E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Turano Zwei wie Hund und Katz
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-96122-204-9
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman.
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
ISBN: 978-3-96122-204-9
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jen Turano steht für humorvolle Geschichten mit skurrilen Charakteren und spannenden Verwicklungen. In den USA hat sie sich damit bereits einen Namen gemacht. Sie lebt mit ihrer Familie in Denver, Colorado.
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1
Gilman, Illinois, November 1880
iss Arabella Beckett war immer stolz darauf gewesen, dass sie niemals im Gefängnis gelandet war.
Nun, damit war es jetzt vorbei.
Ihr Blick wanderte über die rauen Wände der Zelle und richtete sich dann auf den Fußboden, wo er an mehreren rostfarbenen Flecken hängen blieb, die wie Blutspritzer aussahen. Mit einem Stirnrunzeln stellte sie fest, dass ein kleiner Bach aus schmutzigem Wasser auf die Flecken zulief und dann weiterfloss. Sie schaute nach unten und merkte erst jetzt, dass das braune Wasser vom triefnassen, schmutzigen Saum ihres Kleides stammte.
Arabella zog ihren Rock hoch, stieg über das Wasser und humpelte zu einer Steinbank hinüber. Sie ließ sich darauf nieder und stöhnte unwirsch, als etwas zweifellos Widerliches über ihren Rücken lief. Sie ignorierte es und wollte gar nicht so genau wissen, was es war.
Wieder einmal hatte ihr Drang, sich in Dinge einzumischen, die sie nichts angingen, sie in die Bredouille gebracht.
Sie hätte sich an ihren ursprünglichen Plan halten sollen, von Chicago direkt nach Hause nach New York zu fahren. Stattdessen hatte sie sich bereit erklärt, einer gewissen Mrs James – einer Dame, die sie zufällig am Bahnhof kennengelernt hatte – zu helfen, ihre auf Abwege geratene Tochter aufzuspüren.
Sie warf einen schnellen Blick auf die junge Frau, die auf der einzigen Pritsche in der Zelle tief und fest schlief, und atmete hörbar aus. Es hatte keinen Sinn, sich damit aufzuhalten, was sie hätte anders machen sollen. Tatsache war, dass sie in Gilman aus dem Zug gestiegen war und jetzt mit dieser Entscheidung leben musste. Wenigstens konnte sie sich damit trösten, dass sie Miss James vor einem Schicksal bewahrt hatte, das bestimmt schlimmer gewesen wäre als der Tod.
Arabella lehnte den Kopf an die kalte Mauer, ignorierte ihren vor Schmutz triefenden Rock, der jetzt unangenehm an ihren Beinen klebte, und zwang ihren müden Verstand, klar zu denken.
Sie war angeklagt, vier Männer tätlich angegriffen zu haben. Was völlig lächerlich war, da sie überhaupt niemanden angegriffen hatte, und ganz bestimmt nicht vier Polizeibeamte.
Wenn diese Gesetzeshüter die Höflichkeit besessen hätten, ihr die Sache zu erklären, bevor sie versucht hatten, sie gefangen zu nehmen, hätte sie sich wiederum nicht gezwungen gesehen wegzulaufen. Außerdem hätte sie bestimmt keinen Fluchtweg gewählt, der durch einen stinkenden Schweinekober führte.
Sie hatte unmöglich wissen können, dass auf der anderen Seite dieses völlig harmlos aussehenden Zauns ein gemeingefährliches Schwein lauerte. Sie war erst wenige Schritte weit gekommen, als dieses Ungeheuer direkt auf sie losgestürmt war. Durch diesen beunruhigenden Umstand hatte sie sich genötigt gesehen, auf dem Absatz kehrtzumachen, soweit es auf dem schlammigen Untergrund überhaupt möglich war, und schleunigst zurück zum Zaun zu fliehen. Dabei hatte sie sich an den verblüfften Gesetzeshütern vorbeigedrängt, die sie verfolgten. Rückblickend wäre es vielleicht ratsam gewesen, sie vor dem zu warnen, was ihr auf den Fersen war, aber sie war durch ein lästiges, vom Zaun abstehendes Holzstück abgelenkt gewesen, an dem sie mit den Haaren hängen geblieben war. Und während sie bemüht war, sich davon zu befreien, hatte das Schwein die Polizisten ins Visier genommen.
Der Anblick war nicht gerade schön gewesen.
Körper waren herumgeschlittert, quiekende Schreie waren ertönt – nicht nur von dem Schwein –, und der stinkende Schlamm, der den Boden des Kobens knöcheltief bedeckt hatte, war auf alle Beteiligten gespritzt.
Dieser Vorfall hatte Arabella unglücklicherweise nicht gerade viele Sympathien eingebracht. Am allerwenigsten die von Sheriff Dawson, der kurzen Prozess gemacht und sie mithilfe eines gefährlich aussehenden Messers mit einem schnellen Schnitt vom Zaun befreit hatte.
Arabella hob die Hand an die linke Seite ihres Kopfes, wo sie völlig zerzauste, blonde Locken ertastete, die am Anfang des Tages noch gut zwanzig Zentimeter länger gewesen waren, nun aber nicht weiter als bis an ihr Kinn reichten. Sie strich ein letztes Mal über ihre Haare, ließ die Hand auf den Schoß sinken und bemerkte erst jetzt den Schmutz, der an ihren Fingern klebte. Entnervt rieb sie mit der Hand über den Stoff ihres Kleides. Als sie jedoch feststellte, dass sie dadurch nur noch schmutziger wurde, beschloss sie, dass sie sich auch später noch Gedanken um ihre mangelnde Sauberkeit und ihre fehlenden Haare machen könnte. Im Moment gab es wichtigere Dinge, um die sie sich kümmern musste.
