Gardner | Unsichtbar im hellen Licht | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 351 Seiten, GB

Gardner Unsichtbar im hellen Licht


Novität
ISBN: 978-3-7725-4254-1
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 351 Seiten, GB

ISBN: 978-3-7725-4254-1
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein gesunkenes Schiff, ein Kristallleuchter, der in tausend Stücke zersplittert und ein Mädchen, das sich plötzlich in einem Kostümkorb in der Königlichen Oper wiederfindet. Von da an ist nichts mehr wie zuvor. Was hat es mit dem mysteriösen Mann mit dem smaragdgrünen Anzug auf sich, der dem Mädchen Celeste ein Spiel vorschlägt? Wird sie die retten können, die sie liebt? Ein gefährlicher Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Sally Gardner erzählt in ihrem neuen Jugendroman eine magische Geschichte, die tief hineinführt in die Welt des Theaters, von Liebe und Familienbande.

Sally Gardner, geboren 1954, hatte durch ihre schwere Legasthenie große Probleme in der Schule und lernte erst im Alter von 14 Jahren lesen. Trotzdem schaffte sie die Aufnahmeprüfung für die Kunstakademie und arbeitete anschließend viele Jahre erfolgreich als Bühnenbildnerin und Kostümdesignerin am Theater, bis sie mit dem Schreiben begann. Heute ist sie eine preisgekrönte Jugendbuchautorin, deren Werke in 22 Sprachen übersetzt sind. Für ihren Roman 'Maggot Moon' erhielt sie 2012 den Costa Book Award in der Sparte Kinderbuch, 2013 zudem die Carnegie Medal. www.sallygardner.net
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Vorwort Kapitel 1 Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14 Kapitel 15 Kapitel 16 Kapitel 17 Kapitel 18 Kapitel 19 Kapitel 20 Kapitel 21 Kapitel 22 Kapitel 23 Kapitel 24 Kapitel 25 Kapitel 26 Kapitel 27 Kapitel 28 Kapitel 29 Kapitel 30 Kapitel 31 Kapitel 32 Kapitel 33 Kapitel 34 Kapitel 35 Kapitel 36 Kapitel 37 Kapitel 38 Kapitel 39 Kapitel 40 Kapitel 41 Kapitel 42 Kapitel 43 Kapitel 44 Kapitel 45 Vier Jahre später Danksagung Impressum


Wach auf.» Celeste fühlte ein Schnipsen auf ihrer Wange. «Ich habe dich überall gesucht, du faules, nutzloses Ding.»

Sie wischte sich den Traum aus den Augen und kletterte schläfrig aus dem Kostümkorb, in dem es so tröstlich nach altem Flitter und Theaterschminke roch. Vor ihr stand eine grimmig dreinblickende Frau, die offenbar eine Gewandmeisterin war, denn sie trug einen grauen Staubkittel über ihrer Kleidung, hatte ein Maßband um den Hals hängen und Stecknadeln am Revers. Aber das erklärte nicht, warum sie sich bemüßigt fühlte, Celeste mit einem Handschuh zu attackieren.

«Warum haben Sie das gemacht?», fragte Celeste. «Dazu hatten Sie kein Recht.»

«Kein Recht?», wiederholte die Gewandmeisterin. Sie war außer sich vor Wut und so sauer wie eine Zitrone, die nie auch nur einen Sonnenstrahl gesehen hatte. «Und wer glaubst du, dass du bist, du kleine Ratte, dass du so mit mir reden kannst? Fang bloß nicht an, dir irgendwelche Frechheiten herauszunehmen.»

«Das tue ich nicht», sagte Celeste. «Mutter wird fuchsteufelswild sein, wenn sie erfährt, dass Sie mich mit einem Handschuh geschlagen und so grob behandelt haben.»

«Mutter? Mutter … oh mein Gott, was hast du jetzt schon wieder geträumt? Du bist eine Waise, das solltest du wissen. Deine Mutter – wer immer sie war – hat dich in einen Korb gelegt und dann nie mehr auch nur einen Gedanken an dich verschwendet.»

