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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 200 Seiten

Reihe: Abruzzen-Krimi

Gebhardt Schach

Eine tödliche Geschichte aus dem Mezzogiorno
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-939499-80-0
Verlag: MedienEdition Welsch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine tödliche Geschichte aus dem Mezzogiorno

E-Book, Deutsch, Band 3, 200 Seiten

Reihe: Abruzzen-Krimi

ISBN: 978-3-939499-80-0
Verlag: MedienEdition Welsch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Italien im Sommer 1980, der Journalist Alessandro Carotenuto gerät ins Visier der Camorra. Er flüchtet aus Neapel und findet Zuflucht in den Abruzzen. Dort wird er bereits von dem Handelsvertreter Michele Pierini aus Sizilien erwartet. Eine Partie Schach, die der Handelsvertreter dem Journalisten anbietet, entwickelt sich zu einer Tragödie im Dorf, zu einem tödlichen Spiel. Wahrheit und Fantasie. Die Grenzen verschwimmen. Die Legislative ist korrupt, die Judikative bestechlich, die Exekutive und der Geheimdienst sympathisieren mit mit den dunklen Mächten des Landes. Die letzten Tage im Leben des Camorristi Ciro Rucco und des Journalisten Sandro Carotenuto zeigen die politische und moralische Ohnmacht Italiens. Das Schicksal zweier Freunde, dass in den Händen anderer liegt. Camorra, Propaganda due, GLADIO und den Geheimdiensten. 'Die unsterbliche Partie', gespielt 1851 in London, wird zur Tragödie in einem Bergdorf der Abruzzen. Der 2. August in Bologna, der 26. September in München, die Ereignisse in den Bergen des Mezzogiorno wurden nie geklärt. Was bleibt sind Fragen, viele Fragen. Wahrheit und Fantasie.

Peter Gebhardt wurde 1961 in München geboren. Seit zehn Jahren lebt er mit seiner Frau Immacolata Cataldo in den Abruzzen, wo er sich aus Liebe zu Mare e Monti und der italienischen Lebenskultur viele Gegenden erwandert hat. So entstanden aus der Kombination Wandern, Essen und Fantasie seine ersten Bücher: 'La Promozione' und 'Wenn der Tod nicht scheidet', zwei kurzweilige Krimis, eingebettet in die urwüchsige Landschaft der Abruzzen.Mit 'Schach - Eine tödliche Geschichte aus dem Mezzogiorno' liegt nun sein dritter Krimi vor.
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6


Sandro Carotenuto hängt den Telefonhörer ein, mit einem Bein nur steht er in der Telefonzelle. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn und zieht seine Tasche von der Tür weg. Auf der Piazza dreht er sich einmal um die eigene Achse, betrachtet die alten, eng aneinandergebauten Häuser. Es scheint, als sei hier die Zeit vor einhundert Jahren stehen geblieben. Ihm fallen ein paar Fahnen der Fußball-Europameisterschaft auf, die gerade in Italien stattfand. Er denkt an das Endspiel, das er sich zusammen mit Ciro Rucco in einer Bar in Torre Annunziata angesehen hat. Auf einer Fensterbank sitzt das Maskottchen der Europameisterschaft, Pinocchio, mit grün-weiß-roter Nase. Er denkt an das Endspiel, Deutschland gegen Belgien, das die tedeschi für sich entschieden haben, und spricht leise schmunzelnd zu Pinocchio:

»Da hast du ja wieder ordentlich gelogen. Von wegen, Italien wird Europameister, deine Nase müsste eigentlich bis zum Boden reichen.«

Die meisten Fensterläden sind geschlossen. Die Sonne brennt mit voller Kraft, ihr hoher Stand lässt kaum einen Schatten zu. Sandros Hemd klebt am schweißnassen Oberkörper, langsam hebt er seine Sporttasche auf. Eine kleine lucertola, eine Eidechse, die darunter vor der Sonne Zuflucht gefunden hat, rennt aufgeschreckt davon. Sie hat den gleichen Weg wie er, zu der kleinen Bar auf der anderen Seite der Piazza. An der geschlossenen Edicola neben der Bar stehen die leeren Verkaufsständer der Tageszeitungen. Nur die mit den Schlagzeilen des Tages gedruckten Plakate fallen ihm sofort ins Auge. »Sandro Carotenuto fordert die Camorra heraus«, schreibt Il Giorno. »Grazie, Carotenuto. Du bist unser Held«, steht in roten Großbuchstaben beim Nuovo Mondo. Ein Foto von dem Journalisten nimmt das gesamte rechte obere Blatt in Anspruch.

