E-Book, Deutsch, Band 1, 304 Seiten
Reihe: Der Sagittarius-Krieg
Gerwinski Gefangene der Wahrhaftigkeit
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-4526-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 304 Seiten
Reihe: Der Sagittarius-Krieg
ISBN: 978-3-7562-4526-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Markus Gerwinski, geboren 1972 in Essen, schrieb bereits als Jugendlicher SF- und Fantasy-Geschichten. Parallel zu seinem Studium der Physik und seiner späteren Tätigkeit als Softwareentwickler erschienen seine ersten beiden Romane "Mjöllnirs Erben" (1999, MG-Verlag) und "Das Lied der Sirenen" (2006, Blitz-Verlag). Letzterer liegt seit 2016 bei BoD in Neuauflage vor. Seit 2011 konzentriert sich Markus Gerwinski ganz auf seine künstlerischen Tätigkeiten. Neben dem Romanschreiben betätigt er sich unter anderem als Zeichner und, gemeinsam mit seiner Frau Sandra Gerwinski, als Rollenspieldesigner.
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1
Im ersten Augenblick begriff sie gar nicht, dass das Zischen in ihren Helmlautsprechern das Geräusch war, auf das sie gewartet hatte. Noch immer saß ihr der Schock im Nacken, dass dieses Piratenpack von der Union allen Ernstes die orbitale Verteidigung überwunden und es bis in den Stützpunkt geschafft hatte. Nachdem die Erschütterungen der fernen Explosionen verebbt waren, hatten die Stunden zermürbenden Wartens ihr Übriges getan, sie in Halbschlaf zu versetzen.
Nun aber durchdrang ein Zischen die Stille, und auf ihrem Visier gerieten Licht und Schatten in Bewegung. Automatisch blickte sie auf und spähte durch die transparente Kuppel ins All hinauf; doch der rötliche Zentralstern des Drake-4-Systems leuchtete friedlich vor sich hin, ohne dass irgendetwas auf einen erneuten Ausbruch hingedeutet hätte. Das gemächliche Brodeln der Eruptionen rund um den Rand der Sonnenscheibe hatte nichts mit dem Flimmern vor ihren Augen zu tun. Es war Staub – Staub, der ihr über die Helmscheibe trieb, Staub, den ein Luftzug nun überall in der Halle in Bewegung setzte. Vor jedem Ventilationsgitter bildeten sich Strahlenmuster in dem grauen Belag auf dem Boden. Der Staub wehte durch die Laufgänge, von den Geländern der Galerien herab und unter den kolossalen Aufbereitungskesseln hindurch, anfangs nur in knöchelhohen Schlieren, die sich jedoch mit zunehmendem Atmosphärendruck zu wirbelnden Wolken aufzubäumen begannen.
Loralys’ Blick schnellte zu dem mechanischen Druckmessgerät an ihrem linken Unterarm. Die Nadel passierte gerade die 350 Hektopascal und umrundete das Ziffernblatt zügig weiter: 400 Hektopascal ... 450 ... 500 ... Kein Zweifel, erkannte sie endgültig, das Habitat wurde geflutet.
Und das bedeutete, sie hatte eine Chance zu entkommen.
Wenn sie die aber nutzen wollte, dann sollte sie sich langsam in Bewegung setzen. Mit einem hastigen Griff löste sie den Schlauch der Notversorgung von ihrem Brustventil und schloss sofort wieder die Augen, um tief durchzuatmen. Noch hatte sie Zeit, ermahnte sie sich und warf einen erneuten Blick auf den Druckmesser: 600 ... 650 ... Es würde noch ein paar Minuten dauern, bis die Trupps der Union ausschwärmten, und selbst dann würden sie nicht sofort bis hierher zur Aufbereitungsanlage vorstoßen. Sie zwang ihre Hände zur Ruhe, ehe sie den Schlauch zurück in seine Halterung hängte und den Schalter an ihrem Kragen drehte. In das Zischen von draußen mischte sich ein kurzes Fauchen, als ihr Anzug von der externen auf die interne Sauerstoffversorgung wechselte. Die Flaschen auf ihrem Rücken waren prall gefüllt und sie würde bis zu zwölf Stunden durchhalten können, ehe sie nachtanken musste. Erneut ging ihr Blick zur Skala an ihrem Arm: 750 ... 800 ... Heftig wirbelte der Staub durch den Saal, doch das würde nicht mehr lange so bleiben. Wenn sie wollte, dass die Spuren, die sie hinterlassen würde, sofort wieder zugedeckt wurden, dann musste sie sich jetzt ein Versteck suchen.
