E-Book, Deutsch, Band 2, 456 Seiten
Reihe: Falkenflug
Gerwinski Sucherin der Schatten
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7543-7096-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 456 Seiten
Reihe: Falkenflug
ISBN: 978-3-7543-7096-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Markus Gerwinski, geboren 1972 in Essen, schrieb bereits als Jugendlicher SF- und Fantasy-Geschichten. Parallel zu seinem Studium der Physik und seiner späteren Tätigkeit als Softwareentwickler erschienen seine ersten beiden Romane "Mjöllnirs Erben" (1999, MG-Verlag) und "Das Lied der Sirenen" (2006, Blitz-Verlag). Letzterer liegt seit 2016 bei BoD in Neuauflage vor. Seit 2011 konzentriert sich Markus Gerwinski ganz auf seine künstlerischen Tätigkeiten. Neben dem Romanschreiben betätigt er sich unter anderem als Zeichner und, gemeinsam mit seiner Frau Sandra Gerwinski, als Rollenspieldesigner.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
„Horch!“
Eben noch hatte Ragald von dem Badezuber in dem Bauernhof geschwärmt, den sie an diesem Morgen verlassen hatten. Auf ihr Wort und ihre Handbewegung hin verstummte ihr junger Freund und hob aufmerksam den Kopf in den Wind, der ihm die schwarzen Locken zauste.
„Ein Wasserfall?“ Er sah sie fragend an. Gunid schaute verunsichert den Bach entlang, an dem sie gerade ihr Nachtlager hatten aufschlagen wollen.
Er schlängelte sich neben dem Reitweg her, gesäumt von dichtem Gehölz, dessen Blätter mit ihrem Rascheln im Wind das ferne Rauschen beinahe übertönten. Einige Hundert Schritt voraus bogen beide, der Weg und die Uferlinie aus Bäumen und Sträuchern, südwärts von ihrer bisherigen Richtung nach Westen ab und schmiegten sich an den Fuß einer niedrigen Hügelkette, über deren Schattenriss tief die orangerote Sonne stand.
„Ich weiß nicht“, murmelte Gunid, nachdem sie noch einmal auf das Rauschen gelauscht hatte. „Es klingt irgendwie … sonderbar.“
„Klingt vor allem ziemlich groß, wenn wir ihn bis hierher hören“, bemerkte Ragald müde. „Wahrscheinlich kommt da ein bisschen mehr Wasser runter als zuhause hinterm Mühlteich.“ Rasselnd ließ er das Kettenhemd zu Boden fallen, das er den ganzen Tag über getragen hatte.
Sicherlich lag dieses Ding schwer auf den Schultern, dachte Gunid, und unwillkürlich glitt ihr Auge über die kräftigen Muskeln ihres Jugendfreundes, die unter dem gepolsterten Unterzeug der Rüstung spielten.
Zum wohl tausendsten Male seit jenem schicksalhaften Tag im Frühling – wie lange war es jetzt her? Drei Monate? – fragte sie sich, wie sie so lange hatte übersehen können, dass der Knabe, mit dem sie einst als Kind die Wiesen und Wälder rund um ihr Heimatdorf unsicher gemacht hatte, zu einem stattlichen Mann gereift war.
Sie zwang sich, den Blick von ihm loszureißen, und schüttelte energisch den Kopf. Der Wind trug fremdartige Vogelschreie heran, die den Jagdvogel, den Ragald auf dem Stumpf einer geborstenen Buche abgesetzt hatte, zu gekreischten Antworten reizten. Lif war ein Bronzebussard, ein Greifvogel aus den Steppen des tiefen Südens und das wohl treueste Tier, das die Götter je erschaffen hatten. Ohne ihn, so ging es Gunid durch den Kopf, wäre Ragald seit Wochen tot. Sie musste daran zurückdenken, wie sie den Wald mitten im Kriegsgebiet nach ihrem Freund abgesucht hatte. Wäre nicht Lif aufgetaucht und hätte sie zu seinem verwundeten Herrn geführt, sie hätte Ragald in seinem Erdloch niemals rechtzeitig gefunden, um ihn zu einem Heiler zu schaffen.
Wieder kreischte Lif, und die Abendsonne zauberte auf sein dunkelbraunes Gefieder jenen rötlichen Schimmer, dem seine Art ihren Namen verdankte. Gunid betrachtete die ferne Linie der Hügel, deren Schattenriss von sonnendurchschienenem Gras und kargem Gestrüpp gesäumt wurde, und sie beobachtete die Vögel, die darüber ihre Kreise zogen. „Das ist kein Wasserfall“, sagte sie bestimmt. Sie wusste, wie der Bewuchs in der Nähe eines Wasserfalls aussah und wie sich Tiere an einem solchen Platz verhielten. Es passte einfach nicht.
Ragald hatte den Kopf gedreht und musterte sie aufmerksam aus seinen tiefblauen Augen. Seit sie als Kinder gemeinsam umhergetollt waren, hatte er als der Jüngere draußen im Gelände stets ihrem Urteil vertraut, und in den letzten Tagen, in denen sie sich vorsichtig den Weg durch das von den plündernden Horden der Jattar verwüstete Land gebahnt hatten, schien seine Achtung vor ihren Fähigkeiten noch gestiegen zu sein. „Was kann es sonst sein?“
„Keine Ahnung“, gab Gunid zögernd zu. Der Wind von der Hügelkette her spielte mit einer braunen Strähne, die ihr unter dem Kopftuch hervor in die Stirn gefallen war. „Aber ich möchte es gern wissen, bevor wir unser Lager in solcher Nähe aufschlagen.“
Seufzend hob er das Kettenhemd wieder auf und legte es dem fleckig braunen Streitross, in dessen Sattel er den ganzen Tag verbracht hatte, über den Rücken. Lif, der sich anscheinend schon auf seinen abendlichen Leckerbissen gefreut hatte, ließ sich nur unwillig und mit gutem Zureden von seinem Platz auf dem Baumstumpf zurück auf den Falknerhandschuh locken. Gunid ergriff die Zügel des zweiten Pferdes, des Falben, der bereits begonnen hatte, sein Abendessen abzuweiden, und gemeinsam führten sie ihre Tiere zurück zum Reitweg. Sie sahen beide keinen Grund, für das kurze Stück bis zur Hügelkette wieder aufzusitzen. Besonders Ragald bewegte sich ein wenig steif von dem Tag im Sattel und war vermutlich froh über die Gelegenheit, sich die Beine zu vertreten. Ein Streitross war kein Reisepferd, und so war Gunid überaus dankbar, dass Ragald ihr als der unerfahrenen Reiterin den Falben überlassen hatte, einen Zelter mit einer bequemen, weichen Gangart.
