inne, die auch eine Gefahr sein kann. Wir sehen es an den radikalislamischen Taliban, die die NATO in Afghanistan besiegt haben.

Je hoffnungsloser die Welt wird, umso mehr finden die Menschen Trost und Halt in der Religion.

Man kann sich leicht über die Religion erheben, solange man ein materiell abgesichertes, gesundes Leben führt. Die Religion ist die Waffe der Machtlosen, und sie ist gefährlich und stark.

Es ist hochinteressant zu sehen, wie mühelos sich die Menschen damals mit dem Christentum von der Realität des Dritten Reiches abkoppeln konnten, und wie leicht viele dem Glauben an einen christlichen Gott den Glauben an den Führer hinzufügen konnten, oder ihn sogar ersetzten.

Ja, von einigen wurde am Ende - viel zu spät – Widerstand geleistet, aber die Mehrheit flüchtete sich ins christliche Ideal und überließ die Wirklichkeit der Wehrmacht und SS.

Die Gedanken von Güte und Gnade und die Idee, sich in einem ewigen Himmelreich immer geborgen zu fühlen, sind Gedanken von großer verführerischer Kraft. Sie befähigen zu den größten Heldentaten und schlimmsten Verbrechen - man sieht an der Geschichtsschreibung, wie schnell sich das eine in das andere verwandeln kann.

Jetzt herrscht wieder Krieg in Europa und es ist erschreckend zu sehen, wie schnell auf beiden Seiten, auch in unseren Demokratien, die Wahrheit auf der Strecke bleibt; wie schnell dämonisiert wird und die Vernunft der Irrationalität weicht. Die Emotionen gehen hoch, werden durch die Medien geschürt und es ist wieder einmal zu beobachten, dass Menschen, die in Angst versetzt werden, zur Hysterie neigen.

Warum es für Putin so leicht ist, Stalingrad, diese für beide Seiten unglaubliche Tragödie mit über einer Million Kriegstoten, für seine Propaganda zu instrumentalisieren, wird jeder verstehen, der dieses Buch liest. Die sowjetische Seite musste schwerste Opfer bringen, um die Ruinen Meter für Meter, teilweise Zimmer für Zimmer, zurückerobern. Die deutschen Verluste betrugen auf dem Höhepunkt der Kämpfe bis zu 6000 Soldaten pro Tag. Ebenso wie es sich damals eindeutig um einen deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg handelte, haben wir es diesmal eindeutig mit einem russischen Angriffskrieg zu tun, in dem es Verbalattacken gibt, die eine Vernichtung der Ukraine fordern.

Es wurde wieder einmal nichts aus der Geschichte gelernt. Russische und ukrainische Soldaten sind in einen furchtbaren Stellungskrieg verwickelt, und es rollen wieder deutsche Panzer durch die Ukraine. Ob das militärisch und vor allem politisch sinnvoll ist, ist zumindest fraglich. Klar ist jedoch, dass nach dem deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion speziell deutsche Panzer ein russisches Trauma wiederaufwühlen und es der russischen Regierung leicht machen, eine an sich kriegsunwillige russische Bevölkerung auf einen neuen vaterländischen Krieg einzuschwören.

Auch auf ukrainischer Seite sitzt das Trauma tief: Die Ukrainer wurden unter Stalin zwangskollektiviert, wobei Millionen verhungert sind oder deportiert wurden. Der Hass gegen das sowjetische System war so groß, dass zahlreiche Ukrainer Hitlerdeutschland im Kampf gegen die Sowjetunion unterstützen wollten, was Hitler gegen den Willen vieler deutscher Offiziere aus rasseideologischen Gründen ablehnte. Noch heute sprechen einige deutsche Militärs hier von einer „vertanen Chance“. Ich bin der Meinung, wir haben großes Glück gehabt, dass Hitler auch in dieser...


Fromm, Christoph
Christoph Fromm wurde am 17. Juli 1958 in Stuttgart, Bad Cannstatt geboren. Seit 1983 arbeitet er erfolgreich als Drehbuchautor und Schriftsteller. Er schrieb unter anderem für Dominik Graf die Kinofilme "Treffer", "Die Katze" und "Spieler". Für sein Drehbuch "Sierra" erhielt er 2006 den Deutschen Drehbuchpreis.
Der Dreiteiler "Die Wölfe", den sein Bruder Friedemann Fromm inszenierte, wurde 2009 mit dem International Emmy Award und 2010 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Außerdem unterrichtete er von 1992 bis 2021 an der Filmakademie Baden-Württemberg und leitete dort ab 2003 die Drehbuchabteilung.
2006 gründete er den Primero Verlag. Dort veröffentlichte er die Romane "Die Macht des Geldes", "Stalingrad - Die Einsamkeit vor dem Sterben", "Amoklauf im Paradies" und die Mediensatire „Das Albtraumschiff – Odyssee eines Drehbuchautors“.
Im Februar 2023 erschien die Science-Fiction Dystopie „Thor und der Gott des Feuers“, laut Dramaturg Michael Hild „eine spannende Dystopie mit mythischer Tiefe“. Christoph Fromm lebt und arbeitet in München.

Christoph Fromm wurde am 17. Juli 1958 in Stuttgart, Bad Cannstatt geboren. Seit 1983 arbeitet er erfolgreich als Drehbuchautor und Schriftsteller. Er schrieb unter anderem für Dominik Graf die Kinofilme "Treffer", "Die Katze" und "Spieler". Für sein Drehbuch "Sierra" erhielt er 2006 den Deutschen Drehbuchpreis.
Der Dreiteiler "Die Wölfe", den sein Bruder Friedemann Fromm inszenierte, wurde 2009 mit dem International Emmy Award und 2010 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Außerdem unterrichtete er von 1992 bis 2021 an der Filmakademie Baden-Württemberg und leitete dort ab 2003 die Drehbuchabteilung.
2006 gründete er den Primero Verlag. Dort veröffentlichte er die Romane "Die Macht des Geldes", "Stalingrad - Die Einsamkeit vor dem Sterben", "Amoklauf im Paradies" und die Mediensatire „Das Albtraumschiff – Odyssee eines Drehbuchautors“.
Im Februar 2023 erschien die Science-Fiction Dystopie „Thor und der Gott des Feuers“, laut Dramaturg Michael Hild „eine spannende Dystopie mit mythischer Tiefe“. Christoph Fromm lebt und arbeitet in München.



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