E-Book, Deutsch, 72 Seiten
Garhammer / Echter Lebendige Seelsorge 6/2021
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-429-06512-6
Verlag: Echter
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Riskante Seelsorge
E-Book, Deutsch, 72 Seiten
ISBN: 978-3-429-06512-6
Verlag: Echter
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Prof. Dr. Erich Garhammer lehrte von 1991 bis 2017 Pastoraltheologie und Homiletik in Paderborn und Würzburg. Er ist Schriftleiter der Zeitschrift 'Lebendige Seelsorge' und Mitherausgeber der 'Studien zur Theologie und Praxis der Seelsorge'. Das Gespräch von Literatur und Theologie ist sein Forschungsschwerpunkt. 2019 bekam er den Preis für sein Lebenswerk von der Evangelischen Fakultät der Universität Bonn verliehen.
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Seelsorge als Glaubensrisiko
In der Seelsorge geht es letztlich um alle und um alles. Das ist der erste Eindruck, den man bekommt, wenn man die Inhaltsverzeichnisse von 17 Jahren zu analysieren versucht. Gleichzeitig zeigt sich angesichts der Fülle behandelter Themen, diskutierter Thesen und zugrundeliegender Theorien, dass nie alle und alles gleichzeitig bedacht werden können. Lebendige Seelsorge ereignet und vollzieht sich immer konkret – wobei konkrete Ereignishaftigkeit und Vollzug wiederum Voraussetzungen und Konsequenzen von grundsätzlicher Tragweite haben. Michael Quisinsky
Eine Seelsorge, die „lebendig“ sein will, braucht den Blick für ‚alle und alles‘, aber auch den Blick fürs je Konkrete. Erich Garhammer prägt dafür das Begriffspaar Kohärenz und Differenzierung (vgl. 2021). „Lebendig“ kann „Seelsorge“ sein, wo die unterschiedlichen Perspektiven von ‚Kohärenz‘ und ‚Differenz‘, des ‚Universalen‘ und des ‚Konkreten‘, letztlich gar – pathetisch formuliert – von ‚allem‘ und ‚nichts‘ in ein risikotranszendierendes Verhältnis wechselseitiger Ent-Grenzung (vgl. 2021a, 103) gebracht werden.
Ein von mir erbetener Rückblick auf 17 Jahre kann in seiner Kürze vieles nicht. Wie sich etwa die Entwicklung von Kirche und Welt im Spiegel der Beiträge darstellt, wie sich der Umgang mit einzelnen Fragestellungen entwickelt hat, welche Entwicklungen einzelne Autor*innen durchgemacht haben – für diese und andere Fragen mehr wäre selbst der einer Qualifikationsarbeit zur Verfügung stehende Rahmen knapp bemessen. In diesem Beitrag soll der Versuch der Vollständigkeit deshalb bewusst gar nicht erst riskiert werden, auch wenn sich zu jeder der genannten Fragen unzählige lesenswerte Beiträge nennen und präsentieren ließen (vgl. auch 2008a, 2008b).
LEBENDIGE SEELSORGE IM GESPRÄCH
Wie die Seelsorge von Seelsorger*innen lebt, so lebt eine Zeitschrift von den Zeitschriftenmacher*innen. Erich Garhammer hat durch die von ihm konzipierte „Dramaturgie“ ( 2021, 391) der kontinuierlich und konstruktiv unterschiedliche Positionen ins Gespräch gebracht. Auch machte er u. a. durch Interviews und Rezensionen auf Debatten und Diskussionen aufmerksam und bahnte Gespräche weit über diejenigen hinaus an, die in der Zeitschrift selbst dokumentiert sind. Wie anspruchsvoll Gespräche über lebendige Seelsorge sind, zeigt eine eher beiläufige Bemerkung von Karl Kardinal Lehmann in einem Gespräch mit Erich Garhammer: „In mancher Hinsicht sind unsere ökumenischen Projekte etwas elitär, schweben über dem Alltag und erscheinen etwas aufgesetzt. Darum stehen auch nicht so viele Mitchristen dahinter. Für mich sind die ‚Projekte‘ – ich mag das Wort hier nicht, aber mir fällt kein besseres ein – besonders wichtig, die die Gemeinschaft des Glaubens im Alltag stärken und zum Ausdruck bringen. Dann sind ökumenische Gottesdienste nicht so eine seltene Veranstaltung. Gemeinsames Lesen der Bibel und Leben aus ihr sind mir ganz wichtig. Aber auch der Einsatz für wirklich Arme, z. B. auch Obdachlose, für bedürftige Kinder gehört hierher“ ( 2010, 32). Ersetzt man in diesem Zitat „ökumenisch“ durch ‚seelsorgerlich‘, hat man den herausfordernden Horizont lebendiger Seelsorge schon recht gut benannt. Dazu gehört, worauf Lehmanns Nebenbemerkung hinweist, die Schwierigkeit, passende Worte und Begriffe zu finden – bzw. grundlegender noch der Chancen und Grenzen von Sprache in Fragen der Seelsorge überhaupt eingedenk zu sein.
Michael Quisinsky
Dr. theol. habil., geb. 1976 in Radolfzell am Bodensee, Studium der katholischen Theologie und der Romanistik in Freiburg i. Br., Paris und Tübingen; seit 2018 Prof. für Systematische Theologie an der Katholischen Hochschule Freiburg.
