Gerwinski | Bändigerin der Schatten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 268 Seiten

Reihe: Falkenflug

Gerwinski Bändigerin der Schatten


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7543-7098-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 1, 268 Seiten

Reihe: Falkenflug

ISBN: 978-3-7543-7098-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Schatten eines heraufziehenden Krieges wachsen die leibeigene Bauerstochter Gunid und Ragald, der Sohn ihres Lehnsherrn, als beste Freunde auf. Mit dem Erwachsenwerden schiebt sich die Standesgrenze zwischen sie. Doch als Ragald im Kampf gegen die plündernden Horden der Jattar vermisst wird, folgt Gunid seiner Spur. Auf ihrer Suche findet sie sich bald in eine Geschichte um Verrat und finstere Mächte verstrickt. Nicht nur die feindlichen Krieger, sondern auch schattenhafte Ungeheuer bedrohen das Königreich. Und zu ihrer Verwunderung muss Gunid erkennen, dass sie Macht über diese Dämonen besitzt ...

Markus Gerwinski, geboren 1972 in Essen, schrieb bereits als Jugendlicher SF- und Fantasy-Geschichten. Parallel zu seinem Studium der Physik und seiner späteren Tätigkeit als Softwareentwickler erschienen seine ersten beiden Romane "Mjöllnirs Erben" (1999, MG-Verlag) und "Das Lied der Sirenen" (2006, Blitz-Verlag). Letzterer liegt seit 2016 bei BoD in Neuauflage vor. Seit 2011 konzentriert sich Markus Gerwinski ganz auf seine künstlerischen Tätigkeiten. Neben dem Romanschreiben betätigt er sich unter anderem als Zeichner und, gemeinsam mit seiner Frau Sandra Gerwinski, als Rollenspieldesigner.
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1


Sie war acht, er war sechs, als sie zum ersten Mal miteinander rauften. Gunid kam vom Bach herauf und hielt mit beiden Händen den Korb, der schwer von nasser Wäsche war. Das Gras ging ihr bis fast zur Hüfte und strich ihr sonnenwarm über die Schienbeine. Manchmal stach ihr ein vertrockneter Wegerich in den bloßen Fuß, doch sie war es gewohnt und ging einfach weiter. Sie hatte schon gelernt, dass die Bienen, die überall um sie herumsummten, sehr viel übler stechen konnten, und so nahm sie sich in acht.

„Heda!“

Als sie die helle Stimme krähen hörte, blickte sie auf. Rechts von ihr, ein Stück den Hang hinauf, stand ein Junge. Ein Edelknabe, soviel erkannte sie auf den ersten Blick: Er trug ein Hemd aus gutem Leinen, und es war genauso wenig vom Schweiß der Arbeit getränkt wie seine schwarzen Locken.

„Meinst du mich?“, rief sie zurück.

Er nickte und winkte ihr. „Komm herüber!“

Einen Moment lang stand sie unschlüssig da und runzelte die Stirn. Verärgerung und Neugier rangen in ihr miteinander, und die Neugier siegte. Sie bog von ihrem Weg ab und stieg das kurze Stück zu ihm hinauf.

Ein Edelknabe, ohne Zweifel, jünger und kleiner als sie. Nun, wo sie vor ihm stand und auf ihn hinunterblickte, konnte sie auch die blauen Hosen sehen und die Schuhe aus dunklem Leder. „Was willst du von mir?“

Von oben bis unten maß er sie mit einem arroganten Blick und wandte sich in Richtung Bach. „Folge mir.“

Sie blieb stehen. „Warum?“

„Weil ich es befehle.“

Gunid schüttelte den Kopf, dass ihr die braunen Strähnen ums Gesicht flogen. „Das geht nicht“, erklärte sie ruhig. Der Korb zog schwer an ihren Armen. „Vom Bach komme ich gerade, und ich soll die Wäsche zum Haus bringen.“

Er fuhr herum. Sein rundes Gesicht zeigte Verblüffung, dass sie zu widersprechen wagte. Es reizte sie zum Schmunzeln.