«Fräulein Olsen», rief ein Bühnenarbeiter. «Madame Sabina fragt nach Ihnen.»

Celeste wollte Fräulein Olsen gerade sagen, dass sie sich irrte, und zwar in allem, als sie an sich herabsah und bemerkte, dass das Kleid, das sie trug, ein dünnes, verschlissenes Fähnchen war.

«Das hatte ich vorhin noch nicht an», stellte sie fest. «So was habe ich heute Morgen bestimmt nicht angezogen. Nein, diese Sachen sind ja ganz altmodisch. Ich hatte ein brandneues Matrosenkleid an und habe ein Stück in meinem Spielzeugtheater aufgeführt.»

«Wenn du damit fertig bist, dir irgendwelche Märchen auszudenken», sagte Fräulein Olsen, «dann geh zu Madame Sabina und bring ihr diesen Handschuh. Und zwar ein bisschen plötzlich. Sie ist in ihrer Garderobe.»

«Madame Sabina», wiederholte Celeste. Der Mann in dem smaragdgrünen Anzug in ihrem Traum hatte eine Madame Sabina erwähnt. Aber das war ein Traum gewesen, nicht die Wirklichkeit. Es konnte nicht die Wirklichkeit sein. «Warum muss ich ihr den Handschuh bringen? Madame Sabina ist Mutters Zweitbesetzung.»

Noch während sie das aussprach, merkte sie, wie ihre Erinnerungen zerfielen, bis nichts weiter übrig blieb als dieses seltsame, zusammenhanglose Jetzt. Je mehr sie über die Vergangenheit nachdachte, desto mehr verschwand diese. Sie fiel und fiel, tiefer und tiefer …

«Hast du gehört?», ermahnte Fräulein Olsen. «Wie kannst du es wagen, so über die große Madame Sabina Petrova zu sprechen?»

Celeste schloss die Augen, in der Hoffnung, dass sie aufwachen und alles wieder so sein würde, wie es sein sollte. Als sie die Augen wieder aufschlug, wusste sie, dass etwas sehr Seltsames geschehen war und immer noch geschah. Die Worte des Mannes in dem smaragdgrünen Anzug hallten in ihrem Kopf wider:

Das Einzige, woran sich Celeste in aller Deutlichkeit erinnerte, war ihr Spielzeugtheater.

«In welcher Stadt bin ich?», fragte sie.

«In K., wie du sehr wohl weißt.»

«Eine Stadt namens K. gibt es nicht», bemerkte Celeste. «Wo ist Anna?»

«Du törichtes Mädchen, ich kenne dein Spiel», sagte die Gewandmeisterin.

«Wirklich?», fragte Celeste.

«Natürlich – glaubst du, ich wüsste nicht, dass ihr beide da oben wohnt, in der Kuppel?»

«Tun wir das?», überlegte Celeste.

«Ich weiß alles», sagte Fräulein Olsen und ignorierte die Frage. «Ich weiß, was hinter den Kulissen vor sich geht, und sich dumm zu stellen, funktioniert bei mir nicht. Du bist nichts weiter als eine kleine Ratte.»

Celeste wollte nur noch weg von hier. Sie musste nachdenken. Es war einfacher, den Auftrag auszuführen, anstatt mit Fräulein Olsen zu diskutieren. Sie nahm den Handschuh und wandte sich zum Gehen, aber offensichtlich in die falsche Richtung wie ihr die Gewandmeisterin dadurch klarmachte, dass sie mit dem Fuß aufstampfte.

«Wo willst du denn hin? Diese Tür darfst du nicht öffnen. Wenn ich jemals herausfinde, dass du sie doch geöffnet hast, werde ich Madame davon erzählen, verlass dich darauf, und du …» Ihre weiteren Worte verloren sich in der lauten Geschäftigkeit des Theaters.

