E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Gist Liebe in der Warteschleife
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-96122-062-5
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman.
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-96122-062-5
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Immer wieder schafft es Deeanne Gist, mit ihren Büchern die Bestsellerlisten zu erklimmen. Ihr Erfolgsrezept: gründlich recherchierte historische Romane in Verbindung mit viel Humor und Liebe. Bislang wurde sie für vier RITA-Awards nominiert - eine renommierte Auszeichnung für Liebesromane - und gewann zwei Christy-Awards. Sie hat vier mittlerweile erwachsene Kinder und lebt mit ihrem Mann in Houston, Texas.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Alle verlassen sofort den Zug!“
Während sie sich vorsichtig an dem Mann vorbeizudrängen versuchte, der eine Waffe auf die Zugfahrgäste gerichtet hielt, wurde Georgie Gail von aufgeregten Fahrgästen geschubst und angerempelt. Sie verdrehte sich fast den Hals, als sie versuchte, mehr zu erkennen, aber auf dem Mittelgang des Zuges herrschte ein zu dichtes Gedränge.
Niemand sprach ein Wort, selbst die Kinder spürten, dass sie still sein mussten. Angesichts der vielen Menschen, die sich so eng nebeneinander drängten, bildete sich eine dünne Schweißschicht unter ihrem Reisekleid aus brauner Wolle. Der leichte Zimtgeruch ihres selbst gemischten Eau de Cologne vermischte sich mit den süßen Parfüms und dem Duft der Pomade ihrer Mitreisenden.
Neben dem Zug standen zwei Mitglieder der Comer-Bande und bewachten den Ausgang. Die Februarsonne ging gerade hinter den Bäumen unter und überzog den Himmel mit rosa und roten Schattierungen.
„Vorsicht beim Aussteigen, Miss!“ Der Hutrand eines Stetsons tauchte die Augen des Banditen in Schatten, während ein Halstuch die untere Hälfte seines Gesichts bedeckte. Er hielt in einer Hand eine Waffe und hob die andere, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein.
Mit einem schweren Schlucken schob sie ihre Hand, die in einem dünnen Handschuh steckte, in die seine. Er stützte sie, als sie aus dem Zugwaggon auf die Erde sprang.
„Danke.“ Die Antwort kam unwillkürlich über ihre Lippen.
„Gern geschehen, Ma’am. Und jetzt Hände hoch!“
Sie warf einen Blick auf ihn und hob die Hände, aber er hatte sich bereits abgewandt, um der nächsten Frau zu helfen.
Ist das Frank Comer?, überlegte sie. Er war eindeutig höflich genug, um es sein zu können, aber sie hatte ihn sich größer vorgestellt. Breitschultriger. Überlebensgroß.
Die Abendluft kühlte ihre Haut ab, obwohl die Wärme des Frühlingsanfangs die Kälte etwas abmilderte. Das Klirren von Pferdegeschirr lenkte ihre Aufmerksamkeit auf mehrere Pferde, die ein paar Meter entfernt standen. Ein Palomino in der Farbe einer frisch geprägten Goldmünze schnaubte und schlug mit seinem hellen Schweif nach Fliegen.
Sie warf einen kurzen Blick zum vorderen Teil des Zuges, konnte aber weder Schaffner noch Lokführer entdecken. Eine Mischung aus Rauch und Dampf wehte aus dem Schornstein.
Ein Mitglied der Bande trat vor und betrachtete sie genau, bevor er sie zur Seite führte, wo drei Banditen mehr als fünfzig Fahrgäste mit ihren Gewehren in Schach hielten. Ein kleines Mädchen mit braunen Zöpfen stieß stolpernd von hinten gegen sie.
„Vorsicht“, flüsterte Georgie, die sich bückte, um sie festzuhalten. „Wo ist denn deine Mutter?“
„Ich kann sie nicht finden.“ Die Unterlippe des Mädchens zitterte. „Ich habe meinen Hut verloren. Wenn Mama das merkt, bekomme ich Prügel.“
Georgie hockte sich vor das Mädchen und strich diesem eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Nein, bestimmt nicht. Deine Mama versteht das und wird nicht schimpfen.“
Tränen traten in die Augen der Kleinen. „Sie hat gesagt, wenn ich wieder einen Hut verliere, gibt es Ärger. Und das heißt eine Tracht Prügel.“
„Wie heißt du?“
„Rosella Platt.“
„Rosella, mein Name ist Miss Gail und ich bin Telefonistin.“
Die Augen des Mädchens wurden ganz groß. „Wirklich?“
„Ja. Und wenn das hier vorbei ist, helfe ich dir, deine Mutter zu finden. Ich werde sogar –“
„Gibt es ein Problem, Miss?“
Georgie schaute hoch, dann richtete sie sich langsam wieder auf und hob die Hände. Der maskierte, kräftig gebaute Mann trug eine schmutzige Weste. Sein breiter Revolvergürtel lag um den Bund seiner eng sitzenden Hose.
„Rosella hat ihren Hut verloren“, sagte sie.