Je näher sie der Hügelkette kamen, desto lauter und deutlicher wurde das Rauschen. Immer weniger konnte sie sich einen Reim darauf machen.
Es schien aus keiner bestimmten Richtung zu kommen, sondern von überallher hinter der Anhöhe zugleich. Das dichte Gras oben auf dem Hügelkamm zitterte in einem kräftigen Wind, der hier unten auf dem Weg kaum spürbar war, der aber dennoch einen leicht fauligen Geruch mit sich führte. Gunid tauschte einen unbehaglichen Blick mit Ragald.
Sie überquerten den Bach an einer Reihe von Trittsteinen und gelangten kurz darauf an den Fuß des Hügels. Trotz des schwindenden Lichtes fand Gunid ohne Schwierigkeiten einen flachen Aufstieg, aber als sie den Falben hinaufführen wollte, erwies sich der Boden unter ihren bloßen Füßen als weich und nachgiebig. Zwischen den Zehen spürte sie das körnige Reiben von Sand.
„Da kommen die Pferde nie hinauf.“ Sie drückte Ragald die Zügel des Zelters in die Hand. „Warte hier, mein Großer. Ich gehe vor und sehe mir erst einmal an, wo dieses Rauschen herkommt.“
Ragald schaute neugierig an der sandigen Hügelflanke empor und nickte. Gunid glaubte zwar nicht, dass sich diese seltsam kreischenden Vögel in solchen Scharen hier getummelt hätten, wenn dahinter Gefahr gedroht hätte, doch das Geräusch, der Geruch, die ganze Umgebung war fremdartig, und in den letzten beiden Wochen hatte sie sich daran gewöhnt, als Späherin vorauszupirschen und allem Fremdartigen gegenüber misstrauisch zu sein.
Sie ließ den flachen Aufstieg links liegen und nahm, da sie nun keine Rücksicht mehr auf die Pferde nehmen musste, den direkten und steileren Weg. Unter ihren Füßen floss der Sand nach unten weg, und für jede zwei Schritte, die sie nach oben tat, rutschte sie einen wieder herab. Es zehrte an ihren Kräften, doch es bereitete ihr auch Spaß, sich mit diesem eigenwilligen Abhang zu messen, der so völlig anders war als jeder Hügel, den sie kannte. Auf dieser Reise, so schien es ihr, hatte sie jetzt schon mehr neue Erfahrungen gesammelt als in den ganzen neunzehn Jahren ihres Lebens davor im heimatlichen Lehen.
Dem nachgiebigen Hang zum Trotz gelangte sie bald auf das flachere Stück in der Nähe des Hügelkamms, wo das Gras und die Wurzeln vereinzelter Sträucher den lockeren Boden festhielten. Sie raffte den braunen Kittel und das Hemd und watete das letzte Stück geduckt durch den Sand. Der Wind blies ihr nun kühl und kräftig entgegen, und danach zu urteilen, wie laut das Rauschen inzwischen tönte, konnte der rätselhafte Wasserfall nicht mehr weit sein. In der Deckung eines kümmerlichen Strauchs mit trockenen, gelbbraunen Blättern pirschte sie sich an die Kante und spähte in das Land auf der anderen Seite hinab.
Im ersten Moment begriff sie kaum, was sie sah. Unter ihr erstreckte sich, so wollte es ihr scheinen, eine endlose, graue Ebene, ein vollkommen flaches, vollkommen kahles Land. Wäre nicht der glitzernde Streifen aus Licht gewesen, der sich unter der Sonne senkrecht auf sie zu zog, sie hätte nicht einmal sofort erkannt, dass sie Wasser vor sich hatte.
Langsam erhob sie sich aus der geduckten Haltung. Unterhalb der Hügel ging diese ungeheure Ebene aus Wasser in einen ebenso flachen Streifen Landes über, das wie der Hügel, auf dem sie stand, die Farbe des Sandes besaß. Von weiter draußen rollten gemächlich Wellen heran, schwollen in Ufernähe zu mannshohen Wänden und bekrönten sich mit langen Kämmen aus weißem Schaum. Schließlich brachen sie, fielen vornüber und liefen als dünne Wasserfläche weiter den sandigen Streifen herauf, Dutzende von Schritten weit, als trachteten sie danach, die Hügelkette zu erreichen, ehe sie schließlich doch an Kraft verloren.
Doch kaum zog sich die eine Welle widerwillig zurück, wurde sie schon von der nächsten überspült, die ihr auf dem Weg ins Land hinein entgegenkam. Gunid konnte kaum die Augen von diesem Schauspiel wenden. Der Wind griff nach ihrem Kopftuch, zerrte daran und rüttelte ein paar Strähnen ihres braunen Haares frei.
Fast überhörte sie unter dem beständigen Rauschen dieser mächtigen Wellen das...




