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E-Book, Deutsch, 112 Seiten

Funke Mit sich vertraut sein

Wege zur Erforschung des Selbst
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7504-6323-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wege zur Erforschung des Selbst

E-Book, Deutsch, 112 Seiten

ISBN: 978-3-7504-6323-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das hier gemeinte Mit-sich-vertraut-Sein liegt aller Entfremdung, Zerrissenheit und Konflikthaftigkeit voraus. Allerdings gibt es zahlreiche Erfahrungen, die sich wie eine dunkle Wolke über das Gefühl des Mit-sich-vertraut-Seins legen und zur Entfremdung von sich selbst führen. Trotzdem bleibt hinter der Wolke das primäre Sich-Gegeben und Mit-sich-vertraut-Sein erhalten. Es ist nur verdunkelt, nicht aber zerstört oder abwesend.

Dr. theol. Dieter Funke ist Psychologischer Psychotherapeut und arbeitet als Psychoanalytiker und Gruppenanalytiker mit Einzelnen, Paaren und Gruppen in eigener Praxis in Düsseldorf. (www.dr-dieter-funke.de)
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Einleitung


Wege zur Erforschung des Selbst: Spiritualität und Psychotherapie

Als Psychotherapeut bin ich vertraut mit den Wegen, die zur Erforschung des Selbst führen: Verstehen und reflektieren, welche Erfahrungen aus der Vergangenheit, vor allem aus der Kindheit, die Gegenwart prägen und zu Einschränkungen, Symptomen und einem vorübergehenden oder dauerhaften Unglücklichsein führen. Im Laufe der Jahre habe ich es als bereichernd erlebt, neben den psychotherapeutisch-psychoanalytischen Zugängen zum Verständnis des Selbst auch die Wege der spirituellen und weisheitlichen Traditionen der Menschheit zu nutzen, was sich als enorme Bereicherung der psychologischen Zugänge zum Menschen erwiesen hat. Sie fügen dem psychologischen Verständnis eine andere Dimension hinzu, die dann wieder auf die psychotherapeutischen Heilungsprozesse positiv zurückwirkt. Diese Ergänzungen und Erweiterungen beziehen sich vor allem auf Ziele und Werte der psychotherapeutischen Behandlung, die in der Tradition der Psychoanalyse den Einzelnen zu mehr Autonomie und innerer Freiheit verhelfen möchten.

Demgegenüber richtet sich die spirituelle Überlieferung weniger auf Autonomie und Abgrenzung, sondern vielmehr auf die Erfahrung der Verbundenheit mit dem Ganzen und auf das Gewahr-Werden und Erkennen zahlreicher Illusionen, die wir über uns bilden und die die Ursache allen Leidens ist. Als zentralste Illusion gilt der Glaube, dass Getrenntheit und Autonomie die letzte Wirklichkeit sind, die uns bestimmen. Davon wird im weiteren Verlauf noch die Rede sein.

Zuvor möchte ich jedoch einige kritische Fragen ansprechen zu der gewählten Überschrift »Mit sich vertraut sein«.

Mit sich vertraut oder sich fremd sein?

Müsste an die Stelle der Behauptung des Mit-sich-vertraut-Sein derzeit nicht vielmehr die Feststellung treten, dass der Mensch sich im Grund fremd und entfremdet ist? Kann man – gerade als Psychoanalytiker – die Feststellung Freuds, dass der Mensch nicht Herr im eigenen Hause sei, überspringen? Behauptet er doch in Übereinstimmung mit den modernen Neurowissenschaften, dass für unseren Verstand mehr unbewusst als bewusst ist. Offenbar bestimmen unbewusste Kräfte unser Handeln mehr als bewusster Wille und rationales Denken. Wegen dieser verborgenen Mächte ist die Vorstellung, dass der Mensch ein selbstbestimmtes Subjekt seines Handelns sei, eine fragwürdige Annahme. Er ist insofern nicht Herr im eigenen Haus, als er verwickelt ist in die Konflikte von Wunsch und Realität, Begehren und Verbot, von Kontrolle und Vertrauen, von Abhängigkeit und Autonomie. Sind diese Konfliktfelder nicht der Raum, in dem sich der Mensch zurechtfinden muss, dabei immer wieder scheitert und sich letztlich fremd bleibt? Müsste man nicht dem Glauben an das Wissen, dass der Mensch mit sich vertraut ist, die Gewissheit des Sokrates entgegenstellen, der von sich sagt, ich weiß, dass ich nichts weiß?

