Gerwinski | Herrscherin der Schatten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 548 Seiten

Reihe: Falkenflug

Gerwinski Herrscherin der Schatten


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7543-7097-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 3, 548 Seiten

Reihe: Falkenflug

ISBN: 978-3-7543-7097-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Trotz aller Bemühungen von Gunid und Ragald ist es den Verrätern gelungen, die Feste Kaskur zu Fall zu bringen. Nun steht die Küste den Schiffen der Jattar offen, und auf dem Weg zum Quell der Schatten muss sich das junge Paar einmal mehr durch vom Feind besetztes Land kämpfen. Doch der Zauber selbst, der ihnen den Weg weist, stellt die Liebenden auf eine harte Probe. Es kommt zum offenen Bruch zwischen ihnen, und plötzlich sind sie auf getrennten Wegen unterwegs. Gunid aber weiß, dass Ragald ohne ihre Hilfe keinerlei Aussicht hat, den Quell der Schatten zu schließen oder auch nur lebend zu erreichen ...

Markus Gerwinski, geboren 1972 in Essen, schrieb bereits als Jugendlicher SF- und Fantasy-Geschichten. Parallel zu seinem Studium der Physik und seiner späteren Tätigkeit als Softwareentwickler erschienen seine ersten beiden Romane "Mjöllnirs Erben" (1999, MG-Verlag) und "Das Lied der Sirenen" (2006, Blitz-Verlag). Letzterer liegt seit 2016 bei BoD in Neuauflage vor. Seit 2011 konzentriert sich Markus Gerwinski ganz auf seine künstlerischen Tätigkeiten. Neben dem Romanschreiben betätigt er sich unter anderem als Zeichner und, gemeinsam mit seiner Frau Sandra Gerwinski, als Rollenspieldesigner.
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1


Fest hielt sie seine Hand, bis ihre bloßen Zehen einen Tritt im Mauerwerk ertastet hatten, eine Ritze zwischen zwei Steinen, kaum breit genug, um die Zehenspitzen hineinzustecken. Noch vor wenigen Wochen, so ging es ihr durch den Kopf, hätte sie diesen Abstieg zumindest als Herausforderung angesehen und sich von ihrem Liebsten mit einem Seil sichern lassen.

Heute ließ sie sich so selbstverständlich diese Wand hinab, wie sie als Kind mit ihm in Apfelbäumen umhergeklettert war, und wie damals, so dachte sie mit verkniffenem Lächeln, trieb sie eher die Sorge um, erwischt zu werden, als sich möglicherweise beim Sturz ein paar blaue Flecke zu holen. Der Brandgeruch, der die ganze Ruine erfüllte, wurde stärker, als ihr Liebster auf den Druck ihrer Finger hin ihre Hand losließ und sie flink wie eine Spinne den Rest der Mauer hinabstieg. Schon berührte ihr Fuß die Trümmer, die sich als Haufen vor dem Fuß der Wand türmten und den Raum, den sie abzusuchen gedachte, zur Hälfte ausfüllten. Ohne bewusst darüber nachzudenken, ließ sie die rußgeschwärzten Steine los und breitete die Arme aus, um bei den letzten Schritten das Geröll hinab das Gleichgewicht zu halten.

Sobald sie unten angelangt war, schaute sie zu ihm hinauf. Der Wind zauste seine schwarzen Locken und seine blauen Augen spähten wachsam über das zerstörte Mauergeviert hinweg in die Ferne. Unter dem vielfach geflickten, hellbraunen Waffenrock sah das Kettengeflecht seiner Rüstung hervor und die Nieten seiner Lederhandschuhe glänzten im grauen Licht des verhangenen Tages.

Auf den Steintrümmern, deren Kanten ihr schmerzhaft in die bloßen Fußsohlen drückten, huschten Hundertfüßler und Ohrenkneifer vor ihr zur Seite, als sie die einstmals große Halle durchquerte, auf die hölzernen Pulte zu, die der Einsturz verschont hatte. Der Brandgeruch nahm ihr beinahe den Atem und so schützte sie ihre Nase mit dem Zipfel ihres Ärmels. Es konnte nicht lange her gewesen sein, dass die Jattar dieses Kloster gebrandschatzt hatten. Bis vor drei Tagen wäre es vollkommen undenkbar gewesen, dass sie überhaupt in diesen Landstrich vorstießen.