Ein paarmal klappte er den Mund auf und zu, bevor er seine Haltung wiederfand und fragte: „Wie heißt du?“

„Gunid. Und du?“

„Ragald.“

„Der Sohn von Ritter Adolar?“

Der Junge straffte sich und hob so weit die Nase, dass er die Augen nach unten verdrehen musste, um ihr ins Gesicht zu sehen, gerade so, als wäre er der Größere. „Höchstpersönlich!“

Gunid konnte nicht mehr anders, sie prustete los. Je röter er im Gesicht wurde, desto lauter musste sie lachen, bis ihr schließlich die Tränen über die Wangen rollten.

„Und du wirst jetzt mit mir kommen!“ Aus seinem Befehlston war ein Quengeln geworden, das sie an ihren kleinen Bruder Wulf erinnerte. „Ich will nämlich schwimmen lernen, und du bleibst am Ufer und hältst das Seil und ziehst mich raus, wenn ich … äh … was falsch mache. Und hör auf zu lachen!“

Sie schüttelte wieder nur den Kopf und wandte sich ab, um sich ihren Weg durch das Gras zurück zum Trampelpfad hinab zu bahnen. Immer noch musste sie viel zu sehr kichern, als dass sie hätte antworten können.

„Komm sofort zurück, du dumme Gans!“

Augenblicklich versiegte ihr das Lachen in der Kehle. Sie blieb stehen und drehte sich zu ihm herum. „Was hast du gesagt?“

Noch immer ragte er vom Bauch an aufwärts aus dem Grasmeer, das Gesicht hochrot, und deutete mit einem Finger auf sie. „Ich habe gesagt, du sollst –“

Weiter kam er nicht. Gunid hatte den Korb abgestellt – er kippte sofort auf dem Hang um und rollte herunter –, war das halbe Dutzend Schritte wieder hinaufgelaufen und hatte sich auf ihn gestürzt.

„Lass mich los! Lass mich los! Das ist ein Befehl! Lass mich los!“

„Nenn mich nie wieder eine dumme Gans, hörst du?“

„Ich bin dein Herr! Lass mich los!“

Er war viel kleiner als sie und kein echter Gegner. Im Handumdrehen hatte sie ihn am Hals unter den Arm geklemmt und saß mit ihm im Gras.

„Lass mich los! Ich krieg’ keine Luft! Lass mich los!“

„Nenn mich nie wieder eine dumme Gans!“

„Ich bin dein –“

„Nenn mich. Nie. Wieder. Eine. Dumme Gans!“ Sie drückte ein wenig zu.

Als sie wieder lockerließ, musste er husten. Stumm zappelte er eine Zeit lang in ihrem Griff, stemmte seine Ärmchen gegen ihren Arm, gegen ihren Rücken, ihre Schulter, gegen alles, was er greifen konnte. Soviel musste sie ihm lassen, er wehrte sich sehr viel länger als Wulf.

„Du bist keine dumme Gans“, keuchte er schließlich. „Und jetzt lass mich los.“

„Sag bitte.“

„Du lässt mich sofort los, oder Vater wird dich –“

„Dann erzähl es ihm doch!“, höhnte sie. „Erzähl deinem Vater, dass dich ein Mädchen im Ringen besiegt hat! Er wird bestimmt alle seine Wachen ausschicken, damit sie mich einfangen und bestrafen!“

Wieder hing er stumm in ihrem Griff, doch diesmal wehrte er sich nicht. Sie konnte es beinahe in seinem Kopf knarren hören, als er nachdachte.

„Bitte lass mich los.“

Augenblicklich fiel er auf die Nase, da sie den Griff so plötzlich löste, dass er keine Gelegenheit hatte, sich abzufangen. Ein paar Schritte weit kullerte er den Abhang hinunter, und sie musste wieder lachen. Als er sich schließlich aufraffte und sie böse anfunkelte, war sein Hemd voller grüner Grasflecken, und in den schwarzen Locken, die ihm der Schweiß an die Stirn klebte, hingen Halme und Blüten.