Seine langen Haare und der leicht ergraute Dreitagebart standen ihm gut.

»Diese stronzi«, kommentiert der Journalist die Schlagzeilen. Eine Handvoll Männer sitzt um einen der Tische vor der Bar, im

Schatten der Arkaden. Sie spielen Karten und nehmen keine besondere Notiz von dem Neuankömmling. Einer von ihnen, er sitzt im Rollstuhl, hebt kurz seinen Kopf und nickt ihm zu.

»Salve«, entgegnet ihm Sandro und setzt sich an einen der anderen Tische.

Dem barista, der grüßend aus der Bar kommt, genügt ein Zeichen mit Daumen und Zeigefinger. Kurz darauf bringt er einen caffè und ein Glas Wasser.

»Grazie, buon giorno. Scusi, das ›Albergo il Giardino‹, wo finde ich es?« Der Barista dreht den Kopf auf eine kleine Gasse neben der Edicola zu.

»Zehn Meter, das nächste Haus. Sie bleiben bei uns?«

Carotenuto nickt, nimmt seinen caffè vom Tisch. Der Barista, der sich eine ausführlichere Antwort erwartet hat, wischt kurz mit seinem Küchentuch über den Nachbartisch und ruft zu den Kartenspielern:

»Habt ihr Faro gesehen?«

Die Alten heben nacheinander kurz ihre Köpfe und spielen ohne eine weitere Reaktion weiter.

»Wo soll der schon sein, in Amerika?«, ruft der Bauer Mimmo Garufo, ein Zuseher der Kartenrunde, einen Moment später mit gespielt ernsthafter Miene herüber. Die anderen lachen oder grinsen kurz. Sandro trinkt seinen caffè und leert anschließend in großen Zügen das Glas mit dem frischen, eiskalten Quellwasser. Er hält das Glas am Mund und sieht in die Runde der am Tisch sitzenden Senioren. Die vier Spielenden sind auf ihre Karten konzentriert. Einer von ihnen ist Luca Tomaso, Schreinereibesitzer. Er sitzt seit Jahren im Rollstuhl, eine nicht definierte Nervenkrankheit hat ihm das Gehen fast vollständig genommen. Mit Krücken kann er sich ein wenig bewegen. Ihm gegenüber sitzt Pietro, sein Alter ist schwer zu schätzen, fast zahnlos grinst er seinem Gegenüber zu und fährt sich ständig durch seine restlichen drei Haare. Alberto Carlo und Carmelo Darmiano sind die beiden anderen Spieler. Gemütlich sortieren sie ihre Karten und warten auf den anspielenden Luca Tomaso. Die beiden, Alberto und Carmelo, sind Bauern, keine Landwirte, wie man sie sich im Allgemeinen vorstellt. Sie lebten und leben praktisch seit jeher von der Hand in den Mund. Die schwere Arbeit auf den steilen Hängen und Wiesen hat sie ein Leben lang einfach ernährt. Alle haben sie eine Familie, aber ihre Kinder haben längst das kleine paese verlassen, sind hinaus in die großen Metropolen Italiens. Nur Luca Tomaso, der Schreinereibesitzer und begnadete Holzschnitzer, hat es zu einem beträchtlichen Reichtum gebracht. Er ist außerdem der Bürgermeister des Ortes und hält die Arbeitslosenquote bei null Prozent. Jeder, der eine Arbeit sucht, findet sie bei ihm in der Schreinerei. Das ist zurzeit allerdings nur sein Freund und Mitspieler Pietro Nerino.

Der Journalist stellt sein Glas ab und blickt wieder zu Mimmo Garufo, sein verschmitztes Lächeln gefällt ihm. Er sieht aus, als hätte er gleich wieder einen Spruch auf den Lippen. Und so kommt es auch.

»Ooouuh, Carmelo, du hast deine Karten verkehrt herum in der Hand.« Carmelo erschrickt und zieht die Karten schnell ganz nah vor sein Gesicht.

»Schau mir nicht in die Karten.«

Alle lachen, und noch mehr, als Carmelo seine Karten umdreht.

»Du Idiot«, ruft er zu Mimmo hinüber, »die waren doch richtig.«

»Warum, sind sie jetzt falsch?«

»Lass mich in Ruhe!«, ruft Carmelo und nimmt einen großen Schluck aus der Bierflasche. Dann legt er nach.

»Ist doch egal, wie ich sie halte, unten ist immer oben.«

Sandro muss schmunzeln. Er steht auf, nimmt einen Geldschein aus seiner Hosentasche und geht in die Bar. Der Barista putzt an seiner Kaffeemaschine herum, tut so, als habe er den Journalisten nicht bemerkt.