Mit langen, flachen Sprüngen durchquerte sie den freien Platz in der Mitte der Halle, zwischen zwei Bottichen in der Größe von Shuttles hindurch und zu der Leiter, die auf die Galerie hinaufführte. Ständig prüfte sie im Hinterkopf, ob ihr in ihren Überlegungen kein Fehler unterlaufen war. Wenn die Unionskämpfer das Habitat fluteten, so sagte sie sich erneut, dann konnte das nur bedeuten, dass sie selbst aus ihren Raumanzügen steigen wollten. Und das würde kein Angreifer bei klarem Verstand tun, solange er noch davon ausging, dass sich in der Station Verteidiger versteckten.
Sie würden also nicht mit ihr rechnen, sagte sie sich und zog sich mit einem Satz die letzten Leitersprossen empor auf die Galerie. Metall schepperte unter ihren Stiefeln, aber solange sie in der Halle allein war, konnte es ihr egal sein. Viel wichtiger, so ermahnte sie sich zum hundertsten Mal, war es, die Elektronik ihres Anzugs ausgeschaltet zu lassen. Momentan war sie für jeden Detektor, der sie anhand von Strahlung oder Magnetfeldern orten wollte, unsichtbar. So würde es bleiben, solange sie nicht der Versuchung nachgab, ihr Schleierfeld zu aktivieren. Sie verzog das Gesicht. Glücklicherweise hatte Drake 4 kaum ein halbes g Schwerkraft.
Laufend brachte sie die letzten Schritte über die Galerie hinter sich, tat einen Satz auf das Geländer und stieß sich noch aus der Bewegung heraus kräftig mit dem Fuß ab. Ihr Schwung trug sie in weitem Bogen in einen Trichter der Siebanlage. Unsanft kam sie auf der Innenwand auf und schlitterte daran herab auf die letzte Ladung Erz, die vor dem Angriff hier eingetroffen war. Kurzzeitig zappelte sie auf dem Rücken, bis sie mit einem Stiefelabsatz Halt fand und sich in die Höhe stemmen konnte. Sehr gut, dachte sie, als sie über die Kante des Trichters spähte. Von hier aus hatte sie einen guten Überblick über einen Großteil der Halle, ohne die Helmsensoren einschalten zu müssen.
Auch war es keinen Moment zu früh – der Staub fing schon wieder an, sich zu legen. Als sie erneut den Druckmesser checkte, kroch die Anzeige nur noch dahin: 950 ... 960 ... 970 ...
Quälend langsam legte die Nadel einige weitere Striche zurück und blieb schließlich bei knapp über 1010 Hektopascal stehen. Normaldruck. Ein Kribbeln auf der Stirn verriet Loralys, dass ihr der Schweiß ausgebrochen war. Um ihren rasenden Puls zu beruhigen, ging sie ein weiteres Mal ihren Plan durch. Sobald dieses Pack von der Union das Tor zur Halle öffnete, war der Weg frei. Danach stand ihr eine Wanderung von ein paar Kilometern bevor, um das Fluchtshuttle zu erreichen. Das Schwierigste daran waren die ersten hundert Meter, um ungesehen bis zu einem der Förderschächte zu gelangen; aber dorthin standen ihr verschiedene Umwege durch Wartungsröhren oder Luftschächte offen, die den Eindringlingen unbekannt waren. Einmal unten in den Minen aber war sie vor Entdeckung sicher – es sei denn, die Angreifer bekamen den Stationsschleier in Gang ... aber das konnte sie ausschließen, sonst war sie ohnehin schon geliefert. Sie musste einfach davon ausgehen, dass ihre Kameraden den Piraten nicht viel Brauchbares hinterlassen hatten.