Celeste kannte dieses Theater. Oder vielleicht kannte sie ein ähnliches, denn es kam ihr vertraut vor, obwohl es das nicht war. Etwas war anders, vielleicht hatte es mit dem Licht zu tun; es strahlte zu hell, beleuchtete ihre wachsende Panik. Wo war sie? Sache entsprach der Wahrheit, so viel wusste sie: Sie hatte die meiste Zeit ihres Lebens hinter der Bühne zugebracht, sie war aufgewachsen in dem Kaninchenbau aus zugigen Gängen mit unzähligen Türen, die in Werkstätten führten, in den Kostümfundus, in die Requisitenkammer und in den Aufenthaltsraum. Hölzerne Treppen wendelten sich hinauf in die Kuppel und zur Oberbühne. Sie fand sich hinter und vor dem Vorhang besser zurecht als in ihrer eigenen Rocktasche. Das Theater war ihr Zuhause. Und wie um sich selbst zu beweisen, dass sie recht hatte, vertraute sie ihrem Instinkt und nahm die ihrer Meinung nach schnellste Route, auch wenn sie streng verboten war. Der andere Weg war viel länger. Er führte durch ein Labyrinth aus schmalen Gängen, die das Gebäude wie Adern durchzogen und in denen stets ein großes Gedränge herrschte. In der Nähe der Perückenstube blieb sie vor einer schmalen Tür stehen, die man kaum bemerkte, außer man wusste, dass sie da war. Nur die Regisseure und die wichtigen Personen benutzten diese Tür, die den hinteren Bereich des Theaters vom vorderen abtrennte. Diese beiden Bereiche waren wie zwei verschiedene Welten, fand Celeste. Sie schaute sich um, ob jemand sie beobachtete. Ein blinder Mann kam auf sie zu, wobei er mit seinem Stock vor dem Körper nach rechts und links gegen die Wände des Gangs schlug.

«Aus dem Weg!», schrie er. «Aus dem Weg!»

Flink huschte sie durch die Tür in eine Welt aus dicken, roten Teppichen und Wänden mit Fresken von märchenhaften Szenen. Das war der Teil des Theaters, der dem Publikum gehörte. Zu Celestes Erleichterung kam er ihr vertraut vor. Es war ganz offensichtlich ein Ort, den sie kannte: das Reich herausgeputzter Frauen in herrlichen Kleidern mit Turnüren und Schleppen, die beim Gehen hin und her zischten, mit eleganten Schuhen, wie eine Prinzessin sie tragen würde, und kunstvollen Frisuren, in denen Juwelen funkelten. Begleitet wurden sie von würdevollen Herren in Abendanzügen mit gestärkten weißen Westen und Klappzylindern. In den Pausen flanierten sie in diesem Gang, in der Hoffnung, einen Blick auf den König zu erhaschen.

Celeste musste lediglich das Vorzimmer hinter der Königsloge durchqueren und die Wendeltreppe hinunterlaufen, die zu der Seitenbühne führt, wo der Souffleur sitzt. Von da aus war es nur noch eine Kurve und eine Biegung, und sie würde lange vor Fräulein Olsen ankommen, die sich vermutlich keuchend zwei Stockwerke zur Bühnenebene gekämpft hatte, vorbei an der Kleiderkammer, wo sie gewiss nicht hatte widerstehen können, einen Blick hineinzuwerfen und nachzusehen, ob ihre Näherinnen auch fleißig waren.

