Gelhard | Ab heute ist Krieg | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Gelhard Ab heute ist Krieg

Der blutige Konflikt im ehemaligen Jugoslawien
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-560725-1
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Der blutige Konflikt im ehemaligen Jugoslawien

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-10-560725-1
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Am 26. Juni 1991 feierten die Menschen in Slowenien und Kroatien die Unabhängigkeit ihrer Republiken. Im Morgengrauen des folgenden Tages rollten die Panzer der Jugoslawischen Armee aus den Kasernen. Mitten in Europa beginnt ein Krieg von ungeheurer Grausamkeit und Brutalität. Der Bürgerkrieg zwischen Serben und Kroaten wird bald zu einem Eroberungskrieg der Jugoslawischen Armee in Kroatien. Der vorliegende Band begleitet die Geschehnisse des Krieges, wie sie aus nächster Nähe erlebt worden sind. Die Autorin, Susanne Gelhard, hat vom ersten Tag an als Fernsehkorrespondentin des ZDF über diesen Krieg berichtet. Sie hat die Belagerung der slowenischen Hauptstadt Ljubljana durch die Jugoslawische Armee erlebt, dann die Kämpfe in Kroatien. Sie war im eingeschlossenen Dubrovnik und im zerstörten Vukovar; auch in Sarajevo war sie dabei. Doch dieser Band, der erstmals 1992 erschien, liefert nicht nur erschütternde Berichte über den Kriegsverlauf selbst, sondern darüber hinaus Hintergrundinformationen und Analysen. (Dieser Text bezieht sich auf eine frühere Ausgabe.)

Susanne Gelhard, 1957 geboren, langjährige Fernsehkorrespondentin beim ZDF, ist seit 2015 Redakteurin der Reihe ZDFzeit.
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1. Slowenien: Nach dem Fest


Es war am 27. Juni 1991 kurz nach sechs Uhr morgens, zwei Tage nach den Unabhängigkeitserklärungen Sloweniens und Kroatiens. In meinem Hotelzimmer in Ljubljana klingelte das Telefon. Die aufgeregte Stimme des Dolmetschers: »Die Panzer stehen vor der Stadt. Sie sind bis zum Flughafen vorgerückt.« Jetzt war also doch eingetreten, was alle befürchtet, aber niemand so richtig geglaubt hatte: Die Jugoslawische Armee machte ihre Drohungen wahr. Sie wollte die Unabhängigkeit Sloweniens mit Gewalt verhindern.

Wenig später war unser Team unterwegs in Richtung Flughafen Ljubljana. An diesem Tag begann der Krieg.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte noch Hoffnung bestanden, daß die Jugoslawische Armee die Entscheidung respektieren würde, die die Abgeordneten des slowenischen Parlaments am Abend des 25. Juni 1991 getroffen hatten. Sie hatten in die Verfassung aufgenommen, was die Bürger Sloweniens schon im Dezember zuvor mit einem Referendum und überwältigender Mehrheit als Volkswillen kundgetan hatten: Die Selbständigkeit und Unabhängigkeit ihrer Republik. Mit 193 Ja-Stimmen und fünf Enthaltungen machten die Abgeordneten den Weg frei für eine neue, bessere Zukunft – wie sie hofften.

Ganz so sicher vor der Jugoslawischen Armee und der Zentralregierung in Belgrad fühlten sie sich jedoch schon an diesem Tag offenbar nicht, denn die Abstimmung im Parlament fand ganz überraschend einen Tag früher als geplant statt. Die slowenische Regierung fürchtete Störmanöver aus Belgrad, politische und militärische. »Wir müssen damit rechnen, daß es zu Zwischenfällen und Provokationen kommt«, meinte der slowenische Außenminister Dimitrij Rupel noch am Tag der Unabhängigkeitserklärung. »Aber eine massive Besetzung Sloweniens wird es nicht geben.«

Ahnte der Minister wirklich nicht, was seiner Republik drohte? Oder war es reiner Zweckoptimismus? Ihre gerade beschlossene Unabhängigkeit nahmen die Menschen in Slowenien jedenfalls merkwürdig ruhig, ja fast schon bedrückt zur Kenntnis. Sie fürchteten die Reaktionen aus Belgrad.