Ein Windstoß ließ eine Aschewolke aufstieben, und Gunid unterdrückte ein Niesen, so wie sie ihre Angst und den bitteren Geschmack des Scheiterns niederhielt. Bis vor einer Stunde war ihnen zumindest noch die Hoffnung geblieben, die Krieger von jenseits des Meeres hätten sich von der Ungewissheit, was aus ihrem Spion in der Feste Kaskur geworden war, von einem Angriff abschrecken lassen. Auch wenn sie und Ragald – und Lennard, der auf dem Weg zum königlichen Feldlager hoffentlich schon weit vorangekommen war – es nicht geschafft hatten, das Gemetzel der Schattenbestien an den Verteidigern der Feste zu verhindern, so war es Ragald doch zumindest gelungen, Palder zu töten, ehe er den Jattar das vereinbarte Zeichen hatte zukommen lassen können. So war die Feste zumindest nicht noch in der Nacht gefallen.

Doch die fremden Krieger waren nicht dumm, sonst hätten sie dem Königreich nicht in den letzten Jahren schon so sehr zusetzen können. Ragald hatte gleich gesagt, auf Dauer könne ihnen nicht verborgen bleiben, dass aus dem Kriegshafen der Feste keine Schiffe mehr auf Patrouille ausliefen, und wahrscheinlich hatte er recht behalten. Auch wenn ihr adliger Geliebter noch nicht den Ritterschlag empfangen hatte, verfügte er doch bereits über die entsprechende Ausbildung und hatte ihr recht ausführlich darlegen können, auf welche Weise die Jattar wohl an der Küste landen würden, wie sie vorrücken würden, wann und wo sie beide mit Spähtrupps würden rechnen müssen und so weiter. Es hatte seine Worte in furchtbarer Weise bestätigt, als sie vorhin auf ihrem Weg nach Süden die rauchenden Trümmer der Abtei gesichtet hatten.

Gewiss standen Stadt und Feste Kaskur jetzt schon unter Belagerung, dachte Gunid fröstelnd und stieg mit gerafftem Kittel über einen halb verkohlten Balken hinweg, über dessen gesplittertes Holz die Kakerlaken hastig in Sicherheit huschten. Allzu bald würden die Jattar das letzte große Bollwerk des Königs hier im Süden beseitigt haben. Und dann, so hatte Ragald es ihr erklärt, stünde ihnen für die Landung weiterer Krieger die gesamte Küste offen.

Somit hing es nun an ihnen beiden, einem Edelknecht von siebzehn und einer hörigen Bauerstochter von neunzehn Jahren, das Königreich zu retten. Der Gedanke reizte Gunid zum Lachen, und er wurde dadurch nicht eben weniger absurd, dass sie nun zu diesem Zweck in den Trümmern dieses Klosters nach Papier, Tinte und Federkielen wühlte. Zumindest, so dachte sie, während sie Staub und Steine von der Platte eines der Pulte wischte, sollten sie an einem Ort, der Ligander geweiht gewesen war, mühelos finden, wonach sie suchten. Dass ausgerechnet ein Haus des Gottes der Gelehrsamkeit und des Feuers durch Feuer zerstört worden war, betrachtete sie lieber als eigenwilligen Scherz des Gottes, als allzu lange darüber nachzugrübeln, ob es sich dabei vielleicht um ein schlechtes Omen handelte. Der brenzlige Hauch, der überall um sie her in der Luft lag, biss ihr trocken in Nase und Rachen.