Die Frage, ob überhaupt jemand von ihren Kameraden überlebt hatte, drängte sich ihr ungebeten in den Sinn und bescherte ihr einen erneuten Schweißausbruch. Sie übertönte den Gedanken mit Reden. „Ich werde entkommen“, murmelte sie grimmig, um es dann geflüstert zu wiederholen: „Ich werde entkommen. Ich werde entkommen ...“ Es klang fast wie ein Mantra der Gläubigen auf einem der Kolonieplaneten. Ein hysterisches Kichern kitzelte sie in der Kehle, als ihr die Absurdität dessen bewusst wurde, dass sie als „Göttin“ jetzt selbst in eine Art Gebet verfiel. Wenn sie erst wieder an Bord der war, musste sie unbedingt ...
Ein Scharren und Quietschen fuhr ihr aus den Helmlautsprechern direkt in die Zähne, und sie schaute auf. Das Hallentor hatte sich aus der luftdichten Verriegelung gelöst, und indem es langsam zur Seite glitt, gab es den Blick auf die Angreifer frei. Zum ersten Mal sah Loralys die Uniform des Feindes nicht als Aufnahme oder Simulation, sondern mit eigenen Augen.
Sie waren zu fünft, und sie hatten tatsächlich vollständig ihre Raumanzüge abgelegt. Nun trugen sie lediglich die bekannten blauen Overalls mit dem weißen Lorbeerkranz auf der Brust: das Logo der Justizunion“, wie sich dieses Pack hochtrabend nannte. Ein verächtliches Schnauben entfuhr ihr und ließ kurzzeitig einen Flecken ihrer Helmscheibe beschlagen.
„Heilige Mutter Erde!“, stöhnte einer der Ankömmlinge mit einem Rundblick in die Halle. „Was für ein Labyrinth!“ Er war ein breitschultriger Hüne, den Loralys unter anderen Bedingungen vielleicht gutaussehend gefunden hätte. Sein gebräuntes Gesicht schwenkte in einem zweifelnden Rundblick über die Halle.
„Wenigstens haben wir den landschaftlich schönen Teil erwischt“, erwiderte einer seiner Kameraden trocken. Er war klein und mager, mit einem knochigen Nasenrücken und einem ungekämmten Schopf sandbrauner Haare. Die Frau neben ihm, die seine Bemerkung mit einem Schnauben quittierte, überragte ihn um einen halben Kopf. Sie trug das braune Haar in einem Bürstenschnitt, und ihr Kragen wies ein auffälliges Rangabzeichen auf. Loralys hätte seine Bedeutung gern aus dem Schleier abgerufen, doch wie die Dinge standen, konnte sie nur aus dem Gedächtnis raten: Sergeant? Lieutenant?
Ohne ihrem Untergebenen direkt zu antworten, legte sich die Frau eine Hand übers Ohr und sprach vernehmlich: „Biwak alpha für Pat sechs, kommen!“ Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: „Wir haben das Tor jetzt offen. Kriegt ihr einen Scan hin? – Und? Irgendwelche Quellen?“
Loralys ertappte sich dabei, dass ihre Hand auf dem Blaster in ihrem Gürtel zu liegen gekommen war. Keine Elektrizität!, ermahnte sie sich verbissen und zählte ihre Atemzüge. Wieder prickelte der Schweiß auf ihrer Stirn.
„Verstanden. Ende.“ Endlich nahm die Offizierin die Hand wieder vom Ohr und wandte sich an ihre Leute. „Der Raum ist sauber. Sehen wir uns ein bisschen um. Royce,...