In diesem Sinn war die übrigens gut beraten, von 2010 bis 2015 ihre jeweils letzte Ausgabe durch den Literaturwissenschaftler Wolfgang Frühwald (1935–2019) als ‚Glossator‘ einer Relecture zu unterziehen. Sein aus leidenschaftlicher Anteilnahme an theoretischen und praktischen Entwicklungen formuliertes Bonmot eines „immerwährenden Wandels der Sozialgestalt kirchlicher Zukunft“ (, 291) bringt nicht nur 17 Jahre gut auf den Punkt.
LEBENDIGE SEELSORGE AUF DER SUCHE
Die Skepsis gegenüber dem Elitären, die Kardinal Lehmann mit Papst Franziskus teilt (vgl. 94.95), meint natürlich alles andere als eine Senkung des Niveaus. Im Gegenteil benötigt eine Seelsorge, die lebendig sein will, theologische Reflexion auf wissenschaftlichem Niveau und damit auf Augenhöhe mit Erkenntnissen aus Nachbar- und Partnerdisziplinen. Auch hier ist freilich die dem Glauben inhärente Problematik des Sprechens über den Gegenstand von Seelsorge und Theologie zu berücksichtigen. Die Beobachtungen Rainer Buchers zusammenfassend schreibt Garhammer, dass dieser mit Blick auf seine theologische Teildisziplin „skeptisch [ist] gegen eine Deutungsattitüde der Pastoraltheologie, die Wandlungen immer sofort auf den Begriff bringen zu können meint. ‚Die Metaphern und Chiffren für die Gegenwart kommen ihr einfach zu schnell.‘ Dabei ist doch genau das Spezifische der Gegenwart ihre Unvertrautheit, ihr radikal neuer Charakter. Bucher hält der Pastoraltheologie vor, dass sie in der Verbissenheit in alte Themen – wer sind die Pastoren? Was ist der Status der eigenen Theologieform? – die Gegenwart aus den Augen verloren habe“ ( 2006, 122).
Die Gegenwart, die es in den Blick zu nehmen gilt, entzieht sich immer schon dem Zugriff durch Begriffe, die doch unerlässlich sind.
In der Zusammenfassung der Gedanken Buchers durch Garhammer kommt eine unauflösbare Spannung zum Ausdruck, die über die Pastoraltheologie hinaus jegliche Vollzugsform von Kirche grundiert: Die Gegenwart, die es in den Blick zu nehmen gilt, entzieht sich immer schon dem Zugriff durch Begriffe, die doch unerlässlich sind. Im Verhältnis von Blick und Begriff kommt man zudem wohl nicht um die in Goethes Einsicht herum, dass man zumindest auf den ersten Blick oft „[nur] erblickt […], was man schon weiß und versteht“ (, 267). Risikoreicher Anspruch lebendiger Seelsorge ist aber, aus dem Glauben an den lebendigen und lebendigmachenden Gott heraus ‚mehr‘ zu sehen und das auch (in Wort und Tat) zum Ausdruck zu bringen.
Das durchaus problematische „nur“ in Goethes Zitat macht theologisch gewendet noch auf eine weitere Problematik aufmerksam. Diese tritt zutage, wo sich im theologischen Diskurs über Seelsorge Formulierungen wie die eines ‚nur so‘ finden. Jenseits der Frage, ob und wie dann diese oder jene mit einem ‚nur so‘ verbundene Forderung konkret realisierbar ist, kann so manches Postulat dieser Art von einem mehr oder weniger unterschwelligen Offenbarungspositivismus (und in der Folge auch einem korrelierenden Rechts- oder Methodenpositivismus) geprägt sein, der dann nicht selten in der Konsequenz gerade das verstärken dürfte, was als Ausgangsbeobachtung beklagt wird.
Insofern die beiden Fragen Buchers nach „Pastoren“ und „Theologieform“ historisch betrachtet ‚Dauerbrenner‘ lebendiger Seelsorge und damit der Kirche insgesamt sind, ist auch immer neu darum zu ringen, wie die mit der Herausforderung nach echter ‚Gegenwart‘ oder ‚Präsenz‘ gegebenen unauflösbaren Spannungen nicht nur konstatiert und ausgehalten, sondern produktiv gewendet und damit in den Dienst lebendiger Seelsorge gestellt werden können. In einem weiteren Gespräch Erich Garhammers, diesmal mit dem damaligen Freiburger Weihbischof Paul Wehrle, brachte dieser, selbst von Haus aus Seelsorger und Pastoraltheologe, einen hierfür hilfreichen Lösungsweg auf die Formel: „man sollte dogmatisch wissen, was man praktisch tut“ ( 2007, 243). Und er fügt hinzu: „offene […] Fragen dürfen nicht zu Lasten der Menschen in den Gemeinden ‚abgedrängt‘ werden“ ( 2007, 244).
Dabei ist lebendige Seelsorge nicht nur das Ziel theologischer Reflexion und kirchlichen Handelns, sondern in gleicher Weise ihr Nährboden.
LEBENDIGE SEELSORGE UNTERWEGS
Die Sorge um lebendige Seelsorge führt, was die zweite der Fragen Buchers angeht, nicht nur die Pastoraltheologie, sondern die Theologie überhaupt und mit ihr die Kirche in ein schier grenzenloses Feld vielfältiger wechselseitiger Entgrenzungen von Menschen und Methoden, und Logiken, Zeiten und Zusammenhängen. Dabei ist lebendige Seelsorge nicht nur das Ziel...




