E-Book, Deutsch, 308 Seiten
Gerwinski Das Lied der Sirenen
4. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-5847-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 308 Seiten
ISBN: 978-3-7412-5847-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Markus Gerwinski, geboren 1972 in Essen, schrieb bereits als Jugendlicher SF- und Fantasy-Geschichten. Parallel zu seinem Studium der Physik und seiner späteren Tätigkeit als Softwareentwickler erschienen seine ersten beiden Romane "Mjöllnirs Erben" (1999, MG-Verlag) und "Das Lied der Sirenen" (2006, Blitz-Verlag). Letzterer liegt seit 2016 bei BoD in Neuauflage vor. Seit 2011 konzentriert sich Markus Gerwinski ganz auf seine künstlerischen Tätigkeiten. Neben dem Romanschreiben betätigt er sich unter anderem als Zeichner und Rollenspieldesigner. Gemeinsam mit seiner Frau Sandra Gerwinski arbeitet er an dem Rollenspiel-Regelwerk "Heroen". Die Reihe "Das Verwunschene Land" ist sein Debut als Autor von Kaufabenteuern.
Autoren/Hrsg.
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1
Der Nieselregen hatte sich gelegt, und dicht über dem Horizont zeigte sich ein verwaschener Fleck aus Licht inmitten der grauen Himmelsdecke. Ruhig und ohne Hast befreite sich die Sonne aus ihren Schleiern, um wenigstens der letzten Stunde des Tages ein wenig Helligkeit zu spenden. Ihr Schein verbreitete sich sanft über das von Widersprüchen angefüllte Bild des Dorfes, zu dem sich die Straße hinabschlängelte.
Der Rauch der Kochfeuer zerfaserte über wuchtigen Schornsteinen, die stolz aus den Ziegeldächern stabiler Steinhäuser emporragten. Ein halbes Dutzend von ihnen erhoben sich pompös direkt an der Straße und kündeten vom Wohlstand dieses Ortes. Auch die Holzhütten, die sich gleich dahinter aneinanderreihten, wirkten alles Andere als ärmlich. Die rötlich flackernden Lichter, die aus dem einen oder anderen Fenster lugten, vermittelten ein Gefühl von Behaglichkeit und Wärme.
Die heruntergekommenen, strohgedeckten Hütten unten am Wasser erweckten hingegen einen verlassenen Eindruck. Einige wenige standen noch immer aufrecht, und Rauch über ihren Dächern kündete von den Bemühungen der Bewohner, die feuchte Kälte der See aus ihren Behausungen fernzuhalten; aber die meisten waren nicht mehr als Gerippe aus halb vermoderten Holzstangen, Leinwand und Stroh, ebenso zerfallen wie die Boote, die in einer langen Reihe umgedreht in der Nähe lagen. Die Dünung leckte immer und immer wieder an dem hellen Streifen aus Sand, der sich nach links und rechts vom Dorf davon zog, um in einem weit ausholenden Bogen das Meer zu umarmen.
Es wurde Jeral verspätet bewusst, dass das Ruckeln aufgehört hatte, und er warf einen fragenden Seitenblick auf den Kutscher. Wie stets sah er nur eine Hutkrempe, die das Gesicht fast vollständig von ihm abschirmte.
„Ist das Peltern?“, fragte er, um das Schweigen zu brechen, und hob den runenverzierten Stab, um mit dem unteren Ende auf das Dorf zu deuten. Ihm war bewusst, dass seine Stimme müde klang, aber das hatte sie auch schon vor Antritt dieser Reise getan.
Der Kutscher wandte ihm das derbe Gesicht zu und setzte zu einer Antwort an, aber eine spöttische Stimme kam ihm zuvor. „Nein. Das ist Graldacor. Der Tempelturm hat sich nur schon schlafen gelegt.“
Jeral drehte sich müde zu dem Sprecher um, der seinen Rappen neben den Wagen gelenkt hatte. Er wandte sich gleich wieder ab, als ihm das inzwischen viel zu vertraute, knappe, zynische Lächeln begegnete, das den Mittelpunkt des Dreiecks aus den hohen Wangenknochen und dem spitzen Kinn des Söldners einnahm.