Neben den inneren Kraftfeldern sind es auch die soziokulturellen Verhältnisse, die den Selbstverlust verursachen. Unsere Gesellschaft fördert mit ihren Konsumzwängen und ihrem Optimierungswahn die oft krankmachende Selbstentfremdung von unseren wahren Bedürfnissen. Sind diese gesellschaftlichen Kräfte nicht so bestimmend, dass die therapeutischen und spirituellen Bemühungen zur Erforschung des Selbst wie eine naive Illusion erscheinen? Man kann dabei an ein bekanntes Wort Adornos denken, dass es kein richtiges Leben im falschen geben kann, eine Frage, die Adorno unter dem Eindruck des faschistischen Terrors in Europa nach dem zweiten Weltkrieg stellte. Ohne die bestimmenden gesellschaftlichen Bedingungen für die Selbstentfremdung zu leugnen, ist es aber sicher keine Alternative, dem nichts entgegen zu setzen. Auch im falschen Leben gibt es Inseln des Richtigen, die nicht ohne Auswirkungen auf das vermeintlich Falsche des Ganzen sind. Vielleicht hat man die Kraft des subjektiven Faktors lange unterschätzt. Genau deswegen möchte ich einige Wege beschreiten, die dieser Tendenz zum Selbstverlust zumindest die Erforschung des Selbst als Insel »richtigen Lebens« entgegenzusetzen hat. Vorab jedoch bedürfen die hier genannten kritischen Fragen einiger Klärungen. Wem dies zu theoretisch erscheint, mag die weitere Einleitung einfach überspringen.

Einige Klärungen

Ich möchte diesen berechtigten und kritischen Fragen den Stachel nicht ziehen, dennoch bedarf es einiger klärender Hinweise.