»Natürlich freuen wir uns, zugleich sind wir aber auch besorgt«, meint eine Slowenin, die ich am Morgen nach der Unabhängigkeitserklärung nach ihren Erwartungen frage. »Ich kann noch nicht glauben, daß diese Unabhängigkeit nun Wirklichkeit werden soll.«

Wie berechtigt ihre Sorge war, sollte sich schon einige Stunden später zeigen, als die Jugoslawische Armee sich anschickte, sämtliche Grenzposten in Slowenien zu besetzen und die Slowenen, die sie einnehmen wollen, von dort zu vertreiben.

Wer der Armee dazu den Befehl gab, ist nicht geklärt. Ihre Befehlshaber berufen sich auf eine Anweisung des damaligen jugoslawischen Ministerpräsidenten Ante Markovic. Der aber soll sie lediglich gebeten haben, die Posten entlang der slowenischen Grenze, die bis dahin von slowenischen Zöllnern und Armeesoldaten gemeinsam kontrolliert wurden, zu halten. Anscheinend hat er außerdem die Armee um Unterstützung gebeten, die Grenzen und damit die Einheit Jugoslawiens zu schützen. Ein ausdrücklicher Marschbefehl war das nicht, eher ein indirekter.

Markovic war als Ministerpräsident ohnehin nicht befugt, der Armee Befehle zu erteilen, da laut jugoslawischer Verfassung das Staatsoberhaupt Oberbefehlshaber der Armee ist. Ein Staatsoberhaupt wiederum gab es in Jugoslawien zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht, da die Vertreter Serbiens und ihre Verbündeten eine Wahl verhindert hatten. Die Armee agierte also ohne Führung. Das Hilfegesuch des Ministerpräsidenten nahm sie jedoch gerne zum Anlaß, um ihre Soldaten und Panzer in Bewegung zu setzen. Am 26. Juni, dem Tag nach der Unabhängigkeitserklärung, begnügte sie sich allerdings damit, ihre Präsenz zu demonstrieren – und ihre Macht.

Als erstes bei Lipica an der Grenze zwischen Slowenien und Italien, einem idyllischen Ort, bekannt wegen seines Gestüts. Seit dem 16. Jahrhundert werden dort die Lipizzanerpferde gezüchtet, früher für den Hof der Habsburger Kaiser, heute für die Spanische Reitschule in Wien. Am 26. Juni wird Lipica zum Schauplatz einer bedrohlichen Begegnung zwischen den Panzern der Jugoslawischen Armee und den Soldaten der slowenischen Bürgerwehr, der sogenannten Territorialverteidigung. Die Slowenen haben sie mit ihrer Unabhängigkeitserklärung zur Republiksarmee erklärt. Dies ist eine Begegnung, die der Auftakt für die blutigen Auseinandersetzungen der folgenden Tage werden soll.

Schon auf dem Weg nach Lipica werden wir mehrmals von der slowenischen Polizei angehalten. »Verschwinden Sie lieber, solange noch Zeit ist«, sagt uns ein slowenischer Einsatzleiter. Wir fahren trotzdem weiter, durch Lipica hindurch und an mehreren Straßenkontrollen vorbei bis zur Grenze. Wir wollen sehen und filmen, was sich dort abspielt.

Die Szene ist gespenstisch: Direkt am Grenzübergang stehen sich nun die als Feinde gegenüber, die bisher die Grenze gemeinsam kontrolliert haben. Auf der einen Seite die slowenischen Polizisten, die die Grenzen ihrer unabhängigen Republik nun alleine bewachen wollen, ohne die Jugoslawische Armee. Auf der anderen Seite die Soldaten der Jugoslawischen Volksarmee, die die Übernahme der Grenzposten durch die Slowenen verhindern sollen. Sie haben Befehl, die jugoslawische Fahne zu bewachen, die noch immer über der Grenzstation weht. Sie sollen dafür sorgen, daß die Slowenen an der Grenze nicht ihre Fahne hissen und ihre Schilder mit der Aufschrift »Republik Slowenien« aufstellen.

Einer der slowenischen Polizeikommandanten berichtet uns, wie seine Leute versucht haben, eine solche Tafel anzubringen. Die Soldaten der Jugoslawischen Armee seien dazwischengegangen und nach einem kurzen Handgemenge habe man sich entschieden, die Tafel lieber nicht zu »enthüllen«. Jetzt bewachen die Slowenen ihr eingepacktes Schild, wiederum von den Armeesoldaten mißtrauisch beobachtet, die fest entschlossen sind, jeden weiteren Versuch, es auszupacken, zu verhindern.