„Wirklich?“ Nun wandte er sich dem Mädchen zu. „Ich glaube, im Waggon lag ein Hut. Ist es ein Strohhut mit einer hübschen braunen Schleife?“
„Ja, Sir“, flüsterte Rosella. „So sieht er aus.“
„Dann ist es wahrscheinlich dein Hut. Mach dir also keine Sorgen.“
Er war einen ganzen Kopf größer als Georgie und richtete seine Aufmerksamkeit jetzt auf sie. „Darf ich einen Blick in Ihre Handtasche werfen, Miss?“
Blau. Seine Augen waren eindeutig blau und von dichten Brauen überzogen.
Sie nahm die Hände herab und schob das Retikül an ihr Handgelenk.
„Sie ist Telefonistin“, verriet Rosella dem Banditen mit ehrfürchtiger Stimme.
Der Mann schaute Georgie wieder an. „Wirklich? Sie arbeiten in einer Telefonvermittlung?“
„Ja.“
„Wo?“
„In Washington County.“
Er beugte sich nach hinten und neigte den Kopf zur Seite, um sie unter der breiten Krempe ihres Hutes besser sehen zu können. „Ich glaube, ich habe noch nie eine echte Telefonistin gesehen.“
„Mir geht es ähnlich, Sir.“ Sie schob die Finger in die Öffnung ihres Handtäschchens und öffnete die Bänder. „Ich habe noch nie einen echten Banditen gesehen.“
Kleine Fältchen waren nun an seinen Augenwinkeln zu sehen. Dann warf er einen Blick in das Täschchen und hielt es ihr wieder hin. „Danke, Miss.“
„Aber … wollen Sie das Geld nicht?“
„Sie leben allein?“
„Ja.“
„Sie haben dieses Geld als Telefonistin verdient?“
„Ja.“
„Dann behalten Sie es.“
Ihre Schultern entspannten sich. „Danke.“
„Bitte.“ Er ging an der Reihe entlang, aber statt Handtaschen an sich zu nehmen oder Taschenuhren von den Ketten zu reißen, beruhigte er eine ältere Frau. Er ließ ihr ihre Handtasche und forderte sie auf, die Arme nach unten zu nehmen. „Ihre Arme sind inzwischen bestimmt schon ganz schwer.“
Ein paar Schritte weiter gab er einem dünnen, blassen Jungen ein paar Münzen, die er aus dem Waggon gestohlen hatte, in dem die Eisenbahngesellschaft Wertgegenstände transportierte.
„Ist das Frank Comer?“, flüsterte Rosella. „Der echte Frank Comer?“
„Ich glaube schon“, antwortete Georgie aufgeregt.
„Er mag Sie.“
Georgie bedeutete dem Mädchen mit einer Handbewegung zu schweigen. Sie versuchte, die Hitze aus ihren Wangen zu vertreiben, während sie einen weiteren Blick auf den berüchtigten Verbrecher warf.
Comer klopfte einem Mann auf die Schulter und sagte etwas, woraufhin beide lachen mussten. Dann erregte eine Bewegung seine Aufmerksamkeit und er schaute rasch nach links. „Wir müssen los, Männer!“
Die Bandenmitglieder rannten zu ihren Pferden. Die Taschen mit der Beute schlugen bei jedem Schritt an ihre Seiten. Einige sprangen auf ihre Pferde, ein paar hatten Mühe, ihre aufgeschreckten Pferde zu zügeln.
In diesem Augenblick stürmte auf der anderen Seite des Zuges ein Mann auf einem Pferd durch ein lichtes Wäldchen. „Alle auf den Boden legen!“
Der Befehl donnerte über die Köpfe der Fahrgäste hinweg und duldete keinen Widerspruch. Wie Dominosteine sanken die Leute auf die Erde. Rosella bewegte unruhig die Beine und versuchte, so dicht wie möglich an Georgie heranzukriechen.
„Still.“ Georgie strich beruhigend ihre Schulter. „Bleib ruhig liegen!“
Kugeln flogen über ihre Köpfe hinweg. Bei jedem lauten Knall zuckte Georgie zusammen. Die Versuchung, sich die Ohren zuzuhalten, war groß, aber sie wagte es nicht.
Eine Frau in ihrer Nähe schrie und löste damit eine Kettenreaktion aus. Georgie kam es so vor, als stünde sie in einem Glockenturm, in dem alle Glocken gleichzeitig läuteten. Trotzdem fragte sie sich, ob einige Schreie vielleicht von verwundeten Mitgliedern der Verbrecherbande stammten.
Hoffentlich nicht. Bitte, Herr, hilf Frank Comer und seinen Männern, sich in Sicherheit zu bringen.
Wie die übrige Bevölkerung von Texas verfolgte auch sie die Geschichten von Comers Überfällen und seiner Mildtätigkeit gegenüber Alten, Schwachen und Armen ganz genau.
Der Mann neben ihr bewegte sich. Staub stieg ihr in die Nase und in den Mund und klebte an ihren Zähnen. Sie hob den Kopf nur ein kleines bisschen und wischte sich mit dem Handschuh über die Lippen. Eine Kugel durchschnitt gefährlich dicht über ihr die Luft.
Sie drückte sich wieder flach nach unten und versuchte zu ignorieren, dass sich eine Hutnadel in ihre Kopfhaut bohrte. Stattdessen konzentrierte sie sich auf das Poltern der Pferdehufe, das sie unter sich spürte, und staunte darüber, dass die Erde als Reaktion auf die flüchtenden Männer und Tiere erzitterte.
Rosella begann zu wimmern. Georgie rollte sich zusammen,...