„Was Ihr nicht sagt, Varamur“, erwiderte Jeral in dem halbherzigen Versuch, dem Söldner Contra zu geben. „Ich hatte schon gedacht, wir wären im Kreis gefahren und wieder in Fardasse gelandet.“
„Das da unten ist Peltern, Herr“, warf der Kutscher in entnervtem Ton ein. „Ihr seid am Ziel.“
„Naja, fast“, begann Varamur wieder, ohne den Spott in seiner Stimme abzumildern. „Das hängt davon ab, ob Ihr darauf besteht, noch heute Abend Euer neues Domizil zu beziehen.“ Er deutete nach Süden, zum linken Ende der Bucht. Dort wurde die gleichförmige Silhouette der Hügellandschaft, die sich dunkel vom lichtgrauen Himmel abhob, von einem Auswuchs unterbrochen, der einem angefaulten Zahn ähnelte.
Jeral versuchte, den Söldner mit einem wütenden Blick zu bedenken, doch ihm wurde noch rechtzeitig bewusst, wie kläglich das wirken musste. Mit einem Seufzer lehnte er sich wieder auf dem Kutschbock zurück und richtete den Blick geradeaus. Aus der beabsichtigten bissigen Bemerkung wurde ein trübsinniges: „Lasst und weiterfahren.“
Das Klappern der Hufe setzte wieder ein, und die Stöße von Steinen und Bodenwellen fingen erneut an, Jerals Rücken zu martern. Er heftete den Blick auf den Straßenrand und versuchte, sich auf seine Umgebung zu konzentrieren. Die Straße war breit und gut ausgebaut, mit Abflussgräben an den Seiten, die auch während der Regenfälle der letzten Tage verhindert hatten, dass sich der festgestampfte Lehm in Morast verwandelte. Ein gut gepflegter, sauberer Meilenstein durchquerte sein Blickfeld und verkündete die Entfernung nach Fardasse.
Eine Erinnerung an weiches, blondes Haar streifte ihn.
Mit einem erneuten, tiefen Seufzen schloss Jeral die Augen und überließ sich dem Holpern des Wagens.
Das farbenfrohe Schild über der Vordertür wäre nicht nötig gewesen, um das Haus als die Dorfschänke von Peltern zu kennzeichnen. Der geräumige Stall und die fünf daneben abgestellten Planwagen sprachen eine ebenso deutliche Sprache wie die großen Glasfenster im Erdgeschoss. Dies war ein Ort, an dem Fremde ein und aus gingen und auch willkommen waren.
Die wohlige Wärme, die Varamur beim Betreten des Schankraums umfangen hatte, kroch ihm schon jetzt als schläfrige Schwere in die verspannten Muskeln. Noch nicht, ermahnte er sich im Stillen. Der Gedanke entsprang eher jahrelanger Gewohnheit als einem konkreten Anlass, wachsam zu bleiben; doch eine Gewohnheit, die ihm an mehr als einem Lagerfeuer in der Wildnis das Leben gerettet hatte, ließ sich auch in zivilisierter Umgebung nur schwer ablegen.
Er nahm sein Bier entgegen und nickte Jeral kurz zu, ehe er begann, sich einen Weg vom Tresen weg durch die Menge zu bahnen. Er hatte kein bestimmtes Ziel, nur fort von dem Magier, ehe der zum zwanzigsten Mal zu erzählen anfing, wie seine Liebste ihm den Laufpass gegeben hatte. Am Anfang hatte Varamur noch Verständnis für den armen Kerl aufbringen können, aber inzwischen widerte ihn das Selbstmitleid, dem sich Jeral so schamlos hingab, einfach nur noch an.