Zu wissen, wo sie sich befand, wirkte beruhigend auf Celestes aufgewühlten Geist. Und – noch wichtiger – alles war so, wie es sein sollte. Vielleicht lag es in Wahrheit an Fräulein Olsen, vielleicht ließ ihr Gedächtnis sie im Stich. Sie hatte schon gehört, dass Erwachsenen so etwas passierte – so ähnlich, wie man seine Handschuhe verlegt, vermutete Celeste, oder einen Hut. Man verlor immer mehr Teile seines Lebens, bis man vergessen hatte, wer man war. Celeste schwor sich, dass ihr das nie passieren würde. Sie erinnerte sich, oh ja, sie erinnerte sich. Es war bloß dieser Traum, der sie durcheinandergebracht hatte. Sie stand vor der prächtigen, mit goldenen Ornamenten verzierten Tür, die zur Königsloge führte. Leise betrat sie das Vorzimmer und beglückwünschte sich. Sie kannte dieses Theater. Sie hatte einen freien Blick in die Königsloge und in den Zuschauersaal dahinter, mit den weißgoldenen Wänden und den roten Plüschsitzen. Hoch oben an der reich geschmückten Decke, umringt von gemalten Feen, klaffte ein großes, rundes Loch, durch das jedes Mal zwanzig Minuten vor dem Einlass des Publikums der Kronleuchter aus Kristall heruntergelassen wurde.

Sie blieb kurz stehen und nahm die Magie des Zuschauersaals in sich auf. Es war dumm gewesen, sich von einem Traum aus der Fassung bringen zu lassen.

Celeste hatte schon die Hand auf dem Geländer der Wendeltreppe, als sie merkte, dass jemand sie beobachtete. Sie drehte sich um. Im Schatten sah sie nur ein Paar mit Knöpfen besetzte Stiefel und zwei elegante Hände, die auf dem goldenen Knauf eines Spazierstocks ruhten.

«Kommst du oft hier entlang?», fragte eine sanfte Stimme.

«Es tut mir leid», sagte Celeste, «aber das ist der schnellste Weg zu Madame Sabinas Garderobe.»

Der Besitzer der Stiefel und des goldgekrönten Spazierstocks lachte.

« dürften auch nicht hier sein.»

Der Herr stand...


Gardner, Sally
Sally Gardner, geboren 1954, hatte durch ihre schwere Legasthenie große Probleme in der Schule und lernte erst im Alter von 14 Jahren lesen. Trotzdem schaffte sie die Aufnahmeprüfung für die Kunstakademie und arbeitete anschließend viele Jahre erfolgreich als Bühnenbildnerin und Kostümdesignerin am Theater, bis sie mit dem Schreiben begann. Heute ist sie eine preisgekrönte Jugendbuchautorin, deren Werke in 22 Sprachen übersetzt sind. Für ihren Roman ›Maggot Moon‹ erhielt sie 2012 den Costa Book Award in der Sparte Kinderbuch, 2013 zudem die Carnegie Medal. Im Verlag Freies Geistesleben sind von ihr 2021 bereits ›Unsichtbar im hellen Licht‹ und 2023 ›Die Tindims und die Müllinsel‹ sowie ›Die Tindims und der Schildkrötenschlamassel‹ erschienen.sallygardner.net | @the.sally.gardner

Ernst, Alexandra
Alexandra Ernst, geboren 1965 in Wiesbaden, studierte Literaturwissenschaft und war als Presse- und Werbeleiterin in einem Verlag tätig. Seit 2000 arbeitet sie als Übersetzerin von historischen Romanen, Fantasy und Jugendliteratur. Hierfür wurde sie u. a. mehrfach für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und auch mit ihm ausgezeichnet. Neben ihren Übersetzungen veröffentlicht sie auch Beiträge als Journalistin und Literaturkritikerin. Alexandra Ernst lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in der Nähe von Mainz.

Sally Gardner, geboren 1954, hatte durch ihre schwere Legasthenie große Probleme in der Schule und lernte erst im Alter von 14 Jahren lesen. Trotzdem schaffte sie die Aufnahmeprüfung für die Kunstakademie und arbeitete anschließend viele Jahre erfolgreich als Bühnenbildnerin und Kostümdesignerin am Theater, bis sie mit dem Schreiben begann. Heute ist sie eine preisgekrönte Jugendbuchautorin, deren Werke in 22 Sprachen übersetzt sind. Für ihren Roman "Maggot Moon" erhielt sie 2012 den Costa Book Award in der Sparte Kinderbuch, 2013 zudem die Carnegie Medal. www.sallygardner.net



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