»Ich lasse Ihnen fünfzigtausend Lire hier, ich will nicht jedes Mal bezahlen. Arrivederci

»Va bene. Io sono Roberto, e tu?«

Sandro nickt kurz, er muss sich noch überwinden, den Namen auszusprechen »Vittorio, Vito. Ciao

Die Gasse zum »Albergo il Giardino« ist klein, sehr klein. Kein Auto könnte hier fahren. An den meisten der Häuser stehen zu beiden Seiten neben der Haustür große, meist sandfarbene Töpfe mit üppig blühenden Geranien und Hortensien in verschiedenen Farben. Holzstühle und Bänke, die an der Hauswand entlang stehen, verraten, dass die Bewohner hier am Abend die angenehme frische Luft genießen.

Der alte, verknöcherte Stamm einer Weinrebe rankt an einem schmiedeeisernen Spalier nach oben. In drei Meter Höhe verzweigt sich der Stamm in unzählige Ausleger. Die dicht aneinanderstehenden dunkelgrünen Blätter schützen das Haus vor der prallen Sonne, die unzähligen Reben mit ihren kleinen, noch unreifen Trauben lassen eine gute Ernte erwarten. »Albergo il Giardino« , das Schild mit dem Namen des Albergos, ist auf der linken Seite der zweiteiligen Eingangstür angebracht. Die rechte Tür steht offen, leise Musik ist zu hören, von Rino Gaetano. »Ma il cielo è sempre più blu«, singt er, Sandro schmunzelt.

»Permesso, c’è qualcuno? Ist jemand hier?«

Geschmackvoll ist der Eingangsbereich, ein rustikaler Fliesenboden, alte mattoni und bestimmt über hundert Jahre alte Holzbalken wurden hier verbaut. Dunkle Bauernmöbel und die überall liebevoll ausgesuchte Dekoration strahlen eine angenehme Gemütlichkeit aus. Eine verzierte Klingel aus Messing steht auf einem bunten Teller. Die Farben des Tellers und der zahlreichen Bodenvasen wie auch die des Fußbodens sind ungewöhnlich kräftig für diese Gegend. So kräftige Farben findet man eigentlich auf der anderen Seite des Apennin, in Neapel und an der Amalfiküste. Gerade als Sandro die Klingel hochnehmen will, öffnet sich die Tür, an der ein kleines Schild mit der Aufschrift privato angebracht ist.

»Buon giorno, wir haben Sie erwartet, Signor Gallieri.«

»Salve, Signora, entschuldigen Sie die ungünstige Zeit, aber der Bus von Pescara hierher …«

Der Journalist fährt sich über seine kurz geschorenen Haare, nimmt die Sonnenbrille ab und sucht dann in seiner Umhängetasche nach einem Dokument. Wohl auch aus Nervosität, bedingt durch seine falsche Identität, findet er das Dokument nicht gleich. Die Signora betrachtet den Journalisten, ihr ist so, als hätte sie den Mann vor Kurzem irgendwo gesehen.

»Prego«, die Signora schiebt den Ausweis, die carta d’identità, ohne einen besonderen Blick darauf geworfen zu haben, zurück. Den Namen Gallieri hat sie kurz unter dem Lichtbild gesehen und nickt.

»Grazie, den brauche ich nicht, Signor Gallieri. Darf ich nach Ihrem Vornamen fragen?«

»Vittorio.«

»Piacere, Claudia Ragnieri. Ich hoffe, es gefällt Ihnen bei uns. Sie gehen gern in die Berge?«, fragt die Signora und deutet auf die Wanderschuhe, die außen an Sandros Tasche befestigt sind.

»Sì, sì, amo le montagne, ich liebe die Berge«, antwortet Sandro mit kreisenden Armbewegungen. Die Signora zeigt auf die enge, steile Treppe, die in den ersten Stock hinaufführt. Sie geht voraus; seine Tasche eng an sich gedrückt, folgt ihr der Journalist.

»Complimenti, Signora, ein sehr schönes Haus. Es erinnert mich …«

»… an Capri, Sorrento«, fällt sie ihm ins Wort und lacht.

»Scusi, Signor Gallieri, dass ich Sie unterbrochen habe, wir sind aus Positano gekommen und haben das alte Haus renoviert. Wir wollten aber etwas Heimat mitbringen.«

Er hatte sich nicht getäuscht. Und nicht nur im Haus weisen deutliche Spuren auf den neapolitanischen Einschlag hin. Auch die Signora kann ihre Herkunft nicht verleugnen. Schwarzes, kräftiges Haar, ein heller Teint...



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