Er sah sie böse an, die Fäustchen geballt, die Augen feucht glitzernd, aber immerhin weinte er nicht. Sie grinste. Einen Moment lang schauten sie einander so ins Gesicht, dann drehte er sich um und rannte, zuerst einfach von ihr weg, dann den Hang hinauf der Burg zu.

Gunid stand auf, strich sich das Gras vom Kittel und stieg zu ihrem Korb hinab, der umgestürzt am Ende einer Spur von nasser Wäsche lag. Als sie die Flecken auf den frisch gewaschenen Hemden und Schurzen und Tüchern sah und an die Maulschellen dachte, die sie dafür von ihrer Mutter bekommen würde, bekam sie gute Lust, dem Knaben hinterherzurennen und ihn ordentlich zu verdreschen. Doch sie zügelte sich.

Sommer und Herbst gingen vorüber, und der Winter hatte sich weiß über das Land gelegt, ehe sie einander das nächste Mal begegneten. Besuch war ins Lehen gekommen. Fardol Iringar Havegard, Baron zu Havegard und noch eine Reihe anderer Titel, die sich Gunid nicht merken konnte, war mit großem Gefolge angereist, und Ritter Adolar hatte das halbe Dorf – darunter Gunids Familie – zur Fron eingezogen, um die hohen Gäste angemessen zu bewirten.

Da saß sie nun in Küchendünsten und schnitt Karotten, umgeben von einem Dutzend anderer Kinder aus dem Dorf, während das Gesinde, angetan mit seinen besten Trachten, herein- und hinauseilte und Krüge mit Bier und Wein, Körbe mit Brot und Schalen mit Butter und Schmalz in den Rittersaal trug. Einige der älteren Burschen drehten die Wildsauen, die die edlen Herrschaften noch am Nachmittag selbst im Wald erlegt hatten, an Spießen über dem großen Feuer am anderen Ende der Küche. Stimmengewirr, das Knacken der Scheite und Rauchgeruch erfüllten die Luft, und nach den kalten Wintertagen in der zugigen Kate ihrer Eltern war es hier drin fast schon zu warm.

Mutter hatte sie ermahnt, sich zu benehmen, aber natürlich tuschelte sie mit Jope und Lirin rechts und links von sich. Immer wenn einer der Diener an ihrer Reihe vorbeikam und ein paar Worte zu Bine sagte, die direkt beim Feuer saß, gab diese das Gehörte sofort weiter, und es wanderte von Mund zu Mund, bis es Gunid erreichte.

„Sie reden über Schiffe“, flüsterte Lirin und säbelte an der Lauchstange auf ihrem Brettchen herum. „Ganz viele Schiffe. Mit bunten Segeln.“

„Wo sind diese Schiffe?“ flüsterte Gunid zurück.

„Na, im Meer! Au!“ Gunid hatte ihr einen Knuff versetzt. „Was soll das?“

„Natürlich im Meer, wo sonst!“, zischte Gunid. „Sind sie im Norden, im Westen, im Süden –“

„Ist doch egal. Es sollen ganz viele Krieger darauf sein …“

Jope schob schniefend ein Brett mit klein geschnittenen Zwiebeln von sich, wischte sich die dunklen Kirschaugen und beugte sich herüber. „Was erzählst du? Wovon reden sie?“

Ungeduldig winkte Gunid ab. „Da kommen Schiffe mit vielen bunten Kriegern. Lirin, also, wo sind –“

„Hört!“, ertönte plötzlich von der Tür zum Rittersaal her die tiefe, volle Stimme des obersten Dieners. „Hört!“

Es dauerte einen Moment, bis das Geklapper der Töpfe, Löffel, Messer, Schneidbretter und Fleischgabeln verstummt war. Gunid drehte sich auf ihrer Bank herum, in der einen Hand noch das Messer, in der anderen die halbe Karotte. Vom Koch bis zum Küchenjungen schaute alles den Diener an, der herausgeputzt in seiner samtenen Livree in der Tür stand.

„Ragald, der Sohn unseres...



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