  • Das hier gemeinte Mit-sich-vertraut-Sein leugnet nicht die psychisch und gesellschaftlich bewirkten Entfremdungsprozesse. Vielmehr liegt das Mit-sich-vertraut-Sein – so die Grundannahme der hier präsentierten Vorträge aller Entfremdung, Zerrissenheit und Konflikthaftigkeit voraus. Weil wir uns nicht selbst geschaffen haben, sondern uns selbst gegeben sind, ist uns vor aller Aktivität und Beziehung zu Menschen und Dingen, vor allem Bemühen um Selbsterkenntnis ein vorgängiges Vertraut-Sein mit sich selbst gegeben. Allerdings gibt es zahlreiche Erfahrungen, die sich wie eine dunkle Wolke über das Gefühl des Mit-sich-vertraut-Seins legen und zur Entfremdung von sich selbst führen. Trotzdem bleibt hinter der Wolke das primäre Sich-Gegeben und Mit-sich-vertraut-Sein erhalten. Es ist nur verdunkelt, nicht aber zerstört oder abwesend.
  • Die Behauptung eines ursprünglichen Mit-sich-vertraut-Seins widerspricht nicht der psychoanalytischen Erfahrungen, dass es nämlich Kräfte in unserem Inneren gibt, die ständige Konflikte mit uns selbst, unseren Idealen, Normen, Werten und Bedürfnissen hervorrufen. Zum Vertraut-Sein mit sich gehört das Wissen, dass es diese Konflikte gibt, aber auch die Überzeugung, dass es vor den Konflikten eine andere, nicht konflikthafte Dimension der Verbundenheit mit dem Sein und dem eigenen Selbst gibt, in der das Mit-sich-vertraut-Sein wurzelt.
  • Die westlich-abendländisch geprägten Konzepte vom Menschen und dessen In-der-Welt-Sein – vor allem die Psychoanalyse Freuds – sind geprägt von der emanzipatorischen und aufgeklärten Annahme, dass der Mensch durch Einsicht Befreiung vom Zustand des Gefangenseins in den Konflikten und im Dunkel des Unbewussten erreichen kann. Der Mut, sich der Vernunft zu bedienen, so lautete ja das Motto und die Verheißung der Aufklärung, sollte zum Abstreifen der Fesseln und Ketten der Abhängigkeit und Entfremdung führen und die Subjektivität des Individuums freisetzen. Eine Hoffnung, die sich im Nachhinein bestenfalls zur Hälfte erfüllt hat. Das Projekt der Aufklärung hat sich als ambivalent erwiesen und selbst neue Einseitigkeiten und Abhängigkeiten hervorgebracht, wie z. B. die Überbetonung der Vernunft, der Objektivität, der Reichweite der empirischen Wissenschaften und der Herrschaft des Ich.
  • Dadurch, dass die moderne Psychoanalyse das Unbewusste heute anders versteht als Freud, ergeben sich neue Perspektiven für das Mit-sich-vertraut-Sein Freuds geht die Psychoanalyse heute nicht mehr nur von einem auf Verdrängung beruhenden Unbewussten aus, sondern auch von einem prozeduralen, gleichsam impliziten unbewussten »Wissen«, das der Reflexion, dem Denken und der Sprache voraus liegt. Intuitiv weiß der Mensch, was er zu tun hat. Dieses Implizite benennt jene Schicht des Mit-sich-vertraut-Seins, die das Denken und Sprechen unterfüttert.
  • Noch ein weiterer Aspekt ist zu nennen. Die Psychoanalyse bemüht sich um die Instandsetzung des Ichs in seinen Einschränkungen und Beschädigungen. Diese resultieren aus dem Konflikt mit den Gegenspielern des Ichs, den Trieben einerseits und den Beziehungsverhältnissen andererseits. Neben diesem Ich, um das sich Psychotherapie und Psychoanalyse bemühen, gibt es aber noch einen anderen Teil unserer Persönlichkeit: Das Selbst. Mit dem Selbst sind wir mit der Schicht unsers Menschseins verbunden, die vor allen Konflikten und Einschränkungen da war. Dieses Selbst, das präverbal-intuitiv und grenzoffen strukturiert ist, liegt dem Sein näher als dem Bewusstsein. Einer der großen Aufklärer, Karl Marx, hat diesen Satz, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, ebenfalls auf sein Programm geschrieben. Marx aber konnte unter »Sein« nur die materiellen und wirtschaftlichen Verhältnisse verstehen. Er war zu sehr Materialist, als dass er hätte realisieren können, dass es ein anderes, nicht materielles Sein gibt, das alle Objekte hintergründig umgibt. Dieses Sein, so die hier zugrunde liegende Annahme, grundiert die Welt der materiellen Objekte. Unser Selbst ist der Teil unserer Person, der mit diesem hintergründigen Sein in Kontakt steht.

Den Zustand der Entfremdung von sich selbst verstehe ich daher als Ausdruck des Verlustes dieses Vernetzungsaspektes unserer Person. Das Bewusstsein der Verbundenheit mit dem Sein als dem übergeordneten Ganzen droht verloren zu gehen. Wer nur mit seinem Ich identifiziert ist, unterwirft sich dem Bewusstsein der Getrenntheit vom Sein und findet nicht zu einem vorgängigen Verbunden-Sein mit dem Ganzen. Um diese Verbindung geht es in den folgenden fünf Schritten zur Erforschung des Selbst.

Im ersten Teil werde ich...



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