Er vertrieb den Gedanken und achtete darauf, nichts von seinem Bier zu verschütten, während er sich zwischen beschnitzten Balken, welche die Decke trugen, und voll besetzten Bänken hindurchzwängte. In diesem Raum vereinigte sich der Betrieb einer Dorfschänke mit dem einer Herberge an einem stark befahrenen Handelsweg, und obwohl der Schankraum an Größe denen mancher Tavernen in den Städten kaum nachstand, war er mit Menschen bis in den letzten Winkel ausgefüllt. Varamur zweifelte nicht daran, dass man ihm Platz gemacht hätte, wäre er einfach an irgendeinen Tisch herangetreten, doch die Gewohnheit ließ ihn nach einem lohnenden Gesprächspartner Ausschau halten. Für ihn als Söldner konnte es lebenswichtig sein, sich vor Erfüllung eines Auftrags mit den richtigen Leuten zu unterhalten.
Er brauchte nicht lange zu suchen. Ein paar rasche Schritte durch eine Lücke in der Menge, und er stand vor einem Mann, dessen Tracht und Verhalten ihn weithin sichtbar als lohnenden Gesprächspartner kennzeichneten. Obwohl er sich lautstark an der Unterhaltung am Tisch beteiligte, behielten seine Augen aufmerksam den Schankraum im Blick, sodass ihm Varamurs Annäherung nicht entging.
Vom Büttel einer derart belebten Gemeinde sollte man wohl auch ein gewisses Maß an Wachsamkeit erwarten können, dachte Varamur und löste den Blick von der grünen Tracht mit den rostbraunen Ärmeln, um sich dem Gesicht darüber zuzuwenden. Dunkle Augen musterten ihn aus kantigen, zerfurchten Gesichtszügen heraus, eingerahmt von einem ergrauenden Backenbart und schütterem, schwarzem Haar.
„Gruß Euch“, eröffnete Varamur das Gespräch. „Ihr seid der für Peltern zuständige Büttel?“
„Ich bin hier der Bulle, ganz recht.“ Die Antwort rief am Tisch einige Lacher hervor.
Varamur lachte pflichtschuldig mit. „Ich hätte da ein paar Fragen, bei denen Ihr mir vielleicht weiterhelfen könnt . . .“
Der Büttel machte eine einladende Geste. „Nehmt Platz. Oder zieht Ihr ein Gespräch unter vier Augen vor?“
„Das soll mir gleich sein“, entgegnete Varamur, während er bereits über die Bank stieg und sich niederließ. „Es ist nichts Vertrauliches, nur ein paar Fragen über die Umgebung.“
„Dann solltet Ihr vielleicht besser jemanden fragen, der öfter aus dem Dorf heraus kommt als ich“, lachte der Büttel.
Varamur antwortete mit einem Lächeln und einem Schulterzucken. „Wen würdet Ihr mir da empfehlen?“
„Das kommt darauf an“, erwiderte der Büttel. „Was genau wollt Ihr denn wissen?“
„Näheres über den alten Leuchtturm.“
Die Augen des Büttels verengten sich. „Der alte Leuchtturm?“ Er griff nach seinem Bierkrug, um nachdenklich hineinzusehen. „Kein schöner Ort. Für einen Ausflug nicht zu empfehlen.“ Er nahm einen tiefen Schluck und setzte den Krug dann wieder ab. Seine Hand war ein kleineres Abbild des gesamten Mannes: schlank, aber muskulös.
„Der Turm ist vor dreißig Jahren aufgegeben worden“, fuhr der Büttel fort, „unmittelbar, nachdem die Sirenen sich draußen auf Valstrom eingenistet hatten. Ich meine, wer braucht auch einen Leuchtturm an einer Küste, an der die Schiffe ohnehin woanders zerschellen, nicht wahr?“ Er setzte ein derbes Lachen hinterher.
Varamur lächelte, blieb aber ansonsten ernst. „Hat der Leuchtturm die ganze Zeit leer gestanden?“
„Nein.“ Der...