Sie drehte den Kopf, betrachtete Miss James und konnte sich der Frage nicht erwehren, was nur in die junge Frau gefahren war, dass sie sich über eine Heiratsanzeige einen Ehemann hatte angeln wollen. Hatte die junge Frau zu so drastischen Mitteln gegriffen, weil sie von ihrer Familie unter Druck gesetzt worden war, oder war die Anzeige, auf die Miss James geantwortet hatte, so verlockend formuliert gewesen, dass die Frau einfach nicht hatte widerstehen können?
Es war wirklich traurig, dass Miss James – aus welchem Grund auch immer sie auf diese Anzeige geantwortet hatte – meinte, eine Frau wäre erst dann vollständig, wenn sie die Aufmerksamkeit eines Mannes genoss, selbst wenn sie besagten Mann vorher nie persönlich kennengelernt hatte.
Schließlich beschloss Arabella, dass sie ihre Zeit besser darauf verwenden sollte, sich zu überlegen, wie sie aus dem Gefängnis freikäme, statt sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was in einer jungen Frau vorging. Sie schloss die Augen und wandte sich an Gott.
Gott, danke, dass du mich geführt und mir geholfen hast, Miss James zu befreien. Bitte beschütze sie weiterhin. Und wäre es vielleicht möglich, dass du mir Hilfe schickst?
Sie öffnete die Augen und nickte. Das müsste helfen. Gott würde ihr einen Ausweg zeigen, aber bis dahin musste sie einen klaren Kopf bewahren und in Gedanken ihre Möglichkeiten durchspielen.
Sie hatte Rechte. Zugegebenermaßen waren diese sehr eingeschränkt, da sie eine Frau war, aber man konnte sie schließlich nicht endlos im Gefängnis festhalten, oder?
Doch sie wusste nur zu gut, dass die Rechte der Frauen jeden Tag von Männern willkürlich missachtet wurden, und knirschte unbewusst mit den Zähnen. Tatsache war, dass sie wirklich sehr lange hinter Gittern festgehalten werden konnte.
Sie hätte bei ihren Versuchen, die Gesetze zu ändern, besonnener vorgehen sollen.
Wenn man selbst hinter Gittern saß, sah man plötzlich die Benachteiligungen, unter denen Frauen litten, aus einer völlig anderen Perspektive. Aber jetzt war kaum der richtige Zeitpunkt, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen.
Als sie ihren zerknitterten Rock glatt strich, blieb ihr Blick an ihrem Rocksaum hängen, der mindestens fünfzehn Zentimeter weit mit Schlamm bedeckt war. Plötzlich fiel ihr das Geld ein, das sie in diesem Saum versteckt hatte. Sie könnte dieses Geld dem Sheriff als Kaution anbieten und sich so ihre Freilassung erkaufen.
Nein, das würde nicht gut gehen. Sie atmete seufzend aus. Der Sheriff würde das Geld sicher als Bestechungsversuch werten und dann käme sie nie aus dieser kleinen Zelle heraus.
Das dumpfe Poltern von Stiefelschritten riss sie aus ihren Gedanken. Sie beugte sich vor und richtete ihre Aufmerksamkeit auf den schmalen Gang des feuchten, dunklen Kellergefängnisses, der zu ihrer Zelle führte.
Die Schritte hielten inne und ein Mann tauchte in ihrem Blickfeld auf. Es war sonderbar, aber sie hatte das untrügliche Gefühl, dass er verärgert war. Wahrscheinlich schloss sie das daraus, dass er sie durch die Gitterstäbe finster anstarrte.
Sie schluckte ein Seufzen hinunter. Da sie dafür bekannt war, dass sie ihren Standpunkt vehement vertrat, schien es unvermeidbarer Bestandteil ihres Lebens zu sein, sich immer wieder mit verärgerten Männern herumschlagen zu müssen. Sie beugte sich auf der Bank weiter vor und hatte die feste Absicht, den Mann anzusprechen, doch als sie sein Gesicht richtig sehen konnte, verschlug es ihr die Sprache.
Die Gesichtszüge dieses Mannes sahen aus, als hätte ein Künstler höchstpersönlich sie gemeißelt.
Hohe Wangenknochen ergänzten eine gerade Nase, und seine Augen waren genauso dunkel wie seine Brauen, die im Moment zusammengezogen waren, als denke der Mann über eine wichtige Angelegenheit nach. Ihr Blick wanderte zu seinen Haaren, die großzügig mit goldenen Strähnen durchzogen waren und im Moment ziemlich zerzaust aussahen, als wäre er sich vor Ärger mit den Händen durch die Haare gefahren.
Sie hegte den schleichenden Verdacht, dass sie die Ursache für diese Verärgerung sein könnte.
Ihr Blick wanderte nach unten und blieb an breiten Schultern hängen, die in einem Mantel aus weicher Wolle steckten.
Anwälte trugen solche Mäntel.
Vielleicht erhörte Gott ihr Gebet um Hilfe bereits. Und vielleicht war der Mann nur deshalb über sie verärgert, weil er mitten in der Nacht aus dem Bett geholt worden war, um sie aus dem Gefängnis zu befreien.
Mit einer etwas gnädigeren Einstellung diesem Mann gegenüber nahm sie sich noch einen Moment Zeit, um ihre genaue Prüfung abzuschließen. Er war sehr muskulös. Nein, das stimmte nicht ganz. Sie neigte leicht den Kopf. Er war eindeutig groß, über eins achtzig, soweit sie das sehen konnte, aber sein Mantel war an der Taille eng geschnitten und verlieh ihm ein gepflegtes Äußeres, während seine Schultern … Ein unerwarteter Schauer lief ihr über den...