Das alles spielt sich nur wenige Meter von der italienischen Grenze entfernt ab. Noch ist der Übergang nach Italien offen, aber der Verkehr ist bereits ins Stocken geraten. Die italienischen Zöllner verfolgen das Geschehen auf der slowenisch/jugoslawischen Seite in höchster Alarmbereitschaft und mit wachsendem Mißtrauen. Es ist ein fast schon absurdes Schauspiel – wenn es nur nicht so gefährlich wäre.

Inzwischen bewegt sich ein Armeekonvoi auf die Grenze bei Lipica zu. Er soll dort die Armee-Einheiten verstärken. Die Slowenen haben Lastwagen auf der Straße quergestellt, um der Militärkolonne den Weg zu versperren. Dahinter staut sich der Verkehr. Einige Militärfahrzeuge gelangen trotzdem bis zur Grenze, die Panzer bleiben zwischen den Blockaden stecken.

Einem der Militärkonvois begegnen wir auf dem Rückweg nach Ljubljana. Er hat direkt hinter einer Straßenbiegung mitten im Wald angehalten. Als ich aus dem Wagen steige und mit einem der Offiziere sprechen will, macht dieser mir schon von weitem unmißverständlich klar, daß wir am besten sofort verschwinden. Die Soldaten sind ziemlich nervös, ihre Gewehre haben sie entsichert, den Finger am Abzug. Der slowenische Einsatzleiter hatte recht: Vorsicht beim Umgang mit der Jugoslawischen Armee. Auf Aufnahmen und Interviews müssen wir hier verzichten. Wir drehen lieber um. Unser Kameramann schafft es trotzdem, aus dem wegfahrenden Wagen ein paar Einstellungen zu drehen.

Zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt es an diesem 26. Juni nicht – noch nicht. Statt dessen findet am Abend vor dem Parlament in Ljubljana wie geplant der Festakt mit der offiziellen Verkündung der Unabhängigkeit statt, allen Drohgebärden der Armee zum Trotz. Die Slowenen halten daran fest, obwohl sicher kaum einem zum Feiern zumute ist. Selbst von dem Lärm der Kampfflugzeuge der Jugoslawischen Armee, die pünktlich zu Beginn der Veranstaltung über die Stadt fliegen, lassen sie sich nicht stören.

Später am Abend, als im Zentrum von Ljubljana slowenische Musiker aufspielen, wird die Stimmung dann doch gelöster. Die offizielle Feier geht in ein Volksfest über. Bis in die frühen Morgenstunden freuen sich die Slowenen über ihre neue Unabhängigkeit, so wie im Dezember 1990 nach der Volksbefragung, als sich eine überwältigende Mehrheit für eine selbständige Republik ausgesprochen hatte.

Zehntausende promenieren in den malerischen Gassen der Altstadt entlang dem Ufer der Ljubljanica, einige singen und tanzen. Es scheint, als ob keiner dieses Fest verlassen und nach Hause gehen wolle – so, als ob die Menschen in dieser Nacht ahnten, was sie am nächsten Tag erwartet.

Am Morgen des 27. Juni erreichen wir als eines der ersten Fernsehteams Brnik, den Flughafen von Ljubljana. Wir müssen zahlreiche Straßensperren umfahren, die die Einwohner von Ljubljana zusammen mit der slowenischen Polizei und der Territorialverteidigung errichtet haben. Die slowenische Regierung hat dazu aufgerufen, damit die Panzer vor der Stadt nicht ins Zentrum gelangen. Fast zwei Stunden dauert es, bis wir uns mit Presseausweisen und mehreren längeren Verhandlungen an slowenischen Wachposten vorbei durch die quergestellten Lastwagen und Busse gekämpft haben. Dann sind wir endlich am Ziel.

Wie viele Panzer am Flughafen stehen, kann man uns nicht sagen. Etwa 20 seien es, höre ich, die meisten im Wald versteckt. Wir sehen nur zwei von ihnen, schwere sowjetische Kampfpanzer mit laufenden Motoren, die drohend in Stellung gehen, sobald man sich ihnen nähert. Sie kommen aus dem...


Gelhard, Susanne
Susanne Gelhard, 1957 geboren, langjährige Fernsehkorrespondentin beim ZDF, ist seit 2015 Redakteurin der Reihe ZDFzeit.

Susanne GelhardSusanne Gelhard, 1957 geboren, langjährige Fernsehkorrespondentin beim ZDF, ist seit 2015 Redakteurin der Reihe ZDFzeit.



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