Sie fand einen Riegel am Rand der schrägen Tischplatte aus dunklem Buchenholz, ganz wie Ragald es ihr beschrieben hatte, und öffnete ihn. Als sie die Platte daraufhin am unteren Ende anhob, knirschte und quietschte sie ein wenig in den Scharnieren, ließ sich aber nach einem ersten, kräftigen Ruck ohne Schwierigkeiten hochklappen. In dem Fach darunter offenbarte sich ihr ein Stapel beschriebenen Papiers, der quer über einem Stapel frischer, weißer Blätter lag. Ein hölzerner Becher stand darauf, in dem hochkant neben einem ganzen Bündel Federkiele ein kleines Messer steckte, und daneben zwei Behälter aus Gusseisen und Zinn. Gunid wollte schon danach greifen, besann sich aber beim Anblick ihrer rußverschmierten Hände und wischte sie zuvor an ihrem Kittel ab, dessen Braun von der Klettertour her ohnehin schon von der Brust bis zum Bauch geschwärzt war. Erst danach langte sie in den Hohlraum des Pults hinein und nahm die drei Behälter heraus, um sie auf dem ebenen Brett abzustellen, das rechts an dem Pult befestigt und wohl auch genau dafür gedacht war. Zwischen den Kratzern häufiger Benutzung wies es Tintenflecken auf, die in der Form dem Umriss des eisernen Behälters entsprachen.

Sie war gerade damit zugange, vorsichtig den Stapel sauberer Blätter unter den beschriebenen hervorzuziehen, als in ihrer Nähe ein Stein auf das Geröll aufschlug. Sofort schaute sie in Ragalds Richtung, und seine Gestik trieb sie zu erhöhter Eile an. Mit der einen Hand deutete er in die Ebene hinaus, die andere hatte er sich vor die Stirn gelegt, die Finger nach oben gestreckt, in Nachahmung der Stirnplatten an den Helmen der Jattar.

Sie legte das Papier halb eingerollt in den Tuchbeutel, der ihr von der Schulter um den Leib hing, sodass es ihn auskleidete wie ein Innenfutter, in das sie den Becher mit Messer und Federkielen bettete. Das gusseiserne Fässchen und die Zinnbüchse nahm sie auf und hatte schon wieder halb den Hof durchquert, bis beides verstaut war. Ohne das Stechen der steinernen Kanten unter ihren Füßen zu beachten, lief sie über die Trümmer den Geröllhaufen hinauf und nutzte den Anlauf, um die Mauer regelrecht emporzurennen. Ihre Zehen stießen sich in den Ritzen ab, und sie kam gar nicht erst in die Verlegenheit, zum Klettern die Finger hinzuzunehmen, ehe auch schon Ragalds helfend herabgestreckte Hand die ihre ergriff. Mit einem Ruck beförderten ihr Schwung und seine Kraft sie zurück auf die verfallene Mauer.

Noch während sein kettengepanzerter Arm sich um sie legte, um sie vollends über die Kante hinaufzuziehen, warf sie einen Blick über die Schulter. Hinter der eingestürzten Außenmauer des Klosters breitete sich unter der tief hängenden Wolkendecke die Ebene aus, die sie seit dem Morgen durchquert hatten. Die ferne Linie, an der sonst Himmel und Erde zusammenzustoßen pflegten, verbarg sich hinter den feinen Schwaden der Herbstnebel, die wie ruhelose Geister über das Land dahintrieben. Am Rand eines der winterkahlen Gehölze aber, die das gelbbraune Grasland tupften wie die Flicken Ragalds Waffenrock, verriet eine Staubwolke einen Trupp von Reitern. Immer wieder blinkten im grauen Tageslicht die Stirnplatten ihrer Helme auf. „Jattar“, flüsterte Gunid.

Ragald nickte, ohne den Arm von ihren Schultern zu nehmen. „Sie sind schon zu nah, als dass wir noch ungesehen fliehen könnten“, stellte er ruhig, wenngleich angespannt, fest. Sie sparte sich die Frage, ob sie den Kriegern nicht einfach davonreiten konnten. Auch wenn sie sich seit ein paar Wochen an das Reisen auf dem Pferderücken gewöhnt hatte, war sie doch immer noch zu ungeübt, um eine Hetzjagd gegen erfahrene Reiter lange durchzuhalten.

„Wir könnten es darauf ankommen lassen“, schlug sie vor, „und ihnen unsere Amulette zeigen, wenn sie uns bemerken.“ Ihre Fingerspitze berührte die silberne Scheibe, die ihr von der Kette um den Hals hing. Trübe glitzerte das graue Tageslicht auf den eingeprägten drei...



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